Zürich: IL BARBIERE DI SIVIGLIA, 06.01.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Il barbiere di Siviglia

Melodramma buffo in zwei Akten

Musik: Gioachino Rossini

Libretto: Cesare Sterbini

Uraufführung: 20. Februar 1816 in Rom

Vorstellungen in Zürich: 27.12./ 30.12.2009 / 1.1. / 6.1./ 8.1./ 10.1. / 13.1./ 15.1./ 17.1./ 22.1./ 24.1. und 10.7. 2010

Kritik: besuchte Vorstellung: 6. Januar 2010

Nachdem Katharina Thalbach in Berlin den Barbiere buchstäblich in den Sand gesetzt hat, durfte man gespannt sein, was das Team Cesare Lievi/Mario Botta am Opernhaus Zürich aus dem Stück herausholen wird. Am Pult Altmeister Nello Santi!

Mit dieser Neuinszenierung von Rossinis unsterblicher Buffa wollten die Verantwortlichen wohl neue Wege beschreiten: Fort mit den putzigen, humorvollen, leicht angestaubten und trotzdem atmosphärisch dichten Vorgängerinszenierungen von Werner Saladin, Jean-Pierre Ponnelle und Grischa Asagaroff. Als Bühnenbildner hat man den Stararchitekten Mario Botta verpflichtet, welcher vier in alle Richtungen drehbare, aus je zwei Rhomboedern bestehende Säulen auf die Zürcher Bühne stellte. Die Flächen sind alle mit Leuchtdioden versehen, zum Teil zusätzlich noch verspiegelt. In diesem (irgendwie an die futuristisch anmutende Madrider Plaza Castilla erinnernden) Ambiente ist nun also der stockkonservative, misstrauische Dottore Bartolo zu Hause. Diese Bürohochhaus-Architektur erdrückt das Geschehen auf der Bühne beinahe. Weshalb Bartolo ausgerechnet da hingezogen sein sollte, bleibt sein Geheimnis. Seine altertümlichen Kleider (Marina Luxardo) und die seiner Entourage (Basilio, Berta, Ambrogio) sind mit einem Grauschleier überzogen, Rosina, Almaviva und Fiorello hingegen tragen grelle, plastifizierte PopArt Kleidung. Figaro steht mit Weste und elegantem Tuchmantel irgendwo dazwischen.

Regisseur Cesare Lievi hatte wohl die Absicht, die Absurditäten und Skurrilitäten der Vorlage sichtbar zu machen. Doch den kompletten Schritt zum Absurden Theater, welcher für dieses Stück durchaus denkbar wäre, hat er dann doch nicht gewagt. So blieb es bei einzelnen Versatzstücken dieses Genres, etwa der aus Figaros Deal or no Deal Koffer aufsteigenden Giraffe. Der Abend schwankte spürbar unentschlossen und unausgegoren zwischen altbekannten Mustern der Personenführung und fader, modernistischer Künstlichkeit.

Musikalische Glanzpunkte wurden vom Orchester der Oper Zürich unter Maestro Nello Santi gesetzt. Er hat in den vergangenen vier Jahrzehnten - mit Ausnahme der Ponnelle Inszenierung - alle Barbiere Neuinszenierungen musikalisch betreut. Bereits die Ouvertüre  (welche Wohltat, sie wurde vor geschlossenem Vorhang gespielt!!!) wurde zu einem Ereignis. Obwohl ich das Werk schon oft unter seiner Leitung gehört habe, schien es mir, als habe Santi wieder Neues darin entdeckt. Wunderbare Nebenlinien wurden herausgehoben, das Hornsolo habe ich noch nie so sauber intoniert gehört. Die Tempi erschienen langsamer als gewohnt, aber gerade dadurch erklangen die Läufe und die wunderbaren Crescendi blitzsauber und nicht verwaschen hinghudelt. Santi begleitete auch die Rezitative eigenhändig auf dem Cembalo. Wie immer ist er den Sängern eine wunderbare Stütze.

Unter den Protagonisten ragte Carlos Chausson als Bartolo heraus. Er verfügt wie beinahe kein anderer über die Geschmeidigkeit, die Geläufigkeit und das Volumen für diese Partie. Seine grosse Arie (A un dottor...) begeisterte mit raffinierter Gestaltung. Mit erstaunlichem Volumen, das manchmal schon fast röhrend klang, überraschte auch Ruggero Raimondi als Basilio, die Verleumdungsarie geriet vortrefflich. Massimo Cavalletti hingegen machte fehlende Geschmeidigkeit in der Stimme mit Volumen wett. Der Figaro ist definitiv (noch?) keine Partie für ihn, der als Paolo im BOCCANEGRA so überzeugt hatte. Mario Zeffiri sang den Almaviva zwar mit geläufiger Kehle und herrlichen Spitzentönen, doch hat seine Stimme leider eine leicht näselnde, quäkende Klangfarbe. Es ist aber doch schade, dass die virtuose Schlussarie des Almaviva Cessa di più resistere hier in Zürich  gestrichen wurde. Da hat die Berliner Produktion einen gewichtigen Pluspunkt vorzuweisen: Den Berliner Almaviva Lawrence Brownlee kann man mit dieser Arie z.B. auf youtube geniessen.

Serena Malfi sang mit warmem Mezzo eine ziemlich kalte, berechnende und selbstbewusste Rosina, wobei die zweite Arie Contro on cor  noch überzeugender gelang als das bekannte Una voce poco fa.Rebecca Olvera war als Berta eine wirkliche Bereicherung im ersten Finale und beglückte mit der herrlich komischen und blitzsauber gesungenen Arie Il vecchiotto cerca moglie im zweiten Akt.

Fazit:

Und doch, trotz einigen stimmungsvollen Bildern und Projektionen (Temporale-Gewittermusik), verliess man die Oper weder amüsiert noch inspiriert - eher leicht gelangweilt. War diese Neuinszenierung wirklich nötig? So schlecht oder so alt war die Vorgängerproduktion nun auch wieder nicht (sie stammt aus dem Jahr 2000). Auch dem Barbier hätte man durchaus mal eine Pause im Spielplan gegönnt ...

Erstaunlicherweise bleibt Ruth Berghaus' Inszenierung aus dem Jahr 1968, welche noch immer auf dem Spielplan der Staatsoper Berlin steht, eine der stringentesten des Werks ...

Inhalt: (die Vorgeschichte zur Hochzeit des Figaro) Graf Almaviva hat sich in das Mündel des Doktor Bartolo, Rosina, verguckt. Doch Bartolo bewacht Rosina wie seinen Augapfel, da er selbst die junge Schönheit heiraten möchte. Mithilfe des käuflichen Intriganten und Barbiers der Stadt, Figaro, gelingt es Almaviva, den trotteligen Doktor hereinzulegen, und Rosina zu ehelichen. (Dass diese Ehe dann nicht nur glücklich ist, erfährt man in Mozarts LE NOZZE DI FIGARO…)

Werk: Rossinis Meisterwerk ist bei der Uraufführung NICHT durchgefallen, wie immer wieder gerne kolportiert wird, sondern es fiel einer Intrige zum Opfer: Anhänger des Komponisten Paisiello, welcher den Stoff ebenfalls vertont hatte, versuchten die Oper des jungen Rossini niederzuschreien, angestachelt auch durch die Intendanz eines konkurrierenden römischen Opernhauses. Bereits die zweite Aufführung wurde zu einem Riesenerfolg, seither ist die Wirkung dieser Königin unter den Buffo Opern weltweit ungebrochen. Rossini hat das Werk, wie es damals üblich war, unter grossem Zeitdruck fertig stellen müssen. Doch war es gang und gäbe für die Komponisten jener Zeit, Teile von Arien und Ouvertüren aus eigenen (und manchmal auch fremden) Werken zu übernehmen. So können beim BARBIERE Melodien aus mindestens sieben anderen Opern Rossinis gefunden werden, auch aus ernsten Opern, wie ELISABETTA, REGHINA D´INGHILTERRA (Ouvertüre).


Nichtsdestotrotz bereiten Rossinis melodischer Einfallsreichtum, sein musikalischer Witz und das untrügliche Gespür für bühnenwirksames Timing auch nach 200 Jahren noch immer ungetrübte Freude und Genuss.

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