Zürich: DIE STADT DER BLINDEN, 12.11.&17.11.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die Stadt der Blinden

Oper in fünf Akten | Musik: Anno Schreier | Libretto: Kerstin Maria Pöhler, nach dem gleichnamigen Roman des Nobelpreisträgers José Saramago | Uraufführung: 12. November 2011 in Zürich | Aufführungen in Zürich: 12.11. | 15.11. | 17.11. | 25.11. | 4.12.2011

Kritik:

Immer mal wieder haben Komponisten Romane, Versromane oder Erzählungen als Stoff für Bühnenwerke ausgesucht: Die bekanntesten sind wohl im 19. Jahrhundert Verdis TRAVIATA (Dumas), Tschaikovskys EUGEN ONEGIN (Puschkin), die Bearbeitungen von MANON (Abbé Prévost) von Puccini, Massenet (und Henze mit BLOULEVARD SOLITUDE), im 20. Jahrhundert Brittens TOD IN VENEDIG (Thomas Mann), PETER GRIMES (Crabbe) und BILLY BUDD (Melville), Miecyslaw Weinbergs PASSAGIERIN (Posmysz) und DER IDIOT (Dostojewsky), welcher auch von Edwin Carr vertont wurde, Shostakovich mit der NASE (Gogol), Delius mit ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE (Keller), Janáček mit KATJA KABANOWA (Ostrowski) und dem TOTENHAUS (Dostojewsky). Ausser Verdi war jedoch kaum einer war so nahe an der Gegenwartsliteratur wie nun Anno Schreier mit DIE STADT DER BLINDEN. Ihm und seiner Librettistin Kerstin Maria Pöhler ist das Kunststück gelungen, den packenden 400seitigen Roman des Nobelpreisträgers José Saramago in eine konzentrierte und beklemmende musikdramatische Form zu giessen, welche mit ihren gut zwei Stunden Spieldauer auch Zuschauern, welche die Vorlage nicht kennen, den Zugang zu diesem literarischen Meisterwerk zu eröffnen. Das ist vom ersten Aufheulen der Sirenen bis zum berührend schön inszenierten Schluss (Regie: Stephan Müller) aufrüttelndes, ergreifendstes Musiktheater. Schreiers Tonsprache bleibt dabei dem Ohr trotz ihrer raffiniert gestalteten Komplexität leicht zugänglich (ohne bloss gefällig zu sein), lässt an entscheidenden Stellen eindeutig dem Gesang den Vortritt, das grosse Orchester und das Schlagwerk werden dezent und stets transparent eingesetzt, oft sind nur einzelne Instrumente oder Instrumentengruppen zu hören, so die verlorenen, dumpfen Streicherklänge, welche die Momente unheimlicher Stille oder gespannten Wartens auf den Schrecken, der da kommen wird, wiedergeben. Immer wieder flackert Erinnerung an bessere Zeiten oder Hoffnung auf ein Ende des Terrors in traditionell melodiösen, warm intonierten Ariosi auf (Arztehepaar, Frau des ersten Blinden, schielender Knabe). Daneben hat Schreier aber auch der situativen Schrillheit, der Atem- und Ruhelosigkeit von Saramagos ohne Redezeichen geschriebenem Roman Ausdruck verliehen. Da sind Tutti-Szenen von ungemein fesselnder Intensität zu sehen und zu hören, so wenn der Platz im Internierungssaal immer enger wird. Scharfe, peitschende Akkorde schrecken auf, lang gehaltene Töne fahren durch Mark und Bein; dann gibt es wieder beinahe oratorienhaft anmutende Lamenti, Kanons, Choral artige Passagen oder abgeklärte, ruhig vorgetragene Erzählungen (der alte Blinde). Verzweiflung äussert sich in extremen Intervallsprüngen (Frau des Augenarztes), bevor sie sich zum Mord am Tyrannen durchringt. Hysterische Koloraturen des Zimmermädchens („Essen um zu sterben“) vermitteln eindrücklichst die aufgewühlten Gefühle der Frauen, welche sich in ergreifender Selbstaufopferung den Vergewaltigern hingeben. (Hier hätte die Librettistin durchaus noch differenzierter auf die Argumentationskette zwischen Frauen und Männern eingehen können, diese wichtige Szene wurde zu rasch abgehandelt. Dafür hätte man im Verlauf des Stücks auf einige unnötige Textwiederholungen verzichten können.) Der Mord schliesslich passiert nicht auf offener Bühne, sondern in der Pause. Danach sehen wir die blutbesudelte Frau des Augenarztes die Bühnenelemente erklimmen, zu Klängen wie sie Strauss für ELEKTRA komponiert hatte. Das Ende kommt dann schnell: Ein grossangelegtes Intermezzo sinfonico leitet den Schlussakt ein, in welchem freudige Duette (junge Frau – alter Mann), zarte Einwürfe des Knaben und die Schuld-Arie der Frau des Augenarztes die musikalischen Pfeiler bilden. Viel Raum (im Vergleich zum Roman) nimmt hier die wiedererlangte Sehkraft der Protagonisten ein, die Schlussworte der Frau des Augenarztes sind praktisch wörtlich aus der Vorlage übernommen, werden jedoch von den verschwommenen Motiven der Erblindung im Orchester in Frage gestellt.

Das Opernhaus Zürich hat die Produktion dieser Uraufführung ausschliesslich mit hervorragenden hauseigenen Kräften besetzen können: Sandra Trattnigg als Frau des Augenarztes muss man erlebt haben. Ihr schlank geführter, aber nichtsdestotrotz extrem durchschlagskräftiger, dynamisch fein abgestuft eingesetzter Sopran ist ein Ereignis. Mit viel Wärme in der Stimme gestaltet Reinhard Mayr den Augenarzt. Sen Guo besticht als sich für die Gemeinschaft aufopferndes Zimmermädchen einmal mehr mit glasklaren Koloraturen, gepaart mit erschütternder Hysterie. Rebeca Olvera verleiht der einfühlsamen jungen Frau berührend humane Züge (wobei ihr Beischlaf mit dem Augenarzt im Libretto ausgeblendet wurde). Morgan Moody und Irène Friedli zeigen als Erster Blinder und seine Frau auf anrührende Art die Komplexität ihrer Beziehung unter diesen extremen Bedingungen. Peter Sonn als Autodieb und Frauenbegrapscher gestaltet seine Rolle ebenso intensiv wie die sich als ruchlose Wegelagerer und Vergewaltiger aufspielenden Männer aus dem andern Schlafsaal (Andreas Hörl, Andreas Winkler). Besonderes Lob verdienen auch Thomas Tatzl als Taxifahrer, Valeriy Murga als alter Mann und vor allem Naomi Rhomberg als schielender Junge sowie die zahlreichen Mitglieder des IOS. Zsolt Hamar am Pult des Orchesters der Oper Zürich sorgt für eine ungemein spannende Wiedergabe der beredten Musiksprache aus dem Graben, welche von den Musikerinnen und Musikern mit reichhaltiger Farbenpracht zum Klingen gebracht wird. Für die Inszenierung konnte man Stephan Müller gewinnen. In der Zusammenarbeit mit Michael Simon (Bühne und Licht), Carla Caminati (Kostüme), Elfried Roller (Licht) und Chris Ziegler (Video) entstand eine eindrückliche, beunruhigende und nachdenklich stimmende, präzise Inszenierung dieser Metapher über das zeitweilige Blindsein, das unermessliche, abgründige Grauen und die diffusen Ängste, welche wohl in uns allen stecken.

2. Besuch: 17.11.2011

Der erste Eindruck hat sich mehr als bestätigt: Ein Werk, dem man nur wünschen kann, dass es seinen Platz im Repertoire finden wird. Die Akte IV und V wirkten noch intensiver und eindringlicher als bei der Uraufführung, das Suchende in den Seelen der Menschen fand auch seinen musikalischen Ausdruck in den Akten I bis III, welche erneut sehr beklemmend gerieten. Sandra Trattnigg sang wiederum mit berührender Eindringlichkeit und einer schon beinahe ätherischen Reinheit des Ausdrucks. Ich habe es keine Minute bereut, das Werk des viel versprechenden Komponisten Schreier ein zweites Mal gehört und gesehen zu haben. Auch die tief bewegende Regiearbeit und die raffinierte Lichtkonzeption bescheren einen aussergewöhnlich aufrüttelnden Opernabend. HINGEHEN!!!

Fazit:

Der junge Komponist Anno Schreier erweist sich als ungemein bühnenwirksam denkender und arbeitender Musikdramatiker. Nicht verpassen, leider nur noch vier Vorstellungen, davon drei zu Volksvorstellungspreisen!

Inhalt: Der Komponist über seine Oper:

«In der STADT DER BLINDEN erzählen wir eine Parabel über das Zusammenleben von Menschen unter Extrembedingungen, unter dem Einfluss einer unvorhergesehene Katastrophe – so ähnlich, wie wir es oft in den Nachrichten hören und lesen. Doch hier ist es nicht Krieg, Naturkatastrophe oder nukleares Desaster, was die Menschen bedroht. Hier steckt die Katastrophe in den Menschen selbst: Ihnen ist die Fähigkeit zu sehen genommen worden. Sie blicken in blendendes Weiss und sind gänzlich einander und ihrer Umwelt ausgeliefert. Es ist wie eine Versuchsanordnung: Von der Staatsgewalt in einem Isolationslager zusammengepfercht und sich selbst überlassen, bilden die Blinden eine Art Miniatur-Gesellschaft, aus der schliesslich im Kampf ums blanke Überleben eine Tyrannei wird. Eine einzige Sehende ist unter den Blinden: Die Frau eines Augenarztes, die bei ihrem erblindeten Mann bleiben will. Sie hätte das Zeug zur Heldin, begeht schliesslich den – vermeintlich – befreienden Tyrannenmord, bleibt aber allein mit ihrer Schuld und den Erinnerungen an das, was sie als Einzige ansehen musste. In dieser Versuchsanordnung erscheinen alle menschlichen Gefühle, Verhaltensweisen und Charakterzüge – gute wie schlechte – wie unter einem monströsen Vergrösserungsglas. Normale Menschen ‹wie du und ich› werden so zu Opernfiguren – zu Helden und Tyrannen, zu Verzweifelten, Hoffenden und Liebenden. Denn das ist es, was uns auf der Opernbühne bewegt und mitreisst: Menschen, die extremen Situationen und extremen Gefühlen ausgeliefert sind – so extrem, dass ihnen als Ausdrucksmöglichkeit nichts anderes mehr bleibt als der Gesang.» Anno Schreier

Werk:

Die Oper ist eine Auftragskomposition des Opernhauses Zürich. Der 1979 in Aachen geborene Anno Schreier gewann 2009 den Kompositionswettbewerb TEATRO MINIMO hier in Zürich (oper-aktuell hat darüber berichtet und auch schon damals aus den späteren Gewinner gesetzt!) Schreiers Musik steht (gemäss Einschätzung des Dirigenten Zsolt Hamar) in der Tradition eines Wagner, Mahler, Bartok oder Henze. Er setzt auf das grosse Orchester, ungewöhnliche Kontrastwirkungen, zum Beispiel Pauke mit Koloratursopran. Das Orchester drückt oft eine Art Subtext aus, welcher das Geschehen auf der Bühne manchmal ironisch kommentiert, manchmal aber auch lautmalerisch verdoppelt. Bei der Umsetzung des Stoffes haben die Librettistin und der Komponist sich auf diejenigen Situationen des rund 400seitigen Romans konzentriert, in welchen die Gefühlssituationen am extremsten sind und beim Aufeinandertreffen zu den grössten Reibungen führen. So erhalten die Personen der Handlung Gelegenheit zu Reflexionen, wie dies seit jeher in der Gattung Oper gemacht wurde.

Saramago erteilte kurz vor seinem Tod dem Komponisten die Rechte zur Komposition.

Der Roman wurde auch von Fernando Meirelles (mit Julianne Moore, Danny Glover und Mark Ruffalo) verfilmt.

Saramagos Roman stellt eine Art Antwort auf Camus' DIE PEST dar: Die Blindheit ist bei ihm in doppelter Hinsicht eine Metapher; einerseits stellt sie die zunehmende Unfähigkeit der Menschen dar, Gut und Böse zu unterscheiden, andererseits zeigt sie die Immanenz von Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit im modernen Alltag.

2004 veröffentlichte Saramago mit DIE STADT DER SEHENDEN eine Fortsetzung des Romans, welche vehement Kritik an den Institutionen westlicher Demokratien übte. Einige Protagonisten aus der STADT DER BLINDEN treten auch in diesem Roman auf.

Saramago war stets ein überzeugter und auch unorthodox denkender Linker. So sprach er sich zum Beispiel gegen den EU Beitritt Portugals und Spaniens aus (aus heutiger Sicht durchaus nachvollziehbar ...) und befürwortete eine Union der beiden iberischen Länder.

Schlussapplaus (Video)

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