Zürich: I PURITANI, 19.6.2016 & 26.12.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   I Puritani

Romantische Oper in drei Akten | Musik: Vincenzo Bellini | Libretto: Carlo Graf Pepoli, nach Têtes rondes et Cavaliers von Ancelot/Saintine | Uraufführung: 25. Januar 1835 in Paris | Aufführungen in Zürich: 19.6. | 22.6. | 25.6. | 29.6. | 3.7. |7.7. | 10.7.2016

Kritik:

Wiederaufnahme: Dezember 2016

Auch bei der Wiederbegegnung mit der Inszenierung von Andreas Homoki bedauere ich, dass der Regisseur sich nicht dazu überwinden konnte, am Ende ein Zeichen der Hoffnung zu setzen (wie es das Libretto und die Musik eigentlich vorgeben), sondern die Oper genauso brutal enden zu lassen, wie sie begonnen hatte. Dieser Beginn ist allerdings sehr stark und eindringlich geraten. Aber gerade deshalb wäre es doch in Zeiten wie diesen der Erbaulichkeit zuträglich, wenn nicht nur die Schlechtigkeit der Menschen auf der Bühne gespiegelt würde, sondern eben auch für einmal das Gute, das Versöhnliche triumphieren dürfte. Doch in Zürich, genauso wie in der Neuinszenierung in Stuttgart, wird dem Paar kein lieto fine gegönnt. Insgesamt jedoch ist die Inszenierung Homokis mit dem gigantischen, angekokelten Zylinder auf der Bühne, der sich unaufhörlich (nervt auch mit der Zeit) und unerbittlich dreht, die Menschen aus seinem Innern ausspuckt, metaphorische Bilder hervorbringt, die zusätzlichen Ebenen des Imaginären, des Alptraumhaften ermöglicht, durchaus packend – der lange Abend wird nie lang.

Neu ist der Dirigent dieser Wiederaufnahme: Enrique Mazzola, ein Spezialist für die italienischen Opern der Romantik, von Rossini, über Donizetti und Bellini zu Verdi. Er drängt spür- und hörbar vorwärts, was dem Stück sehr gut bekommt. Mit immenser Präsenz und straffer Gestaltung führt er die Philharmonia Zürich, die Solisten und den klangstarken Chor der Oper Zürich. Toll! Und mehr als verdient wurden das Orchester und dieser Maestro schon nach der Pause und erst recht am Ende vom Publikum gefeiert. Auch die Protagonisten erhielten viel Applaus, nicht so sehr während der Aufführung (dazu war Mazzolas Führung zu straff und liess Zwischenapplaus kaum zu), dafür bei den Schlussvorhängen. Neu besetzt waren fünf der sieben Protagonisten: Als Enriquetta durfte man nun Diana Haller erleben – und bedauerte, dass sie nur einen kurzen, aber ganz eindrücklich gestalteten Auftritt im ersten Akt hatte. Man würde diese fantastische Mezzosopranistin sehr gerne mal in einer gewichtigeren Partie hören. Aufhorchen liess auch der Tenor Otar Jojikia (Sir Bruno Robertson), der eindrücklich demonstrierte, was man durch engagierte Gestaltung aus einer Comprimari-Rolle herausholen kann. Er und der wohlklingende Bass Stanislav Vorobyov (Sir Gualtiero Valton) sind im Moment noch Mitglieder des IOS. In der äusserst anspruchsvollen Rolle des Arturo gab es ein Wiederhören und -sehen mit Javier Camarena, dessen Karriere einst in Zürich ihren Anfang nahm und ihn seither an alle führenden Häuser gebracht hat, von Paris, Wien, München, Dresden, die Salzburger Festspiele, Brüssel, Barcelona, Madrid, New York bis nach San Francisco. Sein Timbre ist einmalig schön, dazu singt er bestechend sicher, mit kraftvoller, ungefährdeter Höhe, auch wenn er auf das verflixte hohe F in Credeasi, misera verzichtet, dafür mit einem fulminanten Des punktet. Als Elvira durfte man Zuzana Marková erleben, welche die Elvira mit Fragilität und Empfindsamkeit ausstattete. Ihre Stimme ist sicher geführt, verfügt über ein schönes, tragfähiges Piano, das Volumen musste sie sich an diesem Abend allerdings hart erkämpfen, was zu Verhärtungen und Kälte in der Höhe führte. Man kann nur hoffen, dass ihre Stimme durch diese Anstrengungen nicht Schaden nimmt. Im Finale I hatte sie gegen den gewaltigen Chor und die imposanten tiefen Männerstimmen von Michele Pertusi (Sir Giorgio) und George Petean (Sir Riccardo Forth) jedenfalls keine Chance durchzudringen.Michele Pertusi und George Petean waren die einzigen der Protagonisten, welche bereits in der Premierenserie im Sommer 2016 zu erleben gewesen waren. Die beiden waren auch gestern Abend für mich wieder die Stars – der balsamische Bass von Pertusi und der markante, herrlich strömende Bariton von Petean, das sind hochklassige Stimmen, denen man immer wieder gerne und konzentriert lauscht!

Premierenkritik

I PURITANI ist Bellinis letzte Oper und zugleich seine wohl schönste. Hier zeigt sich der wenige Monate nach der Uraufführung verstorbene Komponist als Meister der langen, berührenden Kantilenen, der „melodie lunghe lunghe lunghe“ wie Verdi sie später nicht ohne Bewunderung für seinen Kollegen nannte. Damit ist diese Oper aus der Feder des Sizilianers vor allem ein dankbares Vehikel für ein erlesenes Solistenquartett (Sopran, Tenor, Bariton, Bass), ganz ähnlich wie Verdis IL TROVATORE, bei dem allerdings noch ein Mezzosopran dazukommt. Bereits für die Uraufführung in Paris hatte Bellini die besten Sänger seiner Zeit zur Verfügung, die Grisi, den Rubini, den Bass Luigi Lablache und den Tamburini. Das Opernhaus Zürich bot für seine letzte Premiere der Spielzeit ebenfalls eine hochklassige Sängerin und drei herausragende Sängerpersönlichkeiten für die Hauptpartien auf. Die junge Südafrikanerin Pretty Yende begeisterte das Premierenpublikum mit ihrem Rollen- und Hausdebüt als Elvira. Sie setzt die Koloraturgirlanden dezent und mit Geschmack und vor allem mit Sicherheit. Glockenrein erklang das Son vergin vezzosa, reich an Substanz erhob sie sich im Finale I über den sehr stimmgewaltig auftrumpfenden Chor (Einstudierung: Pablo Assante), welcher sich jedoch dynamisch allzu oft an der oberen Grenze der Lautstärke bewegte. Pretty Yende gestaltete die geistige Verwirrung der Elvira im zweiten Akt, dieses Schwanken zwischen Hoffnung und Suizid (O rendetemi la speme, o lasciatemi morir) zwar weitgehend mit bewegender Intensität, doch war hier noch etwas zu viel an Bodenhaftung zu spüren, es fehlte das entrückt Schwebende, wie es zwei gefeierte Interpretinnen beherrschen, welche an diesem Abend im Publikum sassen: Edita Gruberova und Elena Mosuc. (Und wenn wir schon bei der Belcanto-Prominenz sind: Auch Cecilia Bartoli sass im Saal!)

Lawrence Brownlee als Arturo zeigte keinerlei Respekt vor den halsbrecherischen Höhen und Verzierungen der Partie, sang den Arturo mit stupender Sicherheit und überaus wendiger, biegsamer und wunderbar hell timbrierter Stimme, mit grosser Klarheit den Text artikulierend. Zu Recht viel Applaus erhielt er bereits für seine Aufftrittscavatine A te o cara, eine vokale Offenbarung dann seine Romanze im dritten Akt A una fonte.

Doch auch die tiefen Männerstimmen vermochten zu begeistern: Michele Pertusi sang mit balsamischem Bass den liebevollen „Ersatzvater“ Elviras, Sir Giorgio. George Petean gelang das Kunststück, den Widersacher Arturos, Riccardo Forth, als vielschichtigen und gar nicht so unsympathischen Charakter darzustellen. Sein klangstarker Bariton vermochte die Gefühle von Begehren, Verzweiflung, Rache und Häme stimmig zu transportieren. Klasse war das mitreissende Finale II der beiden, Suoni la tromba.

Die drei Nebenrollen waren geradezu luxuriös besetzt: Liliana Nikiteanu als Witwe des geköpften Königs Charles I. hatte einen starken Auftritt im ersten Akt (leider ist die Rolle von Bellini nicht richtig ausgearbeitet worden, starke Frauen mit gegensätzlichen Zielen auf der Bühne zum Leben zu erwecken hat sein Zeitgenosse Donizetti jeweils besser verstanden). Wenwei Zhang lieh seine wunderschöne, profunde Stimme dem enigmatischen Vater Elviras (und Zwillingsbruder Giorgios), Lord Gualtiero Valton und Dmitry Ivanchey sang einen engagierten Sir Bruno Robertson.

Fabio Luisi am Pult der Philharmonia Zürich interpretierte I PURITANI als dramatisch zugespitztes, vorwärtsdrängendes und unerbittliches Kriegsstück. Doch auch Phrasen von berückender Zartheit und Transparenz (vor allem im zweiten Akt) erklangen aus dem Graben.

Die Oper ist nicht ganz einfach zu inszenieren, denn dem Libretto fehlt es an dramaturgischer Kraft, an psychologischer Durchdringung der Protagonisten und an Plausibilität. Regisseur Andreas Homoki setzte auf starke, eindringliche Bilder und dank der stringenten Lichtgestaltung von Franck Evin gelang das auch ziemlich überzeugend im schwarzen Bühnenraum von Henrik Ahr. In der Mitte drehte sich ein Zylinder mit aussen verkohlten und innen mit abblätternder Farbe gestalteten Holzlatten mit bedrohlicher (und auch ermüdender) Unerbittlichkeit. Der Innenraum des Zylinders gab immer wieder Blicke in seelische Abgründe (oder vereinzelte Hoffnungen) frei, der schwarze Zylindermantel trennte Szenen und schloss Personen aus. Die Kostüme von Barbara Drosihn waren ganz im historischen Kontext der Cromwell-Zeit, also der Mitte des 17. Jahrhunderts gehalten. Andreas Homoki liess der Musik wohltuend viel Raum zur Entfaltung, füllte sie nicht mit plumpem Aktionismus (oder Flachbildschirmen ...). Dem Regisseur gelangen grossartige, intensive Momente der Personenführung, doch unternahm er schon gar nicht den Versuch, die Handlung zu „erzählen“. Das nämlich scheint fast ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Allerdings bezog er in einzelnen Tableaus sehr deutlich Stellung, zeigte den Krieg als barbarische Männersache, bei der immer die Schwachen und die Frauen die Opfer sind. Schon zu Beginn musste Königin Enriquetta miterleben, wie ihr Mann von den Puritanern grausam geköpft und sie selbst erniedrigt und vergewaltigt (allerdings hinter der Bühne, Homoki ist ja nicht Bieito...) wurde. Da drängten sich dem Zuschauer sofort Bilder des IS-Terrors oder aus dem Folterkeller von Abu Ghraib ins Bewusstsein, auch wenn die Personen auf der Bühne in Kostümen aus dem 17. Jahrhundert agierten. (Was einmal mehr beweist, dass man nicht jedes Stück in ein gestyltes Wohnzimmer des 21. Jahrhunderts verlegen muss, um die perpetuelle Aktualität eines Stoffes zu untermauern!) Allerdings – und das mag die vereinzelten Buhrufe für das Inszenierungsteam verursacht haben – vertraute der Regisseur dem glücklichen Ausgang der Vorlage nicht. Er versagte Elvira und Arturo das Happyend, die Generalamnestie in letzter Minute blieb eine leere Worthülse, Arturo wurde auf der Bühne des Opernhauses Zürich genauso geköpft und sein Haupt im schwarzen Sack der Geliebten zugeworfen wie es zu Beginn mit dem Stuartkönig passiert war. (Dass der Besucher dann sofort Assoziationen mit Salome und dem Haupt des Jochanaan hatte, war vermutlich nicht intendiert, aber ist bei treuen Operngängern wohl unvermeidlich.) Allerdings spricht die fröhliche Stimmung der Musik eine andere Sprache und dem Librettisten mit seinen letzten Worten „ L'amor coronerà di giubilo gli spasmi di tanta fedeltà“ einen diabolischen Sarkasmus zu unterstellen, wäre für Carlo Pepoli wohl zu viel der Ehre.

Inhalt:

Die Oper spielt zur Zeit des Aufstandes der Puritaner unter Oliver Cromwell gegen die Monarchie der Stuarts in Südwestengland um 1648.

Arturo Talbo, Anhänger der Stuarts, und Riccardo Forth, Kämpfer auf Seiten der aufständischen Puritaner, lieben beide die Puritanertochter Elvira. Diese jedoch liebt nur Arturo. Als Arturo jedoch der Witwe des hingerichteten Königs Charles I., Enrichetta, zur Flucht verhilft und somit vorübergehend landesabwesend ist, sieht Riccardo darin seine Chance, um durch intrigante Verunglimpfung seines Rivalen bei Elvira zu punkten. Elvira ist schnell überzeugt vom vermeintlichen Treuebruch ihres geliebten Arturo und verfällt zunehmend dem Wahnsinn. Arturo wird von den Puritanern in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Elviras Onkel, Sir Giorgio, will Riccardo dazu überreden, Arturo nach einer allfälligen Gefangennahme zu begnadigen, um damit seine Tochter von ihrer geistigen Umnachtung zu erlösen, denn seit Arturos Verschwinden irrt sie wie ein Gespenst durch die Festung. Arturo kehrt zurück und kann Elvira gerade noch von seiner ungebrochenen Treue überzeugen. Sie kommt wieder zu Verstand, doch das Glück ist von kurzer Dauer, denn Arturo wird sogleich festgenommen. Er harrt der Hinrichtung. Da überbringt Riccardo das Begnadigungsschreiben Cromwells. Lieto fine - allgemeiner Jubel!

Werk:

Der viel zu früh verstorbene Vincenzo Bellini (1801-1835) war der bedeutendste Opernkomponist der italienischen Romantik. Er schuf in seinem kurzen Leben so unsterbliche Repertoirepfeiler wie LA SONNAMBULA, NORMA und I CAPULETI E I MONTECCHI. I PURITANI war seine letzte Oper; der Sizilianer Bellini starb nur wenige Monate nach der triumphalen Uraufführung des Werks in der Nähe von Paris. Nach einem Streit mit seinem bisherigen Librettisten Felice Romani, wählte Bellini für I PURITANI auf Empfehlung Rossinis den Grafen Pepoli. Dessen etwas ungeschicktes, wenig plausibles Libretto gilt als eines der schwächsten der Opernliteratur. Doch Bellinis zauberhafte, weit ausschwingende Kantilenen machen diese dramaturgischen Schwächen der konventionellen Liebesgeschichte mehr als wett. Für die Pariser Uraufführung standen ihm herausragende Sänger zur Verfügung - die damaligen Spitzenvertreter ihres Fachs - Giulia Grisi und der Tenor Giovanni Battista Rubini. Vom Tenor werden Töne weit über dem hohen C gefordert, bis zum dreigestrichenen F. Mitte des 20. Jahrhunderts führten Aufführungen mit Maria Callas (sie sang die Elvira jedoch nur 17 Mal auf einer Bühne) zu einer Rennaissance des Werks. Joan Sutherland, Mariella Devia und Edita Gruberova avancierten später zu bedeutenden Interpretinnen der Elvira. Also Arturo brillierten u.a. Luciano Pavarotti, Alfredo Kraus und Nicolai Gedda.

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