Zürich: LES PÊCHEURS DE PERLES, 18.09.2010 & 14.01.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Les Pêcheurs de Perles

Die Perlenfischer |

Oper in drei Akten |

Musik: Georges Bizet |

Libretto: Michel Carré und Eugène Cormon |

Uraufführung: 30. September 1863 in Paris |

Aufführungen in Zürich: 18.9. | 22.9. | 24.9. | 26.9. | 28.9. | 30.9. | 3.10. | 6.10. | 8.10.2010 | Wiederaufnahme 14.1. - 1.2. 2014

Kritik der Wiederaufnahme: 14.1.2014

Dem Opernhaus Zürich ist zu der gelungenen und sorgfältig einstudierten Wiederaufnahme der viel zu selten aufgeführten PERLENFISCHER zu gratulieren. Das Publikum zeigte sich äusserst angetan von den gebotenen Leistungen auf der Bühne und im Orchestergraben. Die vier Gesangspartien wurden allesamt mit Rollendebütanten besetzt und am Pult stand ebenfalls ein neuer Dirigent, Patrick Fournillier. Er vermied mit seinem dramatisch zupackenden, vorwärtsdrängenden und klare Akzente setzenden Dirigat jegliches Aufkommen kitschiger Süsse oder verklärender Orientalismen. Damit bewegten sich die (im Premierenbericht weiter unten bereits gewürdigte) Inszenierung durch Jens-Daniel Herzog und die musikalische Umsetzung völlig kongruent. Fournillier scheute scharfe Klangexplosionen nicht, Bizets Partitur geriet – beinahe – in die Nähe eines veristischen Reissers und überspielte so die evidenten Schwächen des Librettos. Trotzdem konnten sich die Solistin und die drei Herren (sowie der klangstarke Chor der Oper Zürich) problemlos Gehör verschaffen. Das soll aber nicht heissen, dass durchwegs (zu) laut musiziert wurde, denn Fournilliers aufpeitschende und auf effektvolle Dynamik zielende Lesart der Partitur enthielt durchaus sehr sensibel ausgehorchte und von den MusikerInnen der Philharmonia Zürich exquisit dargebotene Momente (Flöten, Harfe, Celli!). Besonders eindrücklich gelangen das choralartige Finale des zweiten Aktes und das gehetzte kurze Vorspiel zum dritten Akt, welches exemplarisch dafür stand, wie einfühlsam der Dirigent mit Bizets Musik die Seelenzustände (hier Zurgas Gefühlswallungen) zu illustrieren im Stande war.

Diese Gefühle zu transportieren gelang auch der Sopranistin und den drei Herren ausgezeichnet. Marina Rebekas Leïla war (ganz im Sinne der Inszenierung) eine überaus geerdete Priesterin. Unfreiwillig in die Rolle der Keuschen gedrängt, loderten unter dem Schleier ihre Regungen raumfüllend auf. Die Stimmführung ihrer opulenten Stimme war sehr kontrolliert (wunderbar nur schon ihr erster Auftritt durch die Schifffsluke und die herrlichen Je le jure-Einwürfe), präzise in den Verzierungen und den Kadenzen, dynamisch eine grosse Bandbreite auskostend. Als ketten-rauchender Nadir setzte Pavol Breslik seine Virilität in Stimme und Gestus gekonnt in Szene, berührte in der Romanze im ersten und dem Chanson im zweiten Akt aber auch mit seinen lyrischen Qualitäten. Traumhaft gelang Marina Rebeka und Pavol Breslik dann das anschliessende Duett Leïla-Nadir. Die Überraschung des Abends stellte das Rollendebüt von Publikumsliebling Michael Volle in der Partie des Zurga dar, in einer Rolle, in der man den grandiosen Wagner-Bariton und Wozzeck nicht erwartet hätte. Seine vokale Charakterisierungskunst rückte den dem Alkoholkonsum nicht abgeneigten Tyrannen Zurga in die Nähe von Verdis Rodrigo und Jago oder Giordanos Gérard. Gepaart mit Volles wunderbar satt strömendem Organ war seine immense Darstellungskraft, zum Beispiel das Erkennen der Kette, sein Eifersucht, seine Selbstanklage. Der vierte Protagonist, Scott Conner, gab einen eindrücklichen Nourabad.

Fazit:

Ein wunderschönes Werk, in einer fesselnden Interpretation und einer Inszenierung, welche bewusst nicht exotisches Kolorit verbreiten und zum Zurücklehnen animieren will, sondern dem gesellschaftskritischen Kern der Story nachspürt und sich intelligent damit auseinandersetzt.

Kritik:

Das Dilemma ist bekannt: Da hat man eine Oper, deren musikalische Qualitäten unbestritten sind, doch deren Libretto – um es mal freundlich auszudrücken – eher etwas unbeholfen daher kommt. Was ist also zu tun, wenn man dem heutigen Publikum eine szenische Aufführung bieten will? Richtig: Man betreut ein begnadetes Inszenierungsteam mit dem Werk – in diesem Fall Jens-Daniel Herzog (Regie), Mathis Neidhardt (Bühne), Sibylle Gädeke (Kostüme) und den wie stets genialen Lichtgestalter Jürgen Hoffmann. Herzog und sein Team stossen schnell zum Kern des Werks vor, lassen die sowieso austauschbaren exotischen Zutaten weitestgehend weg und präsentieren dem begeisterten Premierenpublikum einen aufregenden, packenden Opernabend voll dramatischer Intensität und szenischem Raffinement. Die Perlenfischer sind in Herzogs Lesart gleichgeschaltete, unterdrückte Fliessbandarbeiter auf einem rostigen Kahn, welche oft gegen ihren Willen zum „Zwangstauchen“ genötigt werden. Sie rufen nach einem „Führer“, welcher im ambitionierten Zurga (Franco Pomponi) schnell gefunden ist. Er weiss, was gut für seine Arbeiter ist, gibt ihnen auch – ganz im Sinne von Karl Marx und Lenin – Opium (in Form der Religion) und stellt sie, deren Aufgabe so abstumpfend und gefährlich ist, damit ruhig. So wird denn die als Jungfrau deklarierte Priesterin Léïla (Malin Hartelius), gleich einer Madonna von bunten Schleiern verhüllt, von einem Schiffskran in die Tiefen des rostigen Frachters heruntergelassen, damit die ausgebeutete Masse da unten sich an ihr ergötzen kann. Dass es sich nicht um eine echte Heilige handelt, wird schnell klar: Kaum ist sie mit dem Oberpriester Nourabad (Pavel Daniluk) alleine, legt sie ihre lächerliche Verkleidung ab und zündet sich eine Zigarette an. Auch sie ist ein Ausgebeutete, ein weiteres Rädchen innerhalb dieses Machtapparates, welches auf Druck in dieser pervertierten sozialistischen Maschinerie zu funktionieren hat. Doch durch die Ankunft des früheren Weggefährten des Revolutionsführers, des Guerillakämpfers Nadir (Javier Camarena), wird dieses System, in dem sich Zurga so bequem eingerichtet hat, zum Einsturz gebracht. Eine Fidel Castro – Che Guevara (oder Stalin-Trotzki) Konstellation entsteht und Zurga muss erkennen, dass die Liebe stärker ist als all seine diktatorische Macht. Er verbrennt noch schnell allzu belastende Dokumente des Regimes, wirft seine wohl heimlich gehorteten Perlen vor die Säue und verhindert damit, dass der aufgewiegelte Mob eine Art Lynchjustiz vollziehen kann. Die Wand des klaustrophobisch anmutenden Frachters öffnet sich für das Liebespaar, gleissendes, weisses Licht bricht herein. Doch wohin sollen die beiden Liebenden hier auf dem offenen Meer entkommen?

Doch nicht nur die geistreich-leidenschaftlich ausgefallene szenische Umsetzung lassen den Abend zu einer wahren Perle werden, auch musikalisch wurde die Begegnung mit Bizets allzu lange nur in verfremdeten Versionen dargebotenen PÊCHEURS DE PERLES zu einem Genuss. Dirigent Carlo Rizzi und das sorgfältig und klangschön musizierende Orchester der Oper Zürich verzichteten auf schwärmerisches Schleppen oder pseudo-romantisierende Larmoyanz. Schnelle Tempi und zupackende Dramatik verhinderten jedoch keineswegs das Herausarbeiten empfindsamer, von zauberhafter Melodik geprägter Passagen (Englischhorn, Harfe, Flöten). Quasi unter Deck agierte auf der Bühne der von Jürg Hämmerli herausragend vorbereitete Chor der Oper Zürich (das „kommunistische“ Bewegungscoaching stammt von Ramses Sigl) und auf den oberen Decks sang und spielte ein Vokalquartett erster Güte. Über Javier Camarenas tenorale Fähigkeiten kann man nur ins Schwärmen geraten: Seine Romanze im ersten Akt war von einer exquisiten Tongebung geprägt, weich, zart und bruchlos strömte die Stimme, meisterte mühelos die Höhen ohne jegliches Forcieren. Die ZuhörerInnen im Saal schlug er mit dieser atemberaubenden Leistung ganz in seinen Bann, kein Husten und kein Räuspern waren zu hören – zum Niederknien. Malin Hartelius fesselte mit ihren von zartem Vibrato umflorten Koloraturen sowohl die geknechteten Fischer als auch den lange vermissten Nadir. Daneben kämpfte sie aber auch mit stürmischer stimmlicher Expressivität und Standhaftigkeit in der Auseinandersetzung mit Zurga um ihren Geliebten. Dieses Duett im dritten Akt geriet auch dank des kernigen, kraftstrotzenden Baritons von Franco Pomponi zu einem weiteren Höhepunkt des Abends. Pomponi überzeugte von Beginn weg (dem berühmten Duett der Männer) durch subtile Gestaltung und effektvollen Wohlklang. Dass die Rolle des Priesters Nourabad von Bizet und seinen Librettisten so klein belassen wurde, bedauerte man umso mehr, als mit Pavel Daniluk einer der ganz grossen und mit einem unerhört warm strömenden Bass ausgestatteten Sänger auf der Bühne stand.

Ganz im Gegensatz zu Bieito in seiner Basler AIDA, vertrauen die Verantwortlichen in Zürich trotz Verortung der Handlung in der Gegenwart und gesellschaftskritischen Ansatzes auch ganz auf die Kraft der Musik, unterlaufen diese nicht durch szenische Mätzchen - und gewinnen!

Fazit:

Musikalisch sind Bizets PERLENISCHER sowieso ein Schmuckstück, durch die Zürcher Inszenierung und die InterpretInnen wird dieses zusätzlich gewaltig aufpoliert.

Inhalt:

Geschichte einer Männerfreundschaft in exotischem Ambiente: Zurga, der eben ernannte Anführer der Perlenfischer und Nadir, sein Jugendfreund, begegnen sich wieder und erneuern ihren gegenseitigen Treueschwur. Ihre Freundschaft war einstmals einer grossen Belastungsprobe ausgesetzt durch ihre gemeinsame Leidenschaft für die schöne Léïla, auf welche beide damals zugunsten ihrer Freundschaft verzichteten. Doch ebendiese Léïla tritt nun als verschleierte Jungfrau in Erscheinung und soll durch keusches Gebet die Perlenfischer vor den Gefahren des Meeres bewahren. Sollte sie das Keuschheitsgelübde brechen, droht ihr die Todesstrafe. Nadir und Léïla erkennen sich. Nadir dringt auf das Tempelgelände ein, schwört Léïla seine Liebe und bricht damit den Treueschwur gegenüber seinem Freund Zurga. Aber auch Léïlas Keuschheitsgelübde ist damit hinfällig geworden. Beide sollen hingerichtet werden. Zurga verlangt anfänglich auch den Tod der beiden. Doch dann erkennt er in Léïla die Unbekannte, welche ihm einst das Leben gerettet hatte, als er in Bedrängnis war. Am Tag der Hinrichtung von Léïla und Nadir legt Zurga Feuer im Dorf und ermöglicht im allgemeinen Aufruhr Nadirs und Leïlas Flucht. Dafür muss Zurga mit seinem Leben bezahlen.

Werk:

Anders als in der bodenständigeren deutschen Romantik, in der die Künstler Anregungen in der eigenen mythischen Vergangenheit und der einheimischen Folklore suchten (Wagner), zog es die Franzosen in die Ferne: Rimbaud in den Vorderen Orient, Gaugin in die Südsee, Saint-Saens nach Nordafrika. Dem jungen Bizet war nur das Träumen vergönnt. Die ihm eigene Sentimentalität führte in Verschmelzung mit dem etwas unbeholfenen, exotischen Libretto der PERLENFISCHER zu einer äusserst phantasievollen, schwelgerischen Tonsprache voller aparter, einprägsamer Melodik. Der Erfolg der Uraufführung war mässig, das Werk verschwand mehr und mehr von den Spielplänen oder wurde durch Umarbeitungen entstellt. Die ursprüngliche Orchestrierung ist verschollen, lediglich ein Klavierauszug aus dem Uraufführungsjahr ist erhalten geblieben.

Musikalische Höhepunkte:

Au fond du temple saint, Duett Nadir-Zurga, Akt I (wunderschöne Beschwörung einer Männerfreundschaft, ähnlich wie sie Verdi vier Jahre später in seinem DON CARLO zwischen dem Infanten und dem Marquis von Posa komponierte)

Je crois entendre encore, Romanze des Nadir, Akt I

Dans le ciel sans voile, Finale  Léïla-Nadir-Chor, Akt I

Me voilà seule dans la nuit, Rezitativ und Cavatine der  Léïla, Akt II

O Nadir, tendre ami, Arie des Zurga, Akt III

Je frémis, je chancelle, Duett Léïla-Zurga, Akt III

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