Zürich: LA FANCIULLA DEL WEST, 14.11.2010&21.10.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   La Fanciulla del West

Oper in drei Akten |

Musik: Giacomo Puccini |

Libretto: Guelfo Civinini, Carlo Zangarini nach David Belascos Schauspiel |

Uraufführung: 10. Dezember 1910 in New York (mit Enrico Caruso, Dirigent: Arturo Toscanini) |

Aufführungen in Zürich: Wiederaufnahme 14.11. | 17.11. | 20.11. | 24.11. | 9.12. | 17.12.2010

Kritik: 

21.10.11:

Der positive Eindruck, über welchen ich vor einem Jahr (siehe unten) berichten konnte, hat sich mehr als bestätigt - und man bedauert zutiefst, dass diese wunderbare Produktion nun für immer verschwinden wird. Dies schien auch den Ausführenden so zu gehen. José Cura wandte sich am Ende ans Publikum und verkündete (mit leiser Wehmut in der Stimme), dass dies nun nach zehn Jahren die letzte Vorstellung gewesen sei. Und was für eine: Man hatte das Glück, einer Aufführung beizuwohnen, in welcher einfach alles stimmte. Szenisch gibt es an Pountneys genialer Arbeit eh nichts rumzumäkeln und die musikalische Umsetzung von Puccinis farbenreicher Partitur kann man sich stimmiger, gefühlvoller und berührender kaum vorstellen. Emily Magee ist noch mehr in die Rolle der Minnie hineingewachsen, meistert die hohen Anforderungen mit überwältigender Selbstverständlichkeit, wird nie scharf im Ton und kann doch mühelos über das sensationell präzise spielende Orchester triumphieren. Ein Orchester, dem diese Musik besonders zu liegen scheint. Während vor einem Jahr Massimo Zanetti für Furore sorgte, lag diesmal die Leitung in den Händen des nicht weniger begeisternden Carlo Rizzi. Er verstand es, sowohl das Träumerische und Melancholische herauszuarbeiten, als auch das mitreissend Federnde, achtete auf prägnante rhythmische Präzision und vernachlässigte den grossen Bogen trotzdem nicht. Fast übermenschlich die Leistung von José Cura: Gestern noch rettete er die OTELLO-Premiere, am Abend danach schonte er sich in keinster Weise und stellte einen Dick Johnson allererster Güte auf die Bühne. Neben dem Canio ist dies eine seiner Paraderollen. Körperlich und stimmlich passt da einfach alles zusammen, sein markanter Tenor vermag mit Strahlkraft, Sicherheit und differenzierter Gestaltung zu begeistern. Neu zum Ensemble stiess Claudio Sgura, welcher durch seine hochgewachsene, schlanke Gestalt und seinen warm timbrierten, wunderschön phrasierenden Bariton einen grossartigen Sheriff Rance gab. Und last but not least seien die Ensemblemitglieder des Opernhauses Zürich lobend erwähnt, welche den vielen kleineren Partien überzeugendes und individuelles Profil verliehen und so zum berauschenden Gesamteindruck entscheidend beitrugen: Michael Lauernz (Harry), Davide Fersini (Jack Wallace), Martin Zysset (Nick), Giuseppe Scorsin (Ashby), Cheyne Davidson (Sonora), Tomasz Slawinski (Sid), Jan Rusko (Trin), Gabriel Ribis (Bello), Boguslaw Bidzinski (Joe), Tomas Tatzl (Happy), Valeriy Murga (José Castro), Patrick Vogel (Postillon), Aaron Agulay (Larkens), Thomas Forde (Billy) und Bettina Schneebeli als Wowkle.

14.11.10:

Wer Vorbehalte gegen Puccinis MÄDCHEN AUS DEM GOLDENEN WESTEN hat, soll sie schnell über Bord werfen und mit offenen Augen und Ohren diese Produktion besuchen. Eine packende Inszenierung (David Pountney), ein fabelhaftes Dirigat (Massimo Zanetti) und ein Protagonistentrio, das man sich besser nicht wünschen könnte, sorgen für Hochspannung bei der ersten Western-Oper der Musikgeschichte: Emily Magee als Minnie ist eine Traumbesetzung. Diese luxuriös timbrierte, durchschlagkräftige, über leuchtende Spitzentöne verfügende Sopranstimme rührt und begeistert. Ein Genuss ist auch ihre darstellerische Leistung: Von der zarten Annäherung an Johnson über die Enttäuschung, als er ihr sein wahres Ich offenbart, bis zum durchtriebenen Spiel während der Pokerpartie gegen Rance, überzeugt Frau Magee in der Rolle der starken Frau, die sich unter rauen Gesellen bewähren muss und kann. José Cura liegt der Johnson extrem gut in der Stimme - so befreit, so herrlich aufblühend in der Höhe, hat man ihn schon lange nicht mehr gehört. Der eigentlich einzige wirkliche Hit der Oper, Johnsons "Ch'ella mi creda" im dritten Akt, ist ergreifend schön und mit bewegender Ausdruckskraft gesungen. Last but not least beeindruckt Ruggero Raimondi als Jack Rance mit wunderbar differenziertem Gesang, resolut, energiegeladen und unter der harten Schale durchaus verletzlich und von Minnies Zurückweisung verletzt. Dank der klugen Auswahl von für ihn noch geeigneten Partien hat eine Aufführung mit dem grossen Bassbariton immer wieder Ereignischarakter. 

Bereits beim kurzen Vorspiel wird klar: Das ist dramatische "Filmmusik", raffiniert orchestriert und vom Orchester der Oper Zürich wunderbar differenziert gespielt. Der Sound wirkt gross, doch nie breiig, bleibt stets transparent. Die oft filigranen Motive leuchten in all ihrer von Puccini so wunderbar komponierten Farbigkeit. Maestro Zanetti weiss genau, in welchen Momenten er mit der grossen Kelle anrichten kann und wann er (auch mit Rücksicht auf die anspruchsvollen Gesangspartien) das Volumen eindämmen muss. So entsteht eine wunderbar plastische Wiedergabe der Partitur, welche sowohl den notwendigen, vorwärtsdrängenden drive, als auch Momente der Ruhe und des dumpfen Wartens (wunderbar die Kontrabässe zu Beginn des dritten Aktes) aufweist.

Die Anklänge an die Filmmusik hat David Pountney für seine Inszenierung als Ausgangspunkt und Klammer gewählt. Im bewusst realistisch gehaltenen Ambiente wird die Story glaubhaft und nachvollziehbar erzählt, erhalten die Charaktere Profil. Mit Hilfe von Projektionen von filmischen Schwarzweiss-Westernszenen wird er sowohl der Story von 1850 als auch dem Enstehungsjahr der Oper (1910) gerecht. So gelingt dem Inszenierungsteam (Bühne: Stefanos Lazaridis, Kostüme: Sue Wilmington) eine treffende und realistische Schilderung der Atmosphäre in einer Goldgräberstadt des Wilden Westens. Die vielen kleineren Rollen (mit Ausnahme der Wowkle von Brigitte Schneebeli allesamt raue Männer, oft mit weichem Kern) werden von den Ensemblemitgliedern der Zürcher Oper engagiert und glaubwürdig verkörpert.

Fazit:

Beeindruckende, glaubhafte Sängerdarsteller mit imponierenden Stimmen und eine atmosphärisch dichte Inszenierung, untermalt von subtil abgestuftem Orchestersound, garantieren einen spannenden Opernabend - und obwohl es ein rauer Western ist, gibt's weder Mord noch Totschlag und es fliesst nur wenig Blut ...

Inhalt:

Die Oper spielt zur Zeit des Goldrauschs in Kalifornien, Mitte des 19. Jahrhunderts.

In der Schenke zur POLKA, welche von der bei den Goldgräbern beliebten Minnie geführt wird, tacht ein Fremder auf. Er nennt sich Johnson, ist in Wirklichkeit aber der von Sheriff Rance und Agent Ashby gesuchte Goldräuber Ramerrez. Johnson und Minnie kennen sich von früher her, ihre Liebe flammt auf. Minnie nimmt Johnson mit zu sich nach Hause. Da erscheint der Sheriff. Auch er hat ein Auge auf Minnie geworfen. Johnson versteckt sich. Rance eröffnet Minnie, dass es sich bei Johnson um den berüchtigten Golddieb Ramerrez handelt. Minnie schickt Johnson fort, doch wird er vor ihrer Tür von einer Kugel getroffen. Erneut versteckt ihn Minnie in ihrem Haus. Mit dem zurückgekehrten Sheriff pokert Minnie um Johnsons Leben (heruntertropfendes Blut hat dem Sheriff den Aufenthaltsort Johnsons verraten). Mit Hilfe von Falschspielerei gewinnt Minnie die Pokerpartie. Doch die Jagd auf Johnson dauert an. Die Goldgräber sind bereit, Johnson zu lynchen. Im letzten Moment sprengt Minnie heran und stellt sich vor Johnson. Sie erinnert die Goldgräber daran, was diese ihr alles zu verdanken haben. Die Goldgräber sind gerührt, Johnson wird begnadigt. Minnie und Johnson verlassen die Gegend, um anderswo ein neues Leben zu beginnen.

Werk:

Puccinis Western-Oper enthält im Gegensatz zu seinen vorangegangen Werken - vielleicht mit Ausnahme des kurzen Ariosos von Johnson im dritten Akt Ch'ella mi creda - keine Hits. Deshalb erscheint sie wohl seltener auf den Spielplänen als BOHÈME, BUTTERFLY oder TOSCA. Dafür ist dem Komponisten eine stimmige Milieuschilderung gelungen, in welcher ein die Handlung vorwärtsdrängender Konversationston vorherrscht, der nur ab und an durch herrliche, ariose Aufschwünge unterbrochen wird. Die Musik ist durchzogen von leitmotivisch behandelten Themen und einer farbenreichen Instrumentation. Um die Atmosphäre des Goldgräbermilieus darzustellen, verwendet Puccini folkloristisch getönte Melodien, aber auch Elemente und Techniken aus der amerikanischen Musik, wie z.B. Ragtime und Cakewalk.