Zürich: CAVALLERIA RUSTICANA/PAGLIACCI, 24.09.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Cavalleria rusticana

Cavalleria rusticana: Melodramma in einem Akt | Musik: Pietro Mascagni | Libretto: Giovanni Targioni-Tozzetti/Guido Menasci nach dem Schauspiel und der Novelle von Verga | Uraufführung: 17. Mai 1890 in Rom | I Pagliacci: Drama in zwei Akten und einem Prolog | Musik: Ruggero Leoncavallo | Libretto vom Komponisten | Uraufführung: 21. Mai 1892 in Mailand Aufführungen in Zürich: 24.9. | 28.9. | 9.10. | 12.10.2016

Kritik:

Auch wenn man Superlative in Kritiken mit Mässigung einsetzen sollte, nach diesem Abend kommt man um sie nicht herum: Die Wiederaufnahme der beiden (beinahe unzertrennlichen Opern) am Opernhaus Zürich war eine Sternstunde, ein Triumph der musikalischen UND szenischen Leidenschaften. Beginnen wir unten im Orchestergraben, wo der Italiener Daniele Rustioni die Philharmonia Zürich zu einer phänomenalen, fein abgestuften orchestralen Leistung anspornte. Vom süsslich-zarten Beginn der CAVALLERIA RUSTICANA über die gross angelegten Chortableaus in beiden Werken bis zu den aufpeitschenden und unter die Haut gehenden, aber auch zu Tränen rührenden dramatischen Höhepunkten der beiden meisterhaften Partituren. Maestro Rustioni schaffte es, die weit schwingenden Bögen, den Atem der grossen Szenen beizubehalten und trotzdem die subtil orchestrierten Feinheiten von Mascagnis und Leoncavallos kongenialen Kompositionen mit klarem Feinschliff herauszuarbeiten. Und diese reichhaltige Palette an musikalischen Farben ging Hand in Hand mit der wunderbar stimmigen, detailreichen Inszenierung von Grischa Asagaroff im funktionalen Bühnenbild von Luigi Perego, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnete. Es war natürlich ein besonderes Glück, dass Asagaroff für diese Wiederaufnahme persönlich zur Verfügung stand und man sah, dass nochmals intensiv an der Produktion gearbeitet worden war. So passierte, was bei Wiederaufnahmen eher selten ist: Der Regisseur durfte ebenfalls den begeisterten, enthusiastischen Applaus für seine Produktion entgegennehmen. Die genaue Personenführung und die einfühlsame, nuancierte Charakterisierung der Menschen auf der Bühne konzentrierte sich nicht bloss auf die Solistinnen und Solisten, sondern überzeugte auch restlos bei der Chorführung und bei den Statisten. Was waren da nicht alles für Geschichten zu beobachten, vom klüngelhaften Verhalten der Carabinieri mit den Vertretern der noblen Gesellschaft, sprich Mafiosi, in der CAVALLERIA, bis zur Hochzeitsfeier und den poetisch eingesetzten Akrobaten in PAGLIACCI. Der Chor, der Zusatz- und der Kinderchor der Oper Zürich (Einstudierung: Jürg Hämmerli) waren schlicht fabelhaft, resonanzreich, voll und saftig klingend, aber auch erhaben und voll religiöser Inbrunst im Regina coeli ... Inneggiamo, il signor non è morto in der Osterprozession, präzise in den Einsätzen in PAGLIACCI.

Die Besetzungsliste konnte bei den Damen mit zwei fulminanten Rollendebüts aufwarten: Catherine Naglestad als Santuzza in der CAVALLERIA RUSTICANA und Aleksandra Kurzak als Nedda in PAGLIACCI. Frau Naglestad begeisterte restlos mit ihrer intensiv gelebten Darstellung der verzweifelten Santuzza: Entehrt, aus der Gemeinschaft ausgestossen, ihrer Liebe beraubt, setzt sie durch einen unüberlegten Racheschwur ein tödlich endendes Drama in Gang, stürzt die dörfliche Bauernwelt ins Desaster. Die ausdrucksstarke, in allen Lagen sauber und mit intensiver Tongebung ansprechende Stimme von Frau Naglestad rundete dieses grossartige Porträt aufs Allerfeinste ab. Einen ganz anderen Charakter durfte Aleksandra Kurzak als Nedda in PAGLIACCI verkörpern: Sie ist das von der Gosse durch Canio aufgelesene Waisenkind, welches genau weiss, was ihm im Leben zusteht und sich auch getraut, dieses Ziel zu verfolgen, trotz der rasenden Eifersucht ihres alkoholsüchtigen Gemahls Canio. Aleksandra Kurzak verkörperte diese lebenslustige, selbstbestimmt ihren Weg suchende und aus dem Käfig Canios ausbrechen wollende junge Frau mit faszinierender Bühnenpräsenz, glockenreiner Stimme, fabelhafter Leichtigkeit in der Arie Stridono lassù. Kraft und Empfindsamkeit prägten den wunderschönen Zwiegesang mit dem attraktiven, mit berückend edlem Bariton aufwartenden Silvio von Alexey Lavrov. Der tenorale Partner beider Damen war kein geringerer als der Startenor Roberto Alagna, welcher nach beinahe zwei Jahrzehnten endlich wieder einmal in Zürich zu erleben war. Doch von Starallüren keine Spur: Algana fügte sich in die Produktion wunderbar stimmig ein, begeisterte mit der Strahlkraft seiner fantastisch gut gestützten Stimme. Auch er interpretierte die beiden unterschiedlichen Charaktere – Turiddu und Canio – mit feinfühlig erfasster Akkuratesse. Sein Turiddu war ausgesprochen vielschichtig angelegt. Alagna gelang es, die sensiblen Seiten des ungetreuen, zwischen seinen triebgesteuerten Gefühlen für die leichtlebige Lola und seiner Liebe zu Santuzza aufgeriebenen Mannes aufzuzeigen. Turiddu war bei ihm zwar auch der draufgängerische, emotional unausgeglichene junge Mann (grandios das Bada, Santuzza, schiavo non sono!), aber Alagna zeigte eben auch die Verletzlichkeit seiner Seele. Wunderschön geriet die Szene mit Santuzza vor der Kirche, in welcher die Zärtlichkeit zwischen den beiden kurz aufschimmerte, bevor Santuzza den Fluch ausstösst. Berührend dann auch Turiddus Abschied von der Mutter, bevor er sich mit Alfio zum Duell trifft. Irène Friedli verkörperte diese Mamma Lucia mit unglaublicher Intensität: Die harte Schale dieser verhärmten, hart arbeitenden Frau bekommt erst gegen Ende der Oper Risse, lässt den weichen empfindsamen Kern durchschimmern. Grandios in Mimik und musikalischer Gestaltung. Als Canio in PAGLIACCI begeisterte Roberto Alagna ebenfalls mit seiner kraftvollen, ausdrucksstarken Stimme. Beide Arien, Un tal gioco und das berühmte Recitar ... Vesti la giubba mit dem Ridi, Pagliaccio und den obligaten Schluchzern gerieten herausragend gut - effektvoll, aber mit Klasse, Glut und Stil. Exzellent besetzt waren auch die übrigen Partien: Yulia Mennibaeva liess mit ihrem satten, über eine fantastische Präsenz und das gebotene erotische Timbre verfügenden Mezzosopran aufhorchen. Welch tolle Stimme – sie ist noch Mitglied des IOS, doch was für ein Versprechen für grössere Aufgaben. Eine Entdeckung war auch der ausgesprochen sauber, kontrolliert und subtil geführte lyrische Tenor von Trystan Llŷr Griffiths als Beppe, der einzige besonnene Artist in Canios Komödiantentruppe, der vergeblich versucht, das fatale Drama zu verhindern. Sein Ständchen in der Theaterszene ein Traum! Und dann sind da noch die grossen Baritonpartien Alfio (CAVALLERIA) und Tonio (PAGLIACCI): Beide wurden vom russischen Bariton Roman Burdenko verkörpert. Markant musikalisch gestaltend und leicht cholerisch agierend als Alfio, mit traumhaft sicherer Intonation und balsamisch warm und eindringlich singend im Prolog zu PAGLIACCI. Tragisch, boshaft, rachsüchtig und schmierig dann den zudringlichen, erbärmlichen Charakter des Tonio verkörpernd in den beiden Akten der Oper PAGLIACCI. Roman Burdenko ist ein herausragender Sängerdarsteller, der am Ende zu Recht vom Publikum frenetisch gefeiert wurde wie alle anderen Akteure auf der Bühne und im Graben. Ein denkwürdiger, hoch emotionaler und erstklassiger Abend - eine Aufführung, welche mit ihrem Respekt vor den Autoren praktisch Referenzcharakter erhielt.


Werke:
Wohl wurden (auch in Zürich) immer wieder Versuche unternommen, die beiden veristischen Paradepferde zu trennen und mit anderen Einaktern zusammenzuführen, doch die Kombination der beiden Kurzopern hat sich als erfolgreichste Paarung erwiesen.

Mascagni hatte sein Werk anlässlich eines Preisausschreibens des Verlegers Sonzogno eingereicht, gewann den ersten Preis und wurde dank der gekonnten Vermarktung durch den Verleger mit einem Schlag weltberühmt. Der Siegeszug dieses sizilianischen Eifersuchtsdramas ist bis heute ungebrochen. Glühende, mitreissende Melodik, gekonnte Aufeinanderfolge von dramatisch erregten Szenen und Ruhepunkten, sowie die konsequente Einhaltung der Einheit von Ort, Zeit und Handlung prägen dieses leidenschaftliche Meisterwerk.
Auch Leoncavallo hatte sich mit seinen PAGLIACCI an diesem Preisausschreiben beteiligt, das Werk wurde jedoch aus formalen Gründen zurückgewiesen, da es sich nicht um einen Einakter handelte. Sonzogno setzte sich aber trotzdem für das Werk ein und ein ebenso erfolgreicher Siegeszug über alle bedeutenden Bühnen der Welt begann. Carusos Einspielung aus dem Jahre 1902 von Ridi, Pagliaccio war die erste Schallplatte, von der mehr als eine Million Stück verkauft wurden. Leoncavallo schildert das herbe Los des Künstlers, das Drama hinter der Maske. Genial ist der Einfall, das tragische Geschehen dem heiteren Spiel auf der Bühne gegenüberzustellen, um dann die Heiterkeit kippen zu lassen. Die musikalischen Qualitäten des BAJAZZO werden von vielen Kennern noch höher eingestuft als jene der CAVALLERIA.

Inhalt:
CAVALLERIA RUSTICANA
Frau (Santuzza) liebt jungen Mann (Turiddu) und erwartet von ihm ein uneheliches Kind. Mann aber hat Affäre mit verheirateter Frau (Lola). Santuzza rächt sich, indem sie dem Ehemann Lolas (Alfio) die Wahrheit über das Liebesleben seiner Frau enthüllt. Alfio fühlt sich in seiner Bauernehre verletzt und fordert Turiddu zum Messerduell. Turiddu stirbt.

Inhalt:
I PAGLIACCI
Eine Schauspieltruppe (mit Canio, Nedda, Tonio, Peppe) macht halt auf dem Dorfplatz: Tonio liebt Canios Frau Nedda, wird von der aber schroff zurückgewiesen und schwört Rache. Nedda trifft sich heimlich mit dem Bauern Silvio, dabei wird sie von Tonio beobachtet. Der erzählt alles brühwarm dem eifersüchtigen Ehemann Canio. Verzweiflung pur. Das Spiel auf der Bühne beginnt. Aus dem heiteren Eifersuchtsdrama des Spiels wird bitterer Ernst. Canio fällt aus seiner Rolle, er verlangt von Nedda den Namen ihres Liebhabers. Canio sticht Nedda nieder, Silvio will ihr zu Hilfe eilen, entlarvt sich damit selbst und wird von Canio ebenfalls getötet. Völlig gebrochen lässt sich Canio festnehmen.
Musikalische Höhepunkte:
CAVALLERIA RUSTICANA
Il cavallo scalpita, Arie des Alfio
Voi lo sapete, o mamma, Santuzza
Regina coeli …. Inneggiamo, Osterprozession, Santuzza und Chor
Tu qui Santuzza, Szene Turiddu-Santuzza
Intermezzo sinfonico
Viva il vino, Trinklied des Turiddu

I PAGLIACCI

Si può, Prolog, Tonio

Qual fiamma avea, Nedda

Recitar - Vesti la giubba, Canio

Intermezzo sinfonico

Karten