Zürich: LA BOHÈME, 28.02.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   La Bohème

Oper in vier Bildern | Musik: Giacomo Puccini | Libretto: Luigi Illica und Giuseppe Giacosa | Uraufführung: 1. Februar 1896 im Teatro Regio, Turin | Aufführungen in Zürich: 28.2. | 3.3.2013

Kritik: 

„Sag mir, wo die Blumen sind.
Wo sind sie geblieben?
 Sag mir, wo die Blumen sind.
 Was ist geschehn?“ Gleich Marlene Dietrich stellt sich der Besucher dieser Wiederaufnahme diese Frage. Denn so sorgfältig und textgenau Philippe Sireuils Produktion aus dem Jahre 2005 auch gearbeitet ist - das Schlussbild, welches zum Dahinwelken und Hinübergleiten Mimis in eine bessere Welt mit einem blühenden Sonnenblumenfeld aufwartete, bleibt unvergessen. Wo sind die Blumen nun geblieben? Zwar berührt der Tod Mimis nach wie vor (und Inva Mula gestaltet diesen in aller Schlichtheit auch ergreifend), doch die tröstende Aussage des Blumenbildes, der schon fast transzendentale Charakter dieser Metapher, bleibt den Zuschauern nun verwehrt. Schade!

Ansonsten überzeugt die geradlinige Inszenierung, welche zum Glück ohne aufgesetzte Mätzchen auskommt. Die spärlich mit Brockenhausmöbeln eingerichtete Dachkammer von Vincent Lemaire mit dem dominierenden Ofenrohr, die trostlos unwirtliche Bahnhofshalle (3. Bild) und die schlichten 50er Jahre Kostüme von Jorge Lara schaffen eine Atmosphäre, in der Armut und pralle Lebensfreude Hand in Hand gehen können. Gefühle junger Menschen, wie ausgelassene Lebensfreude, zart empfundene Liebe, Versagensängste, Scham (das Drehen des Spiegels durch Mimi!), Streben nach Glück und Spass, aber auch Verletzlichkeit und Mitgefühl, werden mit unaufdringlicher Natürlichkeit und ohne falsche Sentimentalitäten dargestellt. Dazu passt die nüchtern-analytische Lesart der Partitur durch Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich bestens. Luisi bevorzugt schnelle, vorwärtsdrängende Tempi, verzichtet auf schnulzige Ritardandi und unangemessene Fermaten. Das Orchester lässt er mit grosser klanglicher Transparenz spielen (herrlich musizierte Solo- und Tuttistellen), teilweise aber auch mit brutal schneidender Härte, aber immer so, dass die instrumentalen Phrasen auch etwas zu erzählen haben, das Geschehen farbenreich und differenziert grundieren. Toll gemacht - ein Puccini ohne Weichspüler. Die Sängerinnen und Sänger  folgen mit bemerkenswerter Disziplin Luisis Intentionen. Inva Mula gibt eine reife Mimi, welche durch ihr Schicksal gezeichnet, vielleicht sogar verhärmt ist: Die Stimme ist wunderbar raumfüllend, auch etwas kalt und metallisch schneidend klingend, doch welch grandioser Aufschwünge fähig. Gänsehaut!!! Eine Verzweifelte, welche sich nicht leidend ihrem Schicksal ergibt, sondern mit letzten Kräften zu kämpfen bereit ist. Der Rodolfo von Stefano Secco ist in all seiner männlichen Unbeholfenheit auch stimmlich zarter besaitet. Sein Timbre ist angenehm, er kommt ohne tenorale Drücker und Schluchzer aus, führt sein geschmeidiges Organ sauber und ohne Kraftmeierei. Herrlich sein unbeschwertes Spiel mit seinem Freund Marcello, den Massimo Cavaletti mit grosser Stimme, doch nie polternd, singt. Ein überaus sympathischer Kerl, mit machohaften Allüren, Schwächen und Witz. Kein Wunder fühlt sich die zwar von der äusseren Erscheinung her fragile, doch in ihrem Agieren sehr selbstbewusste Musetta von Sen Guo zu ihm hingezogen und zugleich von ihm abgestossen. Sen Guo verleiht der Figur die notwendige Koketterie und Zickigkeit, singt einen wunderbar sauber intonierten, humorigen Walzer und vermag dann im letzten Bild durch ihre Empathie und Fürsorge zu berühren. Colline ist mit Christof Fischesser ganz vortrefflich besetzt. Sein warmer, ebenmässig strömender Bass ist wie geschaffen für den etwas tollpatschigen Philosophen. Mit Yuriy Tsiples  differenziert gestaltendem Schaunard wird die Männer-WG bestens ergänzt. Davide Fersini als bemitleidenswerter Benoit wird von den vier Freunden ebenso souverän übertölpelt wie Sen Guo es mit ihrem Mooshammer-Abbild Alcindoro (Valeriy Murga) macht. Den Trubel des Weihnachtsbildes vor dem Café Momus meistern Chor, Kinderchor und SoprAlti des Opernhauses Zürich (nach kleineren Koordinationsproblemen mit dem Graben zu Beginn des zweiten Bildes) glanzvoll. Wunderbar präzise spielt die Banda in ihrer Parade auf der Bühne.

Wenn am Ende die Sonnenblumen wieder leuchten würden, könnte man von einer überaus gelungenen Wiederaufnahme von Puccinis farbenreicher Oper berichten!

Inhalt:

In einer Mansarde im Quartier Latin hausen die vier (Lebens-)Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline. Ihre Armut meistern sie mit zum Teil bissigem Humor. Es ist Weihnachtsabend. Der Musiker Schaunard ist zu etwas Geld gekommen und lädt seine Freunde ins Café Momus ein. Rodolfo, der Dichter, will noch schnell einen Artikel beenden und verspricht, den Freunden gleich zu folgen. Da klopft seine Nachbarin Mimi an der Tür und bittet um Feuer. Als Mimi in der Dunkelheit auch noch ihren Schlüssel verliert, nutzt Rodolfo die Gelegenheit und nähert sich ihr sachte an. (Wie eiskalt ist dies Händchen...). In einem leidenschaftlichen Duett spürt man das Aufflammen ihrer Liebe. Sie folgen den Freundin ins Café. Da herrscht eine ausgelassene Stimmung. Marcellas frühere Geliebte Musetta taucht mit einem älteren Verehrer auf. Marcello reagiert eifersüchtig. Musetta spielt mit diesen Gefühlen, wird den Alten los, wirft sich Marcello wieder in die Arme und lässt den Alten am Ende gar noch die Rechnung der Künstler bezahlen. Einige Zeit später, nach wechselhaften Wochen für die beiden Paare, befinden wir uns vor einem Gasthaus an der Zollschranke. Mimis Krankheit hat sich verstärkt, Rodolfo hat sich von ihr getrennt, was sie sich nicht erklären kann. Mimi sucht den Rat von Marcello. Als Rodolfo auftaucht, versteckt sie sich und belauscht die beiden Freunde. Da erfährt sie, dass nicht eigentlich die Eifersucht Rodolfos der Trennungsgrund war, sondern seine Hilflosigkeit gegenüber ihrer Krankheit. Mimis Husten verrät ihr Versteck. Die beiden schliessen sich erneut in die Arme, beschliessen jedoch, sich erst im Frühling zu trennen, da der Winter zur Einsamkeit nicht tauge. Marcello und Musetta streiten sich mal wieder im Hintergrund.

Im letzten Bild befinden wir uns wieder in der Mansarde des Anfangs und treffen auf die in Liebesdingen so unglücklichen Freunde Rodolfo und Marcello. Bei einem bescheidenen Mahle dominiert trotz aller Sorgen die Heiterkeit. Doch mit dem Auftauchen Musettas ändert sich alles dramatisch. Musetta bringt die todkranke, schwache Mimi mit. Alle kümmern sich rührend um sie, der Philosoph Colline nimmt gar Abschied von seinem geliebten Mantel und will ihn im Leihhaus versetzen, um Geld für den Arzt zu bekommen. Alle gehen raus, um Geld zu besorgen, Mimi und Rodolfo bleiben allein und versichern sich gegenseitig ihrer Liebe. Musetta und die anderen kommen zurück, Mimi erhält einen Muff, um ihre kalten Hände zu wärmen. Sie verstirbt - Rodolfo realisiert dies als Letzter. Mit seinen durchdringenden Schreien der Verzweiflung endet die Oper.

Werk:
In eindringlichen, atmosphärisch dichten Bildern zeichnen Puccini und seine Librettisten Szenen aus dem Leben junger Menschen. Diese träumen von Freiheit und Selbstverwirklichung, sie lieben und sie streiten sich, sie kämpfen mit Humor ums Überleben. Doch als eine von ihnen tödlich erkrankt, wird aus dem sorglosen Leben bitterer, tragischer Ernst.
Puccini hat dazu eine seiner farbenprächtigsten Partituren komponiert, lyrisch-sentimentale Stellen verschmelzen mit humorvoll kontrastierenden Passagen, die Personen sind überaus stimmig in kurzen, prägnanten Ariosi charakterisiert. Im letzten Bild verschmelzen all diese Leit- und Erinnerungmotive, der Orchesterklang wird aber zugleich dünner und führt so zum ergreifenden Schluss.

Puccinis "Rivale" Leoncavallo hat den Stoff von Murger Scènes de la vie de bohème ebenfalls vertont. Sein Werk erschien ein Jahr nach Puccini auf der Bühne, erreichte jedoch nie die Popularität von Puccinis Werk, obwohl er an sich näher bei der Vorlage blieb und seine Oper weniger von Sentimentalität gezeichnet ist.

Die Uraufführung unter der Leitung von Arturo Toscanini war kein besonderer Erfolg, die Kritik bezeichnete die Musik als oberflächlich. Erst nach der Aufführung in Palermo, im April 1896, setzte das dem Verismo nahestehende Werk zu seinem bis heute ungebrochenen Siegeszug über die Bühnen der Welt an.
Die Diskographie umfasst über hundert Einspielungen auf Schalplatte, CD und DVD. Allein die berühmtesten Interpreten der Mimi (Mirella Freni) und des Rodolfo (Luciano Pavarotti) haben das Werk über zwölf Mal mit verschiedenen PartnerInnen eingespielt. Referenzaufnahmen sind die Einspielungen unter Herbert von Karajan von 1972 (Freni/Pavarotti) und unter Thomas Beecham (de los Angeles/Björling).
Musikalische Höhepunkte:
Che gelida manina, Arie des Rodolfo, Bild I
Si, mi chiamano Mimì, Arie der Mimi, Bild I
O soave fanciulla, Duett Mimì-Rodolfo, Bild I
Quando m’en vo, Walzer der Musetta, Bild II
Addio dolce svegliare, Duett Mimì-Rodolfo mit Hintergrundgezänk Marcello-Musetta, Bild III
Vecchio zimarra, senti, Arie des Colline, Bild IV
O Mimì, tu più non torni, Arioso des Rodolfo, Bild IV

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