Zürich: DIE SCHWEIGSAME FRAU, 19.12.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die schweigsame Frau

Komische Oper in drei Aufzügen |

Musik: Richard Strauss |

Libretto: Stefan Zweig |

Uraufführung: 24. Juni 1935 in Dresden |

Aufführungen in Zürich: 19.12. | 23.12.2010 | 2.1. | 6.1. | 8.1. 2011

Kritik:

Eine rundum geglückte und beglückende Wiederaufnahme von Strauss' viel zu selten gespielter komischer Oper konnte man an diesem Sonntagnachmittag im Opernhaus Zürich erleben: Peter Sonn zeigte mit seinem begeisternden, strahlkräftigen Rollendebüt als Henry, dass Strauss sehr wohl auch für Tenöre schreiben konnte. Überwältigend geriet seine Liebeserklärung an Aminta im dritten Akt, ergreifend sein Arioso "Teurer Ohm". Kurt Rydl scheint die Rolle des Sir Morosus auf den Leib geschrieben zu sein, mit der unglaublichen Plastizität seines profunden Basses gestaltete er zum Beispiel den "Glockenmonolog"; Elena Mosuc glänzte als Aminta mit exzellenter Stimmführung, fulminanten Spitzentönen und zusammen mit Peter Sonn mit berührender Tongebung im Duettfinale des zweiten Aktes. Ihre kunstvollen Koloraturen krönten die "Monteverdi"-Arie im dritten Akt. Maestro Peter Schneider und das grossartig und mit fantastischer Präzision aufspielende Orchester der Oper Zürich(z.B. im fugierten Vorspiel des dritten Aktes!) loteten die vertrackte, farbenreiche Komposition vortrefflich aus, legten Schichten offen und fügten sie wieder zu einem funkelnden Ganzen zusammen und liessen die herrlichen Kantilenen wunderbar aufblühen. Daneben wurde viel Humor versprüht, oder es rumorte ganz gewaltig, wenn Morosus, dem Suizid nahe, seine psychische Verfassung offenbarte.

Die herrlich singende und spielfreudig agierende Komödiantentruppe des Henry (Irène Friedli - mit an Gotthelf erinnerndem Berndeutsch - als Carlotta, Christiane Hossfeld als sich atemlos aufspielende Isotta, Gabriel Bermúdez, Reinhard Mayr und Andreas Hörl) sowie Oliver Widmer als manchmal mürrisch-bärbeissiger, etwas spröde wirkender Barbier und Katharina Peetz als unaufhörlich munter plappernde Haushälterin ergänzten das hockkarätige Ensemble aufs Vortrefflichste. Eine unaufgeregte, auf plumpen Slapstick verzichtende Inszenierung (Jonathan Miller, Spielleitung Aglaja Nicolet) mit einem geschmackvollen Bühnenbild (Peter J. Davison) und ebensolchen Kostümen (Sue Wilmington) runden den trefflichen Gesamteindruck ab. Und ganz berührend dann der Schluss - doch der sei hier nicht verraten.

Sicher, an manchen Stellen ist Zweigs an sich kunstvolles Libretto zu geschwätzig geraten, versiegt auch Strauss' Inventionskraft. Doch entschädigen die quecksilbern daherspringenden Ensembleszenen und delikat aufblühenden Kantilenen dann gleich wieder für entstandene Längen. So zum Beispiel im herrlichen Sextett im zweiten Akt, wenn sich Elena Mosucs Stimme so himmlisch rein über die anderen hochschwingt. 

Im wie immer äusserst informativ gestalteten Programmheft lässt sich der Briefwechsel zwischen Strauss und Zweig nachlesen, sowie Stefan Zweigs Erinnerungen an die Zusammenarbeit und an die Widrigkeiten und Gemeinheiten im nationalsozialistisch verseuchten Deutschland.

Für die weiteren Vorstellungen gibt es noch ausreichend Karten. Nicht verpassen!

Werk:

Strauss' DIE SCHWEIGSAME FRAU ist seine einzige Oper, welche den Untertitel „komische Oper“ trägt. Sie ist in einem buffonesken, flüssigen Parlandostil gehalten, erinnert in vielerlei Hinsicht an Donizettis DON PASQUALE oder Rossinis BARBIER. Wie eine richtige Buffo-Oper enthält sie geschlossene Gebilde (die Canzonen des Barbiers, die Arie des Henry, die Musikunterrichtsszene mit der Arie der Aminta etc.), daneben sind vor allem die kunstvollen Aktschlüsse musikalisch interessant: Der erste Akt schliesst mit einem beinahe anarchistisch zu bezeichnenden tumultösen Finale, der zweite mit berückendem Schönklang und der dritte mit Morosus' Monolog: „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!“

Bei Fachleuten ist die Qualität der Partitur umstritten, zu vieles habe der Komponist darin verpacken wollen, von Monteverdi-Zitaten über Weber, Wagner und Verdi. Zudem leide das Libretto an unüberhörbaren Längen. Strauss gestand selber ein, dass ihm das Komponieren nicht mehr so mit der Leichtigkeit der frühen Jahre von der Hand ging.

Beim Publikum hingegen finden Aufführungen der SCHWEIGSAMEN FRAU stets grossen Anklang. Nach der Uraufführung (Karl Böhm, mit Kurt Böhme, Maria Cabotari und Erna Sack) wurde sie in Deutschland von den Nazis verboten (da das Textbuch von einem Juden, Stefan Zweig, stammte). Strauss trat darauf als Präsident der Reichsmusikkammer zurück.

Inhalt der Oper:

Admiral a.D. Sir Morosus leidet aufgrund eines Hörschadens unter extremer Lärmempfindlichkeit. Er wünscht sich nichts sehnlicher als eine „schweigsame Frau“. Unter Mithilfe des Barbiers verhilft ihm sein Neffe Henry zu einer solchen Gemahlin: Henrys Komödienkumpane inszenieren ein gekonntes Intrigenspiel. Morosus entscheidet sich für die schüchterne Timida, welche eigentlich Henrys Gattin Aminta ist. Ein falscher Pfarrer traut das Paar. Doch kaum verheiratet, entpuppt sich die ehemals Schüchterne als wahre Furie und bringt den ganzen Haushalt von Sir Morosus durcheinander. Morosus will sich umgehend wieder scheiden lassen. Sein Neffe ist ihm wiederum dabei behilflich. Nach langem Hin und Her fallen endlich die Masken: Timida beteuert, nie einen anderen als ihren Ehemann geliebt zu haben – und dieser Ehemann war und ist niemand anders als Henry selbst. Morosus macht gute Miene zum bösen Spiel, sinkt erleichtert in seinen Lehnstuhl und geniesst die wiedergewonnene Ruhe.

Informationen und Karten