Zürich: BALLETTABEND I/2011, 02.09.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Ballettabend I/2011

THE VERTIGINOUS THRILL OF EXACTITUDE |

Choreographie: William Forsythe |

Musik: Franz Schubert (4. Satz aus der Sinfonie Nr.9) |

Uraufführung: 20 Januar 1996 in Frankfurt |

DUO AUS 27´52´´ |

Choreographie: Jirĭ Kylián |

Musik: Dirk Haubrich |

Uraufführung: 21. Februar 2002 in Den Haag |

DUO CONCERTANT |

Musik: Igor Stravinsky |

Choreographie: George Balanchine |

Uraufführung: 22. Juni 1972 in New York |

IN SPILLVILLE |

Choreographie: Heinz Spoerli |

Musik: «Amerikanisches» Streichquartett Nr. 12 in F-Dur op. 96

von Antonín Dvořák |

Uraufführung: 2. September 2011 in Zürich |

Aufführungen in Zürich: 2.9. | 4.9. | 10.9. | 23.10.| 20.11. | 23.11. | 26.11. |27.11. | 2.12. | 8.12. |18.12.2011 | 19.1. | 25.1. | 29.1. | 31.1. | 4.5. | 24.6.2012

Kritik:

Grossartiger Saisonauftakt am Opernhaus Zürich: Der scheidende Ballettdirektor präsentierte seine Compagnie in Hochform und verschaffte dem begeisterten Publikum die Möglichkeit zur Begegnung mit herausragenden Choreographien der letzten 40 Jahre, inklusive einer eigenen Uraufführung.
Gleich im fulminanten Auftakt, Forsythes THE VERTIGINOUS THRILL OF EXACTITUDE, brillierten Sarah-Jane Brodbeck, Galina Mihaylova, Véronique Tamaccio, Jiayong Sun und Vahe Martirosyan mit unglaublich präzisen Schrittfolgen, perfekter Synchronität und purer Tanz- und Lebenslust. Das Werk, angelegt als eine lustvolle Hommage an Balanchine, begeisterte mit durchdachter geometrischer Anlage, welche von den drei Tänzerinnen und zwei Tänzern mit grösstmöglicher Präzision ausgeführt wurde, ohne dabei an Luftigkeit und Leichtigkeit einzubüssen. Schuberts mitreissendes Finale aus seiner grossen C-Dur Sinfonie (ab Band) bot dazu einen grandiosen musikalischen Boden, aus welchem der sich schwungvoll entwickelnde Tanz emporwuchs. Die witzigen Kostüme von Stephen Galloway unterstützten dazu die konzentrierte die Körperlichkeit der Choreographie vor dem tiefblauen Hintergrund. Das nachfolgende DUO CONCERTANT von Georges Balanchine benutzt - wie oft bei ihm - den selben blauen Hintergrund. Diese Kreation stellte für einige Zuschauer eine Wiederbegegnung mit einer der herausragendsten Schöpfungen des grossen Meisters dar. Patricia Neary hatte das Ballett  in ihrer Zeit als Direktorin hier gezeigt, ebenso Spoerli bereits in der Saison 2000/01. Das Paar (Viktorina Kapitonova/Stanislav Jermakov) steht hinter dem Flügel, lauscht der wunderbaren Cantilène Stravinskys, welche hier von Hanna Weinmeister (Violine) und Alexey Botvinov so herrlich energiegeladen gespielt wird. Spielerisch geraten die beiden Tänzer in den Fluss und den Duktus der Musik, setzen diese in variantenreichen, sauberen Bewegungen um. Manchmal erscheint ihre Suche nach dem Tanz geradezu experimentell, manchmal nehmen sie die Rhythmen ganz natürlich auf, verfallen in Charleston oder augenzwinkernden, volkstümlichen Bauerntanz. Obwohl Stravinsky das Werk nicht eigentlich als Ballettmusik komponiert hatte, schreien die tänzerischen Elemente darin geradezu nach einer solchen Umsetzung. Und wie kaum ein anderer Choreograph verfügte Balanchine über eine besondere Affinität zu Stravinskys Musik und verstand es, die poetische und manchmal auch archaische Sprache der Musik mit dem Tanz zu verschmelzen, so dass beide gleichwertig nebeneinander bestehen konnten. Mit der wieselflinken und doch stets eleganten Viktorina Kapitonova und dem zwar immer ein wenig kühl, aber unglaublich präzise und trotz seiner Kraft auch zärtlich-zerbrechlich wirkenden Stanislav Jermakov ist das Duo ideal besetzt. Grossartig gelang den Ausführenden der Wechsel vom witzig-motorischen 4. Satz, einer Gigue, zur abschliessenden Dithyrambe: Das Licht erlischt, nur ein gleissender Scheinwerferkegel fällt auf die Bühne, Hände finden sich, verlieren sich wieder, Abschied – Entseelung. Berührend und ergreifend.
Nach der Pause folgte dann das „modernste“ Werk des Abends, Jirĭ Kyliáns Duo aus 27'52“. Eine Frau (Guilia Tonelli) und ein Mann (Olaf Kollmannsperger) befinden sich auf der offenen, leeren Bühne. Eine Scheinwerferbatterie ist nach unten gesenkt, die Bewegungen der beiden werden als gigantisches Schattenspiel auf der Rückwand sichtbar. Sie versuchen eine Annäherung, verlieren sich, halten sich, erschlaffen in den Armen des Partners. Der Tanz verliert nie die Bodenhaftung, keine Sprünge, nur gegenseitiges Schieben, Ziehen, Stossen. Und immer wieder das versuchte Versinken ineinander. Dazu die elektronische Musik von Dirk Haubrich, mit den verfremdeten Wortfetzen des Chansons À force de welches der unter tragischen Umständen lebende und sterbende Guillaume Depardieu für die Sängerin Barbara geschrieben hatte, rückwärts aufgezeichneten Worten von Dalai Lama und zwei Motiven von Gustav Mahler. Die ganze Anlage dieser Kreation mag zwar zunächst verstörend wirken – und doch vermag sie aufzuwühlen und den Betrachter in einen rätselhaften und tieftraurigen Bann zu ziehen. Das Publikum spendete diesem Werk jedenfalls den grössten Beifall - und man hätte gerne das ganze Werk 27'52" gesehen!
Der Ballettdirektor stellte seine Uraufführung IN SPILLVILLE an den Schluss des Abends. Heinz Spoerli legte nach Janáček (Lettres Intimes) und Schubert (Der Tod und das Mädchen) erneut ein Streichquartett seiner Choreographie zu Grunde, diesmal Dvořáks "Amerikanisches Quartett". Florian Etti hat als Rahmen zu diesem von Heimweh (oder Fernweh) geprägten Ballett eine subtil beleuchtbare, gigantische Scheibe eines Greyhoundbusses (ohne Aussicht) an die Bühnenrückwand gebaut. In diesem eher tristen Ambiente erzählt Spoerli keine eigentliche Story, sondern versucht, den Klangcharakter der Musik in abstrakten Tanz zu übersetzen. Dies gelang ihm insbesondere im zweiten Satz (Lento) mit einem intensiven, spannenden Pas de deux ausgezeichnet. Die wehmütige Melancholie der Musik wurde von Spoerli mit zarter Empfindsamkeit choreographiert und von Sarah-Jane Brodbeck und Vahe Martirosyan einfühlsam umgesetzt. Sehr gelungen war auch der spritzig getanzte 3. Satz (Molto vivace) mit einem aparten Pas de quatre (Vittoria Valerio, Pornpim Karchai, Daniel Mulligan, Olaf Kollmannsperger). In diesem Satz sind  die Einflüsse der amerikanischen Musik auf Dvořák besonders deutlich zu hören und Spoerli hat dies raffiniert aufgenommen. Die beiden Ecksätze fielen dagegen von der choreographischen Qualität her eher ein wenig ab, wirkten zwar in den weich fliessenden Bewegungen (1.Satz) oder dem kraftstrotzenden Pas de trois der Männer (4. Satz) durchaus gefällig, aber auch etwas spannungsarm und blutleer. So kamen die bewegendsten Momente dieses den Abend beschliessenden Werkes aus dem Graben:  Hanna Weinmeister (1.Violine), Anahit Kurtikyan (2.Violine), Valérie Szlavik (Viola) und Claudius Herrmann (Violoncello) verliehen mit ihrer wunderbar rein intonierten, sowohl die Schwermütigkeit als auch die lebenslustige Ausgelassenheit des Werks so herrlich treffenden Interpretation dem Abend ein musikalisches Glanzlicht der Extraklasse.
Heinz Spoerli ist mit seinen drei Streichquartett-Choreographien, wie Alexander Pereira anlässlich der Premierenfeier bekanntgab, von ihm an die Salzburger Festspiele eingeladen worden.
Fazit:
Das Zürcher Ballett beweist einmal mehr seine herausragende Qualität, indem es sich in Werke von vier grossen Choreographen einfühlt und diese mit grandioser Präzision und begeisternder Ausdrucksstärke tanzt.

Die Werke:

THE VERTIGINOUS THRILL OF EXACTITUDE:

In seiner temporeichen und äusserst schwierig zu tanzenden Choreographie für drei Tänzerinnen und zwei Tänzer spitzt William Forsythe die klassiche Formensprache des Balletts auf verwirrende, witzige und schwindelerregende Art zu. Zum Allegro vivace aus Schubers grosser C-Dur Sinfonie schuf er eine entfesseltes, sich ständig beschleunigendes Bravourstück.

DUO CONCERTANT:

Kongenial in Bewegung gesetzt hat der grosse George Balanchine immer wieder die Musik Stravinskys. So auch in dieser 1972 entstandenen Choreographie. Immmer wieder scheinen die Tänzer innezuhalten, um der Musik zu lauschen. Balanchine verstand es, die Musik durch den Tanz nicht zu vergewaltigen, sondern sie mit dem Tanz zu einer bezwingenden Architektur voller Licht und Klarheit zu verschmelzen.

DUO AUS 27'52'':

Genau so lange dauert das ursprüngliche Werk von Jirĭ Kylián zur Musik von Dirk Haubrich. Die elektronischen Klänge schaffen eine kalte Atmosphäre, verfremdete Dialog- und Textfetzen (Dalai Lama, Guillaume Depardieu) begleiten die beiden Tänzer auf ihrer verzweifelten Suche nach Annäherung, welche doch nur zu Einsamkeit und Trennung führt. Kylián verfügt wie stets über ein expressives Bewegungsvokabular für innerste Gefühle und Zustände. In Zürich wird nur das Duo gezeigt werden.

IN SPILLVILLE:

Für diese Uraufführung wählte Heinz Spoerli Dvořáks "Amerikanisches Quartett", das Streichquartet in F-Dur op. 96. Der Titel von Spoerlis neuester Arbeit für das Ballett des Opernhauses Zürich bezieht sich auf den Entstehungsort des Werks. Dvořák hielt sich in Spillville (Iowa) auf und verarbeitete in seiner Komposition sowohl Weisen der böhmischen Auswanderer als auch Rhythmen und Klänge der Indianer.

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