St.Gallen: RIGOLETTO, 15.09.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Rigoletto

Oper in drei Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Francesco Maria Piave, nach dem Versdrama Le roi s'amuse von Victor Hugo | Uraufführung: 11. März 1851 in Venedig | Aufführungen in St.Gallen: 15.9. | 22.9. | 5.10. | 7.10. | 23.10. | 30.10. | 11.11. | 13.11. | 26.11. | 2.12. | 5.12. | 7.12. | 15.12. 2012 | 3.1. | 9.3.2013

Kritik:

Das Theater St.Gallen hat eine lange und erfolgreiche Tradition was die Pflege der Opern Giuseppe Verdis anbelangt, galt in der Vergangenheit bei aficionados des italienischen Meisters oftmals als Geheimtipp. Dem darf nicht länger so sein, denn diese in jeder Beziehung mitreissende Neuproduktion des RIGOLETTO gehört ins Zentrum der Aufmerksamkeit der OpernliebhaberInnen gezerrt und läutet fulminant die Saison des „Verdi-Jahres“ 2013 ein, in welcher des 200.Geburtstages des Maestros gedacht wird.

Dem RIGOLETTO hat man im Verlauf der Rezeptionsgeschichte die unterschiedlichsten Konzepte übergestülpt, und sie haben erstaunlicherweise meistens funktioniert: Ob im mafiösen Milieu der Nachkriegszeit oder im Italien des Faschismus, ob als Ausstattungsoper zur Zeit der Renaissance oder als schauerlich-albtraumartige Kopfgeburt (Komische Oper Berlin). Das liegt daran, dass Verdi mit seinem untrüglichen Instinkt für die Bühne mit einer genialen Verknappung der Mittel eine explosive Zeitlosigkeit der Charaktere und ihrer Handlungen gelungen ist. Da ist keine Note zu viel oder zu wenig, vom kurzen Vorspiel mit seinem prägnanten Fluch-Motiv (von den Blechbläsern des Sinfonieorchesters St.Gallen äusserst sauber intoniert!) bis zum ätherischen Engelsgesang der Gilda am Ende und den dazu kontrastierenden, absteigenden Ausbrüchen der Verzweiflung Rigolettos schuf Verdi einen nie nachlassenden Spannungsbogen.

In St.Gallen nun hat Regisseurin Rosetta Cucchi die Handlung in einen Wanderzirkus verlegt und schlägt damit einen Bogen von einer quasi „vor-veristischen“ Oper zum Verismus Leoncavallos mit seinem Werk I PAGLIACCI, welches ja in der Figur des Tonio durchaus einen Wesensverwandten Rigolettos beinhaltet, der im Prolog sogar eine Phrase Verdis zitiert. Auf engstem Raum leben also Artisten zusammen, für den Auftritt im Chapiteau in Kostüm und Maske muss man sich verstellen, doch kaum treten diese Artisten auf den Sattelplatz, können und wollen sie sich nicht mehr verstellen, die Konflikte, die Ängste, die Sehnsüchte brechen aus. Die gegenseitige Abhängigkeit schlägt in Hass und Gemeinheit um. Der Bühnenbildner Tiziano Santi und die Kostümbildnerin Claudia Pernigotti haben dazu ein stimmungsvolles Ambiente geschaffen: Im Hintergrund sieht man das Zelt, erhält durch geschickte Beleuchtung (Andreas Enzler) kurze Einblicke in die Manege und für die intimeren Szenen im zweiten Bild des ersten Aktes und im Schlussbild werden Zirkuswagen hereingefahren, die Behausungen Rigolettos, bzw. des Messerwerfers Sparafucile, welcher Maddalena in seinem Wagen dem Herzog als Gespielin anbietet. Rigoletto ist der scharfzüngige, ja geradezu bösartige Deformierte, wie er so oft in den Zirkussen des 19. und frühen 20.Jahrhunderts zur schauerlichen Belustigung des Publikums vorgeführt wurde. Sein ganzer Körper ist mit fürchterlichen,abstossenden Geschwüren übersät, eine Art „Elephantman“. Kammersänger Paolo Gavanelli spielt und singt diesen hässlichen, in seinem tiefsten Innern so verletzten Charakter mit einer Intensität, welche unter die Haut geht. Selbstverständlich kann er von seiner jahrzehntelangen Erfahrung in der Rolle profitieren, lässt diese jedoch in keinem Moment als blosse Routine aufschimmern. Sein Bariton strömt kräftig, sicher und geradezu exemplarisch phrasierend, zeigt die Verletzlichkeiten und Ängste genauso bewegend wie er in seinen Racheschwüren (Gänsehaut-Finale Akt II!) furchteinflössend und bedrohlich wirken kann. Seine Tochter Gilda wird von Arianna Ballotta mit leuchtender, glockenreiner und apart timbrierter Stimme gesungen. Schon das Duett mit Rigoletto gerät zu einem vokalen Höhepunkt, dem dann ihre grosse Arie Caro nome noch ein phänomenales Glanzlicht aufsetzt, wunderbar unterstützt von den Holzbläsern des Orchesters. Da öffnet sich beim Zuhören der Himmel, genauso wie in ihrem Liebesgeständnis im zweiten Akt, ihren Lamento-Einwürfen im Quartett und ihrem berührenden Abschied von dieser Welt. Wie sehr sie sich in die Abhängigkeit des Herzogs begibt (hier ein Dompteur) zeigt sich einleuchtend an ihrer Kostümierung im zweiten Akt: Sie trägt nun die Latzhose einer einfachen Zeltarbeiterin. Diesen Dompteur (Herzog von Mantua) zeigt der blendend agierende Arthur Espiritu als triebgesteuerten, cholerischern Womanizer mit Hang zu sadistischen Spielarten. Leicht, geschmeidig, herrlich belkantesk und bruchlos erklingt seine wunderbar ansprechende Tenorstimme, welche ohne jegliche Schluchze und ohne Forcieren auskommt, Fermaten gekonnt, aber nicht übertrieben auszukosten vermag, im dramatischen Ausdruck des Rezitativs Ella mi fu rapita genauso zu gefallen weiss wie in der anschliessenden Arie Parmi veder le lagrime mit Cabaletta, der Gassenhauer Kanzone La donna è mobile und als Stimmführer des wunderschönen Quartetts. Neben bewährten Kräften des Ensembles (Riccardo Botta und David Maze verleihen Borsa respektive Marullo viel Profil) bewähren sich auch die neuen Mitglieder: Matt Boehler verfügt über einen rabenschwarzen Bass und ist geradezu ideal besetzt als Sparafucile und Susanne Gritschneder setzt ihren prachtvoll erotisch gefärbten Mezzo als Maddalena gekonnt ein und bereichert mit ihren Staccati das Quartett. Wie es zu den Flüchen und Verwünschungen Monterones (Wade Kernot) kommt, erzählt Rosetta Cucchi ganz anschaulich: Die Tochter Monterones wird vom sadistischen Dompteur in einem Käfig gehalten und durch ihn und selbst Rigoletto mehrfach vergewaltigt, bis sie ihren Verletzungen erliegt. Überhaupt kann man dem Inszenierungsteam nicht dankbar genug sein, dass es die Tragödie direkt, nachvollziehbar und mit überzeugender Wahrhaftigkeit erzählt. Man muss nicht wie beim so genannten Regietheater Symbole und Metaphern entschlüsseln und um sieben Ecken herum nachdenken, wie und warum dies und jenes gemeint sein könnte. Rosetta Cucchis Personenführung ist schlüssig und genau empfunden. Als kleine poetisch-böse Brechung hat sie noch die stumme Rolle einer Harlekina eingefügt: Einer Schicksalsweiserin in bester Stephen King Tradition.

Das Premierenpublikum zeigte sich zu Recht begeistert, spendete lang anhaltenden Applaus, in welchen auch der präzis singende Herrenchor, die Statisten sowie das exzellent spielende Sinfonieorchester unter der Leitung des schlüssig disponierenden und mit packender Plastizität dirigierenden Pietro Rizzo einbezogen wurden.

Inhalt:

Rigoletto ist der scharfzüngige Hofnarr des Herzogs von Mantua, einem „Womanizer“ par excellence. Eines der Opfer des Herzogs war die Tochter des Grafen von Monterone, welcher auf dem Ball des Herzogs auftaucht und den Spötter Rigoletto verflucht. Dieser Fluch lässt den Narren nicht mehr los. Auch er ist (was niemand weiss) Vater einer Tochter, welche er wie in einem Gefängnis hält, damit ihr auch ja nichts zustossen kann. Rigoletto trifft auf den Mörder Sparafucile, der ihm seine Dienste anbietet. Rigoletto hat aber dafür – noch – kein Bedürfnis. Zu Hause angekommen, drängt ihn seine Tochter Gilda, ihr mehr über ihre Herkunft zu berichten. Rigoletto erzählt ihr von der verstorbenen Mutter und bricht dann nochmals auf. Die bestechliche Magd Giovanna lässt unterdessen einen Verehrer Gildas ins Haus, es ist der Herzog, der vorgibt, ein mittelloser Student zu sein. Die Höflinge glauben, Rigoletto habe heimlich eine Geliebte und beschliessen diese zu entführen (mit Hilfe des Vaters, dem sie vorgaukeln, die Gräfin von Ceprano werde für den Herzog „geholt“). Als er Gildas Hilfeschreie hört, wird ihm schlagartig bewusst, was passiert ist. Der Fluch Monterones scheint sich zu erfüllen.

Der Herzog ist verärgert, dass die Höflinge Gilda entführt haben. Als er jedoch erfährt, dass sie bereits in seinem Schlafzimmer ist, eilt er freudig erregt zu ihr. Rigoletto erscheint und versucht in einer berührenden Szene die Höflinge auszuhorchen, um den Aufenthalt seiner Tochter ausfindig zu machen. Dabei schockiert er mit Enthüllung, das sie seine Tochter sei. Rigoletto muss erfahren, dass sich Gilda in den Herzog verliebt hat. Monterone wiederholt auf dem Weg ins Gefängnis seinen Fluch. Rigoletto schwört die Entehrung seiner Tochter zu rächen.

Er sucht Sparafucile auf, welcher mit seiner Schwester Magdalena einen Bordell ähnlichen Betrieb am Flussufer betreibt, in dem auch der Herzog gerne verkehrt. Gemeinsam verabreden sie, die Ermordung des Herzogs. Doch Magdalena setzt sich für ihren leidenschaftlichen Freier ein und überredet ihren Bruder, jemand anders an anstelle des Herzogs umzubringen. Gilda hat die Konversation belauscht und klopft in Männerkleidern während eines Sturms an die Türe. Sie wird von Sparafucile erstochen und in einen Sack gesteckt. Als Rigoletto kommt, um den Leichnam in Empfang zu nehmen, hört er den Herzog ein Liebesliedchen trällern. Er öffnet den Sack – die Welt bricht für den liebenden Vater zusammen. Monterones Fluch hat sich nun tatsächlich erfüllt.

Werk:

Schon Victor Hugos Vorlage war in Paris verboten worden – Majestätsbeleidigung! Der Librettist Verdis, Piave, entschärfte die Vorlage, doch die Zensur schritt auch in Italien ein, so dass erneut Anpassungen gemacht werden mussten, um ja keine Satire auf real existierende Herrscher und Kritik am Gebahren des Adels aus dem Text herauslesen zu können.

Stilistisch hat Verdi gegenüber seinen früheren Werken nochmals an differenzierender Charakterisierungskunst zugelegt. Die sich in himmlische, reine Höhen aufschwingende Gilda, der volkstümlich-ordinär dahinträllernde Herzog und vor allem die empfindsamen - den liebenden Vater, den öffentlichen Spötter und den leicht abergläubischen Mann - treffend veranschaulichenden Kantilenen der Titelfigur verleihen der Oper eine Tiefe, eine direkt ansprechende, dramatische Wucht, welche RIGOLETTO zu einem ersten, ganz grossen Höhepunkt in Verdis Schaffen macht. Damit läutete der Grossmeister der italienischen Oper seine mittlere Schaffensphase ein, welcher unmittelbar darauf IL TROVATORE und LA TRAVIATA folgten.

Musikalische Höhepunkte:

Pari siamo, grosse Szene des Rigoletto, Akt I

Figlia, mio padre, Duett Gilda-Rigoletto, Akt I

Caro nome, Arie der Gilda, Akt I

Ella mi fu rapita..Parmi verder le lagrime, Rezitativ und Arie Herzog, Akt II

Cortiggiani, vil razza dannata, Szene Rigoletto-Höflinge, Akt II

Tutte le feste, Gilda-Rigoletto und Finale Akt II

La donna è mobile, Arie Herzog, Akt III

Bella figlia dell' amore, Quartett Herzog, Maddalena, Gilda, Rigoletto, Akt III

Karten

Premierenapplaus (Video)