Zürich: GISELLE, 28.03. & 12.4.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Giselle

Ballett in zwei Akten | Musik: Adolph Adam | Libretto: Théophile Gautier, nach einer Sage von Heinrich Heine | Uraufführung: 28. Juni 1841 in Paris, in der Choreographie von Jean Coralli und Jules Perrot | Aufführungen in Zürich: 28.3. | 29.3. | 4.4. | 10.4. | 12.4. | 19.4. | 23.4. | 26.4. | 12.5. | 15.5. | 19.5. | 22.5.2015

Kritik:

Das Ballett Zürich hat wieder eine GISELLE im Repertoire – und es ist eine überraschend schlichte, geradlinig und mit klarer Geometrie aufgebaute (wenn auch leicht unterkühlt wirkende) Zürcher Version dieses Inbegriffs des romantischen Balletts zu erleben. Nach zweimal Spoerli (1980 und 1998) hat man in Zürich nun den französischen Altmeister Patrice Bart mit der Choreographie betraut. Bart ist ein profunder Kenner des Werks. Als Étoile des Pariser Balletts hat er die Rolle des Albrecht unzählige Male getanzt und später als Ballettmeister der Opéra de Paris und als Assistent Nurejews sowie als freischaffender Choreograph viele Neueinstudierungen von GISELLE geschaffen.

Luisa Spinatelli entwarf für den Winzerakt, diese romantische Paysannerie, geschmackvoll-kostbare Kostüme und ein schlichtes Bühnenbild aus sich überlagernden Aquarellen, welche eine herbstliche Abendstimmung evozierten. Schade nur, dass das Haus Berthes und die symmetrisch gegenüberliegende Jagdhütte wie aus einem Aufklapp-Kinderbuch erschienen und dadurch sehr „billig“ wirkten. Für den weissen Akt reichten dann ein schlichtes Grabeskreuz und wiederum sich überlagernde Projektionen von Todeszypressen und einem Friedhofstor in düsterer Landschaft und natürlich die klassischen, knöchellangen Tüll-Tutus mit angedeuteten Gazeflügelchen für die Wilis.

Patrice Bart gelang es ausgezeichnet, den ersten Akt mit seinen problematischen Verbindungen von Pantomime und Tanz abwechslungsreich und wirkungsvoll zu choreographieren. Die pantomimischen Momente wurden auf ein absolutes Minimum reduziert, so dass den Zuschauern und vor allem den Tänzerinnen und Tänzern händeringendes Chargieren erspart blieb und die Geschichte trotzdem schlüssig erzählt wurde. Zum umjubelten tänzerischen Höhepunkt dieses Aktes wurde der Bauern Pas-de-deux (Musik von Friedrich Burgmüller), welcher von Galina Mihaylova und Arman Grigoryan mit hinreissender Virtuosität und stupender Perfektion getanzt wurde. Federnde Sprünge, verblüffende Entrechats und lautlose, wunderbar weiche Landungen prägten diese Szene, umrahmt von den perfekt synchron tanzenden Freundinnen Giselles (Pornpim Karchai, Mélissa Ligurgo, Constanza Perotta Altube, Alba Sempere Torres, Giulia Tonelli und Michelle Willems). Mit einem Auftrittsapplaus begrüsste das Premierenpublikum seinen Liebling Yen Han in der Titelrolle des so unglücklich verliebten Bauernmädchens. Mit weich fliessender Fragilität gestaltete sie den naiven Teenager; fantastisch ihre Bein- und Fussarbeit, die Darstellung der Bescheidenheit und Unterwürfigkeit (gesenkter Kopf). Sehr genau und mit bezaubernder Anmut arbeitete sie das Backfischhafte, Verspielte und Federleichte der Rolle heraus, beglückte in ihren Soli, den Pas-de deux und in den Gruppentänzen mit ihrer präzisen Leichtigkeit des virtuosen Ausdrucks. Eigentlich ist der Albrecht ja nicht gerade die sympathischste Erscheinung auf der Bühne des klassischen Balletts. Doch Denis Vieira machte dies durch seine elegante, kraftvoll-jugendliche Erscheinung vergessen: Er war eben im ersten Akt noch der unbedarfte Jungspund, der sich halt einen kleinen Scherz (und Seitensprung) erlauben möchte, bevor er von der steifen Hofgesellschaft um den Herzog von Kurland vereinnahmt wird. Bathilde (Mélanie Borel), seine Verlobte, trat in üppigem Kostüm und in Begleitung von zwei afghanischen Windhunden auf, welche natürlich sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums erhielten (Jööö-Effekt), sich auch recht brav benahmen und doch viel Beachtung seitens der Bathilde und des Herzogs (Manuel Renard) bedurften, so dass deren Rollen etwas in den Hintergrund traten. Eva Dewaele war die besorgte Mutter Berthe und Matthew Knight als Wilfried kümmerte sich fürsorglich um die Eskapaden seines Herrn. Filipe Portugal war der in Giselle verliebte Wildhüter Hilarion, welcher durch sein eifersüchtiges Spionieren viel zum fatalen Ausgang des ersten Aktes beitrug. Doch erstaunlicherweise erschien auch er nicht unsympathisch: Portugal verstand es vortrefflich, seine Besorgnis um Giselle und seine Liebe zu ihr mit kraftvollen Gesten und Schritten, aber auch Empfindsamkeit auszudrücken. So fand er sich dann im zweiten Akt als Erster an Giselles Grab ein, wurde von den irrlichternden Schleiern (genial gemacht) erschreckt und von den Wilis zu Tode gehetzt. Ja diese Wilis waren wirklich ein Traum: Angeführt von der überragenden Viktorina Kapitonova als autoritärer Königin Myrtha. Mit eiskalter Präzision tanzte sie diese schwierige Rolle, schwerelos auf der Spitze trippelnd ihr erster Auftritt, wenn sie durch die (zum Glück dezenten) Trockeneisschwaden schwebt. Fantastisch auch die restlichen Wilis des Corps de ballets, angeführt von Katja Wünsche und Galina Mihaylova, welche oft minutenlang in unbeweglichen Posen verharren mussten, um gleich darauf wieder in atemberaubender Präzision und Synchronizität eine Reihe wunderschöner Arabesques zu vollführen. Yen Han als Giselle stieg nun zuerst wie eine fremdbestimmte und ferngesteuerte Puppe aus ihrem Grab auf, versuchte vergeblich die hartherzige Königin der Wilis umzustimmen und stürzte sich dann mit traumhaft zart ausgeführten Einzelvariationen in den grossen Pas-de-deux um ihren Albrecht vor dem Tod zu retten. Denis Vieira war hier ganz der (etwas zu) pathetische Melancholiker, trat mit wehendem Cape auf und begeisterte mit seinen Battements und seinem Aplomb.

Die Musik Adolph Adams (ergänzt durch Kompositionen von Ludwig Minkus und Friedrich Burgmüller) wird oft ein wenig belächelt – ich finde sie geradezu genial. Die Philharmonia Zürich unter der überaus effektvollen und prägnanten Leitung von Ermanno Florio war den Tänzerinnen und Tänzern eine wichtige Stütze, da der Dirigent und die Musiker sehr genau auf die Bedürfnisse der Bühne achteten und präzise Akzente setzten.

GISELLE wird in dieser Premierenserie mit verschiedenen Besetzungen gezeigt und es wird spannend sein, die einzelnen Interpretationen zu vergleichen. Ich werde an dieser Stelle nochmals von der Aufführung vom 12. April berichten, wenn Polina Semionova und Friedemann Vogel als Giselle und Albrecht zu erleben sein werden.

Aufführung vom 12.4., abends:

Nachdem die Premiere mit den SolistInnen des Balletts Zürich bereits herausragend besetzt war, hat man nun für einige der Folgeaufführungen Gastsolisten verpflichtet. In der von mir besuchten Vorstellung nun also Polina Semionova als Giselle und Friedemann Vogel als Albrecht - FANTASTISCH alle beide. Polina Semionova gewann spätestens mit ihrer Walzervariation im ersten Akt die Herzen des Publikums. Wie sie da auf der Spitze des linken Fusses tanzte, Fussarbeit von perfekter Virtuosität zeigte und praktisch schwerelos dahinschwebte, das liess einen den Atem stocken. Dazu kam ihre wunderbar eindringliche Darstellungskunst, als sie den Betrug Albrechts realisieret und ihr Verstand sich zusehends verwirrte. Im weissen Akt dann Eleganz und Leidenschaftlichkeit pur. Friedemann Vogel begeisterte als Albrecht mit seinem virilen Tanz, weit greifenden Sprüngen und punktgenauen Landungen. Auch er versteht es ausgezeichnet Kraft und Eleganz ganz im Sinne der charaktervollen Rollengestaltung zu verschmelzen. Ein wunderbarer Abend. Das Corps und die übrigen SolistInnen waren gegenüber der Premiere unverändert besetzt und auch sie rissen das Publikum zu freudvollen Begeisterungsstürmen hin.

Inhalt:

Herzog Albrecht macht sich einen Spass daraus in der Verkleidung eines Bauernburschen dem naiven Bauernmädchen Giselle den Hof zu machen. Beide gestehen einander ihre Liebe, eifersüchtig beobachtet vom Wildhüter Hilarion, der sich selbst Chancen auf Gisselles Gunst erhofft hatte. Giselles Mutter ist skeptisch, was den unbekannten Bauernburschen anbelangt und erzählt Giselle vom Schicksal der Wilis, jener noch vor der Hochzeit zu Tode gekommenen Jungfrauen, die dazu verdammt sind, jede Nacht zu tanzen. Doch Giselle schlägt die Warnungen der Mutter in den Wind. Die herzogliche Jagdgesellschaft trifft ein, darunter auch Albrechts Verlobte Bathild. Bathilds Vater, dem Herzog von Kurland, ist der Ort nicht fremd, da er ein Techtelmechtel mit Giselles Mutter hatte, und der heimliche Vater Giselles ist. Bathild schenkt Giselle eine Kette. Während sich die adligen Gäste ins Haus der Mutter zurückziehen, feiern die Winzer Giselle als Winzerkönigin. Albrecht taucht aus seinem Versteck wieder auf. Hilarion jedoch findet Albrechts Degen und stellt ihn vor der ganzen Gesellschaft bloss. Bathild stellt daraufhin Albrecht zur Rede, welcher jedoch seine Verkleidung und den Liebesschwur gegenüber Giselle als blosse Laune abtut. Das gibt Giselle den Rest: Ihre Sinne verwirren sich, sie beginnt zu rasen und sinkt tot zu Boden. Erst jetzt erkennt Albrecht, was er mit seinem Leichtsinn angerichtet hat.

Mitternacht. Hilarion sucht Giselles Grab auf. Irrlichter blitzen auf, Hilarion sucht das Weite. Myrtha, die Königin der Wilis, holt dietoten Mädchen aus ihren Gräbern, auch Giselle folgt dem magischen Ruf. Albrecht, von Gewissensbissen gepeinigt, sucht ebenfalls Giselles Grab auf. Gisselle erscheint, doch Albrecht kann sie nicht fassen. Hilarion wird von den Wilis aufgescheucht und gejagt. Er muss sich zu Tode tanzen. Auch albrecht wird dieses Schicksal blühen. Giselle fleht bei Myrtha um Gnade. Vergebens. Giselle muss Albrecht vom schützenden Kreuz des Grabes weglocken. Er folgt ihr und sie tanzen, bis albrechts Kräfte zu schwinden beginnen. Doch Giselle hat ein bewundernswertes Timing unter Beweis gestellt: Sie hat den fatalen Tanzmarathon so hinausgezögert, dass die ersten Strahlen der Morgensonne dem Wilis-Spuk ein Ende bereiten. Auch Giselle entschwindet. Doch Albrechts Herz ist gebrochen.

Werk:

Was heute kaum mehr bekannt ist: GISELLE, dieses Paradestück des romantischen, kulinarischen Balletts, ging aus einer antibürgerlichen Protestbewegung hervor. Der Librettist Théophile Gautier war ein regelrechter Hippie, auch wenn diese Bezeichnung damals noch nicht verwendet wurde. Er lebte einige Zeit in einer Kommune in einem besetzten Haus, trug eine schulterlange Mähne, poppig bestickte Westen, sang gerne obszöne Lieder und gab sich lang anhaltenden Rauschzuständen (Getränke, Haschisch) hin. GISELLE beinhaltet eine ganze Reihe von Motiven der französischen Romantik: Die Flucht aus der einengenden und ach so biederen bürgerlichen Welt in die Genüsse eines verklärten Landlebens, die Hinwendung zum Übersinnlichen, die Sehnsucht nach Inspirationen aus mythischen und magischen Quellen, das Verlangen nach unkontrollierten Gefühlen, Entrückung, Rausch und Todessehnsucht.

Dem Komponisten Adolphe Adam (1803-1856) gelang mit der Partitur zu GISELLE sein absolutes Meisterstück. Adam hatte zuvor schon mehrere Balettmusiken geschrieben und auch viele Opern und Vaudevilles komponiert (heute sind von den unzähligen Bühnenwerken ausser GISELLE nur noch die Opéra comique der LE POSTILLON DE LONJUMEAU und das Ballett LE CORSAIRE bekannt). Dafür hat GISELLE seit vielen Jahren einen Spitzenplatz im klassischen Balettrepertoire inne und gehört beim Publikum zu den beliebtesten Handlungballetten überhaupt. Adams Musiksprache findet den direkten Weg ins Ohr, ja hat geradezu Ohrwurmcharakter. Seine Musik ist stets tanzgerecht, vielfältig in den Ausdrucksformen und er verwendet sogar dramaturgisch stimmige Leitmotive (natürlich nicht ganz im wagnerschen Ausmass). Die Tiltelrolle (und auch die Rolle Albrechts) sind anspruchsvoll und brauchen Interpretinnen und Interpreten, welche nicht nur über eine stupende klassische Technik verfügen müssen, sondern auch die Emotionen und psychischen Zustände der Charaktere mit darstellerischer Überzeugungskraft zu transportieren in der Lage sind.

Die Giselle ist eine Paraderolle für Tänzerinnen: Seit Carlotta Grisi die Uraufführung tanzte, bricht die Reihe der ganz grossen Ballerinen in dieser Partie nicht ab: Galina Ulanowa, Anna Pawlowa, Natalia Makarowa, Carla Fracci, Margot Fonteyn, Eva Evdokomova, Polina Semionova – und in Zürich natürlich unvergessen: Gayle Fulton.

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