Zürich: AIDA, 02.03.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Aida

Oper in vier Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Antonio Ghislanzoni | Uraufführung: 24. Dezember 1871 in Kairo | Aufführungen in Zürich: 2.3. | 6.6. | 9.3. | 13.3. | 16.3. | 19.3. | 22.3. | 26.3. | 29.3. | 1.4.2014 und Wiederaufnahme in der Saison 14/15

Kritik:

Das Ereignis des Abends erklang aus dem Graben! So differenziert, zart und sauber gespielt, so kammermusikalisch transparent in der Abmischung der Klangfarben, im Heraushören von Seitenlinien, hat man die AIDA noch selten gehört. Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich beschenkten die Zuhörer mit einer fantastisch genau ausgehorchten Wiedergabe von Verdis populärster Oper.

Tatjana Gürbacas Inszenierung im ziemlich hässlichen Allerwelts-/Einheitsbühnenbild (Wohnlandschaft mit Ledersofas, Lobby eines Hotels oder überdimensioniertes Wohnzimmer?) von Klaus Grünberg vermochte leider nicht wirklich emotional zu berühren. Das Bemühen, die Allgemeingültigkeit der Dilemmata und Traumata der Protagonisten zu transportieren in allen Ehren, doch wenn man bei einem Drama aus Verdis Feder nicht mitleiden und mitfühlen kann, ist etwas schief gelaufen. Genau dies hat das Publikum gespürt und deshalb beim Schlussapplaus auch entsprechend reagiert. Sicher, da war handwerklich und in der detaillierten Personenführung einiges an bewundernswerter Feinarbeit geleistet worden, allein das Gesamtergebnis vermochte nicht restlos zu überzeugen.

Dass man bei einer Inszenierung von Frau Gürbaca nicht in pseudoexotischem Lokalkolorit wird schwelgen können, war zu erwarten gewesen – und ist auch richtig so. Wer dies will, soll sich an einer der zahlreichen open-air Veranstaltungen dieser Oper ergötzen. Dass die Story aber dermassen nüchtern und analytisch-unterkühlt daherkommen muss, ist auch nicht gerade zwingend. Sicher, Frau Gürbaca hat sehr genau auf das Hintergründige in Libretto und Musik gehorcht, hat zu Recht erkannt, dass AIDA nicht einfach ein pompöses, vordergründiges Monumentalwerk ist, sondern dass hinter und in den Figuren weitaus mehr steckt. Mit einer zum Teil wirklich hervorragend durchdachten Personenführung gewährte sie Einblicke ins Fremdsein, in die Erniedrigung durch die herrschende Klasse (Putzeimer für Aida, zwar nicht ganz neu die Idee, aber trotzdem ...), in das Aufgeilen des Volkes durch das Kriegsgeschrei, welches unausweichlich zu Kopulationen im Bühnenhintergrund (und zu einer dämlichen Elefantenpolonaise ... ja, ja, der Mythos der Elefanten bei AIDA) führt, in die traumatischen Erlebnisse, welche ein Krieg für die Soldaten unweigerlich zur Folge hat. Die Aufrüstung des Radamès zur Kampfmaschine (Rasur des Kopfhaares zur Ballettmusik), seine Freude an der nagelneuen Schnellfeuerwaffe, all dies ist genau beobachtet und erzählt. Wo die Inszenierung dann schwächelt ist bei der Figurenkonstellation, dem Herausarbeiten der Dreiecksgeschichte. Starke Momente hat sie hingegen da, wo sie Kriegsfolgen und Friedens-Utopien veranschaulichen kann. So sind sämtliche Ballette weggelassen (zum Glück, die wirken meist eh nur peinlich im kriegerischen Kontext!) und werden durch Kopfprojektionen, Erinnerungen an Folterungen (Abu Ghraib), Verletzungen, Ramboallüren usw. ersetzt. Die gewaltigen Chöre (sehr genau einstudiert von Jürg Hämmerli und trotz der z.T. gewaltigen Distanzen zum Dirigenten präzise und klangschön singend) werden meist auf der Hinterbühne oder hinter Gazevorhängen platziert, das Monumentale ins innere Erleben des traumatisierten Radamès verlegt.

Doch irgendwie fehlte der persönliche "touch", Betroffenheit stellte sich nicht ein (wobei der dritte und der vierte Akt immerhin etwas eindringlicher über die Rampe kamen als die ersten beiden), die Distanz wurde durch die unterkühlte Bühne und die zeitlosen 80er/90er Jahre Kostüme (Silke Willrett) betont. Diesen emotionalen Graben vermochten auch die Sängerinnen und Sänger trotz zum Teil beachtlicher Leistungen nicht gross zu überbrücken. Das lag auch an der nicht ganz geglückten Balance in der Besetzung der beiden weiblichen Hauptpartien. Während Latonia Moore als Aida mit voluminöser und in der Tiefe und der Mittellage wunderbar warmer Stimme raumfüllend auftrumpfen konnte (in der Höhe öffnete sie die Resonanzräume manchmal etwas zu früh, was zu leichten Intonationstrübungen und Klangverfärbungen führte), war die Amneris mit der eigentlich aus dem Sopranfach kommenden Iano Tamar zu leichtstimmig besetzt. Zwar verfügt Frau Tamar über eine traumhaft schön und ebenmässig geführte Stimme, welche sie auch funkelnd abdunkeln konnte, doch fehlte ihr die dramatische Wucht um in Duetten und Ensembles zu bestehen. So neigte sich die Waagschale zu stark zu Gunsten Aidas. Der Radamès von Aleksanders Antonenko beeindruckte mit heldisch-stählernem Aplomb in der Stimme. Sein Celeste Aida begann er noch wunderbar weich, am Ende liess er das hohe B dann aber doch wieder ins Fortissimo anschwellen, statt es morendo verklingen zu lassen. Wo ist der Tenor, der sich an die - zugegebenermassen schwierig umzusetzenden - Partiturvorschriften dieser Arie halten kann???

Sehr gut besetzt waren die tiefen Männerstimmen: Der eindringlich gestaltende Andrzej Dobber als Amonasro, Rafal Siwek als mit grandioser Sonorität auftrumpfender Ramfis (im smarten, königsblauen Anzug, der eigentliche Drahtzieher und Herrscher) und der sehr subtil agierende König von Pavel Daniluk (seine Reaktion auf Radamès Forderung, die Gefangenen vorführen zu dürfen, war eine darstellerische Glanzleistung!). Da spürte man dann wieder die sehr intelligente, psychologisch fundierte Handschrift der Regisseurin. Sen Guo glänzte in ihren Einwürfen als Sacerdotessa und Dmitry Ivanchey war der wohlklingende Messagero (mit Laptop).

Immerhin: Für das allerletzte Bild hatte sich das Inszenierungsteam noch einen Paukenschlag einfallen lassen. Diese Bombe schlug am Ende der Gerichtsszene im wortwörtlichen Sinne ein, vermochte aber den Publikumszorn auch nicht mehr zu besänftigen.

Fazit:

Schade um das eigentlich klug durchdachte Konzept; wirklich berührend oder aufrüttelnd war der Abend leider nicht. 

Doch nur so zur Erinnerung: Pereira brachte die AIDA gleich zweimal neu heraus. Die erste Inszenierung von Johannes Schaaf (mit Harnoncourt am Pult) wurde vom Publikum gnadenlos niedergeschrien (zu Unrecht!) und nie wieder aufgenommen, die zweite von Nicolas Joel (Adam Fischer am Pult) geriet zu einer eher faden Ausstattungsorgie in einer Treibhausatmosphäre des Second Empire und bekam ebenfalls den Unmut des Publikums ("Vergogna"-Rufe, wie gestern auch) zu spüren.

Werk:

Trotz aller Arenatauglichkeit ist Verdis drittletzte Oper weniger ein Massenspektakel, eher ein intimes Kammerspiel mit einigen effektreichen Massenszenen (der gewaltige Triumphmarsch am Ende des zweiten Aktes mit seiner Zusammenführung der im Verlauf des Werks leitmotivartig verarbeiteten Themen). Pikante Kolorierungen exotischen Einschlags und Versuche, ein durchkomponiertes Musikdrama zu schaffen, vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass es sich bei AIDA um eine durch und durch italienische Nummern-Oper handelt. Verdi hat dem Orchester allerdings eine wichtige Aufgabe zugeschrieben, gegenüber früheren Werken ist die Eigenständigkeit des Orchesterparts gewaltig gesteigert und unterstützt so die Singstimmen in ihrer Darstellung der Gefühle und Leidenschaften und malt eindrucksvolle Stimmungsbilder (z. B. als Einleitung zur Nilarie).

AIDA war weder die Eröffnungsoper der Kairoer Oper (das war RIGOLETTO) noch wurde sie zur Eröffnung des Suez-Kanals (1869) gespielt, wie oft fälschlicherweise kolportiert wird. Sie war jedoch ein Auftragswerk des Opernenthusiasten Ismail Pascha, Khedive von Ägypten. Verdi begeisterte sich schnell für das exotische Sujet und kam auch dem Wunsch des ägyptischen Vizekönigs nach, die Uraufführung (gegen eine exorbitante Gage notabene) in Kairo stattfinden zu lassen. Diese musste jedoch wegen der Wirren des Deutsch-Französischen Krieges um beinahe ein Jahr verschoben werden. AIDA gehört seither ununterbrochen zu den Stützen des Repertoires und ist ein Garant für volle Kassen. Die Oper bietet zudem dankbare Paraderollen für Soprane und Mezzosoprane. Bekannte Interpretinnen der Aida wurden u.a. Maria Chiara, Maria Callas, Leontyne Price, Montserrat Caballé, Birgit Nilsson; die Rolle der Amneris wurde durch Grace Bumbry, Elena Obratzsova, Fiorenza Cossotto, Fedora Barbieri, Giulietta Simionato u.a. exemplarisch geprägt.

Inhalt:

Aida, die Tochter des äthiopischen Königs, lebt unerkannt als Sklavin am Hof der ägyptischen Pharaonen. Sie hat ein inniges Liebesverhältnis mit dem ägyptischen Feldherrn Radames. Durch einen fiesen Schachzug kommt die Pharaonentochter Amneris hinter das Geheimnis. Da sie ebenfalls in Radames verliebt ist, bricht die Rivalität zwischen den beiden offen aus. Radames kommt erfolgreich aus einem Feldzug gegen die Äthiopier zurück. Unter den Gefangenen befindet sich auch Aidas Vater Amonasro. Er verlangt von Aida, dass sie Radames strategische Geheimnisse entlocke. Nach einigem Zögern willigt Aida ein. Als Radames seinen Vaterlandsverrat erkennt, ist es bereits zu spät. Amneris und der Hohepriester Ramphis überraschen die drei. Aida kann noch fliehen, Amonasro fällt. Radames wird verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Er wird nach dem Prozess lebendig begraben. Aida hat sich in sein Grab geschmuggelt. Gemeinsam nehmen sie Abschied von der Welt. Amneris betet über dem Grab zu Isis, Radames' Seele möge in Frieden ruhen.

Musikalische Höhepunkte:

Celeste Aida, Arie des Radames, Akt I (mit dem gefürchtenten, pianissimo zu singenden hohen B am Ende)

Ritorna vincitor, Arie der Aida, Akt I

Vieni, sul crin ti poivano …, Amneris-Aida, Akt II

Gloria al Egitto, Triumphmarsch und Finale Akt II

O patria mia, Arie der Aida, Akt III (Nilarie)

Gerichtsszene, Amneris-Radames-Ramfis-Priester, Akt IV

O terra, addio, Duett Aida-Radames, mit Gebet der Amneris Akt IV

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