Zürich: LEONCE UND LENA (Ballett), 17.05.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Leonce und Lena

Ballett nach dem Lustspiel von Georg Büchner | Musik: Johann Strauss, Josef Strauss, Léo Delibes, Amilcare Ponchielli, Bernd Alois Zimmermann, Afred Schnittke, Martin Donner u.a. | Choreographie: Christian Spuck | Uraufführung: 27. April 2008 in Essen | Aufführungen in Zürich: 27.4. | 30.4. | 1.5. | 5.5. | 9.5. | 17.5. | 20.5. | 5.6. | 8.6. | 16.6. | 26.6.2013

Kritik: 

Literaturballette erfreuen sich zwar grosser Beliebtheit beim Publikum, sind aber wahrlich keine einfache Angelegenheit, denn es gilt die Kraft des gesprochenen oder geschriebenen Wortes adäquat mit den Mitteln des Tanzes und der Musik umzusetzen. Dass der neue Ballettdirektor und Choreograf Christian Spuck ein begnadeter Geschichtenerzähler und Charakterisierungskünstler ist, ahnte man bereits bei seiner Version von ROMEO UND JULIA zu Beginn der Spielzeit. Mit der Adaption von Büchners satirischer Komödie LEONCE UND LENA folgte nun der zweite Streich – ein Ballettabend der Superlative! Spuck hat es meisterlich verstanden die Vorlage umzusetzen, stellt eine Ballettversion des Stoffes auf die Bühne, welche zwar humorig (jedoch nie schenkelklopfend plump) daherkommt, und doch den melancholischen und gesellschaftskritischen Ansatz nicht zu kurz kommen lässt. Ein reiches Repertoire an choreografischer Sprache, inklusive einiger witzig eingeflochtener Zitate aus bekannten Literaturballetten, steht ihm und seiner Compagnie dabei zur Verfügung. Und trotz der Vielfalt an genau charakterisierender Bewegungssprache und dem gekonnten Mix der Musikstile (viel Strauss, wobei die Künstler-Quadrille von Johann Strauss ebenfalls aus einem Mix von Motiven anderer Komponisten besteht, etwas Ponchielli und Délibes, daneben The Mamas and Papas, Eartha Kitt und Hank Cochrans wunderschöne Ballade A little bitty tear, zusammengehalten vonden Klanginstallationen Martin Donners) ist ein Tanzstück zu sehen, welches in seiner stringenten Kompaktheit wie aus einem Guss wirkt. James Tuggle und die Philharmonia Zürich verleihen den Walzern und Polkas den witzig-mitreissenden Schwung, spielen präzise pizzicati und effektvolle Schicksalseinwürfe. Keine Note, kein Schritt, kein Fingerzeig (überhaupt das Spiel der Hände und Finger – überaus beachtenswert!) ist zu viel.Emma Ryott hat ein die schnell wechselnden Spielplätze treffend zeichnendes Bühnenbild auf die Drehbühne gestellt und die Tänzer in wunderbar gearbeitete Kostüme gesteckt, von Anklängen an Biedermeier, Empire und verstaubtes Ancien régime geprägt.

In der von mir besuchten Vorstellung vom 17. Mai 2013 waren die Hauptrollen neu besetzt: Jan Casier ist ein Leonce, der mit gekonnt schlaksiger Lassitude seiner Langeweile Ausdruck gibt, zwischendurch mit lässig präsentierten Backslide-Moonwalk Schritten verblüfft und im grossen Pas de deux mit Lena nach der Liebesnacht im Wirtshaus dann zu jugendlich-erregtem Tanz voller Körperspannung erwacht. Der Lena von Mélissa Ligurgo zuzusehen ist ebenfalls ein Hochgenuss. Ihr Tanz mit der witzig-frisch tanzenden Gouvernante von Juliette Brunner und natürlich der grosse, weich fliessend und befreit-natürlich getanzte Pas de deux im Nachthemd mit Leonce sind schlicht grossartig. Eine äusserst dankbare Rolle ist dem Valerio zugeteilt: Christopher Parker bleibt der Figur nichts an sarkastischem Humor schuldig. Nur schon sein erster Auftritt mit dem Klettern über die Mauer und die Rückwärtsschritte zum Perpetuum Mobile sind umwerfend. Er ist es auch, der am Ende die ganze Gesellschaft so manipuliert, dass sich eben nichts ändert. Herrlich! Einen bombigen Auftritt hat auch Eva Dewaele als quirlige Rosetta, welche ihre Bezirzungsversuche vergeblich bei Leonce einsetzt. Egor Menshikov erweist sich mit gekonnter Pantomime als Showstopper in der Rolle des Königs Peter, Mélanie Borel und Filipe Portugal statten die restaurativen Figuren des Hofmeisters und des Präsidenten mit einem gehörig Mass an amüsanter Detailzeichnung aus. Ein besonderes Lob gebührt den beiden Ankleidern des Königs Michael Burton und Thomas Kendall, welche diese Nummer in der Ankleidekammer zusammen mit Egor Menshikovs König zu einem wahren Kabinettsstück machen. Viel Szenenapplaus gab es zu Recht auch für die Wirtshausszene: Eine choreografische Meisterleistung Spucks und trefflich umgesetzt vom Corps und dem Junior Ballett. Wie erstarrt und leicht debil gaffen die Wirtshausgäste nach dem Strauss'schen Klipp-Klapp-Galopp minutenlang stumm ins Publikum, man denkt schon, jetzt sei etwas schief gelaufen, bis dann endlich das erlösende „o je, o je, wie rührt mich dies“aus der FLEDERMAUS erklingt und ein bäuerlich-plumper Tanz einsetzt. Klasse gemacht und ein Höhepunkt dieses äusserst unterhaltsamen, kurzweiligen Abends!

Als Einstimmung empfehle ich auch den Videobeitrag auf art-tv.ch

Inhalt:

Der melancholische Prinz Leonce aus dem Königreich Popo langweilt sich, auch seine Beziehung zur Tänzerin Rosetta leidet unter seiner Schwermut. Von seinem Vater wird er vor vollendete Tatsachen gestellt: Er soll die ihm unbekannte Prinzessin Lena aus dem Königreich Pipi heiraten. Das will Leonce nicht und ergreift zusammen mit seinem Kumpel Valerio die Flucht nach Italien, um dem dolce far niente zu frönen. Auf dem Weg dahin begegnen die beiden Freunde zwei Damen: Prinzessin Lena und ihre Gouvernante befinden sich ebenfalls auf der Flucht – aus ähnlichen Gründen. Leonce und Lena verlieben sich auf der Stelle ineinander, ohne die wahre Identität ihres Gegenübers zu kennen. Als Automaten verkleidet begeben sich Leonce und Lena an den Hof von Leonces Vater, König Peter. Ohne die Masken fallen zu lassen, werden die beiden Automaten miteinander verheiratet, quasi in Stellvertretung der wirklichen Personen. Als dann die Masken wirklich fallen, erkennen Leonce und Lena, dass sie ihrem vorgezeichneten Weg nicht entfliehen konnten. Valerio wird neuer Staatsminister und ordnet an, alle Ordnung im Genuss und im Chaos versinken zu lassen.


Werk:

Georg Büchners (1813-1837) parodistisches Lustspiel LEONCE UND LENA erlebte seine Uraufführung erst 60 Jahre nach seiner Entstehung, da der Autor das Stück zu spät für einen Wettbewerb eines Verlagshauses eingesandt hatte. Mit sprachlicher Virtuosität nimmt Büchner die deutsche Kleinstaaterei zu Beginn des 19.Jahrhunderts und das romantische Streben nach Heldentaten, sowie die geistige Leere des höfischen Lebens mit spritziger, wortgewandter Ironie auf die Schippe. Als Beispiel dafür soll Valerios Dekret am Ende des Stücks dienen: „dass Jeder der sich rühmt sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!“

Für sein Ballett verwendet Christian Spuck Musik verschiedener Komponisten, welche sowohl die Geschwindigkeit, das Burleske als auch die Langeweile einzufangen vermag. Nach der begeistert aufgenommenen Uraufführung am Aalto Theater in Essen fand das irrwitzige Handlungsballett Eingang ins Repertoire verschiedener Compagnien weltweit.

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