Zürich: DAS LIED VON DER ERDE | IN THE NIGHT, 02.04.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Das Lied von der Erde | Nocturnes

In the Night |

Choreographie: Jerome Robbins |

Musik: Frédéric Chopin |

Uraufführung: 29. Januar 1970 in New York |

Das Lied von der Erde |

Choreographie: Heinz Spoerli |

Musik: Gustav Mahler |

Uraufführung: 2. April 2011 in Zürich |

Vorstellungen in Zürich: 2. 4. | 3.4. | 6.4. | 8.4. | 10.4.| 14.4. | 17.4. | 30.4 | 1.5. | 12.5. | 29.5. | 19.6.2011

Kritik:

IN THE NIGHT

Welch grosse Vielfalt an tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten die Nocturnes von Chopin enthalten, hat Heinz Spoerli bereits in seiner luftigen Choreographie NOCTURNES zu Beginn dieser Spielzeit gezeigt. Für den letzten Ballettabend der Saison hat er nun erstmals eine Schöpfung des grossen Amerikaners Jerome Robbins nach Zürich bringen können, wunderbar einstudiert von Christine Redpath. Diese zauberhafte, leicht ironisch gefärbte Choreographie entstand ebenfalls zu vier Nocturnes des polnischen Komponisten, wobei nur das erste Stück (op.27, Nr.1) auch bei Spoerli anzutreffen war. Und wieder spielte der Pianist Alexey Botvinov mit berückend zartem Anschlag und grossartiger Phrasierung diese verträumt-schwärmerischen Nachtstücke. Robbins stellt uns drei Paare vor: Im ersten Stück (op.27/1) nähern sich Mann und Frau beinahe schüchtern, leicht verspielt an. Sie erleben das erste Liebesglück, nehmen im Mittelteil den Jubel der Musik in ihren Tanz auf, werden leidenschaftlicher. Giulia Tonelli und Olaf Kollmannsperger tanzen dies mit herrlich weich fliessenden Bewegungen und schnellen, präzisen Schrittfolgen, sie in Mauve, er in Hellblau (Kostüme: Anthony Dowell), darüber der Sternenhimmel. Wunderbar! Das zweite Paar (zu op 55/1) ist gesetzter, reifer, was sich sowohl im streng formalen Tanz als auch in den luxuriösen, bernsteinfarbenen Kostümen ausdrückt. Die Beziehung ist steifer geworden, da ist nichts mehr verspielt, doch der äusserliche Rahmen wird gewahrt, die anspruchsvollen Hebefiguren werden mit absoluter Perfektion ausgeführt. Ab und an blitzt es durch: Da war mal Leidenschaft, doch sie ist einer strengen Sittsamkeit gewichen. Sarah-Jane Brodbeck und Vahe Martirosyan (er wird zusätzlich noch der grosse Solist des zweiten Teils sein) tanzen das Stück mit raumgreifender Eleganz. Das dritte Paar durchlebt die spannendste Phase einer Beziehung: Man kennt sich gut, doch die Entwicklung verläuft nicht mehr parallel. Vor allem die Frau emanzipiert sich, lässt ihren Geliebten auch mal stehen, entwickelt wilde Eigenständigkeit. Das wird ihm zu viel, er läuft weg, überlegt es sich aber, und tanzt energiegeladen und kraftvoll auf sie zu. Sie bittet ihn rührend um Verzeihung, die Leidenschaft lodert erneut auf, aber auch eine berührende Zärtlichkeit. Galina Mihaylova und Arsen Mehrabyan stellen dieses Paar mit grossartiger Virtuosität und eindrücklicher Spannkraft und Frische dar. Ihre Kostüme sind auch hier von auserlesener Schönheit: Sie in trägerlosem Rot, bedeckt mit schwarzem Tüll, er in körperbetontem Anthrazit. Zum wohl bekanntesten und schönsten der 21 Nocturnes von Chopin (op. 9/2 in Es-Dur, welches von Hermann Hesse so treffend in einem Gedicht beschrieben wurde) treten zuerst die Paare eins und zwei auf, wechseln sich mit fantastischer Präzision in den Hebefiguren ab, bevor das eigenwillige Paar drei dazustösst und Höhen und Tiefen einer Beziehung darstellt. Kurz ist der Versuch eines Partnertausches angedeutet, zu einer Berührung kommt es nicht, die drei ursprünglichen Paare entschwinden sanft walzernd im 12/8 Takt. Traumhaft schön!

DAS LIED VON DER ERDE

Während Chopins Klaviermusik eine tänzerische Umsetzung (vor allem wenn sie so gekonnt gestaltet wird wie von Jerome Robbins) beinahe mühelos zulässt, stellt sich die Lage bei Gustav Mahlers Musik nicht ganz so problemlos dar. DAS LIED VON DER ERDE ist ein bewegendes, von Trauer und persönlicher Tragik umflortes Werk. Die sechs sinfonisch auskomponierten, manchmal rätselhaften Texte scheinen nicht gerade zum Tanz einzuladen. Der Zürcher Ballettdirektor Heinz Spoerli hat denn auch bewusst auf eine wortgetreue Darstellung der chinesischen Gedichte verzichtet, welche sowieso kein „Handlungsballett“ zulassen würden. Ebenso hat er - zum Glück - nicht versucht ein Art Mahler Biographie (vor allem seine von gesundheitlichen Problemen und persönlichen Schicksalsschlägen geprägten letzten Monate und Jahre) zu choreographieren. Entstanden ist ist nun eine von den Impressionen aus der musikalischen Sprache Mahlers heraus entwickelte Wanderung eines Mannes (herausragend getanzt von Vahe Martirosyan) ins Jenseits, eine Art Transformation. Der dramaturgische Faden scheint manchmal zu reissen, doch die Enden verknoten sich immer wieder. Das erste Bild zeigt eine weissgekleidete Gruppe hübscher Männer, welche verspielte Gymnastik betreiben (erinnert an Jünglinge in TOD IN VENEDIG) und virtuos mit Bänken hantieren. Doch einer von ihnen ist krank, begegnet dem Tod (bedrohlich und düster Filipe Portugal), der Ewigkeit (Karine Seneca), einem affenartigen Zweigeteilten (von rätselhafter Behändigkeit Arman Grigoryan), einem Mädchen (Galina Mihaylova) und der zittrigen Schönheit (Sarah-Jane Brodbeck). Die weiblichen Figuren bleiben bei dieser Wanderung des Mannes trotz hervorragender Tänzerinnen seltsam blass und ausdruckslos gezeichnet, während der Tod und der Zweigeteilte auch in Männergruppen (mit Olaf Kollmansperger und Daniel Mulligan) bedeutend mehr Individualität und Virtuosität zugesprochen erhalten. Florian Etti hat für diese Reise in ein zweifelhaftes Elysium ein fantastisches, geschmackvolles Bühnenbild entworfen (am Schluss treten weissgewandete Jungfrauen aus dem Dunkel auf den Mann zu – da tauchen unweigerlich ungemütliche Assoziationen an islamistische Heilsversprechungen an Märtyrer auf). Martin Gebhart hat die Bühne wie immer gekonnt ausgeleuchtet. Phänomenal aufgenommen hat Spoerli die musikalischen Stimmungen der orchestralen Vor-, Zwischen- und Nachspiele der Lieder, so etwa mit der an die Willis gemahnenden Szene zu Beginn des zweiten Liedes. Daneben gab es aber leider auch viel Nichtssagendes, ja geradezu Banales. Die zu den brachialen Aufwallungen der Musik gezeigten Gruppentänze in Lied IV wirken seltsam blass, zeigen wenig neue Einfälle. Doch gleich danach versöhnen die wirklich genial kapriziösen Tänze mit dem zerbrochenen Spiegel wieder. Und so wechseln fade, belanglose Darstellungen mit eindrücklichen Bildern, man bleibt hin- und hergerissen zwischen Faszination über stimmige Szenen und Pantomimen und Ärger über verschlüsselte Metaphern (und quietschende Schuhe auf dem Tanzboden an leisen Stellen der Musik). Wer den Text der Lieder nicht kannte, versuchte verzweifelt, die Sängerin und den Sänger zu verstehen (auf eine Übertitelung wurde verzichtet, da Spoerli ja wie erwähnt den Text nicht wörtlich umsetzen wollte). Da die beiden Solisten jedoch akustisch ungünstig auf einem kleinen Podest im Graben platziert wurden, war dies ein unmögliches Unterfangen. Bei Liliana Nikiteanu war das Bemühen um Textverständlichkeit spürbarer als bei Erin Caves, doch beide kämpften auf eher verlorenem Posten. Frau Nikiteanu verfügte über eine wunderbar warme, ausdrucksstarke Mittellage, hatte jedoch in lauteren Passagen mit einem starken Vibrato und schwer erreichbaren Höhen zu kämpfen. Herr Caves zeichnete sich zwar durch einen schön hell timbrierten Tenor aus, liess jedoch Durchschlagskraft vermissen und rang vor allem im ersten Lied mit der Intonation. Das Orchester der Oper Zürich unter Vladimir Fedoseyev schien an diesem Abend nicht bester Spiellaune zu sein: Viele Einsätze klangen unsauber, irgendwie ausgefranst. Zum Glück trösteten die wirklich grossartig spielenden Holzbläser und der süsse Klang der Violinen über viel Misslungenes hinweg. Immerhin: Einem Grossteil des Publikums schien auch der zweite Teil des Abends gefallen zu haben.

Werke:

IN THE NIGHT

Der amerikanische Choreograph Jerome Robbins (1918-1988) war lange Zeit am Broadway und für Musicalverfilungen (z.B.THE KING AND I) tätig;er erlangte nicht nur als Co-Regisseur von Bernsteins WEST SIDE STORY Weltruhm und einen Oscar, sondern genoss auch hohes Ansehen als Ballettmeister des New York City Ballets, wo er für Balanchine mehrere eigene Kreationen aufführen durfte, so auch IN THE NIGHT. Für dieses von Balanchine in Auftrag gegebene Werk inspirierten ihn Chopins Nocturnes, diese meancholisch-schwärmerischen Preziosen der Klavierliteratur, welche sich auch an Belcanto Melodien von Rossini oder Bellini orientieren. Robbins stellt in seinem Ballett drei Paare in unterschiedlichen Stadien ihrer Beziehung auf die Bühne: Jung und frisch verliebt das erste, reifer, abgeklärter das zweite und stürmisch, ja auch streitlustig das dritte Paar.


DAS LIED VON DER ERDE

Als textliche Basis und inhaltliche Inspiration benutzte Gustav Mahler Hans Bethges Sammlung chinesischer Lyrik „Die chinesische Flöte“. Mahler, zur Zeit der Komposition in einer schweren, persönlichen Lebenskrise, schuf mit dieser Sinfonie für Altstimme, Tenor und grosses Orchester ein ungeheuer ergreifendes Werk voller Resignation, Todesahnung und Trauer, doch immer wieder scheint auch Utopisches durch, was könnte noch möglich sein, den Durst nach dem Leben zu löschen? An den Dirigenten Bruno Walter schrieb der Komponist 1908: „ Mir war eine schöne Zeit beschieden und ich glaube, dass es wohl das Persönlichste ist, was ich bis jetzt gemacht habe.“ Bruno Walter war es auch, der das Werk gut sechs Monate nach Mahlers Tod zur posthumen Uraufführung brachte (20. November 1911 in München)

Obwohl sich DAS LIED VON DER ERDE immer grosser Publikumsgunst erfreute, ist es kompositorisch weit in die Zukunft weisend, mit Tonalitätsssprengendem und vor allem im letzten Lied „Abschied“ mit auskomponierter „Leere“ Verstörendem. So steht denn auch über den letzten Takten der Partitur „gänzlich ersterbend“.

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