Zürich: DORNRÖSCHEN, 24.09.2011&27.01.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Dornröschen

Ballett in drei Akten | Musik: Pjotr Tschaikowski | Choreograf der Uraufführung: Marius Petipa | Uraufführung: 3. Januar 1890 in St. Petersburg | Uraufführung der Chorographie von Mats Ek: 2. Juni 1996 in Hamburg | Aufführungen in Zürich: 24.9. |25.9. | 1.10. | 15.10. | 16.10. | 18.10. | 22.10.2011 | 14.1. | 15.1. | 20.1. | 27.1.2012

Kritik:

Mats Eks Version des Ballettklassikers DORNRÖSCHEN sorgte gestern Abend für einen der aufregendsten, spannendsten und bewegendsten Ballettabende der letzten Zeit auf der Bühne des Opernhauses Zürich.

Mit einer Wucht sondergleichen setzt das wiederum herausragend spielende Orchester der Oper Zürich unter dem bulgarischen Dirigenten Rossen Milanov ein und zieht damit die Zuschauer hinein in einen Strudel zupackender, hoch gepeitschter und wahrlich mitreissender Dramatik. Diese musikalische Interpretation von Tschaikowskys genialer Partitur setzt nicht auf oberflächliche, kulinarische Prachtentfaltung, sondern legt dunkle Abgründe offen, taucht tief ein in die vom russischen Komponisten mit einfühlsamer Sensibilität empfundene Vielschichtigkeit der Handlung, welche er trotz aller Zwänge der Vorgaben des Choreographen (Petipa) so farbenreich in die Komposition einzuarbeiten wusste. Damit befindet sich der Dirigent in fabelhaftem Einklang mit Mats Eks epochaler Interpretation dieses Märchens für Erwachsene: Im Prolog sehen wir auf der Bühne ein junges Paar, Silvia und Florestan. Jugendlich verspielt zelebrieren die beiden ihre Verliebtheit, machen Liebe auf und unter dem Küchentisch, vor und hinter der Türe. Begrenzt wird diese kleinbürgerlich-idyllische Welt der 50er Jahre durch eine metallische Wand mit symbolisiertem Wohnungsgrundriss. Es ist eine Welt, in welcher das höchste der Gefühle vielleicht ein VW Käfer war (das Geschenk Florestans an Silvia) oder ein Schwarzweiss Fernseher (die Geschenke der Verehrer später an Aurora). Mélanie Borel und Filipe Portugal führen die komplizierten verschlungenen Drehungen, das beinahe ordinär wirkende Spreizen der Beine und Schütteln der Gliedmassen mit einnehmender Natürlichkeit und virtuosem Schwung aus. Vier Frauen (Goldfee – mit raumgreifender, autoritärer Eleganz: Sarah-Jane Brodbeck, Silberfee – herrlich aufgetakelt: Irmina Kopaczynska, Smaragdfee – einnehmend schräg als Flowerpower Girl: Constanza Perotta Altube und Rubinfee – umwerfend komisch: Giulia Tonelli) stellen unterschiedliche Frauentypen dar und begleiten das Paar kommentierend und mit irrwitzigen Tänzen zur Entbindungsstation, wo die vier Damen dann als mehr oder weniger besorgte, ziemlich durchgeknallte Krankenschwestern bei der Geburt Auroras assistieren. Zuerst sieht man den Kampf des Kindes in der Fruchtblase, der unheimliche Dr. Carabosse (Vahe Martirosyan begeistert einmal mehr mit seiner geradezu furchteinflössenden Bühnenpräsenz) hat bereits seine bösen Finger im Spiel. Einige Jahre später begegnen wir der jungen Familie wieder auf einem Sonntagsausflug im VW Käfer: Aurora stinkt das spiessige Verhalten der Eltern gewaltig. Trotzend, flegelhaft pubertiert sie (im Schulmädchenkostüm) vor sich hin. Yen Han, die langjährige, gefeierte Solistin des Zürcher Balletts, macht das mit einer Aufsehen erregenden Intensität. Sie durchlebt ihre erwachende sexuelle Neugier (sie fährt gleichzeitig auf drei unterschiedliche Typen ab: den unschuldigen Schuljungen Ty Gurfein, den kiffenden Rocker Artur Babajanyan und den smarten, stupend tanzenden Sunnyboy Jiayong Sun) mit einfühlsam dargestellter Ängstlichkeit und Verletzlichkeit – und muss feststellen, dass die drei Typen sie bloss als Objekt ihrer Begierden behandeln. Schnell verlieren die drei das Interesse am Spielzeug wieder. Als Aurora dann die Eltern verliert, ist der Absturz vorprogrammiert: Carabosse steigt aus dem Grab der Eltern auf, die Kleine ist fasziniert und lässt sich von ihm anfixen. Warmes Licht breitet sich auf der Bühne nach dem ersten Schuss in die Vene aus, in einem ekstatischen Tanz docken die Opiate im Hirn an. Doch auf die Hochgefühle folgen unweigerlich die Abstürze in der Drogenhölle: Völlig zugedröhnt liegen Aurora und Carabosse auf der leeren, weiten Bühne, verlorene Seelen. Dazwischen versucht Carabosse noch Auroras Grossmutter (Vittora Valerio) zu bestehlen, welche das Publikum erst mal in die Pause schickt. Schmutziger Schnee fällt vom Himmel, die Feen versuchen vergeblich, den Drogenmüll zu beseitigen, Carabosse erniedrigt Aurora, die Komplexität der gegenseitigen, fatalen Abhängigkeiten werden von Vahe Martirosyan und Yen Han mit einer erschütternden Körperlichkeit dargestellt. Prinz Désiré (Daniel Goldsmith) kann sich das nicht länger mitansehen: Er stürzt schreiend und Türen schlagend aus dem Parkett auf die Bühne (eine Glastür des Zuschauersaals geht gar – ungewollt?- zu Bruch). Der bieder-spiessige Jüngling lässt sich aber erst mal von einigen Divertissements unterhalten: Einem den klassischen Spitzentanz persiflierenden pas de six, welchen er lauststark mit „What's that supposed to be?“ kommentiert. Danach folgen die kurzen, mit tänzerischen Schwierigkeiten gespickten, witzigen und spritzigen Auftritte der vier Feen. Als Carabosse auf die Grossmütter losgeht (die albtraumhaft wirkenden Vervielfachungen der Figuren gehören zu einem überzeugenden Stilmittel dieser Choreographie), platzt Désiré endgültig der Kragen und er feuert seine Knarre, rassistische Parolen schreiend, mehrmals auf den Dealer ab. In die nachfolgende kontemplative Stille folgt der skurrile Auftritt des Fernsehkochs (grossartig Joa Helgesson), welcher eine Fischsuppe mit einem äusserst störrischen Fisch kocht. Désiré weckt Aurora mit seinem Kuss. Völlig verstört erleidet sie einen Autounfall, erst danach sieht sie keinen andern Ausweg mehr, als mit Désiré in die kleinbürgerliche Idylle zurückzukehren und dort die Frucht ihrer Beziehung zu Carabosse zur Welt zu bringen. Der Abend endet, wie er begonnen hat: Mit einer Geburt. Doch dieses Mal ist es kein weisses Ei, sondern ein gemischtrassiges. Désiré will es zuerst in den Orchestergraben entsorgen, doch dann zeigt er plötzlich doch Gefühle für das Neugeborene. Ein Hoffnungsschimmer?

Die grossartige Ballettcompagnie des Opernhauses Zürich setzte die Intentionen des Choreographen mit stupender Brillanz und Virtuosität um und wurde am Ende des packenden Abends gebührend gefeiert.

Vorstellung vom 27. Januar 2012:

Wiederum ein begeisternder, grandioser Ballettabend. Diesmal wurde das Ochester von Zsolt Hamar dirigiert, welcher zusammen mit dem hervorragend spielenden Orchetster der Oper Zürich Tschaikovskys herrlicher Partitur zu einer mitreissenden Wiedergabe verhalf. Die Hauptrollen waren weitgehend den fantastischen Tänzerinnen und Tänzern der Premierenbesetzung anvertraut. Als Fernsehkoch agierte diesmal frech und erfrischend Patrick Vogel. Schade, dass dies bereits die Derniere war.

Fazit:

Kein rosa Puderzucker wird über Tschaikowskys DORNRÖSCHEN ausgeschüttet. Zu erleben ist dafür ein unter die Haut gehendes Tanzdrama für Erwachsene. Unbedingt sehenswert!

Werk und Inhalt:

Tschaikowskys DORNRÖSCHEN ist das dritte grosse Handlungsballett des russischen Komponisten (neben NUSSKNACKER und SCHWANENSEE). Seit seiner Uraufführung gehört es zum Standardrepertoire aller grossen Ballettcompagnien, erreichte aber nie ganz die Popularität der anderen beiden Stücke. Dies mag einerseits an der als zu sinfonisch empfundenen Musik liegen, andererseits ist die Umsetzung für Choreographen nicht ganz einfach, wenn man das Ballett nicht als biederes Märchen auf die Bühne bringen will. So erfuhr DORNRÖSCHEN denn auch zahlreiche Bearbeitungen und Neuinterpretationen. Bereits 1921 schuf Sergeiew im Auftrag Djagilews eine Fassung, mit Einbezug von Musik aus der Feder Stravinskys. Die (auch in Zürich nicht unbekannte) Marcia Haydée schuf eine Version für das Stuttgarter Ballett, Valdimir Malakhov eine für das Staatsballett Berlin. In Zürich wird nun die Version des schwedischen Choreographen Mats Ek zu sehen sein. Ek suchte nach dem dunklen Punkt im Märchen – und fand ihn anlässlich eines Aufenthaltes Mitte der Neunzigerjahre ausgerechnet in Zürich: Auf dem Weg von seinem Hotel zum Opernhaus kam er immer am „Needle Park“ vorbei, dem Park beim Landesmuseum, welcher als berüchtigter Platz für Drogensüchtige und Dealer in die Geschichte einging. Bei Ek also ist die Prinzessin Aurora eine junge, orientierungslose Frau, aus spiessigem Milieu stammend, welche auf dem Weg zum Erwachsen werden drogenabhängig wird. Sie gerät in die Fänge eines undurchsichtigen Dealers (die böse Fee Carabosse). Aus Liebe zu diesem faszienierenden Mann greift sie zur Spritze, die sie süchtig machen wird. Ihr Schlaf danach ist nicht real, sondern ein Schlaf der Betäubung, des Sich-Abwendens von der Wirklichkeit. Prinz Désiré wird diesen Nebenbuhler beseitigen und Aurora zurück in das spiessbürgerliches Leben führen. Die Geschichte endet dort, wo sie begonnen hat: Aurora bringt ihrerseits ein Kind zur Welt. Eine neue Tragödie kann beginnen (muss aber nicht, denn das Ende lässt die Hoffnung auf eine verständnisvollere, humanere Welt zu).

Mats Ek entstaubt den Klassiker radikal, ersetzt die technischen Paradenummern Petipas durch charakterlich fein abgestimmte und äußerst humorvolle, aber auch stark psychologisierende, dramatisch-tänzerische Erzählkunst und zimmert eine neue Nummernfolge der Komposition Tschaikowskys. Gleichwohl bleibt der Bezug zum Original immer gewahrt. Mats Ek: "Dabei werden die Mythen und Zeichen des Märchens mit einfachen und klaren Bewegungen als Teil eines kulturellen Erbes aufgefasst, das in unserem Unbewussten schlummert. Für mich geht es darum, das, was wir alle für selbstverständlich halten, zu durchlöchern, zu sabotieren, um es neu zu erleben, es durchaus ernst zu nehmen - und dadurch dem Märchen Respekt zu zollen."

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