Zürich: ANNA BOLENA, 24.03.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Anna Bolena

Lyrische Tragödie in zwei Akten | Musik: Gaetano Donizetti | Libretto: Felice Romani | Uraufführung: 26. Dezember 1830 in Mailand| Aufführungen in Zürich: 20.3. | 24.3. | 29.3. | 2.4.2015

Kritik:

„Erfolg, Triumph, Delirium; es schien, als wäre das Publikum dem Wahnsinn nahe. Jeder, der dabei war, sagt, dass er sich nicht erinnern könne, jemals einen solchen Triumph erlebt zu haben.“ Dies schrieb Donizetti nach der Uraufführung in Mailand an seine Gemahlen.

Nun, die gestrige Aufführung dieser Wiederaufnahme von ANNA BOLENA am Opernhaus Zürich (als Vehikel für Opernsuperstar Anna Netrebko) war sicherlich ebenfalls ein Erfolg, vielleicht auch ein Triumph der Diva, welche mit ihrer fantastischen Interpretation einige Miesepeter unter den Forenschreibern und Bloggern Lügen strafte. Doch das Delirium wollte sich nicht einstellen. Was fehlte also zum kompletten Opernglück? An den Sängerinnen und Sängern rund um Anna Netrebko lag es jedenfalls nicht, denn sie alle boten ebenfalls hervorragende Leistungen. Eventuell lag es eben doch an der sehr statisch bebildernden Inszenierung von Giancarlo del Monaco (seinerzeit Teil der Tudor-Trilogie), welche es nicht schaffte, den Zuschauern das Drama näher zu bringen. Die langen Lichtpausen zwischen den einzelnen Szenen wirkten sich ebenfalls hemmend auf den dramatischen Ablauf der an sich eigentlich packenden Handlung aus. (Wie sehnte man sich doch nach der starken Handschrift eines Regisseurs, welcher sich in die Psyche der Figuren hineinzuversetzen vermag und eine schlüssige oder meinetwegen auch provokante Interpretation auf die Bühne zu bringen imstande wäre – wie es z.B. Tobias Kratzer mit diesem Werk in Luzern oder kürzlich mit LUCREZIA BORGIA in St.Gallen gelungen war.) Nicht ganz unschuldig am spannungslosen Verlauf des Abends ist auch der Dirigent Andriy Yurkevych. Nur schon die Ouvertüre schleppte sich lahm, hölzern und uninspiriert dahin (kein Wunder, dass Gavazzeni sie in seiner Referenzaufnahme mit Maria Callas gänzlich wegliess ... ). Zum Glück wurde die mangelnde Raffinesse aus dem Graben vollumfänglich von den Stimmen auf der Bühne kompensiert. Anna Netrebkos Stimme ist ein gewaltiges Erlebnis: Sie fliesst rund und süss wie Honig, phrasiert mit einem Hauch von kostbarem Parfüm, fährt bruchlos durch alle Register aus soliden Tiefen zu unforcierter Höhe hoch, verfügt über Leichtigkeit und phänomenale Tragfähigkeit. Dazu schafft sie es, die Seelenzustände der gequälten Königin mit Noblesse und ohne jegliche Manierismen zu transportieren und hat die Kraft für eine fulminante Schlussszene. Sicher, das Al dolce guidami hat man schon entrückter, verinnerlichter gehört. Doch wie sie darin mit den Möglichkeiten ihrer Stimme spielt, diese in saubere und zarte Verästelungen hinein- und herausgleiten lässt, die Trillerketten mit traumhafter intonatorischer Sicherheit herrlich in den Gesamtfluss einbettet, das lässt vor Bewunderung und Glück den Atem stocken. Nach dieser Exhibition ihres Könnens stürzt sie sich mit fulminantem Furor in die Schlusscabaletta Coppia iniqua. Darstellerisch bleibt Frau Netrebko durchwegs glaubhaft: Königlich, anmutig und doch in den wichtigen Momenten ihre Entrüstung, ihre Enttäuschung und Wut bekundend.

Veronica Simeoni als Giovanna Seymour ist ihr eine ebenbürtige Rivalin. Ihre Stimme ebenso durchschlagkräftig wie die der Netrebko, mit sattem Timbre, müheloser Höhe und gekonnter Phrasierung. Im ersten Teil waren einige Tonansätze leicht verschliffen, doch im zweiten Akt war davon nichts mehr zu hören und so geriet das Duett der beiden zu Beginn des zweiten Aktes zu einem virtuosen und hochdramatischen musikalischen Höhepunkt. Toll! Luca Pisaroni sang den Enrico schon fast zu schön, die Rolle würde durchaus noch etwas mehr an Schwärze, Autorität und Bedrohlichkeit ertragen. Optisch war er natürlich ein idealer Womanizer: Geschmeidig, blendend aussehend, elegant. Ismael Jordi gestaltete den Percy mit hellem Tenor, die exponierten Höhen sicher bewältigend. Nur im ersten Akt schlichen sich bei ihm zwei, drei kleinere Intonationstrübungen ein. Judith Schmid gelang eine aparte Interpretation des in Anna verliebten, so überaus unglücklich agierenden Smeton. Zauberhaft schön ihre Canzone mit Harfenbegleitung (leider nur eine Strophe). Ruben Drole war ein markant singender Rochefort. (Auch aus dieser Rolle hat del Monaco rein gar nichts gemacht; wer nicht einigermassen in Geschichte bewandert ist, wusste gar nicht, was es mit dieser Figur für eine Bewandtnis auf sich hat. Wieder sei an Kratzers Inszenierung in Luzern erinnert ... ).

Der einzige Lichtblick dieser Inszenierung (neben einigen gelungenen Symbolen im Bühnenbild von Mark Väisänen) ist die stumme Rolle von Anna Bolenas Tochter Elisabeth (der späteren Königin Elisabeth I.). Zoe Lagutaine verlieh diesem Mädchen ohne Kindheit eine eindringliche Bühnenpräsenz. Ein bemitleidenswertes Kind, welches all die Demütigungen, welche ihre Mutter über sich ergehen lassen musste, mitanzusehen gezwungen war.

Als Fazit bleiben einige Momente grandioser Belcanto-Kunst aller Sängerinnen und Sänger, eine zu Recht heftig umjubelte Protagonistin mit fantastischen stimmlichen Ausdrucksnuancen – und leider ein sich manchmal etwas zäh dahinschleppender Abend (Dirigat und Inszenierung).


Inhalt:

König Heinrich der VIII. von England liebt seine 2. Ehefrau Anne Boleyn nicht mehr. Er hat ein Auge auf die Hofdame seiner Gattin, Jane Seymour, geworfen. Anne ahnt zwar, dass ihr der König nicht mehr treu ist, kennt jedoch den Namen seiner Geliebten nicht. Einst gab sie ihren Geliebten, Lord Percy, auf, um an Heinrichs Seite Königin zu werden. Sie warnt Jane, sich nicht vom Glanz des Throns verführen zu lassen. Jane wird von Gewissensbissen gequält. Heinrich will sich Annes entledigen, um Jane ehelichen zu können: Dafür holt er Percy aus der Verbannung zurück, um seine Gattin so des Ehebruchs zu überführen. Annes Bruder Rochefort soll im Auftrag des Königs für ein heimliches Treffen Annes mit Percy sorgen. Der in Anne verknallte Page Smeton beobachtet das Treffen Annes mit Percy und überrascht die beiden, da er glaubt, Percy wolle seiner geliebten Königin zu nahe treten. Der König tritt just in diesem Moment dazu und lässt alle drei festnehmen, da bei Smeteon auch noch ein Bild Annes gefunden wird.

Jane besucht Anne und rät ihr, sich schuldig zu bekennen. Da wird Anne klar, dass Jane ihre Rivalin ist. Doch ihre Wut wandelt sich schnell in Mitleid für Jane. Jane bricht zusammen. Vor dem Tribunal bekennt sich Smeton schuldig, auch Anne und Percy treten trotzig auf und bekennen sich ihrer Liebe zueinander. Trotz der Fürbitte Janes bleibt Heinrich hart und lässt Anne Boleyn zum Tode verurteilen. Im Kerker erinnert sie sich ihrer ersten grossen Liebe. Von Ferne vernimmt sie die Böllerschüsse, welche die Hochzeit des Königs mit Jane verkünden. Sie bittet Gott noch um Vergebung für das sündige Paar, dann werden die drei Verurteilten zum Henker geführt.

Werk:

Gaetano Donizetti (1797-1848) war zweifellos der fleissigste Komponist von Belcanto-Opern. Sein Oeuvre umfasst über 60 Opern. ANNA BOLENA ist seine dreissigste. Sie wurde in der selben Saison uraufgeführt wie Bellinis SONNAMBULA und von den selben Interpreten, Giuditta Pasta und Giovanni Rubini. Mit dieser Oper erzielte Donizetti seinen ersten nationalen und internationalen Erfolg. Zwar vermochte er noch immer nicht die langen, innigen Melodien eines Bellini zu schreiben, dafür war er seinem „Rivalen“ an dramatischer Ausdruckskraft überlegen, welche sich vor allem in den gekonnt angelegten Ensembles und Duetten niederschlägt. Wie damals üblich entnahm er für ANNA BOLENA einige Nummern oder Teile davon früheren Werken. Nach 1880 gerieten die Werke des Belcanto eher etwas in Vergessenheit, wurden als minderwertig abgestempelt. Erst die durch den Dirigenten Tullio Serafin an der Scala herausgebrachten Premieren (ANNA BOLENA z.B. mit Maria Callas als Interpretin und Luchino Visconti als Regisseur) führten zu einer Renaissance dieser Werke, welche bis heute anhält. In der Nachfolge der Callas profilierten sich u.a. Montserrat Caballé, Leyla Gencer, Renata Scotto, Joan Sutherland und Edita Gruberova in der Rolle von Donizettis Tudor-Königin.

Musikalische Höhepunkte:

Ella, di me, Giovanna, Akt I

Deh, non voler costringere, Smeton-Anna, Akt I

Io sentii sulla mia mano, Quintett, Akt I

Tace ognuno, Enrico, Anna, Smeton, Percy, Giovanna, Rochefort, Finale Akt I

Dio che mi vedi in cuore, Duett Anna-Giovanna, Akt II

Al dolce guidami castel natio, Anna Akt II

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