Zürich: I MASNADIERI, 05.12.& 22.12.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   I Masnadieri

Melodramma in vier Akten |

Musik: Giuseppe Verdi |

Libretto : Andrea Maffei, nach Schillers DIE RÄUBER |

Uraufführung: 22. Juli 1847 in London |

Aufführungen in Zürich: 5.12. | 8.12. | 11.12. | 15.12. | 19.12. | 22.12. | 26.12. | 29.12.2010 | 2.1.2011

Kritik:

Wer gedacht hatte, Verdis Umsetzung des Schillerschen Sturm und Drang Dramas sei nur konzertant zu geniessen (wie in Zürich 1982 unter Nello Santi, mit Cristina Deutekom und Giorgio Zancanaro), sah sich eines Besseren belehrt: Diese Produktion von Verdis MASNADIERI ist in jeder Beziehung überwältigend.

Die Männer geben den Ton an in Verdis Frühwerk; sie hinterliessen auch an der Premiere in Zürich den stärksten Eindruck.

Thomas Hampson zeichnet ein starkes, erschütterndes Charakterporträt des "Bösewichts" Francesco. Kraftvoll klingt sein herrlicher Bariton, bezwingend  ist seine differenzierte Gestaltung dieser bereits an Jago gemahnenden Figur. Sein rabenschwarzer Sarkasmus und das dämonische Triumphgeheul im ersten Teil und die Traumerfahrung, die Gewissensbisse bis hin zu psychosomatisch bedingten Muskelzuckungen und der konsequente Gang in den Freitod im zweiten Teil werden von Hampson mit unter die Haut gehender Intensität dargestellt. (Es bleibt zu hoffen, dass dieser phänomenale Sänger/Darsteller auch unter der neuen Intendanz für spannende Projekte und Rollendebüts gewonnen werden kann!)

Fabio Sartori begeistert als Carlo mit herrlichem tenoralem Schmelz, beispielhafter Stimmführung und kultiviertem Legato. Darstellerisch bleibt er zwar eher steif, doch wird vielleicht gerade durch diese Distanziertheit die Persönlichkeit des von ideeller Glut Getriebenen deutlich, des Philosophen (er liest Plutarch und sieht sich als Hermann in der Varusschlacht), welcher sich in der ordinären, degenerierten Welt der Outlaws nie heimisch fühlt.

Carlo Colombara verleiht dem Vater Massimiliano berührende Züge, seine herrlich strömende Bassstimme ist geradezu prädestiniert für diese Art von Verdi-Partien. Die Erzählung im dritten Akt Un ignoto ... trägt er mit bewegender Eindringlichkeit vor.

Problematischer erscheint die Besetzung der Amalia mit Isabel Rey. Technisch und darstellerisch meistert sie die Rolle zwar souverän, doch ihre Stimme klingt in der Höhe zu herb, zu hysterisch für diese Figur. Sie vermag jedoch mit wunderbarer Phrasierung, ansprechender Leichtigkeit, schönen Piani und wohlklingender Mittellage zu glänzen. Das Fehlen eines warmstimmigen, jugendich klingenden Soprano spinto im Zürcher Ensemble wird einmal mehr offenbar.

Hervorragend besetzt sind die kleineren Partien: Benjamin Bernheim löste als Arminio beim Premierenpublikum Begeisterungsstürme aus. Nun ist es an der Zeit, ihn mit grösseren Aufgaben zu betreuen, bevor er verlockende Angebote von anderen Häusern bekommt. Diesen Sänger muss man unbedingt in Zürich halten.

Pavel Daniluk hat einen grossartigen Auftritt als Pastor Moser. Seine autoritäre Unerschütterlichkeit im Glauben erinnert bereits an den Grossinquisitor im DON CARLO.

Wunderschön ausbalanciert im Klang und mit bestechender Präzision in den manchmal doch etwas banalen Begleitfiguren spielt das Orchester der Oper Zürich unter Adam Fischer. Claudius Herrmann glänzt mit der Cello Romanze im Vorspiel. Stark auch der Männerchor, welcher die von den Schrecken des Krieges geprägte, degenerierte Räuberbande (verarmte Landadlige) mit kraftvoller und ungeschminkter Eindringlichkeit singt und darstellt. Der brutale Text, welcher von Vergewaltigung, Mord und Raub handelt, wird nicht beschönigt oder mit falsch verstandener Räuberromantik verklärt: Nonnen werden vergewaltigt, Zivilisten auf der Flucht erstochen, die Leichen gefleddert.

Das vom Anfang bis zum (schnell abgewickelten) Schluss rasant inszenierte Familiendrama durch Regisseur Guy Joosten und Ausstatter Johannes Leiacker fand die ungeteilte Zustimmung des Publikums. Die beiden haben eine überzeugende Lösung für die schnell wechselnden Schauplätze auf die (Dreh-)Bühne gebracht. Keine aufgesetzten Mätzchen (vielleicht ausser dem running-gag der häufigen Flucht in den Alkohol - wobei man dem Regisseur zugute halten muss, dass mit dem ständigen Griff zur Flasche auch Verdis manchmal allzu tänzerisch anmutende Rhythmen Sinn erhielten), keine sinnlosen Aktualisierungen stören den Gesamteindruck. Die brutale Geschichte in den Wirren des Siebenjährigen Krieges wird konsequent und ohne Verniedlichungen erzählt, die Konstellationen und Charakterzeichnungen werden durch eine stimmige Personenführung einsichtig gemacht. Besonders die starken Bilder des zweiten Teils bleiben nachhaltig im Gedächtnis haften. 

Fazit: 

Musikalisch über weite Strecken grandios und mitreissend, szenisch von bezwingender Schnörkellosigkeit und Stringenz.

Nachtrag: Vorstellung vom 22.12.2010

Wiederum grandios die Männer: Sartori mit herrlichem Schmelz, Hampson mit hervorragender Durchdringung des bösen Charakters und trotzdem "schön" singend, Colombara mit einfach wunderbar samten strömender Bassstimme. Isabel Reys Technik ist bewundernswert, dafür dass ihre Stimme in der Höhe etwas spitz und hysterisch klingt, kann sie nichts, ist wohl auch Geschmackssache. Ausgezeichnet wiederumg Adam Fischers Dirigat, so macht auch ein früher Verdi Eindruck!

Inhalt:

Bruderzwist im Hause des Grafen Massimiliano Moor: Während der Liebling des Vaters, Carlo, von unbändigem Freiheitsdrang beseelt das Haus des Vaters verlässt, bleibt der jüngere Francesco zurück. Er fühlt sich weniger geliebt und beginnt eine Intrige gegen seinen Bruder, um das Erbe der Moors antreten zu können. Francesco lässt Carlo in dem Glauben, dass sein Vater ihm nie verzeihen werde. So schliesst sich Carlo einer Räuberbande an, der er ewige Verbundenheit schwört. Francesco überbringt dem Vater und Amalia, der Verlobten seines Bruders, die erfundene Nachricht vom Tod Carlos. Francesco will nicht nur die Macht, sondern auch noch Amalia zur Frau. Doch diese hat unterdessen von einem reuigen Diener die Wahrheit über die Machenschaften Francescos erfahren. Deshalb flieht sie aus dem Schloss. Sie verirrt sich im Wald und begegnet – welch eine Überraschung – Carlo und den Räubern. Carlo verleugnet Amalia gegenüber seine Beziehung zu den Räubern. In einem nahen Turm findet er zudem seinen fast zum Skelett abgemagerten Vater, welcher von Francesco hier dem Hungertod überlassen wurde. Carlo schwört Rache.

Francesco wird von Traumvisionen gequält. In einer musikalisch spannenden Auseinandersetzung mit Pastor Moser wird die Frage von Schuld und Sühne erörtert. Moser erteilt ihm keine Absolution, Francesco ist verzweifelt und bringt sich um. Amalia wird von den Räubern gefasst. Carlo muss sich ihr und seinem Vater als Anführer der Räuber zu erkennen geben. Seinen Eid gegenüber den Räubern kann Carlo nicht brechen, eine Zukunft mit Amalia ist deshalb unmöglich. Da weder Amalia noch Carlo eine Lösung sehen, ersticht Carlo seine Geliebte und überantwortet sich selbst der Justiz.

Werk:

Verdi erlitt nach der Premiere des ATTILA 1846 einen Zusammenbruch. Die intensive Schaffensperiode seiner „Galeerenjahre“ und persönliche Schicksalsschläge hatten ihn körperlich und seelisch an die Grenzen seiner Belastbarkeit gebracht. Während der Rekonvaleszenz machte er sich auf die Suche nach neuen Stoffen für Opern. Das ewige Projekt LEAR verwarf er, zog stattdessen MACBETH und Schillers RÄUBER in Betracht. Andrea Maffei, der Schiller-Übersetzer, verfasste das Libretto zu I MASNADIERI. Da in Florenz kein geeigneter Tenor für die anspruchsvolle Rolle des Carlo Moor zur Verfügung stand, nahm Verdi das Angebot des Haymarket Theatres London an und dirigierte die Uraufführung der MASNADIERI dort selbst. Es war dies die erste Uraufführung einer Verdi-Oper ausserhalb Italiens. Die „schwedische Nachtigall“ Jenny Lind sang dabei die Rolle der Amalia. Im Publikum sassen u.a. Queen Victoria, Prinz Albert und der Duke of Wellington. Das Publikum nahm das Werk begeistert auf, die Kritik war weit zurückhaltender. Gilbert and Sullivan schrieben 1879 mit THE PIRATES OF PENZANCE eine grandiose Parodie auf diese Art von Oper, wie sie I MASNADIERI darstellt.

Vernichtend ist auch das Urteil des renommierten Verfassers von Opernführeren, Ulrich Schreiber: „GIOVANNA D'ARCO, LUISA MILLER (weitere Vertonungen Verdis nach Vorlagen Schillers) und I MASNADIERI waren schon vom jeweiligen Textbuch her, krude Adaptionen bis hin zur Verballhornung … gewesen.“ Erst mit dem DON CARLO gelang Verdi eine ebenbürtige Adaption eines Schillerschen Dramas für die Opernbühne.

Doch trotz häufigem Dreivierteltakt, welcher stets die Gefahr der „Gemütlichkeit“ und des Leierkastens birgt, strotzt I MASNADIERI vor melodisch mitreissender Einfallskraft. Besonders gelungen ist Verdi dabei die Ausarbeitung des Charakters des Bösewichts Francesco, welcher bereits Züge des Jago aufweist. Die Gesellschaftskritik von Schillers Sturm und Drang Stück bleibt jedoch aussen vor, Verdi und sein Librettist konzentrieren sich ganz auf die privaten, familiären Konflikte der Protagonisten.

Musikalische Höhepunkte:

O mio castel paterno, Carlo, Akt I

La sua lampada vitale langue, Francesco, Akt I

Lo sguardo aveva degli angeli, Amalia, Akt I

Tu del mio Carlo al seno, Amalia, Akt II

Tutto quest'oggi, Masnadieri, Finale II

Dio, ti ringrazio, Amalia-Carlo, Akt III

Un ingnoto, Massimiliano-Carlo-Chor, Finale III

Tradimento … Pareami, Francescos Vision, Akt IV

M'hai chiamato, Moser-Francesco, Akt IV

Informationen und Karten