Zürich: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER, 09.12.2012&17.1.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Der fliegende Holländer

Romantische Oper in drei Aufzügen | Musik: Richard Wagner | Text: vom Komponisten | Uraufführung: 2. Januar 1843 in Dresden | Aufführungen in Zürich: 9.12. | 12.12. | (15.12.Achtung: Gastspiel in LONDON) | 19.12. | 23.12. | 26.12. | 29.12.2012 | 2.1. | 5.1. | 11.1. | 17.1. | 23.1. | 3.7. | 5.7.2013 (Bryn Terfel Titelrolle am 9, 12, 15, 19 Dez; 5, 11, 17, 23 Jan; 3, 5 Jul; Terje Stensvold am 23., 26., 29. Dez und am 2. Jan)

Kritik:

Entrüstet, ja geradezu cholerisch reagiert er, der potente Grossreeder Daland von Matti Salminen, als er erfahren muss, dass eines seiner Schiffe den sicheren Hafen nicht mehr planmässig erreichen kann. Diese Meldung bringt sein Weltbild ins Wanken – Matti Salminen stellt diesen mächtigen Chef (der offensichtlich auch mal Seefahrer und Abenteurer war) grossartig dar, nutzt all seine jahrzehntelange Rollenerfahrung und kann damit richtiggehend „spielen“, jedes Wort, jede Phrase wird genauestens ausgekostet, kriegt eine unglaubliche Plastizität des Ausdrucks. Ja, er kann richtig wütend werden, dann aber wieder den fürsorglichen Chef herauskehren oder den gierigen Unternehmer, der den Hals nicht voll genug kriegen kann und dazu sogar bereit ist, seine Tochter zu verhökern. Der Holländer breitet nonchalant, mit beinahe wegwerfender Geste seine Schätze aus, Daland grapscht verzückt danach.

Nicht kontrollierbare, irrationale Mächte brechen also in sein doch so rational beherrschbar geglaubtes Imperium ein. Aus dieser via Telegraph übermittelten Schreckensmeldung heraus entwickelt der Regisseur (und Intendant des Opernhauses Zürich) Andreas Homoki das packende Musikdrama von Richard Wagner: Genau gezeichnete Charaktere und eine geradezu beispielhafte Personenführung des klanggewaltig singenden Chores (inklusive Chorzuzüger, Einstudierung Jürg Hämmerli) prägen den hoch spannenden Abend. Die dem Werk innewohnende Schauerromantik kommt dabei genauso zu ihrem Recht wie die genau analysierten Beziehungen zwischen den Personen mit all ihren Bedürfnissen, Forderungen, Erwartungen und Träumen. Der Bühnen- und Kostümbildner Wolfgang Gussmann hat zusammen mit Susana Mendoza die Handlung in der industrialisierten, kapitalistischen Welt zur vorletzten Jahrhundertwende angesiedelt. Dazu wurde ein riesiges, holzvertäfeltes Kontor entworfen: In der Mitte steht ein gewaltiger Kubus mit abgeschrägten Kanten auf der Drehbühne, an den Wänden prangen naturalistische Sturmgemälde, hängen Karten des afrikanischen Kontinents, dessen Bodenschätze anscheinend von Dalands Reederei sehr gewinnbringend geplündert werden. In diesem Einheitsbühnenbild nimmt nun der Schrecken seinen Lauf: Mit den verblüffenden, rätselhaften Auftritten des Holländers in seinem dicken, schwarzen Pelzmantel tritt das Übersinnliche, nicht Fassbare in diese biedere, nur dem Profit verpflichtete Welt und wirft die eh schon unangepasste Senta in einen kaum zu bewältigenden Gefühlstaumel. Doch nicht nur sie, auch die überheblichen, rassistischen Übergriffen nicht abgeneigten Angestellten Dalands werden mit dem Grauen konfrontiert, indem nämlich nicht ein Geisterschiff auftaucht, sondern sich vom Zentrum des afrikanischen Kontinents aus ein Flächenbrand, ja ein Weltenbrand entwickelt – eine geradezu apokalyptische Schreckensvision für die sich imperial gebärdenden Europäer. Der misshandelte schwarze Sklave kehrt als furchterregender Schamane wieder und erledigt seine Peiniger mit Pfeilen. Dies alles kann Homoki schlüssig und spannend erzählen, so ergeben sich in dieser pausenlos gespielten Wagner Oper keine Längen, man wird atemlos in den Strudel gerissen, ja fühlt sich stellenweise gar als Teil der Handlung – so sehr, dass es am Ende einige Schrecksekunden dauert, bis nach Sentas Selbstmord der enthusiastische Applaus einsetzt. Einen besseren Beweis für die Wirksamkeit und Relevanz der Inszenierung kann es kaum geben.

Musikalisch bleiben kaum Wünsche offen. Neben dem bereits erwähnten, grossartigen Matti Salminen agieren Sängerinnen und Sänger von bestechendem Format auf der Zürcher Bühne. Besonders entgegengefiebert hat man dem ersten Auftritt des Walisers Bryn Terfel in der Titelrolle. Mit fahler, beinahe unhörbarer Stimme (und den ganzen Abend hindurch exzellenter Diktion)  beginnt er seinen Monolog Die Frist ist um, macht die Gebrochenheit und schon fast apathische Verzweiflung des Unsterblichen zu einem unter die Haut gehenden Erlebnis, steigert sich dynamisch grandios abgestuft bis zur durch Mark und Bein gehenden Beschwörung des Jüngsten Gerichts. Dies alles wirkt in keinem Moment manieriert, sondern ist ganz aus der tiefgründigen Durchdringung des Textes und der Figur herausgearbeitet. Bryn Terfel kann kraftvoll kontrolliert dröhnen, tonlos spöttisch säuseln, unheimlich wüten und gebieterisch lieben – er erreicht mit seinem äusserst klug und präzise eingesetzten und mit wohldosierter Kraft geführten Bassbariton eine geradezu unheimliche Bühnenpräsenz. Mit Anja Kampe als Senta steht ihm eine ebenso grandiose Senta zur Seite. Bereits während seines Monologs im ersten Aufzug schreitet sie stumm über die wie Leichen auf einem Schlachtfeld daliegenden Angestellten der Reederei, weigert sich im zweiten Aufzug die Arbeit als Sekretärin zu verrichten und steigert sich lieber in ihren Tagtraum von der Weltflucht mit dem Holländer hinein. Das Tempo ihrer eindrücklich vorgetragenen Ballade ist zwar eher getragen, doch bleibt der Spannungsaufbau bis zur dritten Strophe erhalten, ja die zuhörenden Tippsen geraten darob selbst in Verzückung. Als Zeichen ihrer Rebellion entledigt sie sich des Rocks, steigt im Unterrock auf den Schreibtisch. Nach der eher langsam dirigierten Ballade wirkt nun das vom Dirigenten angezogene Tempo, welches die bejubelte Ankunft des Schiffes mit herrlichem Frauengeschnatter untermalt, um so sinniger. Zum Höhepunkt der Oper, dem wunderbaren Duett Senta-Holländer, setzen sich die beiden bereits wie ein alt vertrautes Ehepaar auf eine Ledercouch und verfallen in die Betrachtung eines Sturmgemäldes. Auch hier steigern sich beide Sänger fantastisch hochschraubend ins „Weber’sche“ Jubelfinale des Aktes. Hinreissend!

Genau so hingerissen ist man von den Klängen aus dem Orchestergraben, wo Alain Altinoglu und die Philharmonia Zürich mit exzellentem Wagnersound beglücken. Da peitschen die Wogen an die Klippen (zum Glück wird die Ouvertüre vor geschlossenem Vorhang gespielt, so dass man sich voll auf das wunderbar präzise Spiel - vor allem der Bläser – konzentrieren kann), da weht der Sturm, da brodeln die Gefühle, da winkt gefühlvoll intonierte Erlösung. Und doch erreicht Altinoglu mit dem Orchester eine farbenreiche Transparenz, wirkt weder schwer noch schwülstig oder kitschig; immer wieder verblüffen sorgfältig herausgearbeitete Nebenstimmen.

Pech hatte Marco Jentzsch als Erik, welcher sich als leicht indisponiert ansagen lassen musste. Dass er sich trotzdem keine Schonung auferlegte, seine eher helle, leichte und sehr schön timbrierte Stimme vollem Druck aussetzte, ist ihm hoch anzurechnen. Fabio Trümpy war der ideal besetzte Steuermann und Liliana Nikiteanu eine gestrenge Mary. Sie machte das Beste aus einer Partie, welche Wagner leider für Sängerin und Regie etwas undankbar angelegt hatte.

Am Ende wurde man szenisch und musikalisch nochmals überwältigt: Erst durch das Terzett Senta-Holländer–Erik, dann durch die nochmalige Mobilisierung unglaublicher Kraftreserven von Bryn Terfel (Erfahre das Geschick) und schliesslich durch den aufwühlenden Schluss: Senta sieht den Holländer nicht mehr - das Phantom erscheint und verschwindet nach Belieben - sucht verzweifelt nach einem Ausweg und erblickt Eriks Waffe auf dem Boden. Ein Augenblick der Stille und Betroffenheit, bevor der Premierenjubel einsetzt. Weiter so!

... und wer genau hinschaut, wird auch das Schiff mit den blutroten Segeln entdecken!

Fazit: 

Dieser FLIEGENDE HOLLÄNDER ist musikalisch so was von unter die Haut gehend, dass es mit Worten kaum zu beschreiben ist; das MUSS man live erlebt haben. Den Figuren wohnt eine immense Gestaltungskraft inne, die Durchdringung des Textes im Verbund mit der Gesangslinie ist immens. Dazu kommt eine szenische Stimmgkeit, eine musikdramatische Wucht der Inszenierung, welche schlicht und einfach fesselt. Hausherr Andreas Homoki ist mit seiner ersten Regiearbeit in Zürich ein grosser Wurf gelungen. Alain Altinoglu und die Philharmonia Zürich packen mit einer phänomenal interpretierten und fantastisch sauber gespielten Wiedergabe von Wagners aufpeitschender Partitur (Blech -und Holzbläser auf absolutem Weltklasse-Niveau). Einen anderen Holländer als Bryn Terfel möchte man gar nicht mehr erleben - welch eine Stimme, welch eine Empfindsamkeit und durchschlagende Dynamik in der szenischen und gesanglichen Kunst. Anja Kampes Senta und Matti Salminens Daland sind ihm dabei mehr als ebenbürtige Partner. Fesselndes und leidenschaftliches Musiktheater, ein geradezu ekstatischer Wagner. HINGEHEN!

Aufführung vom 17. Januar 2013:

Auch bei der zweiten Begegnung mit dieser Neuproduktion bestätigte sich der positive Gesamteindruck: Der Mystery-Thriller läuft nach wie vor hoch spannend ab, die genaue und detailreiche Personenführung (insbesondere des klangstarken Chores) von Andreas Homoki beeindruckt ebenso wie das aufpeitschende Spiel der Philharmonia Zürich unter Alain Altinoglu. Auch wenn an diesem Abend nicht mehr alle Protagonisten in der selben glänzenden stimmlichen Verfassung waren wie anlässlich der Premiere (Nervosität wegen der Fernsehaufzeichnung?), so darf man doch von einem grossartigen Abend sprechen, einem Abend, der mit seiner Sog- und Klangrauschwirkung tief beeindruckte. Matti Salminens Bass strömte zu Beginn nicht ganz frei, doch dank seiner stupenden Technik und der Rollenerfahrung brachte er sein mächtiges Organ bereits ab Wohl, Fremdling, hab ich eine schöne Tochter wieder ins Lot. Bryn Terfel ist und bleibt ein Erlebnis in dieser Rolle: Der dynamische Spannungsbogen seiner Stimme, die farbenreichen Ausdrucksnuancen sind überwältigend. Anja Kampe geriet die Ballade in der ersten Strophe vielleicht zu Beginn noch nicht ganz wunschgemäss, doch auch sie steigerte sich zusehends in die bedingungslos Liebende hinein, war Terfel eine ebenbürtige Partnerin im ausgedehnten Duett und trumpfte mit durch Mark und Bein gehenden Spitzentönen auf. Fantastisch waren die Tenöre: Marco Jentzsch als heldischer Erik und FabioTrümpy als wunderbar rein die Winde anflehender Steuermann.

Inhalt:

Während eines Sturms geht Dalands Schiff in einer Bucht vor Anker. Die Mannschaft und der wachhabende Matrose schlafen ein, gespenstisch naht sich ein zweites Schiff. Es ist das Schiff des Holländers, der wegen einer Gotteslästerung zu einem ewigen Leben auf See verdammt ist. Nur ein treu ergebenes Weib kann ihm Erlösung bringen. Alle sieben Jahre darf er an Land gehen und sich dieses Weib zu erringen suchen. Daland ist beeindruckt von den Schätzen auf des Holländers Schiff und bietet dem Mann seine Tochter Senta zur Gemahlin an.

Diese ist ganz närrisch nach dem Holländer, welchen sie nur von einem Bild und der Sage kennt. Immer wieder ergeht sie sich in Tagträumen über das Schicksal dieses Mannes. Senta wird aber vorerst vom jungen Jäger Erik umworben, der besorgt die Träumereien seiner Liebsten wahrnimmt. Doch Senta fühlt sich berufen, den „armen Mann“ zu erlösen. Unmutig verlässt Erik das Mädchen, als Sentas Vater mit dem Holländer das Zimmer betritt. Senta weiß nun, dass es ihr bestimmt ist, das Erlösungswerk zu vollbringen. Zwischen ihr und dem Holländer entsteht eine innige Verbundenheit. (Wunderbares Duett!)

Die norwegischen Matrosen bereiten das Fest vor und versuchen auch die Mannschaft des Holländer-Schiffes einzuladen, doch aus dem Schiff schallt ihnen nur beängstigendes, geisterhaftes Dröhnen entgegen, so dass sie entsetzt und verängstigt fliehen. Erik erinnert Senta noch an seine Liebe zu ihr, vergeblich.
Der eintretende Holländer hat das Gespräch belauscht und ist sich sicher, dass auch Senta ihm nicht die erhoffte Treue gewähren können wird. Um sie vor der Verdammnis zu bewahren, erzählt er ihr von seinem Fluch (Erfahre das Geschick, vor dem ich Dich bewahr). Er eilt zu seinem Schiff, um auf ewig unerlöst zu bleiben. Doch Senta setzt ihm nach, verkündet nochmals laut, ihm treu […] bis zum Tod zu sein, und stürzt sich von der Klippe ins Meer. Augenblicklich versinkt das Schiff des Holländers in den Fluten. Der Fliegende Holländer ist erlöst.

Werk:
Zum ersten Mal taucht im FLIEGENDEN HOLLÄNDER Wagners Frauenbild auf: Durch bedingungslose Hingabe und Selbstaufopferung dient das Weib der Erlösung fremder Schuld und dem Heil des Mannes. Sentas Ausbruch aus dem Mief des Kleinbürgertums wirkt zwar revolutionär, doch ihre Entscheidung führt nicht zur Freiheit der Liebe, sondern zur Selbstpreisgabe. Der Rolle des Holländers hingegen enthält die Weltschmerzthematik sowie den Keim des deutschen Irrwegs, der auf Erlösung und Untergang im globalen Vernichtungsrausch und auf Kadavergehorsam abzielt. Seit Siegfried Wagner 1901 den Holländer in Bayreuth pausenlos spielen liess, hat sich diese Version auf den Bühnen durchgesetzt, sie wird dem balladesken Charakter des Werks gerecht. Sentas Ballade steht denn auch im Zentrum, die Erzählung vom fliegenden Holländer wandelt sich nach den ersten beiden Strophen zur Ich-Form, die junge Frau kommt zur vermeintlichen Selbstfindung.

Zwar hört man in Wagners Werk noch Anklänge an Weber und Marschner, an die deutsche Schauerromantik, auch die Nummernoper ist noch nicht komplett aufgebrochen. Doch dominieren neben volkstonhaften Einsprengseln (Lied des Steuermanns, Chöre der Spinnerinnen und der Matrosen) grossartige, durchkomponierte Szenen. So der Auftritt des Holländers und vor allem das mit 422 Takten jeglichen konventionellen Rahmen sprengende Duett Senta-Holländer.

Bereits in der Ouvertüre wird der Charakter des Stückes offenbar: Das Motiv des Holländers mit seinem Quart-Quint Aufstieg, die Sturmakkorde und die bedrohlichen Wellen des Meeres, das Erlösungsmotiv und die Melodien der Matrosen bewirken eine packende, gefährliche Sogwirkung.

Musikalische Höhepunkte:
Ouvertüre
Die Frist ist um, Monolog des Holländers, Aufzug I
Johohoe! Traft ihr das Schiff…, Ballade der Senta, Aufzug II
Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten, Duett Senta-Holländer, Aufzug II
Steuermann, lass die Wacht!, Matrosenchor, Aufzug III
Erfahre das Geschick, Finale Aufzug III

Karten