St.Gallen: MEDEA IN CORINTO, 24.10.2009

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Medea in Corinto

Melodramma tragico in zwei Akten

Musik: Giovanni Simone Mayr

Libretto: Felice Romani

Uraufführung: 28. November 1813 in Neapel

Aufführungen in St.Gallen: 24.10. | 28.10. | 1.11. | 6.11. | 16.11. | 20.11. | 22.11. | 24.11. | 13.12. | 20.12. | 29.12.2009 | 20.1. 2010

Besuchte Vorstellung: 24. Oktober 2009
Die Musik- und Opernfreunde können dem Theater St.Gallen nicht dankbar genug sein für diese Ausgrabung eines zu Unrecht viel zu selten gespielten Werkes. Diese MEDEA IN CORINTO von Giovanni Simone Mayr hat nicht nur musikalisch einiges zu bieten, das Werk ist auch musikhistorisch äusserst interessant, steht es doch an der Schwelle von der Klassik zur Romantik, setzt die Errungenschaften der Vergangenheit gekonnt ein und besitzt darüber hinaus weit in die Zukunft weisende Qualitäten mit der Vorwegnahme von Elementen der Schauerromantik, dem Einbezug subtiler Orchesterfarben und gross angelegter, durchkomponierter Szenen. Das Sinfonieorchester St.Gallen unter der souveränen Leitung von David Stern gestaltet diese Musik wunderbar plastisch, mit grossem Atem und wo nötig zupackender Dramatik werden sowohl die Eigenständigkeit des Orchestersatzes betont als auch der herausragende Chor des Theaters St.Gallen und das exzellente Sängerensemble einfühlsam begleitet. Und diese Sängerinnen und Sänger haben es wahrlich in sich: Elzbieta Szmytka (sie hat bereits in Bern als Medea von Cherubini für Furore gesorgt) ist eine berührende Titelfigur. Sie durchschreitet darstellerisch gekonnt die Emotionsebenen dieser enttäuschten, verstossenen und an den Rand gedrängten Frau, die erst allmählich zur rasenden, dem Wahnsinn anheim fallenden Rächerin wird. Ihrer Stimme mag die dämonische Tiefe etwas fehlen, doch dieses kleine Manko wird durch ihre triumphale Sicherheit in der Höhe und die Geläufigkeit in den Fiorituren und Kadenzen mehr als kompensiert. Mit sanft weichem Ansatz und hellem, sauberem Sopran stattet Evelyn Pollock die naiv liebende Creusa aus. Mayr hat zwei schwierige, hohe und geläufige Stimmen voraussetzende, Tenorpartien geschrieben. St.Gallen wartet auch hier mit einer phänomenalen Besetzung auf: Giasone, dieser eitle, selbstverliebte Dandy, wird von Mark Milhofer restlos überzeugend dargestellt und gesungen.

Sein Gegenspieler Egeo wird dank des mit brillanter Technik und stimmlichem Wohlklang singenden Lawrence Brownlee zum Ereignis. Dass es dem Theater St.Gallen gelungen ist, einen Sänger solchen Formats (Mailänder Scala, Met, Wiener Staatsoper, Deutsche Oper Berlin …) zu verpflichten, ist nicht hoch genug zu würdigen.


Die im Rollstuhl auftretende Napoléon-Karikatur des Königs Creonte wird von Wojtek Gierlach mit sonorem, wohlklingendem Bass gestaltet, die kleineren Partien werden durch das schauspielerische Talent von Fiqerete Ymeraj, Andrés del Castillo und Carlos Petruzziello aufgewertet.

Bleibt die Regie von David Alden in der Ausstattung von Giles Cadle (Bühne) und Jonathan Morrell (Kostüme): Sie haben das Geschehen in die Entstehungszeit des Werkes, an den kaiserlichen Hof von Bonaparte, verlegt. Das kann man machen, zwingend ist es nicht. Schrill und bunt geht es da zu und her, lenkt aber vom eigentlichen Seelendrama und den Qualen der Protagonisten ab. Einige Passagen sind jedoch sehr gelungen, so die Begegnungen von Medea und Giasone, welche psychologisch sehr intensiv durchgestaltet sind. Eine Pracht ist allerdings Medeas schwarzes Kostüm, welches sie zur Trauung von Creusa mit Giasone trägt. Lächerlich hingegen wirkt das piratenhafte Gehabe des Egeo und etwas gar Holzhammer artig der Ausblick Medeas auf heuntergekommene DDR-Plattenbauten, als sie von ihrer drohenden Verbannung erfährt, oder der Einsatz der schwarzen Unglücksraben als Vorboten des Unheils, welches über den eigentlich desinteressierten und oberflächlichen Hofstaat hereinbrechen wird.
Doch diese Einwände vermögen die wirklich packende Wiedergabe der meisterhaften Oper von Mayr nicht zu trüben.

Fazit:

Ein zu Unrecht sträflich vernachlässigtes Werk erhält durch die phänomenale musikalische Umsetzung in St.Gallen seine verdiente Anerkennung. Nicht verpassen!

Inhalt:

Jason kehrt siegreich von einem Feldzug zurück, den er für König Kreon geführt hat. Als Belohnung erhält er die Hand von dessen Tochter Creusa. Er verstösst seine frühere Gemahlin Medea. Diese rast vor Zorn und schwört grausame Rache. Dazu verbündet sie sich mit einem Freier Creusas, Egeo von Athen. Als die beiden versuchen, Creusa zu entführen, werden sie von Kreon und Jason gefangengenommen. In einer unterirdischen Grotte bittet Medea die Furien, ein vergiftetes Kleid herbeizuschaffen. Creusa zieht das Kleid an und stirbt auf der Stelle. In einem weiteren Anfall von Raserei tötet Medea die beiden Kinder, welche sie gemeinsam mit Jason hatte und zeigt sie triumphierend Jason und der Menge. Dann flieht sie mit einem von Drachen gezogenen Wagen in ihre Heimat.

Werk:

Der Medea Stoff gilt seit der Antik als Sinnbild für Liebe, welche sich durch Enttäuschung und Verrat in grenzenlosen Hass und brutale Rache wandelt. Medea besitzt dämonische und seherische Kräfte, löst Urängste aus und wird deshalb aus der Gesellschaft ausgegrenzt und verdammt. Der Stoff hat immer wieder Künstler aller Gattungen zu grossen Werken inspiriert, wurde z.B. von Pasolini mit Maria Callas als Medea auch verfilmt. Im Bereich des Musiktheaters erlangte Cherubinis Vertonung von 1797 Berühmtheit. Diese Oper war 2008 in Bern zu sehen.
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts, ausgehend vom titanischen Menschenbild der Französischen Revolution, begeisterte sich das Publikum an den im zentralen Primadonnenpart dargestellten Seelennöten einer gepeinigten und rachegierigen Frau. Vergleichbar ist dieses Interesse mit Tendenzen der letzten Jahrzehnte: Christa Wolf (Medea Stimmen) und Ursula Haas (Freispruch für Medea) befreiten in ihren Romanen die unzähmbare Aussenseiterin von der ihr in fast allen Adaptionen seit Euripides zugeschriebenen Dämonik. In ganz frühen Mythen aber war die Königstochter und Priesterin, die vom Sonnengott Helios abstammt, eine Lichtgestalt.
Giovanni Simone Mayr steht mit seinem Werk musikalisch zwischen Mozart und Rossini. Der ursprünglich aus Bayern stammende Komponist erlangte in Italien mit über 60 Opern, zahlreicher Kirchen- und Kammermusik und als Lehrer Donizettis in Bergamo einen grossen Bekanntheitsgrad. Als jedoch Rossinis Werke die Opernbühnen zu erobern begannen, gerieten Mayrs Werke nahezu in Vergessenheit. Die Medea der Uraufführung sang übrigens Rossinis spätere Gattin Isabella Colbran.
Das Libretto ist ein Frühwerk des berühmten Felice Romani, welcher später für Rossini (Il Turco in Italia), Bellini (Sonnambula, Norma) und Donizetti (Anna Bolena, L’Elisir d’Amore) gearbeitet hat.

St. Gallen zeigt das Werk als Erstaufführung der quellenkritischen Neuedition, basierend auf Mayrs Autograph von 1821.