Zürich: DON CARLO, 04.03.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Don Carlo

Oper in fünf Akten |

Musik: Giuseppe Verdi |

Libretto: Camille du Locle und Josephe Méry, basierend auf Schillers DON KARLOS |

Uraufführung: 11. März 1867 in Paris (in französisch) | Uraufführung der vieraktigen, italienischen Fassung: 10. Januar 1884 in Mailand | Uraufführung der fünfaktigen italienischen Fassung: 29. Dezember 1886 in Modena |

Aufführungen in Zürich: 4.3. | 8.3. | 11.3. | 18.3. | 20.3. | 27.3. | 30.3. | 9.4.2012

Kritik:

Wenig Licht und ein Höchstmass an ausgesprochen differenziert ausgestaltetem Schatten legte Giuseppe Verdi in die kompositorische Gestaltung seiner Partitur – das viel beschworene Chiaroscuro, das gekonnte Wechselspiel zwischen Dur und Moll. Wenig Licht (dieses dafür phänomenal konzipiert durch den Lichtdesigner Jürgen Hoffmann) und viel Schatten lag auch über der Neuproduktion von DON CARLO am Opernhaus Zürich. Die Schatten legten sich leider bereits in der Vorwoche auf die Premiere (durch diverse Erkrankungen der Protagonisten) und selbst der Premierentag (als sich zwei Stunden vor der Aufführung Maestro Zubin Mehta einen Hexenschss einfing) war nicht vom Pech verschont. Doch Zubin Mehta liess sich nichts anmerken und führte das noch so genannte Orchester der Oper Zürich (ab der nächsten Spielzeit nennt es sich Philharmonia Zürich) mit sicherer und subtil herausgearbeiteter Feinarbeit (Hörner, Posaunen, das trauernde Cello, die gleissenden Piccolo- und Flötenläufe und anderes mehr!) durch einen Abend, welcher trotz der viereinhalb Stunden Spieldauer nie lang wirkte. Man hatte sich zum Glück (im Gegensatz zu den vorangegangenen Produktionen) für die um den Holzfällerchor noch zusätzlich erweiterte fünfaktige Fassung, die italienische Modena-Fassung, entschieden. In Anbetracht der Krankheitsfälle muss man wohl bei der Beurteilung der sängerischen Leistungen eine gewisse Zurückhaltung walten lassen. Insgesamt aber lässt sich festhalten, dass über weite Strecken zu laut gesungen wurde. Giuseppe Verdi schrieb 1857 an den Bariton Leone Giraldoni: „ Die Künster, die Frauen ebenso wie die Männer, sollen singen und nicht schreien! Sie sollen nur daran denken: vortragen heisst nicht brüllen! Wenn man in meiner Musik keine allzu vielen Vokalisen findet, darf man dies nicht zum Anlass nehmen, um sich die Haare zu raufen, sich wie Besessene zu gebärden und zu schreien.“ (Ende Zitat). Nun, wie Besessene haben sich die Künstler an diesem Abend wahrlich nicht gebärden dürfen, dazu boten die statisch servierten tableaux vivants von Regisseur Sven-Erich Bechtolf keine Gelegenheit. Doch beim Singen vertrauten einige Sängerinnen und Sänger dafür vermehrt der vermeintlichen Ausdruckskraft ihres- zugegebenermassen beeindruckenden - Stimmvolumens. Dies galt nicht für den Sänger der Titelrolle, Fabio Sartori: Sein Tenor verströmte pures vokales Gold, wunderbar geschmeidig, sauber in der Intonation, bruchlos strahlend und ohne Schluchzer und Weinerlichkeit. Bravissimo! Es galt auch nicht für das Hausdebüt von Anja Harteros als Elisabeth, welche zu Beginn vielleicht noch die Tragfähigkeit der Stimme etwas abtastete, doch dann zu geradezu überirdisch leuchtenden, engelsgleichen Phrasen fand. Und es galt auch nicht für Matti Salminen (Philipp), welcher wohl noch am stärksten durch die Grippe gezeichnet war und doch mit konstanter und bewegender Intensität in die Psyche des vereinsamten Monarchen einzudringen vermochte. Vielleicht verschwand gerade durch die Indisposition die manchmal bei ihm etwas übertrieben wirkende Aspiration der Konsonanten. Dadurch wurde zwar seine Diktion verschwommener, sein Gesang aber gewann. Doch leider sangen die anderen Sänger zum Teil so laut, dass sie das nicht kleine Orchester mit ihren - zum Teil zwar stupenden - Gesangskünsten einfach zudeckten. So der Rodrigo von Massimo Cavalletti: Seinen noblen Bariton  blähte er in seiner Sterbeszene dermassen auf, dass man die herrlichen Einzelleistungen des Orchesters kaum mehr wahrnehmen konnte. Alfred Muff als Grossinquisitor versuchte sich durch die Lautstärke Respekt zu verschaffen und blieb deshalb der bezwingenden Dämonie des Charakters einiges schuldig. Und auch Vesselina Kasarova neigte wieder stärker zu ihren Manierismen, dem unmotivierten Setzen von gellenden Sforzati und Acuti. Eigentlich hätte man sich von dieser an Mozart und Rossini geschulten Stimme vor allem bei der Schleierarie mehr Raffinesse und Souplesse gewünscht und erwartet, doch wurde man über weite Strecken enttäuscht. Auch das O don fatale geriet stellenweise ausser Rand und Band. Daneben erklangen jedoch auch wieder ganz exquisite Passagen, liess sie ihr eigentlich sehr apartes und hoch spannendes Timbre aufblitzen. Warum sie die Eboli insgesamt eher als Jezibaba, Elettra oder Hexe von Endor anlegte, wurde nicht einsichtig. Auch der Auftritt des Frate (Karl V.) von Pavel Daniluk im zweiten und im letzten Bild hinterliess einen intonatorisch leicht getrübten Eindruck. Benjamin Bernheim brillierte einmal mehr in seinen kurzen Auftritten als Graf Lerma, Bettina Schneebeli war eine herbe Tebalda (o) und Sen Guos Einwürfe als Voce dal Cielo waren wahrlich himmlisch.

A whiter shade of pale hiess ein populärer Song der Gruppe Procol Harum in den Sechzigerjahren. A darker shade of black trifft auf das Inszenierungskonzept von Sven-Eric Bechtolf auf der düsteren und mit nur wenig Versatzstücken möblierten Bühne von Rolf Glittenberg zu: ein paar Treppenstufen, drei Todeszypressen, das vergoldete Skelett von Karl V., ein paar Stühle, ein Scheiterhaufen aus riesigen weissen Kreuzen, ein Gitter für den Kerker, ein Gemälde des Gekreuzigten. Immer wieder verengen lautlos schliessende Schiebewände unseren Blick auf die Bühne oder schränken die Sicht der Protagonisten auf das Geschehen ein. So entstehen wunderbar ausgeleuchtete, konzentrierte Räume, Enge und Weite werden beinahe physisch spürbar. Die Personen und der Chor werden oft streng symmetrisch angeordnet. Das höfische Zeremoniell, die vorgegebenen Strukturen der Religion lassen kein Ausbrechen der Gefühle zu. Wie von emotionaler Eiseskälte erstarrt bewegen sich die Handlungsträger - statisch, frontal zum Zuschauerraum singend. Die herrlich gearbeiteten und an die steife Epoche der spanischen Renaissance gemahnenden Kostüme von Marianne Glittenberg enthalten ebenfalls alle Schattierungen von dunkelgrau bis schwarz, mit wenigen Goldtönen für das Königspaar und die Livreen der Granden. Die Kleider erlauben keine spontanen Gefühlsaufwallungen, keinen Ausbruch aus der aufoktroyierten Frömmigkeit (die erhobene Faust Philipps gegen den Grossinquisitor ist schon das höchste der Gefühle und wird auch sofort wieder zurückgenommen), keine Berührungen und letztlich auch keine Interaktion. Einzig in der grossen Szene der Ketzerverbrennung wird eine leicht interpretatorische Handschrift des Regisseurs offenbar, als sich die verschleierten und jeglicher Individualität beraubten Damen mit den flandrischen Gesandten solidarisieren. Akt für Akt bewundert man die hoch ästhetischen Bilder, doch die Emotionalität, welche eben auch Musiktheater ausmacht, muss man sich einzig und allein aus der Musiksprache des Komponisten und deren Interpretation durch die Künstler holen. Trotzdem - und das ist Bechtolf und seinem Team hoch anzurechnen - bleibt man konzentriert und auf die Bühne fixiert. Doch leise schleicht sich auch der böse Gedanke ein, ob man das Ganze denn nicht auch mit ein paar hübschen Projektionen halbszenisch (und damit billiger) hätte aufführen können. Bechtolf hat im Vorfeld und im Programmheft betont, dass eine Übertragung in eine andere Geschichte oder Zeit nicht denkbar sei. Sie ist es, das haben z.B. Bieito in Basel, Konwitschny in Hamburg und Wien oder Wieler/Morabito in Stuttgart überzeugend und ungemein packend bewiesen.

Anmerkung am Rande: Unter den begeisterten Premierenbesuchern im ausverkauften Haus befand sich auch die wunderbare Sophia Loren.

Werk:

Verdi hatte bereits bei drei anderen Opern Dramenstoffe von Schiller verwendet, nämlich bei GIOVANNA D'ARCO, I MASNADIERI und LUISA MILLER. Doch bei diesen Frühwerken handelte es sich zum Teil um recht grobe, unausgegorene Adaptionen der Vorlagen. Nicht so bei DON CARLO – diese ist nicht nur Verdis längste Oper (inklusive der Ballettmusik und der schon vor der Uraufführung gestrichenen Szenen kommt sie auf eine Spieldauer von weit über vier Stunden), sondern auch seine politischste und in ihrer Enstehungs- und Bearbeitungsgeschichte komplexeste. Nachdem DON CARLO in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wenig, und wenn, dann in der Mailänderfassung gespielt wurde, setzten sich die Dirigenten Sir Georg Solti und Carlo Maria Giulini für die fünaktige Fassung ein und spielten sie auch auf Schallplatte ein. Von Claudio Abbado, Antonio Pappano und Bertrand de Billy liegen zudem komplette Einspielungen der fünfaktigen französichen Urfassung vor, unter der Leitung von James Levine ist eine DVD mit der fünfaktigen Modena Fassung erhältlich (inklusive des Holzfällerchores, welcher nun auch in Zürich zu erleben sein wird).

Verdi komponierte die Oper als Auftragswerk für Paris. Die Tradition der Grand Opéra verlangte natürlich auch nach einer Balletteinlage. Verdi konnte sich mit dieser französischen Tradition nie recht anfreunden, so wurde das Ballett dann auch schon zusammen mit einigen anderen – wichtigen! - Szenen vor der Uraufführung gestrichen.

Verdis DON CARLO stellt einen Höhepunkt in seinem reichhaltigen Schaffen dar, eine Oper, bei der das Politische auf unausweichliche Art mit dem persönlichen Schicksal der Betroffenen verstrickt ist. In grossangelegten Szenen gelingt es dem Meister, tief in die Seelen und Charaktere der Protagonisten einzudringen, was zu erschütternden, aufrüttelnden musikalischen Momenten und tief bewegender Anteilnahme am tragischen Schicksal aller Involvierten führt. Herausragend sind die psychologisch spannend gebauten, reigenartigen Duette (Elisabeth-Carlo, Carlo-Rodrigo, Rodrigo-Philipp, Philipp-Grossinquisitor). Wie Schiller ging es Verdi nicht um historische Genauigkeit sondern um beispielhafte Schilderung menschlicher und politischer Konflikte. Verdi hat es einmal treffend so formulierte: „Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser.“

Inhalt:

Prinzessin Elisabeth von Valois trifft im Wald von Fontainebleau auf hungernde Holzfäller. Sie darf verkünden, dass durch die Unterzeichnung des Ehevertrags mit dem spanischen Infanten Don Carlo ein Frieden mit Spanien besiegelt werden soll. Don Carlo befindet sich inkognito in Frankreich um seine Zukünftige kennen zu lernen. Die beiden verlieben sich ineinander. Da erscheint Graf Lerma und verkündet, dass der Friedensvertrag nur unterzeichnet werden könne, wenn Elisabeth Carlos Vater, Philipp II. Von Spanien, heirate. (Elisabeth wurde dadurch nach Maria von Portugal, Cousine des Königs und Mutter von Carlo und der englischen Königen Maria I, genannt Bloody Mary [eine Tante Philipps], zur dritten Gemahlin des spanischen Herrschers.) Leidend willigt Elisabeth in dieses politische Ränkespiel ein.

Don Carlo verzweifelt an den unsäglichen Zuständen am spanischen Hof: Nach wie vor liebt er seine Stiefmutter. Sein Freund Rodrigo, der Marquis von Posa, schlägt ihm vor, als Ablenkung von seinen persönlichen Sorgen, nach Flandern zu reisen, um den dort Unterdrückten beizustehen. Die beiden schwören sich ewige Freundschaft.

Rodrigo fädelt ein heimliches Treffen von Carlos mit Elisabeth ein. Carlos gesteht Elisabeth seine Liebe, doch sie kann nicht aus ihrer Haut als Königin schlüpfen. König Philipp erscheint und ist erbost, die Königin ohne Hofstaat vorzufinden. Als Bestrafung wird die Vertraute Elisabeths nach Frankreich zurückgeschickt. Davon profitiert die in Carlo verliebte Prinzessin Eboli, welche nun näher zu Elisabeth rücken kann. Sie tauscht mit Elisabeth die Maske, um sich dem Trubel um Krönungsfeierlichkeiten zu entziehen. Davon kreigt Carlo nichts mit und gesteht der vermeintlichen Stiefmutter erneut seine Liebe. Eboli will ihn dennunzieren, doch Rodrigo erscheint und hält Eboli in Schach. Carlo händigt Rodrigo (welcher auch die Bewunderung und das Vertrauen des Königs besitzt) verräterische Papiere zum Aufstand in Flandern aus.

Anlässlich eines von der Inquisition anberaumten Autodafés werden Ketzer verbrannt. Falndrische Gesandte bitten um Gnade für ihr Land, werden von Carlo unterstützt. Als Philippp ablehtn, zückt Carlo das Schwert gegen seinen Vater. Rodrigo entwaffnet ihn, Carlos wird verhaftet.

Philipp muss sich eingestehen, dass er ein einsamer alter Mann geworden ist, mit einer Frau an seiner Seite, die ihn nie geliebt hat. Der Grossinquisitor fordert vom König, den allzu liberal gesinnten Rodrigo der Inquisition zu übergeben. Philipp will nicht auch noch seinen letzten Vertrauten verlieren und weigert sich. Der Grossinquisitor droht mit dem langen Arm der Kirche.

Elisabeths Schmuckschatulle ist gestohlen worden. Sie wurde Philipp von Eboli zugespielt, darin befindet sich ein Porträt von Carlos. Philipp verflucht seine Frau. Eboli tritt hinzu und erkennt ihre Schuld (und gibt auch zu, die Mätresse des Königs zu sein). Sie wird von der Königin in ein Kloster verbannt. Doch vorher will sie noch Carlo retten.

Rodrigo wird während eines Besuchs bei Carlo im Gefängnis aus dem Hinterhalt erschossen. Das Volk verlangt vor den Toren, angestachetl von Eboli, die Freilassung des Infanten. Nur dank der Autorität des Grossinquisitors kann ein Aufstand vermieden werden.

Sterbend hat Rodrigo Carlo noch eine Nachricht von Elisabeth überbracht. Sie wartet im Kloster San Juste vor dem Grab Karls V. auf ihn. Die beiden werden vom König und vom Grossinquisitor bei ihrem Date überrascht. Doch da erscheint ein alter Mönch und zieht Don Carlo in das Innere des Klosters. War der Mönch Karl V.?

Musikalische Höhepunkte:

Di qual amor, Duett Elisabeth-Carlo, Akt I

Dio, che nell'alma infonde, Duett Rodrigo-Carlo, Akt II

Nel giardin -del bello Saracin, Schleierarie der Eboli, Akt II

Ed io, che tremava al suo aspetto, Terzett Eboli-Carlo-Rodrigo, Akt III

Autodafé, Akt III, mit der wunderbaren Stimme von oben

Ella giammai mi amò, Arie Philipp Akt III

Nell' ispano suo, Szene Philipp-Grossinquisitor, Akt III

O don fatale, Arie der Eboli, Akt III

Per me giunto, Arie und Szene Rodrigo-Carlo, Akt IV

Tu che le vanità, Arie der Elisabeth, Akt V

Dirigent: Zubin Mehta | Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf

Anja Harteros (Elisabetta di Valois), Vesselina Kasarova (La Principessa d'Eboli), Bettina Schneebeli (Tebaldo, Paggio di Elisabetta), Sen Guo (Una voce dal cielo); Matti Salminen (Fillippo II), Fabio Sartori (Don Carlos), Massimo Cavalletti (Rodrigo, marchese di Posa), Alfred Muff (Il Grande Inquisitore), Pavel Daniluk (Un frate), Benjamin Bernheim (Il conte di Lerma/ un araldo reale)

Premierenapplaus (Video)

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