Zürich: DON GIOVANNI, 11.11.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Don Giovanni

Dramma giocoso in zwei Akten | Musik: Wolfgang Amadeus Mozart | Libretto: Lorenzo da Ponte | Uraufführung: 29. Oktober 1787 in Prag, Zweitfassung 7. Mai 1788 im Burgtheater Wien | Aufführungen in Zürich: 6.11. | 9.11. | 11.11. | 16.11.2011

Kritik:

Von atemberaubender musikalischer Spannung durchflutet war diese DON GIOVANNI Aufführung im Opernhaus Zürich: Vom ersten wuchtigen Synkopenmotiv der Ouvertüre bis zum pseudo-fugierten Presto des Schlusssextetts war das Ohr gefesselt und fasziniert von Mozarts genialer Charakterisierungskunst, Virtuosität und Erfindungsgabe. Dass das Haus praktisch voll besetzt war, verdankte es bestimmt dem Magnetismus, welcher von einem Namen wie Anna Netrebko ausgeht. Und die Starsopranistin vermochte die Erwartungen zu erfüllen – und wie! Ihre Interpretation der Donna Anna ist schlicht grandios: Das dunkle, samtene Timbre ihrer Stimme, das mühelose Erreichen der Spitzentöne, die Pianokultur, der bruchlose, unangestrengte Übergang von Trauer und unterdrückter sexueller Sehnsucht zu Ausbrüchen von rasenden Rachegelüsten und tiefem Schmerz meistert sie mit beinahe unnachahmlicher Natürlichkeit. Ihre in den letzten Jahren bestimmt fraulicher und voluminöser gewordene Stimme fügt sich zwar in den Ensembles wunderbar in den Gesamtklang ein – und doch ist einem stets bewusst, dass da eine der ganz grossen Sängerinnen unserer Zeit auf der Bühne steht. Gebannt verfolgt man ihre Darstellung der komplexen Figur. Anna Netrebko hat sich fantastisch in die Inszenierung (aus dem Jahr 2006) von Sven-Eric Bechtolf eingefügt, einer Inszenierung die vor allem von den starken Darstellerinnen und Darstellern geprägt ist, ansonsten aber eigentlich eher kalt lässt. Das goldene Einheitsbühnenbild (Rolf Glittenberg), eine Art Chill-out Lounge, mit dem ständigen Ziehen von Vorhängen, ermüdet das Auge mit der Zeit. Die Bevölkerung der Bühne durch viele Paare gibt zwar der Allgemeingültigkeit der Triebhaftigkeit und Oberflächlichkeit menschlicher Sehnsüchte Ausdruck, trägt aber ansonsten eher zur Verwirrung als zur Erhellung der Handlung bei. Und die bei Freud gefundene Verwandtschaft von der Psychologie des Neurotikers mit der Psychologie der Naturvölker, welche dann bei Bechtolf in einer kruden Voodoo-Szene kulminiert, scheint doch etwas weit hergeholt für dieses Stück. Eindrücklich ist hingegen die in die Unendlichkeit weisende Perspektive des Bühnenbilds mittels einer phänomenalen Projektion. Ärgerlich dann wieder die etwas gar plakativen Dessous-Szenen. Doch das alles ist in Anbetracht der exzellenten musikalischen Ausführung nebensächlich. Von der Premierenbesetzung sind die zauberhaft singende Martina Janková als quirlige Zerlina und ihr Masetto (männlich und kraftvoll singend: Reinhard Mayr), sowie die subtil gestaltende Donna Elvira von Malin Hartelius übrig geblieben. Frau Hartelius hat natürlich gegenüber der fulminanten Donna Anna von Netrebko einen schweren Stand. Doch sie setzt zu Recht nicht auf einen vokalen Wettstreit der Diven, sondern singt eine innige Elvira, getragen von wunderschöner Phrasierung und emotionaler Tiefe. Carlos Álvarez gibt einen sehr sympathischen Don Giovanni, er ist nicht der Verführer mit burschikosem Sexappeal, wie ihn Simon Keenlyside in der Premiere gab, sondern der smarte Gentleman in den besten Jahren. Mit seinem wunderbar weich klingenden Bariton und präziser rhythmischer Gestaltung zieht er alle Register des gewieften, selbstbewussten Womanizers. Ruben Drole als Leporello assistiert ihm bei seinen Abenteuern mit schalkhaftem (manchmal auch etwas überkandideltem) Gehabe und herrlicher Stimme. Und da ist dann auch noch ein neuer Don Ottavio: Zum Glück hat man sich entschieden, eine Mischfassung aus der Prager und Wiener Fassung aufzuführen. So kommt man in den Genuss von beiden Tenorarien, welche Bernard Richter mit exquisitem, hellem Timbre vortragen darf. Man mag ihm vielleicht eine gewisse Eindimensionaltät punkto Lautstärke vorhalten, doch entspricht diese durchaus auch dem Charakter des Don Ottavio – und mit seinem Volumen kann er neben Netrebko blendend bestehen. Zu guter Letzt kann Andreas Hörl wunderbar orgelnde Bassklänge zur Höllenfahrt des Titelhelden beisteuern.

Am Pult des Orchesters der Oper Zürich stand für diese Wiederaufnahme Peter Schneider. Bisher war er in Zürich oft als Interpret der Opern Wagners oder Strauss' hervorgetreten. Seine Interpretation des DON GIOVANNI hat mich tief beeindruckt. Er reizt mit dem hervorragend spielenden Orchester alle Facetten dieser vielschichtigen Partitur aus und versteht es, die grossen Spannungsbögen zu halten. Fesselnden Dramatik, aber auch eine lichtdurchflutete Leichtigkeit und wunderbare Farbenpracht machten diese Aufführung zu einer Sternstunde.

Werk:

LE NOZZE DI FIGARO, die erste Zusammenarbeit zwischen Lorenzo da Ponte und Mozart, löste in Prag grossen Enthusiasmus aus. So kam Mozart zu seinem Auftrag, eine Oper für das Prager Nationaltheater zu schreiben. Seit der Uraufführung geniesst das Werk (welches eigentlich den Titel IL DISSOLUTO PUNITO OSSIA IL DON GIOVANNI trägt) grösste Wertschätzung und den Ruf als „Oper aller Opern“ (E.T.A.Hoffmann) und regte Denker vom Rang eines Adorno, eines Kierkegaard oder eines Nietzsche zu philosophischen Ergüssen an. Aber all dessen ungeachtet, sind es die direkt ins Herz der Zuhörer und der Charaktere treffende Meisterschaft von Mozarts Musik, seine geniale Einfühlungskraft und die musikdramatisch feinnervig erfasste Vielschichtigkeit der Protagonisten, welche das Werk selbst aus Mozarts Schaffen herausragen und alle anderen Vertonungen des Stoffes neben sich verblassen lassen.

Inhalt:

Um seinen ungebändigten Trieb nach sexuellen Abenteuern zu befriedigen, hat sich Don Giovanni die Tochter des Komturs, Donna Anna, als nächstes „Opfer“ ausgesucht. Doch ihr Vater kommt dazwischen. Don Giovanni ersticht ihn. Donna Annas Verlobter, Don Ottavio, schwört seiner Geliebten, die Tat zu rächen. Giovannis Diener Leporello hat es zwar satt, dem zügellosen Herrn zu dienen, doch lässt auch er sich immer wieder von Don Giovannis Charme (und seiner Geldbörse) einlullen. Eine von Don Giovannis Verflossenen, Donna Elvira, warnt Donna Anna und die junge Zerlina vor dem Verführer Giovanni, denn Don Giovanni versucht sich auch Zerlina in sein Bett zu kriegen, kurz vor ihrer Hochzeit mit Masetto. Als ihre Hilferufe Leute herbeilocken, lenkt er den Verdacht auf seinen Diener Leporello. Durch einen Kleidertausch mit Leporello entkommt er auch den Prügeln der Bauern und kann sich erneut an Donna Elvira heranmachen. Auf dem Friedhof trifft er sich wieder mit Leporello, ausgerechnet am Grab des von ihm ermordeten Komtur. Die Statue beginnt zu sprechen, empört sich über die Störung der Totenruhe. Voller Übermut lädt Don Giovanni die Statue zum Abendbrot auf sein Schloss ein. Vor dem Mahle, zu dem auch Donna Elvira, Donna Anna und Ottavio geladen sind, versucht Donna Elvira nochmals, Don Giovanni zur Abkehr von seiner Lasterhaftigkeit zu bewegen. Vergeblich. Der steinerne Gast erscheint. Don Giovanni bereut keine seiner Schandtaten. Die Flammen der Hölle verschlingen ihn. Im Schlusssextett ziehen die übrig gebliebenen Protagonisten die Moral aus der Geschichte des bestraften Wüstlings.

Musikalische Höhepunkte:

Madamina, il catalogo è questo, Leporello, Akt I (Registerarie)

Ah! Chi mi dice mai, Donna Elvira, Akt I

Là ci darem la mano, Duett Don Giovanni-Zerlina, Akt I

Ah! Fuggi il traditor, Donna Elvira, Akt I

Or sai chi' l'onore, Donna Anna, Akt I

Dalla sua pace, Don Ottavio, Akt I (nachkomponiert für Wien)

Fin ch'han dal vino, Don Giovanni, Akt I (Champagnerarie)

Deh, vieni alla finestra, Don Giovanni, Akt II

Il mio tesoro, Don Ottavio, Akt II

In quali eccessi, Donna Elvira, Akt II (nachkomponiert für Wien)

Non mi dir, Donna Anna, Akt II

Don Giovanni, a cenar teco, Commendatore-Don Giovanni, Höllenfahrt, Akt II


Applaus (Video)

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