St.Gallen: TOSCA, 30.01.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Tosca

Oper in drei Akten | Musik: Giacomo Puccini | Libretto : Giuseppe Giacosa und Luigi Illica | Uraufführung: 14. Januar 1900 in Rom | Aufführungen in St.Gallen: 30.1. | 5.2. | 10.2. | 14.2. | 23.2. | 6.3. | 2.4. | 12.4. | 14.5.2016

Kritik:

Notte. Cielo sereno, scintillante di stelle (Nacht. Der Himmel ist klar, die Sterne funkeln) - von dieser Stimmung sollte Cavaradossi gemäss Partitur zu seiner Romanze E lucevan le stelle ...inspiriert werden, diesem so wunderschönen Quarten und Quinten seligen Abschiednehmen vom Leben, von seiner Liebe im Schlussakt von Puccinis TOSCA. Doch der Blick in den Nachthimmel und auf die Dächer Roms und den Petersdom in der Morgendämmerung bleibt in der St.Galler Neuproduktion sowohl dem Gefangenen als auch dem Publikum verwehrt. Da kann er noch so hoch auf das Rollgerüst klettern, die Situation ist hoffnungslos, selbst die kahle Glühbirne hat sich in das Loch in der Bunkerdecke zurückgezogen. Das einzig Funkelnde ist die Stimme von Stefano La Colla – und wie das funkelt! Er singt einen Cavaradossi voll leuchtend tenoraler Strahlkraft, biegsam, leidenschaftlich, für die Revolution und auch für die Liebe entflammend, trotzig Scarpia die Stirn bietend, sich über Toscas Eifersucht mokierend (und dann selbst eifersüchtig werdend, wenn ihm Tosca von den sexuellen Begehrlichkeiten Scarpias berichtet). Stefano La Colla ist das vokale Ereignis dieser Premiere! Durch Mark und Bein gehen seine Beistandsbezeugung gegenüber dem verfolgten Angelotti (La vita mi costasse, vi salverò) im ersten Akt und seine triumphalen Vittoria-Rufe im zweiten Akt. Voller Wehmut gestaltet er wunderschön weich phrasierend die erwähnte Romanze im dritten, mit schwärmerischem Wohlklang die Arie Recondita armonia im ersten Akt, in welcher er die Vereinigung der reizvollen Schönheit der betenden Unbekannten mit der feurigen Ausstrahlung seiner Floria Tosca in der Kunst besingt. Diese Tosca wird von Katia Pellegrino mit all den erforderlichen Schattierungen des Charakters der Figur ausgestattet: Die aus ursprünglich sehr einfachen Verhältnissen stammende Operndiva findet sich unversehens in einem Gefühlsstrudel zwischen naiver Frömmigkeit und divenhafter Eifersucht, wird gegen ihren Willen politisiert und gar zur Mörderin – was sie in den Wahnsinn treibt. Katia Pellegrino singt eine grossartige, differenzierte Tosca. Sie verfügt mit ihrer interessant timbrierten Stimme über vielerlei Ausdrucksmöglichkeiten, meistert die grossen, dramatischen Ausbrüche in der Auseinandersetzung mit Scarpia ebenso mühelos wie die träumerische Leichtigkeit des Ariosos vom Häuschen im Grünen im ersten Akt. Höhepunkt und Messlatte für jede Tosca ist natürlich der Showstopper, das Gebet der Tosca (Vissi d'arte) im zweiten Akt. Puccini hatte später ab und an die Absicht, die Arie zu streichen, da sie die Handlung zum Stillstand bringe und wie ein Fremdkörper wirke. Zum Glück hat er es nicht getan, denn diese Offenlegung von Toscas Gemüts- und Seelenverfassung ist musikalisch derart überwältigend, dass man darauf auf keinen Fall mehr verzichten möchte. Und Katia Pellegrino gelingt eine zutiefst berührende Interpretation: Sie kann die Melodiebögen weit ausschwingen lassen und das Diminuendo am Ende, wenn sie Gott fragt, warum sie, die treu Gläubige, so brutal bestraft werde, ist von unter die Haut gehendem Schmerz erfüllt. Als Scarpia erlebt man Alfredo Daza. Mit seiner markanten Baritonstimme porträtiert er diesen notgeilen, schleimigen und mit eigennütziger, rücksichtsloser Brutalität über Leichen gehenden Machtmenschen mit zwar ekelerregender, aber beeindruckender Intensität.

Die ursprüngliche Idee Puccinis, Tosca eben im Wahn enden zu lassen, war ja bekanntlich von Victorien Sardou, dem Autor des Theaterstücks, untersagt worden. Er setzte den bekannten (absurden) Sprung von der Engelsburg durch. Die Inszenierung von Alexander Nerlich nähert sich wieder Puccinis Vorstellung an, das heisst der Mord, den Tosca begeht und der eigentlich so gegen alles ist, was bisher in ihrem Leben eine Rolle spielte (Kirche, Liebe, Karriere), führt bei ihr zu einer Persönlichkeitsspaltung. So sieht sie nach der begangenen Tat irgendwie entrückt zu, wie ihr anderes Ich das religiöse Ritual um Scarpias Leiche verrichtet. Zum Vorspiel des dritten Aktes erleben wir dann eben nicht die römische Morgenstimmung mit dem Hirtengesang aus der Ferne, sondern der Hirte wird zur Hirtin, zur jungen Tosca, welche die Weise singt (Theresa Holzhauser macht das traumhaft schön!). Am Ende fällt ihrem Wahn dann auch noch Spoletta (als fünfter Toter dieses Opernschockers nach Angelotti, Scarpia, Cavaradossi und der Titelheldin) zum Opfer, auch dies eine ursprüngliche Absicht der Librettisten und Puccinis, die dann aber wieder fallengelassen wurde. Der Regisseur Alexander Nerlich und seine Ausstatter (Bühne: Stefan Mayer, Kostüme: Christof Cremer) lassen die eigentlich historisch genau auf den 17./18. Juni 1800 fixierte Handlung in einer rechtlosen Endzeitstimmung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen, quasi im Réduit eines faschistischen Régimes, wie es z.B. die Republik von Salò 1943/44 darstellte. (Selbst das Erschiessungskommando im letzten Akt ist des immer währenden Mordens müde geworden und hangelt sich wie Zombies über die Bühne und ans Gerüst.) Die zeitliche Verlegung ist vertretbar, da auch zur Zeit der Komposition zwischen 1898 und 1900 in Italien ein solcher Zustand herrschte, die Protagonisten eh keine historischen Persönlichkeiten darstellen. Aus dem Maler Cavaradossi macht der Regisseur einen Bildhauer, der an einer Skulptur der Maria Magdalena arbeitet, die in ziemlich aufreizender Pose zur Fusswaschung ansetzt und Scarpia die Möglichkeit gibt, sich im Finale I darauf aufzugeilen (wenn sie denn noch richtig arretiert werden könnte ... ). Die Skulptur scheint Scarpia so gefallen zu haben, dass er sie gleich in den Palazzo Farnese transportieren lässt. Für den dritten Akt sind ihr über Nacht dann noch Engelsflügel gewachsen (gefallener Engel, Engelsburg, ja, ja) und sie steht ziemlich unbeachtet im Bühnenhintergrund herum. Wie allerdings Tosca auf den Kohleskizzen im ersten Akt feststellen will, dass die abgebildete Frau blaue Augen hat, bleibt ein Rätsel. Ebenso macht es wenig Sinn, wenn Cavaradossi zum Mesner (David Maze) sagt „Gib mir Farben“ und dann etwas hilflos damit an der Marmorstatue herumpinselt. Die Kapelle der Attavanti ist ein Loch im Boden, aus dem Angelotti (Tomislav Lucic) zu früh hervorguckt (oder der Mesner zu spät von der Bühne abgeht). Das sind dann halt so Ungereimtheiten, die passieren können, wenn man bemüht etwas anders als bisher machen, aber doch niemanden verschrecken will. Zu neuem Erkenntnisgewinn über Werk und Inhalt trägt das alles aber wenig bei. Das gilt auch für die Verwandlung am Ende der Kirchenszene, wo sich der rot glitzernde Variété-Vorhang - welcher nun die Seitenwände und die Rückwand für den zweiten Akt verhüllt - in den Rollgerüsten verfängt. Gelungen ist die sich als leuchtendes Kreuz öffnende Rückwand in der Kirchenszene, ein schöner Effekt. Eine mutige Komposition von Rot und Pink zeichnet Toscas Kostüm für den ersten Auftritt (und der ihrer abgespaltenen Person) aus. Im zweiten Akt stürmt sie mit einem weissen Nachthemd im Empire-Stil herein, was zu Scarpias legerem rotem Homedress und den Pantoffeln (am Arbeitsort im Palazzo Farnese?) passt. Sehr gut gelungen ist Scarpias schwarzer Anzug mit den rot unterlegten Kellerfalten für seinen ersten Auftritt. Das gibt ihm einen eindrücklichen diabolischen Touch und er erinnert in seiner untersetzten Gestalt und den schwarzen, gelierten Haaren an den jungen Mario Adorf, den Bösewicht vom Dienst.

Michael Balke bevorzugt mit dem hervorragend spielenden Sinfonieorchester St.Gallen (nur schon die Musiker des Hornquartetts und der Klarinette zu Beginn des dritten Aktes verdienen für ihr Spiel ein Riesenkompliment) einen schon fast zu weichen Klang mit eher getragenen Tempi. Die TOSCA kann man sich mit ihren gewagten, reiz- und glutvollen und in die Zukunft weisenden Harmonien durchaus auch etwas moderner und rauer vorstellen.

Inhalt:

Die Oper spielt am 17./18. Juni 1800 in Rom.
Der Maler Cavaradossi bietet dem flüchtigen Staatsgefangenen Angelotti ein Versteck an. Der brutale Polizeichef Scarpia hat es auf Cavaradossis eifersüchtige Geliebte, die Sängerin Floria Tosca, abgesehen. Er nutzt ihre Eifersucht und ihren Hang zur Theatralik für seine Interessen aus. Damit will er den Rivalen Cavaradossi und den politischen Gegner Angelotti aus dem Weg räumen. Ein teuflisches Spiel beginnt, in dem Tosca zu spät erkennt, dass nicht sie Scarpia, sondern er sie täuschte. Scarpia verspricht ihr eine Scheinhinrichtung des Fluchthelfers Cavaradossi. Als sie sich Scarpia dafür sexuell hingeben soll, tötet sie ihn. Die scheinbare Hinrichtung Cavaradossis auf der Engelsburg erweist sich als Betrug, Cavaradossi wird erschossen. Tosca stürzt sich vor den Augen der Verfolger von der Brüstung in die Tiefe.
 
Werk:
Puccinis TOSCA zählt zu den bekanntesten und meistgespielten Opern des gesamten Repertoires. Das kommt nicht von ungefähr. Mit seinem untrüglichen Theaterinstinkt erkannte der italienische Komponist auf Anhieb die Bühnenwirksamkeit des Stoffes (sex, power and crime), kaum hatte er das Schauspiel von Sardou mit Sarah Bernhardt in der Titelrolle gesehen.
Die für die Bühne geforderte Einheit von Ort und Zeit ist in geradezu idealer Weise gewahrt, läuft die Handlung doch innerhalb von nicht einmal 24 Stunden in Rom ab. (Kirche, Palazzo Farnese, Engelsburg). Obwohl der Zeitpunkt des Geschehens klar fixiert ist (17. Juni 1800, Rom), darf nicht übersehen werden, dass Puccini durchaus auch einen Kommentar zu seiner eigenen Gegenwart (restaurative Tendenzen unter Umberto I.) und somit auch einen allgemeingültigen abgab und die oft verhängnisvolle Entente zwischen Kirche und Staatsmacht anprangerte und das Streben nach der Freiheit des Individuums betonte.
 
Die Musik ist von dramatischer Durchschlagskraft, peitscht die Handlung atemlos vorwärts, die ruhenden Pole, die Arien und Duette, sind relativ kurz gehalten, dafür von unermesslicher Schönheit.
Die Kritik stand dem Werk lange abwertend gegenüber, es wurde als „schäbiger Schocker“ bezeichnet, als „Folterkammermusik“ und „Affenschande“. Doch wird Puccini unterschätzt: Seine TOSCA ist eine dramatisch äusserst stringente Oper, die keine Stilbrüche enthält, wie z. B. die im selben Jahrzehnt entstandenen Werke von Richard Strauss (SALOME / ELEKTRA) mit ihren Walzereinschüben.
 
Musikalische Höhepunkte:
Recondita armonia, Arie des Cavaradossi, Akt I
Non la sospiri la nostra casetta, Arioso der Tosca, Akt I
Va, Tosca! (Te deum), Scarpia, Finale Akt I
Vittoria, vittoria, Szene Cavaradossi, Scarpia, Tosca, Akt II
Vissi d’arte, Arie der Tosca, Akt II
E lucevan le stelle, Arie des Cavaradossi, Akt III
O dolci mani, Cavaradossi-Tosca, Akt III

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