Zürich: LA JUIVE, 17.04.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   La Juive

Aufwühlendes, ergreifendes Musiktheater; grosse Stimmen, grosse Oper!

Premiere: 22. Dezember 2007

La Juive

Oper in fünf Akten

Musik: Jacques Fromental Halévy

Libretto: Eugène Scribe

Uraufführung: 23. Februar 1835 in Paris

Besprechung der Wiederaufnahme (Vorstellung vom 17.4.2011): Nun, ganz so aufgewühlt und bewegt wie anlässlich der Premierenserie war man nicht mehr nach dem Besuch dieser Wiederaufnahme. Obwohl die Besetzung (bis auf Rachel und Leopold) identisch war mit der Premierenbesetzung, erlebte man das Werk als zäher, schwerfälliger. Dies lag bestimmt nicht an der neuen Sängerin der Rachel: Sandra Janusaite sang (genauso wie Angeles Blancas) die Rolle mit grosser,  leicht metallisch timbrierter Stimme. John Osborn als Leopold verfügte über makellose Höhen, wenn auch nicht ganz über die bestechende Leichtigkeit, welche Celso Albelo seinerzeit so begeisternd offenbart hatte. Neil Shicoff gestaltete den Eleazar unter permanentem Hochdruck, seine Stimme scheint nur noch im Fortissimo anzusprechen. Seine Kraftreseven sind zwar beeindruckend, doch hat dieses Dauerforte auch etwas Ermüdendes - und wird letztendlich der Gespaltenheit des Charakters dieses Juden nicht gerecht. In den Ensembles mussten seine PartnerInnen ebenfalls brüllen, was der Ausgewogenheit des Gesamtklangs nicht gerade zuträglich war. Dirigent Carlo Rizzi tat wenig, um dem haltlosen Singen Einhalt zu gebieten. Hervorragend intonierten hingegen die Holzbläser des Orchesters der Oper Zürich. Die einzigen, die nach wie vor bestechend differenziert sangen und ihre Rollengestaltung äusserst subtil anlegten, waren Alfred Muff als Kardinal Brogni und Malin Hartelius als Prinzessin Eudoxie. Und ausgerechnet Eudoxie hatte man im dritten Akt Striche verordnet: Warum wohl fiel der Boléro weg? Die Liebesszenen mit Leopold wurden arg zerstückelt, Rahels Verhalten erschien daher nicht mehr sehr plausibel. Schade! Immerhin, dem Publikum schien die laute Aufführung ausgezeichnet gefallen zu haben und es spendete begeisterten Applaus!

Kritik: (Dezember/Januar2007/08)

Dass Wagner und Mahler mit ihren Beurteilungen der Qualität der JÜDIN Recht hatten, beweist die Aufführung in Zürich aufs Eindrücklichste. Man kann dem Opernhaus Zürich nicht dankbar genug sein, dass es den Mut hatte, diese einst so erfolgreiche Grand Opéra nach über 80 Jahren wieder auf den Spielplan zu setzen. Dankbar für den Mut zur Grossen Oper, für den Mut zu grossen Stimmen und dankbar dafür, dass die Produktion David Pountney anvertraut wurde.


Nach dem aufwühlenden und intensiven Abend, weiss man gar nicht, wo und bei wem man mit dem Lob beginnen soll. Vielleicht bei der Titelfigur: Angeles Blancas singt und verkörpert eine phänomenale Rachel. Von ihrem ersten Ausruf Mon père, prenez garde an bis zu ihrem trotzigen Märtyrerinnentod C’est le ciel qui m’inspire durchläuft sie auf beeindruckende Art emotionale Wechselbäder, von der leidenschaftlich liebenden zur vehement anklagenden betrogenen Frau, von der fürsorglichen Tochter zur opferbereiten Märtyrerin. Ihre prachtvolle Stimme dringt direkt ins Herz des Zuhörers, ihr subtiles Spiel unterstreicht die Tragödie dieser jungen Frau. Hoffentlich wird sie bald für weitere grosse Aufgaben ans Opernhaus verpflichtet (Lucrezia Borgia?).
Dem amerikanischen Tenor Neil Shicoff, der ihren (Zieh-)vater Éléazar darstellt, ist es zu verdanken, dass LA JUIVE eine Renaissance erleben darf. Er hat die Partie bereits in Wien und Paris gesungen. Im Vorfeld war gemunkelt worden, dass die Rolle nun ein wenig spät in seiner langen Karriere komme. Diese Befürchtungen erwiesen sich als unsinnig. Persönlich habe ich ihn nie besser gehört als gestern Abend. Er schien über unendliche Kraftreserven zu verfügen, gestaltete den durch Diffamierungen und Ausgrenzung zum unversöhnlich fanatischen Rächer gewordenen Juden auf eindringliche Art und Weise. Nach seiner ergreifend gesungenen Arie Rachel, quand du Seigneur durfte er verdientermassen minutenlange Ovationen entgegennehmen. Schade nur, dass die anschliessende Cabaletta gestrichen wurde – gestern hätte er die stimmlichen Möglichkeiten dafür locker gehabt!


Seinen Gegenspieler, Kardinal Brogni, sang Alfred Muff. Auch er bot mit seinem sonoren, sauber geführten Bass eine zutiefst beeindruckende Charakterisierung dieses strengen Kirchenmannes, der am Ende doch gebrochen den Tod seiner eigenen Tochter miterleben muss.
Das fürstliche Paar war ebenfalls hochkarätig besetzt. Malin Hartelius begeisterte als Eudoxie mit glockenreinen Koloraturen, humorvollem Spiel, aber auch eindringlichen dramatischen Ausbrüchen. Zum Glück fielen ihre Arie und der Boléro (im Gegensatz zur Pariser Aufführung letzte Saison) nicht Strichen zum Opfer. Die Duette mit Rachel gerieten so zu weiteren Höhepunkten des an Höhepunkten so reichen Abends. Ihr Gemahl, Prinz Léopold, war bei Celso Albelo bestens aufgehoben. Trotz eines grippalen Infekts sang er die gefürchtete hohe Tessitura ausgesprochen sauber und mit leuchtenden Spitzentönen. Eine Glanzleistung, gerade auch im Vergleich zum Mitschnitt aus der Wiener Staatsoper.


Das Orchester der Oper Zürich unter Carlo Rizzi brachte die zum Glück beinahe strichlos aufgeführte, farbige Partitur herrlich zum Klingen. Die Balance zwischen Stimmen und Orchesterklang war vortrefflich ausgewogen, die Leistungen des Chors in den grossen Tableaux imposant.


Regisseur Pountney fürchtet sich nicht vor grosser Oper (und grosser Ausstattung!). Er verlegt die Handlung ins Second Empire, als die Affäre um den zu Unrecht des Landesverrats angeklagten Juden Alfred Dreyfus auf ihrem Höhepunkt war. Auf beängstigende und kluge Art und mit einer einfühlsamen Personenführung zeigt der Regisseur, wie der Antisemitismus, die Ausgrenzung Andersdenkender von den Inhabern der Macht auf den Mob übertragen und dieser aufgehetzt wird, wie selbst die Kinder (hier in den Ballettschulen) instrumentalisiert und indoktriniert werden. Ein Thema, das leider auch heute noch aktuell ist. Es ist nur ein kleiner Schritt von bösartigen Judenkarikaturen zu schwarzen Schafen…

Anmerkung:
Ein kleiner Teil des Premierenpublikums scheint keine Gefühle und keinen Anstand zu haben. Es war an Peinlichkeit und Ärger nicht zu überbieten, wie in die tragische, ergreifende Sterbeszene hineingeklatscht wurde.

Werk:
Die Juli-Revolution im Jahre 1830 in Paris, die den endgültigen Sturz der Bourbonen und die erneute Machtergreifung des Bürgertums zur Folge hatte, blieb nicht ohne Auswirkungen auf Musik und Kunst. In ihrem Sog entstanden Werke, die sich kritisch mit der Rolle der katholischen Kirche im Staat und ihrem abstossenden Umgang mit Minderheiten auseinander setzten. Dazu gehören u.a. Meyerbeers „Hugenotten“ und Halévys „Jüdin“. Gustav Mahler zählte die einst so erfolgreiche Oper zu dem „Höchsten, was je geschaffen worden ist“.
LA JUIVE ist unbestreitbar ein Haupt- und Meisterwerk des 19. Jahrhunderts!

Fazit:
Diese Produktion darf man sich nicht entgehen lassen. Grand Opéra auf allerhöchstem Niveau. Ein langer, intensiver Abend, der nie lange wirkt. Eine Bravourleistung aller Beteiligten!

Synopsis:
Die Handlung spielt im Mittelalter in Konstanz. Der jüdische Goldschmied Éléazar und seine Tochter Rachel werden vom christlichen Mob immer wieder bedrängt; von geistlichen und weltlichen Herrschern wegen Ketzerei und Rassenschande angeklagt und verurteilt. Der Kardinal bietet Éléazar an, Rachel zu retten, wenn er und seine Tochter zum Christentum konvertieren. Doch beide nehmen lieber den Märtyrertod in Kauf. Im Augenblick der Hinrichtung Rachels enthüllt Éléazar, dass diese in Wirklichkeit des Kardinals verloren geglaubte Tochter war. Während der Kardinal zusammenbricht, geht Éléazar triumphierend in den Tod.

Musikalische Höhepunkte:
Brognis Plädoyer Si la rigueur et la vengence, 1. Akt
Léopolds Serenade Loin de son amie, 1. Akt
Rachels Romanze Il va venir, 2. Akt
Boléro der Eudoxie Mon doux seigneur, 3. Akt
Duette Rachel – Eudoxie, 3. und 4. Akt
Éléazars Arie Rachel, quand du Seigneur, 4. Akt

Informationen und Karten

Applaus