Zürich: LA FANCIULLA DEL WEST, 22.06. & 25.06.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   La Fanciulla del West

Oper in drei Akten | Musik: Giacomo Puccini | Libretto: Guelfo Civinini, Carlo Zangarini nach David Belascos Schauspiel | Uraufführung: 10. Dezember 1910 in New York (mit Enrico Caruso, Dirigent: Arturo Toscanini) | Aufführungen in Zürich: 22.6. | 25.6. | 28.6. | 2.7. | 4.7. | 8.7. | 11.7. | 13.7.2014 und Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit

Kritik: Ein geniales Werk in einer kongenialen Umsetzung - packend vom ersten Akkord bis zum wehmütigen (dem vermeintlichen Happyend nicht ganz vertrauenden) Schluss, als wär' s ein Stück von Tennessee Williams. Puccinis wohl inspirierteste Partitur wird im Opernhaus Zürich zu einem fulminanten und berauschenden Erlebnis. 

Puccini hielt seine FANCIULLA DEL WEST für seine beste Oper – und wenn man die neuste Produktion hier am Opernhaus Zürich gesehen und gehört hat, kann man der Einschätzung des Komponisten vorbehaltlos zustimmen. In keinem seiner anderen Erfolgswerke erreichte Puccini ein dermassen ausgeklügeltes, schillerndes und konzentriert-stimmiges Klangbild wie in diesem Western (mit Happyend). Sicher, die Ohrwürmer sind kurz und spärlich gehalten, doch je öfter man diese Oper hört, umso stärker wird man durch die subtile Motivtechnik und die kostbaren melodischen Miniaturen und rhythmischen Feinheiten in ihren Bann gezogen, verfolgt mit atemloser Spannung das Geschehen. Der Regisseur (des Jahres), Barrie Kosky, inszeniert zum ersten Mal im Opernhaus (des Jahres), und diese Inszenierung ist zugleich sein erster Puccini. Kosky arbeitet die Handlung und die Charaktere mit Präzision und Intensität heraus, erzählt eine packende Geschichte, welche er nicht genau im Wild, Wild West verortet (wie dies David Pountney in seiner so stimmigen Vorgängerinszenierung getan hatte, die bis 2011 am Opernhaus Zürich zu sehen gewesen war). Kosky verzichtet auf der Bühne auf Spagetti-Western Folkore. Seine FANCIULLA könnte überall spielen, wo Menschen im Nowhere Land zu hausen gezwungen sind. Wir treffen auf eine Männergesellschaft in einem schmucklosen Raum, einer provisorisch gezimmerten Spelunke. Minenarbeiter sind sie, weit weg von zu Hause, getrennt von ihren Liebsten. Männer, mit all ihren Sehnsüchten Triebstaus und Enttäuschungen, die sich in Aggression und Zuneigungsbedürfnis entladen. Hier führt Kosky die Charaktere der Komparsen sehr genau gezeichnet ein: Nick, den Barman (Sunnyboy Dladla), den dauerbesoffenen Agenten der Wells Fargo, Ashby (ein tolles Rollenporträt von Pavel Daniluk), den weichherzigen Sonora (Cheyne Davidson), Trin (Dmitry Ivanchey), Sid (Tomasz Slawinski), Bello (Kresimir Strazanac), Harry (Alessandro Fantoni), Happy (Oleg Loza), Larkens (Alexei Botnarciuc), Wallace (mit wehmütigem und direkt ins Herz treffendem Bariton: Yuriy Tsiple), Castro (Roberto Lorenzi) und den Postboten (Kristofer Lundin). In der Hütte Minnies haust die Indianerin Wowkle (Judit Kutasi lässt mit sattem Alt aufhorchen).  Mit ihrem Billy (Dimitri Pkhaladze) scheint sie nicht ganz glücklich zu sein. Das Kind ist wahrscheinlich gestorben, sie zerstört in wildem Wahn eine Puppe;  die Heirat wird wohl nie stattfinden, Alle diese Nebenfiguren - und der von Jürg Hämmerli bestens vorbereitete Männerchor der Oper Zürich - tragen mit ihrer Rollengestaltung entscheidend zum aufrüttelnden Gesamteindruck und der genauen Milieuschilderung der Aufführung bei. Rufus Didwiszus hat für die drei Akte enge Räume auf der Guckkastenbühne geschaffen. Neben der Bar für den ersten Akt, ein enges, schäbiges Zimmer in Minnies Hütte für den zweiten und einen mit Staub und Schlamm bedeckten Innenraum mit zerlöcherten Wänden für den dritten Akt. Hier traut der Regisseur dem vermeintlichen Happyend nicht so ganz. Es herrscht eine trostlose Endzeitstimmung. Die vom Staub und Grubendreck beschmutzten Kostüme stammen von Klaus Bruns, die wie stets beeindruckende Lichtgestaltung ist von Franck Evin. (Atemberaubend nur schon der Beginn der Oper!)

Auf dem Fundament dieser genauen Milieuschilderung von heimatlosen, entwurzelten Männern entwickelt sich die Dreiecksgeschichte der drei Protagonisten: Catherine Naglestad begeistert mit einem fulminanten Rollendebüt als Minnie. Ihre Stimme bringt alles mit, was eine grosse Puccini-Sängerin braucht: Eine durch Mark und Bein dringende, sichere Höhe, daneben zarte Empfindsamkeit, kluge Phrasierung, Emphase. Mit jeder Faser, mit jedem Arioso nähert sie sich immer näher den zentralen Aspekten ihrer Figur, zeigt den weichen Kern unter der resoluten, bibelfesten Schale. Sie zähmt die raubeinigen Gesellen, macht sie quasi zu Sonntagsschülern, wenn sie gebannt ihrem Vorlesen aus der Bibel lauschen, sie hat für jeden der Männer Verständnis, eine liebevolle Geste, ein tröstendes Wort. Sie zeigt ihre Verletzlichkeit, ihr erwachendes frauliches Begehren nach dem ersten Kuss, ihren Triumph über den Sheriff durch das Falschspiel beim Poker. Kosky hat das alles genau auf die Musik inszeniert, Marco Armiliato und die Philharmonia Zürich setzen all diese Empfindungen mit einer reichhaltigen Palette an orchestralen Farben um. Diesen ersten Kuss beschert Minnie ausgerechnet ein grobschlächtiger Verbrecher, Dick Johnson, alias Ramerrez. Zoran Todorovich legt die ganze Kraft seines ausgesprochen virilen Stimmorgans in die vokale Gestaltung der Rolle. Nein, ein feinfühliger Liebhaber wird er für Minnie trotz gegensätzlicher Beteuerungen nie werden. Trotzdem verfällt sie ihm, dem derben Mann, der dann aber kurz vor dem angedrohten Tod durch den Strang noch den kurzen Hit der Oper, die Arie Ch’ ella mi creda singen darf. Todorovich macht das grandios, trumpft auf mit lautstark und sicher gehaltenen Höhen – vielleicht kann man ihm insgesamt etwas zu viel Eindimensionalität vorwerfen, doch eigentlich passt dieses stimmprotzerische Gehabe dann doch treffend zum dargestellten Charakter. Ganz grosse Klasse ist das Rollendebüt von Scott Hendricks als verzweifelt liebendem Sheriff Jack Rance. Sein herrlich kerniger Bariton vermag sein Begehren, seinen verletzten Stolz, seine fast rasende Eifersucht, aber auch sein sich Ergeben in die Aussichtslosigkeit seiner Absichten dramatisch aufrüttelnd auszudrücken. Ihm widmet der Regisseur seine ganz besondere Aufmerksamkeit, zeigt ihn nicht bloss als einseitig geilen Unsympathen, sondern legt das Augenmerk auf die Tragik der Figur. Das Schlussbild bleibt lange haften: Rance ist alleine im Schlamm zurückgeblieben, Minnie und Dick Johnson singen aufs dem Off (ob die beiden je glücklich werden, steht auf einem anderen Blatt). Rance hält sich die Ohren zu, richtet den Revolver auf das den abgelegenen Niemandsort verlassende Paar – und auf sich selbst.

Als sehr gelungen erwies sich die Idee, nach dem hochdramatischen Ende des zweiten Aktes (Una partita a poker) ein kurzes Intermezzo einzuschalten (Puccini hat das zwar nicht komponiert, doch in anderen Opern des Öfteren zu diesem Stilmittel gegriffen!). Auf das sich verziehende Gewitter folgt ein Banjospieler (Carlos Vega), setzt sich vor den Zwischenvorhang und spielt einige zarte Motive der Partitur traumverloren und voller Melancholie auf seinem Instrument.

Nachtrag: Vorstellung vom 25.6.

Die B-Premiere hat den oben stehenden Eindruck bestätigt: Welch ein Werk, welch ein Sog, welch eine grandiose Aufführung. Puccini hat keine Note zuviel oder zu wenig geschrieben, atemlos verfolgt man das Geschehen rund um diese Minenarbeiter am Ende der Welt, sitzt auf der Kante seines Sessels - und wenn die Oper zu Ende ist, könnte sie gleich nochmals von vorne beginnen. Die Sängerinnen und Sänger haben wiederum alles gegeben - und das ist nicht wenig. Catherine Naglestad ist eine ausgesprochen sympathische Minnie, ihre Stimme vermag die reichhaltige Gefühlspalette dieser Frau mit fulminanten und zu Herzen gehenden Tönen auszudrücken. Zoran Todorovich beeindruckte wiederum mit seinen sicheren, trompetenhaften Spitzentönen, wirkte jedoch im Spiel lockerer (und sympathischer) als an der Premiere. Scott Hendricks zeigte erneut den vielschichtigen Charakter des tragisch liebenden Sheriffs. Die Philharmonia Zürich unter der leidenschaftlichen Leitung von Marco Armiliato spielte wunderbar differenziert und entzündete im Graben ein orchestrales Feuerwerk der Spitzenklasse - eine Partitur mit  Suchtpotential. Am liebsten würde man in jede Vorstellung gehen! Zitat eines Besuchers: "Der absolute Hammer"! Dem ist nichts hinzuzufügen ;-)

Fazit:

Das Premierenpublikum applaudierte allen Beteiligten (insbesondere auch dem Regieteam, dem Dirigenten und dem Orchester) lang anhaltend und begeistert – die Oper LA FANCIULLA DEL WEST scheint endlich im Repertoire angekommen zu sein, davon zeugen auch Aufführungen an anderen renommierten Bühnen in letzter Zeit! Gut so!

Inhalt:

Die Oper spielt zur Zeit des Goldrauschs in Kalifornien, Mitte des 19. Jahrhunderts.

In der Schenke zur POLKA, welche von der bei den Goldgräbern beliebten Minnie geführt wird, taucht ein Fremder auf. Er nennt sich Johnson, ist in Wirklichkeit aber der von Sheriff Rance und Agent Ashby gesuchte Goldräuber Ramerrez. Johnson und Minnie kennen sich von früher her, ihre Liebe flammt auf. Minnie nimmt Johnson mit zu sich nach Hause. Da erscheint der Sheriff. Auch er hat ein Auge auf Minnie geworfen. Johnson versteckt sich. Rance eröffnet Minnie, dass es sich bei Johnson um den berüchtigten Golddieb Ramerrez handelt. Minnie schickt Johnson fort, doch wird er vor ihrer Tür von einer Kugel getroffen. Erneut versteckt ihn Minnie in ihrem Haus. Mit dem zurückgekehrten Sheriff pokert Minnie um Johnsons Leben (heruntertropfendes Blut hat dem Sheriff den Aufenthaltsort Johnsons verraten). Mit Hilfe von Falschspielerei gewinnt Minnie die Pokerpartie. Doch die Jagd auf Johnson dauert an. Die Goldgräber sind bereit, Johnson zu lynchen. Im letzten Moment sprengt Minnie heran und stellt sich vor Johnson. Sie erinnert die Goldgräber daran, was diese ihr alles zu verdanken haben. Die Goldgräber sind gerührt, Johnson wird begnadigt. Minnie und Johnson verlassen die Gegend, um anderswo ein neues Leben zu beginnen.

Werk:

Puccinis Western-Oper enthält im Gegensatz zu seinen vorangegangen Werken - vielleicht mit Ausnahme des kurzen Ariosos von Johnson im dritten Akt Ch'ella mi creda - keine Hits. Deshalb erscheint sie wohl seltener auf den Spielplänen als BOHÈME, BUTTERFLY oder TOSCA. Dafür ist dem Komponisten eine stimmige Milieuschilderung gelungen, in welcher ein die Handlung vorwärtsdrängender Konversationston vorherrscht, der nur ab und an durch herrliche, ariose Aufschwünge unterbrochen wird. Die Musik ist durchzogen von leitmotivisch behandelten Themen und einer farbenreichen Instrumentation. Um die Atmosphäre des Goldgräbermilieus darzustellen, verwendet Puccini folkloristisch gefärbte Melodien, aber auch Elemente und Techniken aus der amerikanischen Musik, wie z.B. Ragtime und Cakewalk.

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