Zürich: Ballettabend II/2010, 30.10.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Le Sacre du Printemps | Falling Angels | Il Giornale della Necorpoli

IL GIORNALE DELLA NECROPOLI

Musik: Salvatore Sciarrino

Choreographie: Thomas Hauert

Uraufführung: 30. Oktober 2010 in Zürich |

FALLING ANGELS

Musik: Steve Reich

Choreographie: Jiři Kylián

Uraufführung: 23. November 1989 in Den Haag |

LE SACRE DU PRINTEMPS

Musik: Igor Strawinskys

Uraufführung: 29. Mai 1913 in Paris (Vaslav Nijinsky)

Choreographie von Heinz Spoerli: 11. März 2001 in Zürich |

Aufführungen in Zürich: 30.10. | 31.10. | 7.11. | 18.11. | 28.11. | 3.12.2010 | 16.1. | 28.4. | 1.6.2011

Kritik:

Tonfetzen - für das menschliche Ohr kaum hörbar, wie aus den Weiten des Universums hereinströmend, kunstvoll komponierte Luft und Leere - eröffnen die Komposition IL GIORNALE DELLA NECROPOLI von Salvatore Sciarrino. 12 Tänzerinnen und Tänzer drehen sich mechanisch, sinnentleert, nehmen die Klangbruchstücke in ihre gespreizten, mit abgewinkelten Armen und Füssen ausgeführten Bewegungen auf. Im Hintergrund fällt der Fokus aus wechselnden Perspektiven auf das Aquarell „The Greatness of our Loss“ von Michaël Borremans. Auch da sieht man Figuren, klein und verloren herumstehend, wie die Tänzerinnen und Tänzer in ihren dem Körper weich entlang fliessenden, weissen und mit bunten Streifen versehenen Pyjama-artigen Anzügen. Diese Tänzer finden nicht zueinander. Manchmal entwickelt sich aus dem scheinbaren Chaos eine Führerin, welcher die andern in mechanischen, zwanghaften Bewegungen folgen, kurz sind Ansätze eines Pas de trois vorhanden, doch auch dieser löst sich schnell wieder auf, es kommt kaum zu Berührungen. Eckige, qualvolle Verrenkungen beherrschen das Bild. Doch immer wieder streben einzelne aus der Gruppe nach individueller Freiheit, sie greifen zum Mittel des fliessenden, klassischen Balletttanzes, werden aber durch abrupte Orchestersforzati schnell wieder gestoppt. Es ist irgendwie witzig zu sehen, dass gerade der so streng reglementierte klassische Tanz diesem Freiheitsdrang Ausdruck gibt, während die chaotisch wirkende Freiheit der Improvisation (im klar von Choreograph Thomas Hauert vorgegebenen Rahmen) gequält und unterdrückt wirkt. Sciarrinos rätselhafte, am Rande der Möglichkeiten der Instrumente gespielten minimalistischen musikalischen Phrasen werden vom Orchester der Oper Zürich unter der Leitung von Zsolt Hamar und der am Bühnenrand mit ihrem Akkordeon „atmenden“ Ina Hofmann mit einfühlsamer Subtilität wiedergegeben. Es dürfte spannend sein zu verfolgen, inwieweit sich die improvisatorischen Elemente im Verlauf der Aufführungsserie verändern und entwickeln werden.

Ein erfolgloses Streben nach Unabhängigkeit, fehlgeschlagene Ausbruchsversuche und erfolgreiche Disziplinierung und Wiedereingliederung in die Abhängigkeit prägen auch das zweite Stück des Abends, FALLING ANGELS, von Jiři Kylián. Acht Frauen in schwarzen Badeanzügen schreiten raumgreifend synchron ins warme Licht, werden von acht kalten Lichtquadraten gefangen, vermögen aus diesen kaum je auszubrechen. Mit stupender Präzision tanzen Mélanie Borel, Juliette Brunner, Nora Dürig, Vitkorina Kapitonova, Ponpim Karchai, Galina Mhaylova, Giulia Tonelli und Alexa Tuzil diese kraftstrotzende Arbeit von Jiři Kylián, atemlos verfolgt man das vergebliche Streben nach Individualität, die aussichtslosen Kämpfe, das ständige Obsiegen des Gruppenzwangs. Die geniale Lichtgestaltung von Joop Caboort und die rhythmische Präzision, mit welcher die vier Bongo-TrommlerInnen Esther Doornik, Jacob Goud, Michael de Roo und Hans Zonderop den Beginn von Steve Reichs DRUMMING spielen, tragen zusammen mit der phänomenalen Choreographie Kyliáns dazu bei, dass dieser Teil des Abends am meisten Zustimmung und Jubel seitens des Premierenpublikums bekam.

Individuelle Ausbrüche aus archaischen Riten sind auch bei Heinz Spoerlis stimmiger Choreographie zu Strawinskys SACRE DU PRINTEMPS nicht möglich. Florian Ettis Ausstattung, mit dem die Bühne und Stahlwände durchbohrenden Eisenstreben, signalisiert zusammen mit dem fahlen Licht eine Endzeitstimmung. Halbnackte, hereinkriechende Tänzer finden sich zu Kreisformationen, brachiale Gewalt bricht aus dem Innersten der seelisch Verkümmerten, zu keinen zwischenmenschlichen Regungen mehr fähigen „Tieren“, gierig stürzen sie sich auf das Opfer, welches der ständig rieselnde Sandstrahl als eine Art lebenspendende Gottheit als nächstes fordern wird. Sarah-Jane Brodbeck ist dieses gejagte Opfer – keineswegs wehrlos oder verletzlich. In ihr steckt eine unglaubliche Kraft, sie wirft sich unter Aufbietung sämtlicher Reserven in den Kampf, wird aber schliesslich aufgesogen, fällt tot über dem Sandhaufen zusammen. Körperbetonter Tanz, archaische Kreise, die sich manchmal wie Blumen öffnen und schliessen, blitzschnelle Wechsel der Polarität der Geschlechter, wobei das Patriarchat (in ihrer kraftstrotzenden Männlichkeit ganz hervorragend Vahe Martirosyan und Arsen Mehrabyan) dann doch die Oberhand behält und das Recht des Stärkeren erbarmungslos einfordert – dies alles kennzeichnet Spoerlis Arbeit, welche zwar viele abstossende Momente hat und doch durch ihre nie nachlassende Spannung den Zuschauer in eine Art primitiven Bann zieht. Parallel zur manchmal durch die ständigen Taktwechsel stockend wirkenden Musik Strawinskys gelingen Spoerli und seiner exzellenten Truppe (inklusive Mitgliedern des Junior Balletts) eine packende Interpretation des Frühlingsopfers, welche auch nach beinahe 10 Jahren nichts von ihrer Faszination verloren hat. Zsolt Hamar und dem einmal mehr fantastisch spielenden Orchester der Oper Zürich gelingt es, die subtil orchestrierte Partitur mit einem grossen Mass an Transparenz wiederzugeben und doch die - trotz vertrackter Rhythmen - unerbittliche Sog-Wirkung des Stücks beizubehalten.

Fazit:

Ein Abend voller Kraft und Unerbittlichkeit - abstossend und mitreissend zugleich.

Vor 100 Jahren hat das Publikum Strawinskys Musik entrüstet abgelehnt, heute wird sie begeistert aufgenommen. Geben wir also Sciarrino auch noch etwas Zeit ...

Werke:

IL GIORNALE DELLA NECROPOLI

Den Choreographen Thomas Hauert kennt man in Zürich von seinen Gastspielen mit seiner belgischen Truppe ZOO in der Gessnerallee und beim Theaterspektakel her. Mit 12 Tänzerinnen und Tänzern des klassisch gebildeten Zürcher Balletts versucht er, seine auf Improvisation und individueller Freiheit der Tanzenden basierende Arbeitsweise zur Musik des zeitgenössischen italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino umzusetzen. Es handelt sich dabei um eine Rückschau aus der Zukunft auf unsere heutige Kultur, quasi um einen Ausgrabungsbericht aus einem Gräberfeld. Sciarrinos Variationen werden von einem Akkordeon mit Orchesterbegleitung gespielt.

FALLING ANGELS:

Das 17minütige Stück ist eines der Schwarz-Weiss-Ballette Kyliáns und behandelt den Kampf zwischen Disziplin und Freiheit, Ausbruch und Abhängigkeit. Die Musik stammt vom amerikanischen Minimalisten Steve Reich, es ist der Beginn seines Werks DRUMMING. 16 Bongo-Trommeln spielen die Exposition eines rhythmischen Grundmodells, welches sich durch in die Pausen gesetzte, zusätzliche Trommelschläge auf- und wieder abbaut.

LE SACRE DU PRINTEMPS

Die Uraufführung 1913 von Strawinskys SACRE 1913 unter der Leitung von Pierre Monteux geriet zu einem wahren Tumult; Gelächter, Zwischenrufe und Gebuhe arteten in einen Hexenkessel aus, inklusive Handgemenge. Das Publikum war von der erbarmungslosen Motorik der Musik schockiert. Die Urklänge werfen den Hörer zurück in seine eigene unterschwellige Triebhaftigkeit, konfrontieren ihn mit verborgenen Lüsten an und Gelüsten nach Gewalt. Strawinsky arbeitet mit scharfen Kontrasten, kraftvolle, mit häufigen Taktwechseln untermauerte Rhythmen dominieren über das Melos. Das Orchester ist mit 110 Musikern sehr gross besetzt. Jean Cocteau sprach von den „Geburtswehen der Erde“.

Heinz Spoerli gab seiner Choreographie den Untertitel "Headhunting". Entstanden ist ein Tanzkrimi, welcher von der Polarisation der Geschlechter und den Spannungen zwischen Individuum und Gruppe handelt.

Informationen und Karten