Zürich: IL RITORNO D´ULISSE IN PATRIA, 17.05.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Il ritorno d´Ulisse in patria

Oper in einem Prolog und drei Akten | Musik: CLAUDIO MONTEVERDI | Libretto: Giacomo Badoaro, nach Homers ODYSSEE | Uraufführung: vermutlich Februar 1640 in Venedig | Aufführungen in Zürich: 17.5. | 21.5. | 23.5. | 28.5. | 30.5. | 1.6. | 5.6. | 7.6. | 11.6. | 14.6.2014

Kritik:

Es ist schier unglaublich: Da werden ungefähr 1000 Leute im Zuschauersaal des Opernhauses Zürich dazu „verdammt“, während dreier Stunden auf eine weisse Scheibe zu starren, auf der sich Männer in dunklen Anzügen und Frauen im kurzen Schwarzen bewegen – und nach 180 Minuten spenden diese „Verdammten“ warmherzigen, ja geradezu begeisterten Applaus! Frönt das Zürcher Premierenpublikum neuerdings dem Masochismus? Nein – es geniesst die pure, schmerzfreie Lust! Denn was sich an diesem Abend ereignet hat, ist Musiktheater vom Allerfeinsten, szenisch und musikalisch!

Regisseur Willy Decker und der musikalische Spiritus rector Ivor Bolton (der leider zwei Wochen vor der Premiere erkrankte und – ein absoluter Glücksfall – durch den Barockspezialisten Robert Howarth ersetzt werden konnte) haben aus der dürftigen Quellenlage nicht weniger als ein grandioses, aus der absoluten Dunkelheit zu praller Allgemeingültigkeit aufsteigendes Welttheater für Zürich geschaffen. Wolfgang Gussmann hat dazu eine weisse, schräg gestellte Drehscheibe auf die schwarz ausgekleidete Bühne stellen lassen, für die Szenen der Götter wird unter viel Theaterdonner im hinteren Bereich jeweils eine mit Champagnerflaschen und Eiskübeln reich bestückte lange Tafel hochgefahren, über der ein Kronleuchter schwebt. Diese Götter tragen überaus menschliche Züge, unterscheiden sich von den schwarz gekleideten Menschen eigentlich nur durch das Blau ihrer Anzüge (Kostüme: Wolfgang Gussmann und Susana Mendoza).

Willy Decker nun bevölkert diese Scheibe mit dem reichlichen Personal der Oper. Man verfolgt gebannt die Handlung, leidet mit der seit zwanzig Jahren auf die Rückkehr ihres Gatten wartenden Peneolpe (mit berührender Alt-Stimme in ihren Lamenti: Sara Mingardo) mit, amüsiert sich über die Dating-Show, welche die lebenslustige Melanto (erfrischend im glockenreinen Timbre und dem unbeschwerten Spiel: Julie Fuchs) mit ihrem Eurimaco (herrlich „giggerig“: Mauro Peter) für Penelope mit ihren Freiern arrangiert. Atemlos verfolgt man den Weg des endlich in seiner Heimat gestrandeten Ulisse (schlicht überragend in Ausdruckskraft und Spiel: Kurt Streit), welcher sich zuerst seinem alten, nun obdachlos gewordenen Diener Eumete (tief beeindruckend: Werner Güra) und dann seinem Sohn Telemaco (differenziert seine Zweifel an der Authentizität des Vaters gestaltend: Fabio Trümpy) zu erkennen gibt. Mit umwerfender Komik arbeitet Decker die Charaktere der drei Freier (mit ihren lustigen T-Shirts unter dem Sakko) und des Parasiten Iro heraus, die da sind: Der Geek Pisandro (herrlich: Michael Laurenz), der mit gestählten Muskelpaketen aufwartende Antinoo (ein echter Barihunk: Erik Anstine, er singt auch Tempo im Prolog) und der smarte Anfinomo (der überaus wohlklingende Countertenor Christophe Dufaux macht auch als als L'humana Fragilità im Prolog im wahrsten Sinne des Wortes eine ausgezeichnete Figur!). Rudolf Schasching schliesslich liefert als parasitärer Genussmensch Iro in seiner grossen Szene zu Beginn des dritten Aktes ein wahres Kabinettstück an vokaler und darstellerischer Gestaltung ab. Liliana Nikiteanu ist die treu ergebene Dienerin Ericlea, welche Ulisse an einer Narbe erkennt, der jedoch Schweigen auferlegt wurde, und die nun in einer von ihr bewegend gestalteten Szene ihrer zwiespältigen Gefühlslage Ausdruck gibt. Doch da sind dann auch noch die Götter, welche sich einen köstlichen Spass daraus machen, immer dann einzugreifen, wenn die Menschen nicht mehr weiter wissen. Wie singt doch Ulisse: Sempre l' human bisogno il ciel soccorre! Und wenn sie dann eingreifen, sitzt ihnen der Schalk (oder der reichlich fliessende Champagner) im Nacken und verleiht ihnen sehr menschliche Züge. Da herrschen also der Boss Giove (mit viel Nonchalance: Martin Zysset), der aufgebracht zürnende Meeresgott Nettuno (mit profunder Sonorität: Gianluca Burratto), die mit alle Götter und Menschen verführender Eleganz um erlösende Gnade für den schon zu lange umherirrenden Ulisse bittende Giunone (wunderbar auftrumpfend und aufblühend: Ivana Rusko, auch als Fortuna im Prolog) und die eigentliche Strippenzieherin Minerva, welche sowohl burschikos mit gelber Baseballmütze, als auch überaus elegant im Cocktailkleid alle um ihren Finger wickelt. Anna Stéphany singt und spielt diese dankbare Partie mit wunderbar warm klingendem Mezzosopran. Als knabenhafter Amor tritt im Prolog zusätzlich noch Constantin Emanuel Zimmermann auf und lässt uns über seine Pfeile sinnieren.

Willy Decker nun lässt all diese Personen mit einer bewundernswerten, stets total kongruenten Präzision mit dem Text agieren. Da werden mit intelligent herausgearbeiteter Nuancierung die verschiedenen Gefühlswelten durchschritten, die Tragik, die Komik, die Empathie, die Satire – alles hat seinen Platz, nichts wirkt aufgesetzt oder chargiert, nicht einmal die Papierflieger (eine subtile Anspielung auf die an diesem Wochenende stattfindende Abstimmung in der Schweiz über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge?), welche die Götter anlässlich von Telemacos Rückkehr fliegen und abstürzen lassen (Gli Dei possenti navigan l' aure ...) oder das Verheddern mit dem Umzugskarton, mit dem sich der obdachlose Eumete abmüht und in den er dann den Bettler (Ulisse) mit aufnimmt. Jede einzelne Szene scheint bis in die kleinste Geste hinein exakt geprobt und wird punktgenau umgesetzt, von einem Ensemble, vor dem man sich nur verneigen kann und in welches sich die beiden Gäste, Sara Mingardo und Kurt Streit, grossartig integrieren. Wenn sich dann die Scheibe gegen Ende nach und nach leert, die zu Beginn poetisch verstreute Asche weggefegt ist und das so lange getrennte Ehepaar alleine zurückbleibt, wenn Ulisse mit der Enthüllung des intimen Geheimnisses der Bettdecke die letzten Zweifel Penelopes zu beseitigen vermag und diese überwältigt zusammenbricht, dann sind wir vom Gesang der beiden tief be- und gerührt. Sara Mingardos Penelope kann sich nun endlich vom lamentierenden Deklamationsstil lösen und zum befreiten, verzierten Singen finden – wenn da nicht das klug durchdachte Lichtdesign von Franck Evin wäre, welches uns mit seinem Wechsel zu rätselhaft-gespenstischer Farbe am kommenden Glück des wieder vereinten Paares zweifeln lässt.

Doch nicht nur die Protagonisten auf der Bühne, auch das einmal mehr mit subtil gestaltender Delikatesse auf Barockinstrumenten aufspielende Orchestra La Scintilla, unter der ungemein präsenten und mit den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne aufmerksam mitatmenden Leitung von Robert Howarth, trägt zu diesem exzeptionellen Abend entscheidend bei.

Fazit: Dem DIVINO CLAUDIO wird durch die DIVINE OPERA COMPAMY OF THE YEAR alle erdenkliche Ehre erwiesen!

Werk:

Claudio Monteverdi (1567-1643) führte die junge Gattung der Oper zu ihrem ersten Höhepunkt. Von seinen ca. 18 Opern sind jedoch nur drei einigermassen erhalten geblieben (L´ORFEO; L´INCORONAZIONE DI POPPEA; IL RITORNO D´ULISSE IN PATRIA). Für seine neuen Ideen (die so genannte seconda prattica), mit Betonung auf Ausdruck (Erregung) und Deklamation, stiess er auf Bewunderung und Ablehnung zugleich. Nach seinem Tod gerieten seine Werke lange Zeit in Vergessenheit und wurden erst nach 1920 wieder neu für die Bühne entdeckt. Verschiedene Musiker erstellten aufgrund der (mageren) Quellen spielbare Fassungen, so Robert Haas, Vincent d´Indy, Ernst Krenek, Luigi Dallapiccola, Hans Werner Henze und die Dirigenten Raymond Leppard und Nikolaus Harnoncourt (der berühmte, unvergessliche Monteverdi-Zyklus aus der Ära Drese des Opernhauses Zürich mit den Inszenierungen von Jean-Pierre Ponnelle).

Selbstverständlich darf man von einem Monteverdi nicht mitreissende Arien wie von Verdi oder Puccini oder melodisch Exquisites wie von Mozart erwarten. Der vorherrschende deklamatorische Stil wirkt beim ersten Anhören eher trocken und herb, doch je intensiver man sich damit beschäftigt, desto kostbarer und ehrlicher wirken die Affekte.

Inhalt:

Im Prolog mokieren sich Tempo, Fortuna und Amore über die Fragilità (menschliche Gebrechlichkeit).

Auch Penelope klagt: Seit 20 Jahren vermisst sie ihren Gatten Ulisse. Sie erwartet sehnlichst seine Rückkehr, da sie von Freiern belästigt wird.

Ulisse wird nach seiner Irrfahrt (nach dem Trojanischen Krieg) an den Strand von Ithaka gespült. Die Göttin Minerva rät ihm als bettelnder Alter verkleidet zum Palast zu gehen. Er sucht seinen alten Diener Eumete und gibt sich ihm zu erkennen. Unterdessen rät Melante Penelope, sich endlich einem der Freier hinzugeben.

Eumete verkündet Telemaco, dem Sohn Ulisses, die Rückkehr seines Vaters. Die Freier sehen Telemaco als Gefahr und beschliessen, ihn zu töten. Penelope glaubt nicht, dass der Bettler ihr Gemahl sei. Penelope beschliesst, einen Wettbewerb zu veranstalten: Der Gewinner, der den Bogen des Odysseus zu spannen vermag, soll sie selbst als Preis erhalten. Der alte Bettler schafft es als einziger. Die Pfeile töten die Freier. Iro, der Parasit unter den Freiern, begeht Selbstmord, nach einem Monolog voller Ironie. Die Götter bschliessen, dass Ulisse nun lange genug gelitten habe. Die Amme Ericlea hingegen erkennt den König an einer Narbe auf seinem Rücken, behält ihre Erkenntnis aber vorerst für sich. Penelope kann aber immer noch nicht nicht glauben, dass der Alte ihr lange vermisster Gemahl sein soll, selbst als Ulisse in seiner wahren Gestalt erscheint, zweifelt sie noch. Die Enthüllungen Ericleas vermögen sie auch nicht zu überzeugen. Doch als Ulisse das Muster des Lakens ihres Ehebetts beschreiben kann, ist sie überzeugt, ihren Gatten vor sich zu sehen. Das Paar besingt seine wieder erneuerte Liebe.

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