Winterthur: DER STEIN DER WEISEN, 05.09.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Der Stein der Weisen

Der Stein der Weisen oder Die Zauberinsel |

Oper in 2 Aufzügen |

Musik: Emanuel Schikaneder, Johann Baptist Henneberg, Benedikt Schack, Franz Xaver Gerl, Wolfgang Amadeus Mozart |

Libretto : Emanuel Schikaneder, nach einem Märchen von Wieland | Uraufführung: 11. September 1790 in Wien |

Aufführungen in Winterthur: 5.9. | 7.9. | 10.9. | 12.9. und 14.9.2010

Kritik:

Wuchtige Moll-Akkorde leiten die Ouvertüre dieser (vom Opernhaus Zürich) als Sensation angekündigten und vor 14 Jahren erst wiederentdeckten heroisch-komischen Oper ein. Nun, die Sensation blieb weitest gehend aus. Die Musik des Komponistenkollektivs klingt wohl gefällig und über weite Strecken flott, doch kaum ein Stück bleibt wirklich im Ohr haften. Allzu tief Schürfendes darf man bei diesem schnell zusammengeschusterten Werk nicht erwarten. Das Heroische wirkt eher betulich und das Komische schrammt allzu oft nur knapp am Dämlichen vorbei. Mag sein, dass sich das Publikum vor 200 Jahren über einen vermeintlich gehörnten Ehemann, welcher als Hirsch auf allen Vieren über die Bühne kriecht, amüsierte oder staunend einen vom Bühnenhimmel schwebenden Wolkenwagen beäugte - doch heutzutage vermag diese Art von Humor und solcher Bühnenzauber den Zuschauern kaum mehr als ein müdes Lächeln zu entlocken. Da das abstruse Libretto Schikaneders auch nicht gerade dazu angetan ist, sich ernsthaft mit der Handlung zu beschäftigen, konzentriert man sich besser auf die Musik der fünf Komponisten (wobei die Beiträge Hennebergs und natürlich die zwei Duette aus der Feder Mozarts am meisten überzeugen) und deren Wiedergabe durch das Ensemble des Opernhauses Zürich und das Musikkollegium Winterthur. Und tatsächlich kann das Zürcher Haus mit jungen, unverbrauchten Stimmen auftrumpfen. Der Winterthurer Ruben Drole absolviert quasi ein Heimspiel: Rund, samten und geschmeidig strömt sein wohlklingender Bariton, quirlig bewegt er sich als Lubano (Vorläufer des Papageno) - auch in peinlichsten Situationen - auf der Bühne. Seine vermeintlich untreue, lebenslustige Gemahlin Lubanara wird von Anja Schlosser verkörpert. Einmal mehr empfiehlt sie sich mit ihrer durchschlagskräftigen, sicher geführten und über ein breites Spektrum an Schattierungen verfügenden Stimme und der darstellerischen Souveränität für gewichtigere Aufgaben in ihrem Fach. Den beiden bodenständigen, komischen Figuren gegenübergestellt ist das hohe Paar Nadine und Nadir. Sandra Trattniggs leuchtender Sopran betört mit herrlich aufblühenden Höhen, vor allem mit ihrer zweite Arie „Mein einziger, liebster Nadir“ vermag die Sängerin zu berühren. Shawn Mathey hat von der Anlage der Figur her einen schwierigen Stand: Dieser Nadir ist weder komisch noch heroisch, weder tragisch noch feige. Eine schwammige, uninteressante Figur, was aber nicht die Schuld dieses Künstlers ist, sondern aufs Konto des Librettisten geht. Seine Arien singt er jedenfalls mit perfekter Phrasierung und stürzt sich mutig in die Koloraturen der zweiten Arie. Seiner Mittellage mangelt es ab und zu an Farbenreichtum, doch macht er dies durch eine exquisite und dynamisch fein abgestufte Tongebung mehr als wett. Aufhorchen liess auch die ausgesprochen saubere Begleitung der Hörner des Musikkollegiums Winterthur von Nadirs Arie im ersten Akt. Davide Fersini singt mit wohlklingender Besorgnis in der Stimme den (Stief-)vater Sadik. Die beiden verfeindeten königlichen Brüder Astromonte und Eutifronte werden von Peter Sonn, respektive Andreas Hörl verkörpert. Sonn stellt mit kräftigem, hell timbriertem Tenor eigentlich den Gutmenschen Astromonte dar, ist auch (wie seine Entourage) ganz in Weiss gekleidet. Doch hinter der Saubermann-Fassade dieses Sektenführers öffnen sich schauerliche Abgründe pädophiler Art. Regisseur Felix Breisach (TRAVIATA IM HAUPTBAHNHOF, BOHÈME IM HOCHHAUS) hat die Handlung auf ein Schachspiel hin ausgerichtet, auf einen Kampf zwischen Schwarz und Weiss, doch in die Zeichnung der Figuren durchaus auch verstörende Zwischentöne und Brechungen eingebaut. Da finden sich auch mal schwarze und weisse Figuren zum trauten Stelldichein und trösten einander nach dem überstandenen Sturm. So umschifft er gekonnt manche Absurditäten des Librettos, dessen Vorgeschichte der aus der Rocky Horror Picture Show entsprungene Eutifronte in einem kurzen Melodram erzählen darf. Andreas Hörl agiert mit übertriebener Mimik und singt den nicht ganz so bösen, eher sarkastisch agierenden schwarzen Mann ziemlich grobschlächtig polternd. Ganz hervorragend meistern der Zusatzchor und der Jugendchor der Oper Zürich ihre dankbaren Aufgaben. Allerdings sind sie in ihren Aktionen durch das Agieren auf dem Schachbrett etwas eingeschränkt, so dass sie oft zu statisch und unberührt vom Geschehen herumstehen müssen, mit starrem Blick zum Dirigenten. Zsolt Hamar führt mit präziser Zeichengebung und flotten Tempi durch den Abend; das Musikkollegium Winterthur entpuppt sich wiederum als exzellenter Klangkörper. Dass einem der knapp dreistündige Abend dann trotz des wirklich schwachen Librettos nicht extrem lange vorkommt, ist in erster Linie den Ausführenden auf der Bühne und im Graben zu verdanken. Regisseur Felix Breisach zieht die Schachpartie ziemlich konsequent durch (Bühne: Rolf Glittenberg, die dazu passenden Kostüme entwarf Dorothea Nicolai), kann damit aber das Werk insgesamt auch nicht retten.

Wie ein Verwandter des Falken aus der FRAU OHNE SCHATTEN erscheint der Zaubervogel (Genius), welcher immer wieder schützend seine grossen Flügel ausbreitet. Rebecca Olvera singt ihn mit leicht und rein perlendem, hohem Sopran. Sie ist es auch, welche zum Schluss Nadir den Stein der Weisen überreichen darf - eine bunt schillernde Seifenblase, die dann auch sehr schnell platzt. -  Gedacht als satirische Metapher für das ganze Werk?

Fazit: Und auch wenn die Partitur nochmals 100 Jahre in irgendwelchen Archiven geschlummert hätte, die schillernde Welt der Oper hätte es mühelos verkraftet, stünde ohne diesen STEIN DER WEISEN nicht ärmer da ... Keine Sensation also, nicht einmal ein Sensatiönchen, doch immerhin kann man sich an wunderbaren Stimmen erfreuen!

Werk:

Emanuel Schikaneder, der umtriebige Theaterdirektor, Librettist (u.a. Mozarts ZAUBERFLÖTE) und Komponist, war stets auf der Suche nach publikumswirksamen Stoffen. Im Rahmen eines Wieland-Projekts fasste er auch dessen Märchen Nadir und Nadine in Betracht und beauftragte im Sinne einer Effizienzsteigerung gleich ein Komponistenkollektiv mit der Komposition seines aus diversen Quellen (Märchen Esoterik) zusammengeschusterten Librettos. Da alle Komponisten, darunter auch der grosse Mozart, in etwa der selben Tradition verpflichtet waren, sind die qualitativen Unterschiede nur von wahren Experten zu hören. Entstanden ist eine Oper mit einer Thematik, die der ZAUBEFLÖTE ähnelt: Ein hohes und ein niederes Paar müssen Prüfungen durchlaufen um schliesslich zueinander zu finden und Weisheit zu erlangen.

Die Oper wurde ab 1790 fast 24 Jahre lang ununterbrochen aufgeführt, was zur damaligen Zeit eher ungewöhnlich war.

Danach galt die Oper als verschollen, bis ein Musikwissenschaftler in einer Bibliothek in Hamburg einen Stapel Beutegut durchsuchte, welchen die Rote Armee 1945 in die Sowjetunion geschafft und erst 1991 zurückgegeben hatte. Dabei stiess er auf die Partitur dieser interessanten Oper.

Inhalt:

Astromonte, der Herrscher Arkadiens, und sein Bruder Eutifronte, der Herrscher der unterirdischen Geister, streiten sich um das Erbe ihres Vaters. Dieses beinhaltet auch den STEIN DER WEISEN. Astromonte möchte, dass sein Sohn Nadir (welcher in die Tochter des Priesters Sadik verliebt ist) ihn erringt. Doch Eutifronte stellt den Liebenden allerlei Hindernisse in den Weg. Dazwischen wird das Publikum immer wieder mit „Szenen einer Ehe“ des Försterpaares Lubano und Lubanara unterhalten, welche zwischndurch auch mal in einen Hirsch und in eine Katze verzaubert werden. Nach vielem Hin und Her, Turbulenzen und Zaubereien en masse, finden die Paare endlich zueinander.

Informationen und Karten