Zürich: BRUCKNER 8. SINFONIE, 27.09.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Bruckner 8. Sinfonie

Anton Bruckner | Sinfonie Nr. 8 in c-Moll (Urfassung) | Uraufführung der Urfassung: 2. September 1973 in London (BBC Symphony Orchestra unter Leitung von Hans Hubert. Schönzeler) | Aufführung in Zürich: 27.9.2015

Kritik:

Es ist schon ein gewaltiges akustisches Bauwerk, welches Bruckner mit seiner achten Sinfonie versuchte zu errichten. Und ein Suchen war es, das wurde auch in diesem Konzert der Philharmonia Zürich unter Maestro Fabio Luisi mehr als deutlich. Da ist dieser erste Satz, in welchem die kurzen Motive vom Blech wie erratische Blöcke aus dem schwankenden Grund der tiefen Streicher aufgebaut werden, da sind die Aufstiege, welche immer wieder in sich zusammenfallen, in Abgründe stürzen, sich erneut aufbäumen und dynamisch noch steigern. Lieblichere Seitenthemen vermögen sich nicht gegen die dramatischen Aus- und Aufbrüche durchzusetzen. Der Dirigent und das Orchester lassen all diese Gebilde mit rauer, manchmal auch analytisch sezierender Kraft entstehen, nichts Weichgespültes schleicht sich in diese Urfassung der Sinfonie ein. Gut so. Nachdem der erste Satz im fortissimo geendet hat (eklatanter Unterschied zur Zweitfassung), gibt es auch im Scherzo keinerlei Erholung für das Ohr. Das repetitive, grobschlächtige und profane Getrampel des „deutschen Michel“ stampft polternd und unerschütterlich durch den akustisch an seine Grenzen gelangenden Saal des Opernhauses Zürich, begleitet von herrlich flirrenden Violinen. Erst im Trio schwingen die Melodien weiträumiger aus, man ist schon versucht, sich entspannt zurückzulehnen, doch schon nehmen Luisi und die Philharmonie wieder Fahrt auf und der stampfende Rhythmus schleicht sich erneut herein. Da vermögen auch zwei, drei leicht verwaschene Einsätze dem wirkungsvollen Gesamteindruck des Satzes keinen Abbruch zu tun. Bevor Luisi die Arme zum Adagio hebt, fügt er zu Recht eine relativ lange Pause ein. Umso wirkungsvoller erklingt dann der sauber gespielte Dialog zwischen den Harfen und den Streichern. Grossartig gestalten die Musikerinnen und Musiker der Philharmonia Zürich das schmerzerfüllte Aufbäumen, lassen das Hauptthema in aller Herrlichkeit erstrahlen, man glaubt schon, das Dach müsse sich öffnen und den Blick auf den für diese Nacht versprochenen Blutmond freigeben. Doch Bruckner verharrt nicht in einer Apotheose, das Thema sinkt vom gleissenden Blech zurück in die Streicher. Gewaltig ist der Einstieg in den Finalsatz: Wiederum braucht der Komponist steinige, schmerzhafte Wege und Umwege, um das Gebäude zu errichten. Manchmal hat man das Gefühl, als werde an verschiedenen Stellen gebaut, die eine Gruppe erreicht die Höhepunkte schneller und direkter, die andere wiederum lässt die Zerklüftung des motivischen Materials förmlich hören, man leidet an der Sperrigkeit wenn es kracht und ächzt im Gebälk, doch in der gewaltigen Coda mit den Trompetenfanfaren und der ungeheuren Verdichtung der Themen wird man dann doch irgendwie siegesgewiss, dass das Bauwerk einen erfolgreichen Abschluss gefunden hat. Donnernder, verdienter Applaus des Publikums, den insbesondere die stark geforderten Blech- und die Holzbläser und die Paukistin mehr als verdient haben.

Werk:

Anton Bruckner (1825-1896) unterzog seine gewaltigen Sinfonien immer wieder Überarbeitungen, so dass insbesondere von den Sinfonien II - V mehrere Fassungen existieren. Bei der Sinfonie Nr. VIII ist die Lage noch etwas komplexer, da die Urfassung zu Bruckners Lebzeiten gar nie aufgeführt wurde und erst 1973 erstmalig öffentlich zu hören war, also 90 Jahre nach ihrer Entstehung. Der Grund dafür lag darin, dass Bruckner nach dem grossen Erfolg der VII. Sinfonie sich sicher war, mit der VIII. auf Anhieb einen grossen Wurf gelandet zu haben. Doch der Dirigent Hermann Levi, welcher die VII. zu einem Triumph geführt hatte, äusserte sich niederschmetternd über das neue Werk Bruckners und empfahl eine Überarbeitung, eine Empfehlung, welche Bruckner auch befolgte. Die Uraufführung dieser Zweitfassung unter Hans Richter in Wien wurde zu einem grossen Erfolg. Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende, denn im 20 Jahrhundert schuf der Bruckner Kenner Robert Haas eine Mischfassung aus der Originalpartitur und der Zweitfassung von 1890 und diese Version setzte sich erstaunlicherweise mehr und mehr durch. Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich werden nun die Urfassung in diesem Konzert zur Diskussion stellen und damit Bruckners ursprünglichen Intentionen nachspüren.

Diese achte Sinfonie ist mit einer Spieldauer von ca 80 Minuten ein gigantisches Werk. Der erste Satz Allegro moderato, alla breve ist in der Sonatenhauptsatzform gearbeitet. In der Urfassung endet dieser Kopfsatz im dreifachen forte, in der Überarbeitung im Pianissimo. Im Scherzo sah Bruckner (wenn man der Sinfonie ein "Programm" unterlegen wollte) den "deutschen Michel" dargestellt und verleiht dieser Figur mit der energischen Motorik ihre Gestalt, welche in der Urfassung rauer und weniger gelättet aufscheint als in der Überarbeitung. Das Adagio ist um 38 Takte länger als in den nachfolgenden Fassungen und erreicht den Kulminationspunkt in C-Dur, in den späteren Fassungen im milderen Es-Dur. Das Finale (Feierlich, nicht schnell) ist gar um 62 Takte länger und zeichnet sich durch eine andere Instrumentierung gegenüber der entschärften Zweitfassung aus. Auch wenn man die Sinfonie nicht im Strauss'schen Sinne als Programmmusik verstehen sollte, so helfen beim Verständnis sicher auch Bilder, die Bruckner selbst in einem Brief an Felix von Weingartner erwähnt hat: Drei-Kaiser-Treffen in Olmütz (Wilhelm I., Franz Joseph I., Zar Alexander II.), Symbol des Kreuzes, Totenmarsch, Verklärung. Am Ende steht die Verarbeitung aller vier Hauptthemen der Sinfonie in einer strahlende Krönung.

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