Zürich: ELEKTRA, 28.06.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Elektra

Tragödie in einem Aufzug | Musik: Richard Strauss | Libretto: Hugo von Hofmannsthal | Uraufführung: 25. Januar 1909 in Dresden | Aufführungen in Zürich: 28.6. | 3.7. | 10.7.2015 und Wiederaufnahme in der nächsten Saison

Kritik: 

„Wo bleibt Elektra?“ „Ist doch ihre Stunde ...“  Ja, das war die Stunde der Elektra, oder genauer gesagt die 100 Minuten der Evelyn Herlitzius in dieser äusserst anspruchsvollen Titelpartie in Strauss’ Meisterwerk. Frau Herlitzius gehört heute zu den profiliertesten Sängerpersönlichkeiten für diese Rolle. Welch eine dramatische Gestaltungskraft, eine Durchdringung des Textes, eine Stimme, die wie kaum eine andere vermag durch Mark und Bein zu dringen.  Die Stimme schwingt sich aus Verzweiflung und tief sitzender Wut empor zu triumphierendem Jubel, wenn sie dann wie von der Welt entrückt in den gestillten Rachegefühlen schwelgt. Die Musik strömt wahrlich aus ihr mit einer Leidenschaft sondergleichen. Dass da dann ab und an die Intonation nicht mehr ganz so sauber ist, stört kaum, angesichts der imponierenden Gesamtleistung. Sie bewältigt diesen immensen Kraftakt ohne hörbare Ermüdungserscheinungen und ungeheuren, schier unbegrenzt scheinenden dynamischen Möglichkeiten, hin bis zur Schlussszene mit nie nachlassender Intensität und szenischer und musikalischer Präsenz. ELEKTRA ist ja eigentlich eine Stück , welches die weibliche Psyche in ihren verschiedenen Ausformungen ergründet. Den Gegenpol zur von Rache besessenen Titelfigur bildet ihre Schwester Chrysothemis, welche sich eben nach dem traditionellen „Weiberschicksal“ sehnt. Emily Magee gelingt diese Darstellung mit ihrem wunderschön reichen, warm timbrierten und von der Lautstärke mühelos mit Herlitzius mithaltenden Sopran herausragend. Traumhaft schön ihre Aufschwünge (z.Bsp. :Es ist der Bruder, Ich bin ein Weib).  Die Mutter der beiden, Klytämnestra, wird von Hanna Schwarz mit grandioser Bühnenpräsenz und imponierender stimmlicher Gestaltung gezeichnet. Beeindruckend sind ihre tiefe Lage und die intelligente Durchdringung des Textes mit vokalen Ausdrucksmitteln. Sie zeigt eindrücklich die Gespaltenheit der Figur, die Flucht vor der Realität, die Angst vor der Konfrontation mit der Tat des Gattenmordes. Christof Fischesser singt die reinen Kantilenen des Orest mit hervorragend fokussiertem und schon beinahe einschmeichelnd timbriertem Bariton. Wunderbar. Im Gegensatz zu ihm, dem geheimnisvollen „Guten“, steht Michael Laurenz’ misstrauischer, seine Angst mit despotischen Allüren überspielender Aegisth. Laurenz verleiht ihm mit seinem schneidenden Tenor die notwendige grelle Kontur.  Ausgezeichnet besetzt sind die Nebenfiguren: Vor allem Ivana Rusko als eindringlich für Elektra Partei ergreifende 5. Magd überzeugt, aber auch Liliana Nikiteanu (1. Magd), Julia Riley (2. Magd), Irène Friedli ( 3. Magd), Sen Guo (4.Magd), Marion Ammann als prominent besetzte Aufseherin, Shelley Jackson, Alexandra Tarniceru und Reinhard Mayr, Iain Milne und Bastian Thomas Kohl gestalten ihre kurzen Auftritte imponierend.

Lothar Koenigs am Pult der Philharmonia Zürich führt mit effektvollen Akzenten durch die geballten Blöcke der Partitur. Immer wieder sorgt er dafür, dass einzelne Instrumentalfarben aus den Klangmassen gut heraushörbar sind. Die Stimmen der SängerInnen werden nie zugedeckt (wobei man natürlich wirklich auch stimmgewaltige Interpretinnen und Interpreten für diese Wiederaufnahme zur Verfügung hatte!). Plastisch werden auch lautmalerische Elemente herausgearbeitet (Sturm, silbernes Mondlicht).

Die Inszenierung von Martin Kušej will viel, sehr viel, vielleicht zu viel. Er legt das ganze im Bühnenbild von Rolf Glittenberg und mit den Kostümen von Heidi Hackl in einer Art Gummizelle eines Sanatoriums an. Der Boden ist mit weichen Matten ausgelegt, wellig, als würde er sich bewegen, die Menschen verlieren schnell den Boden unter den Füssen, flüchten ins dunkle, amorphe Innere ihrer Gedanken, ihrer Sehnsüchte und Wünsche. Die Handlung spielt sich nicht in einer greifbaren Realität ab, psychische Deformationen und Ersatzhandlungen schimmern auf, viel an Triebhaftem, verbrämt Religiösem, inzestuösen Wünschen und aufgelöster Trennung der Geschlechter wird gezeigt. Manchmal rätselhaft, dann doch wieder einsichtig. Sehr schön herausgearbeitet (szenische Einstudierung: Claudia Blersch) sind die Beziehungen der Personen untereinander, die Angst vor Nähe und Intimität der Gefühle. Das Körperliche reduziert sich auf anonymen Partnerwechsel, dekadente, jegliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verdrängende Sexualität als Ersatz für verloren gegangene Liebe und Empathie. Am Ende der 100 Minuten ist man regelrecht erschlagen – von der Wucht der Handlung und deren packender Umsetzung durch die Ausführenden, von Hofmannsthals überaus verständlich vorgetragenem Text und natürlich von Richard Strauss’ genialer, zukunftsweisender Komposition.

Inhalt der Oper:

Elektra lebt als Verstossene und Aussenseiterin bei den Hunden im Hof des Palastes von Mykene. Nur der Gedanke, die Ermordung ihres Vaters Agamemnon durch ihre Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Aegisth zu rächen, erhält sie am Leben. Sie hofft auf die Rückkehr ihres Bruders Orest, um ihren mörderischen Plan zu verwirklichen. Ihre Schwester Chrysothemis, welche vor der schrecklichen Vergangenheit die Augen verschliessen möchte und sich nach einem normalen „Weiberschicksal“ sehnt, ist ihr keine Hilfe.

Klytämnestra wird von Gewissensbissen heimgesucht, sie hat „keine guten Nächte“. Sie begibt sich zu Elektra, sucht die Nähe ihrer Tochter und Hilfe zur Vertreibung der Dämonen durch Elektras Heilkünste, doch wird sie von Elektra verspottet und gedemütigt. Als Klytämnestra die Nachricht des - vermeintlichen - Todes von Orest ans Ohr dringt, lacht sie erleichtert auf. Elektra ist verstört. Selbst als Orest, welcher absichtlich die Nachricht seines Todes verbreiten liess, erscheint, erkennt ihn die eigene Schwester vorerst nicht. Orest dringt in den Palast ein und erschlägt seine Mutter. Elektra leuchtet Aegisth den Weg in den Palast, wo er ebenfalls von Orest ermordet wird. Chrysothemis meldet den Tod des usurpatorischen Herrscherpaares und die Rückkehr des tot geglaubten Bruders. Elektra beginnt einen ekstatischen Tanz des Triumphes auf dessen Höhepunkt sie tot zusammenbricht. Chrysothemis ruft nach Orest.

Werk:

Mit ELEKTRA ging der Klangmagier Richard Strauss noch einen Schritt weiter als mit der vorangehenden SALOME: Der Orchesterapparat ist gigantisch (111 MusikerInnen werden gefordert), die Leitmotive werden zu dichten Blöcken gefügt, die Grenzen der Tonalität immer wieder getestet und zum Teil gesprengt. Strauss schaffte es, mit dem Riesenapparat eine geradezu elektrisch aufgeladene Spannung zu erzeugen, welche an Intensität bis zum erlösenden, ekstatischen Schlusstanz in triumphierendem C-Dur ständig zulegt. Die an kompositorischem Raffinement kaum zu überbietende Partitur lebt vom Kontrast des Kammerspiels mit einem immer wieder quasi entfesselt auftrumpfenden Orchester. Süssliche Klänge (Walzer der Chrysothemis), tonmalerische Klänge und extreme dynamische Steigerungen (Elektra) wechseln mit herben Dissonanzen und Bitonalität (Klytämnestra). An die drei Frauenpartien werden höchste Anforderungen gestellt.

Berühmte Interpretinnen der Titelpartie waren: Anny Konetzni, Erna Schlüter, Inge Borkh, Astrid Varnay, Christel Goltz, Birgit Nilsson, Ingrid Bjoner, Dame Gwyneth Jones (unvergessen ihre Auftritte in Genf), Deborah Polaski (auch in Zürich in der Berghaus- Inszenierung zu erleben) und Pauline Tinsley.

Der Fluch der Atriden

In Mykene lebten zwei königliche Brüder, Atreus und Thyestes. Thyestes schlief mit Atreus Gemahlin. Nach Entdeckung des Seitensprungs seiner Gemahlin setzte Atreus die aus der ausserehelichen Beziehung entsprungenen Söhne seiner Frau und seinem Bruder zum Frass vor und vertrieb Thyestes. Als Strafe verhängten die Götter dem Reich des Atreus eine Dürreperiode, die erst zu Ende ginge, wenn Atreus seinen Bruder zurückkehren liesse. Unterdessen hatte Thyestes aber mit seiner eigenen Tochter einen „Rächer“ gezeugt, den Aigisth, der unerkannt am Hofe des Atreus aufwuchs und eigentlich von Atreus dazu ausersehen war, den Thyestes nach dessen Rückkehr zu ermorden. Stattdessen erschlug Aigisth seinen Onkel Atreus.
Die Söhne des Atreus, Agamemnon und Menelaos, mussten bald darauf in den Trojanischen Krieg ziehen, um die Gattin des Menelaos, Helena, zu befreien. Um günstigen Wind für seine Flotte zu erhalten, opferte Agamemnon seine Tochter Iphigenie, zum Entsetzen seiner Gemahlin Klytämnestra. Aus Trauer, Wut und Rache über den (vermeintlichen) Opfertod ihrer Tochter gab sich Klytämnestra Agamemnons Erzfeind Aigisth hin. Nach Agamemnons Rückkehr aus Troja (mit der Seherin Cassandra) wurde dieser von seiner Frau und Aigisth im Bade ermordet. Elektra, die Tochter Agamemnons und Klytämnestras, schwor Rache. Ihr Bruder Orest wurde von ihr angefeuert, die Mutter und deren Liebhaber umzubringen.
Die Erinnyen (Rachegöttinnen) verfolgten den Muttermörder. Orest konnte sich vom Fluch, der auf seinem Geschlecht lag, nur durch einen Diebstahl, den er im Tempel von Tauris begehen sollte, befreien. Dort traf er auf seine tot geglaubte Schwester Iphigenie, die jeden ankommenden Fremdling ermorden musste. Noch rechtzeitig erkannte Iphigenie in dem Fremden ihren Bruder und gemeinsam gelang ihnen die glückliche Rückkehr nach Griechenland.

Musikalische Höhepunkte:

Allein! Weh, ganz allein!, Monolog der Elektra

Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren, Chrysothemis-Elektra

Ich habe keine guten Nächte, Szene Klytämnestra-Elektra

Orest, Erkennungsszene Elektra-Orest

Ob ich nicht höre – Schweig und tanze, Schlussszene Elektra-Chrysothemis

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