St.Gallen: LA FINTA GIARDINIERA, 02.02.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   La finta giardiniera

Dramma giocoso in drei Akten | Musik: Wolfgang Amadeus Mozart | Libretto: (vermutlich) von Giuseppe Petrosellini | Uraufführung: 13. Januar 1775 in München | Aufführungen in St.Gallen: 2.2. | 5.2. | 8.2. | 17.2. | 17.3. | 21.3. | 10.4. | 16.4. | 20.4. | 3.6.2013

Kritik:

Zur Karnevalszeit in München 1775 uraufgeführt, zur Karnevalszeit 2013 in St.Gallen auf die Bühne gebracht – Mozarts dramma giocoso LA FINTA GIARDINIERA kann (mit Unterbrechungen) auf eine stolze Aufführungsgeschichte zurückblicken, scheint gerade in jüngster Zeit wieder vermehrt die Aufmerksamkeit der Intendanten und des Publikums zu erregen (zum Glück wird auch in St.Gallen eine Fassung mit etlichen Strichen gespielt, denn in kompletter Länge ist das Werk heutzutage wohl kaum zu inszenieren). Die ungefähr zehnte Oper Mozarts vermag musikalisch durchaus zu verblüffen. Zwar war das Theater St.Gallen leider nicht „gestrozt voll, dass vielle leüte wieder zurück haben müssen“ (Mozart an seine Mutter nach der Uraufführung), doch das wird sich hoffentlich noch ändern, denn die Aufführung ist in der Tat ein sehens -und hörenswerter karnevalesker Spass – aber durchaus mit Tiefgang. Die Lust an Maskerade, an überzeichneten Rokoko-Kostümen (die Maske und die Kostümabteilung haben nach Entwürfen von Thomas Kaiser grossartige Arbeit geleistet) sowie die witzige, aber auch metaphernhafte Einbindung des Zeitalters der Aufklärung (Montgolfière, Astronomie, Naturwissenschaften) machen aus der etwas kruden buffa-Handlung einen Spass mit Biss. Regisseurin Lydia Steier lässt zur Ouvertüre die Mitglieder des Haushalts des Podestà einer Theateraufführung beiwohnen: Auf einer Minibühne spielen zwei Kleinwüchsige die Vorgeschichte, die brutale Misshandlung der Violante durch ihren eifersüchtigen Verlobten Belfiore (Valerie Junker und Markus Hofmann sind fabelhafte Darsteller, greifen auch später als Alter Egos und Amoretten immer wieder erhellend, mit Schalk und enormer körperlicher Ausdauer [als Statuen!] in die Handlung ein). Durch diese Theateraufführung werden die Zuschauer auf der Bühne (und hoffentlich auch im Zuschauerraum ;-)) aufgewühlt, mit ihren eigenen – unglücklichen – Liebeserfahrungen konfrontiert. Da sind also der Hausherr Don Anchise (Nik Kevin Koch mit fantastisch kernig timbriertem Tenor den Dirigenten zu seinem Diener machend, herrlich geckenhaftem Gehabe und seine Fahrkünste auf dem Sternwarte-Vehikel stolz zur Schau stellend), der nach Arminda schmachtende Heulsusen-Poet Ramiro (Susanne Gritschneder, sieht zwar aus wie eine Parodie auf die grandiose Hosenrollendarstellerin Marilyn Horne, singt jedoch mindestens so fulminant!), die kecke und nach höheren Wonnen strebende Dienerin Serpetta (Sumi Kittelberger mit perlend sauberer Stimme und quirligem Spiel), der in sie verliebte und zurückgewiesene, sympathisch-trottelige Diener Nardo (Roman Gübner mit weich geführtem Bariton, inklusiv gekonnter Falsett-Einlage und notgeilen Zwangshandlungen) und natürlich die Gärtnerin Sandrina, um deren Schicksal sich schliesslich alles dreht. Simone Riksman scheint die Partie auf den Leib geschrieben: Welch wunderbar zartes, empfindsames und bezauberndes Timbre. In ihrer Cavatina Geme la tortorella drückt siemit berührender Eindringlichkeit Einsamkeit, Sorge und Liebesverlangen aus. Komplett erliegt man ihrer Stimme, ihrem Schmerz und ihrer Pein dann in der grossen Szene vor dem Finale II: Mozart wechselt darin von c-Moll ins entferntere a-Moll und macht dabei die zunehmende Entrückung Sandrinas deutlich. Die totale Verwirrung der Gefühle findet in Lydia Steiers Inszenierung während eines Venustranits mit nachfolgender Sonnenfinsternis statt: In einer Art shakespearschem, surrealem Sommernachtstraum fallen jegliche Hemmungen, die Paare kopulieren in allen möglichen Konstellationen, Prüfung in Zauberflöten-Art und libertär enthemmtes Treiben gleichzeitig. Dabei wird Sandrina klar, dass sie sich im wahrsten Sinne des Wortes von ihrem Belfiore freischwimmen muss – ein wunderbarer Einfall der Regisseurin! Dieser Belfiore kommt wie eine Porzellanpuppe daher, steif und kalt, stets auf seine ach so aristokratische Herkunft pochend. Anicio Zorzi Giustiniani setzt dazu seinen geschmeidig geführten, strahlenden Tenor gekonnt ein, schwankt stets zwischen falschem Jubel und ebenso verlogener Depression. Genau dieses "Gräflein" möchte sich eigentlich Arminda angeln: Evelyn Pollock bleibt dieser komplexen Elettra-Studie nichts an Darstellungskunst, intrigantem und eifersüchtigem Gehabe und verzweifelter Suche nach einem Liebhaber schuldig. Fulminant vorgetragene Racheschwüre (Vorrei punirti indegno) und der Griff zum Flachmann (in Pink, wie ihre herrliche Robe) gehen Hand in Hand, danach trippelt sie beduselt über die Bühne und schreit unbeholfen „aiuto“, weil sie trotz ihres Grossmauls schon bei kleinsten alltäglichen Verrichtungen hoffnungslos überfordert ist. Herrlich! Zwar finden sich Arminda und Ramiro am Ende noch, doch das gemeinsame Kind, das zum Finale aus dem Babywagen gehoben wird, gleicht aufs Haar dem Podestà … das Ergebnis einer verrückten Sommernacht!

Mit ebenso viel Witz, Humor und Feinfühligkeit (welch delikate Akzente und Figuren der Streicher!) begleitet und interpretiert das Sinfonieorchester St.Gallen unter Jermy Carnall das fesche Treiben auf der sparsam und mit augenzwinkerndem Kitsch ausgestatteten Bühne (Peter Nolle). Mozart hätte sich wahrscheinlich gekrümmt vor Lachen über die fremden Einsprengsel in der Partitur: Der virtuose Roberto Forno am Flügel stimmte auch mal jazzige Rhythmen an, Roman Grübner als Nardo durfte Sumi Kittelbergers Domina-Serpetta mit einem witzig vorgetragenen Schweizer Musicalhit zu bezirzen versuchen (Ewigi Liebi), und im zweiten Akt wurde ganz in der Tradition der veristischen Dramen ein Intermezzo sinfonico eingebaut: Ramiro schwelgt in seinem Selbstmitleid zum traurigen Andante aus Mozarts Klavierkonzert Nr.21 in C-Dur, Köchel-Verzeichnis 467, welches durch Bo Widerbergs sentimentales Filmdrama ELVIRA MADIGAN berühmt wurde.

Die Oper schliesst dann bei Lydia Steier nicht wirklich giocoso: Ganz im Sinne der Aufklärung misstraut sie dem lieto fine. Sandrina lässt Belfiore hinter dem von den Amoretten gezogenen Vorhang zurück und macht sich auf in ein selbstbestimmtes Leben. Wie hat doch Immanuel Kant gesagt: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“

Inhalt:

Vorgeschichte: Aus Eifersucht hat Graf Belfiore seine Geliebte Violante schwer verletzt.

Oper: Ein Jahr später

Violante kann Belfiore trotzdem nicht vergessen. Als Gärtnerin Sandrina lässt sie sich am Hofe des Podestà (Don Anchise) anstellen, da sie ihren Belfiore dort in der Gegend vermutet. Podestà ist ein Frauenheld, der gerne seinen Angestellten nachstellt. Die neue Gärtnerin kommt ihm dabei gerade recht, doch verletzt er damit die Magd Serpetta, in die sich wiederum Violantes (Sandrinas) Diener Nardo verguckt hat. Die Nichte des Podestà, Arminda, trifft ein, um ihren Bräutigam, den fremden Grafen Belfiore, kennen zu lernen. Aber hier wartet auch Armindas Jugendliebe, Ramiro, auf sie. Belfiore tritt ein und Arminda verliebt sich umgehend in ihn. Doch als Violante (Sandrina) dazustösst, erkennen sich Belfiore und sie wieder, für Verwirrung ist gesorgt.

Nun leben also verschiedene, zerstrittene Liebespaare unter einem Dach. Zu allem Unglück trifft auch noch ein Haftbefehl gegen Belfiore ein, da immer noch vermutet wird, er hätte Violante umgebracht. Violante gibt sich zwar zu erkennen, flüchtet jedoch aus dem Haus, gefolgt von Nardo und Belfiore und auch Podestà, der sich unheimlich wichtig vorkommt, als „Vertreter der Staatsgewalt“. Ramiro folgt der Truppe ebenfalls in einen Steinbruch, da er hofft, so Arminda zurück zu gewinnen. Bei Wetter und Sturm befinden sich nun also alle im Steinbruch, die Sinne verwirren sich parallel zu den verzwickten Beziehungen. Sandrina und Belfiore werden eingesperrt.

Nardo versucht die Gefangenen zu befreien, Podestà ist mit der ganzen Situation in seinem haushalt überfordert, Ramiro gesteht Arminda seine Liebe, Violante und Belfiore beschliessen einen Neuanfang. Somit haben sich am Ende nun doch noch alle Liebespaare gefunden und alle preisen die Macht der Liebe und deren Wonnen.

Werk:

Zwar gilt LA FINTA GIARDINIERA als zweite opera buffa Mozarts, doch sind darin die Hälfte der Personen als semiseria-Figuren angelegt (Sandrina, Belfiore, Arminda) und nehmen viele Züge von Protagonisten aus Mozarts späteren Meisterwerken an. Trotz der etwas kruden und verwirrenden Handlung erreichte der erst 19jährige Mozart mit dem Werk einen ersten beeindruckenden Erfolg und verblüfft mit dem Reichtum seiner musikalischen Erfindungsgabe, einige Stellen lassen gar bereits den Schöpfer von NOZZE, DON GIOVANNI und ZAUBERFLÖTE aufblitzen. Im zweiten Finale sprengt Mozart die Grenzen der zeitgenössischen Nummernoper mit einer ausgedehnten, effetktvoll durchgearbeiteten Szene. Bereits in diesem (zum Teil etwas „geschwätzigen“ und nicht mit Überdehnungen sparenden) Werk überrascht Mozart als einfühlsamer „Seelen-Versteher“ und schürft tief unter die Oberfläche der buffa-Politur, entwickelt aus der verworrenen Anlage ein heiter-böses, gar nicht so putziges Spiel.

Karten

Premierenapplaus und -feier, Videoclip