St.Gallen (Festspiele): LA FAVORITA, 20.06.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   La Favorita

Oper in vier Akten | Musik: Gaetano Donizetti | Libretto: Alphonse Royer, Eugene Scribe und Gustave Vaëz | Uraufführung: 2. Dezember 1840 in Paris | Aufführungen in St.Gallen (Klosterhof): 20.6. | 21.6. ] 24.6. | 27.6. | 28.6. | 2.7. | 4.7. 2014

Kritik:

Einmal mehr darf man die Festspiele St.Gallen zur Stückwahl beglückwünschen: Donizettis nicht allzu häufig auf den Spielplänen der Opernhäuser anzutreffende LA FAVORITA passt inhaltlich wunderbar auf den stimmungsvollen Platz vor der Fassade der Stiftskirche und stellt eine musikalische Kostbarkeit dar (zu der im ersten Teil auch die Mauersegler mit ihrem wetteifernden Gezwitscher mit den Sängern ihren nicht unerheblichen Beitrag liefern ;-) ). Die Musik und ihre Umsetzung durch die Sängerinnen und Sänger, die gut vorbereiteten Chöre (Chor und Opernchor des Theaters St.Gallen, Theaterchor Winterthur, Prager Philharmonischer Chor, Einstudierung: Michael Vogel) und das differenziert und mit überraschend reichhaltigen Farben (insbesondere der Bläser) spielende Sinfonieorchester St.Gallen unter der umsichtigen und die Schönheiten der Partitur auskostenden Leitung von Attilio Tomasello machen aus Donizettis Musikdrama ein stimmungsvolles Fest für Melomanen. Ebenso sublim erweist sich die Lichtgestaltung durch Guido Petzold, welcher gekonnt mit der einbrechenden Dämmerung spielt, die Akte und die Stimmungen der Protagonisten farblich ausgeklügelt voneinander absetzt, den Klosterbezirk durch mutige Farbakzente und Spiele mit Schattenwürfen mit einbezieht. Auch die abstrakte Bühne von Hank Irwin Kittel würde eigentlich viele Möglichkeiten bieten, die tragische Geschichte packend und aktuell zu erzählen. Die verschlungenen Ringbahnen erinnern zwar etwas an STARLIGHT EXPRESS, das übermächtig lastende Kreuz und der ins Nichts führende Aquädukt verorten die Handlung dezent nach Kastilien. In der Mitte der Bühne steht das Zentrum der Macht. Aus diesem Schneckenhaus treten die religiösen und weltlichen Potentaten auf, der Prior Baldassare als Sprachrohr des Papstes (die gigantische Hand mit dem päpstlichen Ring zeigt deutlich, wer das Sagen hat) und der unglückselig agierende König Alfonso XI. Leider weiss Regisseur Guy Montavon mit dieser Bühne nicht allzu viel anzufangen. Die Massen und die Solisten müssen sich eher träge auf den engen Rampen bewegen, die Szene mit Ines, Leonor und ihren Freundinnen mit den Schirmchen auf Insel de Léon (der Altar wird zu eine Hibiskusblüte …) wirkt wie eine BUTTERFLY-Karikatur und ist von unsäglich betulicher Peinlichkeit, ganz abgesehen von den überaus hässlichen und unvorteilhaften Kostümen dieser Damen. Ansonsten lässt Montavon die Protagonisten und den Chor in mittelalterlich-historisierenden Kostümen (etworfen von Uta Meenen) auftreten, schafft jedoch aus dem Kontrast zum abstrakten Bühnenbild keine zusätzliche Spannung, im Gegenteil: Wer mit der Handlung der Oper nicht sehr vertraut ist, erhält vom Regisseur wenig Unterstützung. Von der Personenführung her geglückt ist ihm das Ende: Jeder stirbt für sich allein, es kommt nur noch zu einer kurzen, unromatischen Annäherung zweier gescheiterter Suchender, danach sinkt Leonor im Büsserinnengewand nicht entseelt in Fernandos Armen nieder, sondern bricht in beinahe religiöser Verzückung und Verwirrung kurz vor dem Kreuztor zusammen - weit von ihrem Geliebten entfernt. Der Prior enthüllt unnötigerweise noch einen gigantischen Totenschädel. Das wussten wir schon vorher, dass die einzige Sicherheit im Leben der Tod ist.

So konzentriert man sich also lieber auf die musikalische Seite – und die entlässt einen nach zweieinhalb Stunden beglückt in die kühle Sommernacht. Arthur Espiritu erfüllt die Partie des Fernando mit seinem herrlichen tenoralen Schmelz, begeisternd sauberen und mühelos erreichten Spitzentönen und einem fantastisch ebenmässigen Timbre. Seine Romanzen im ersten und vierten Akt sind feinfühlig gestaltet, er verzichtet wohltuend auf tenorale Unarten und Schluchzer oder auf protziges Forcieren, das Spirto gentil ist mit grossartiger Ehrlichkeit geformt und hallt lange nach. Paolo Gavanellis Phrasierungskunst ist geradezu exemplarisch. Er macht den König trotz seiner zwiespältigen Rolle zu einem Sympathieträger. Sein Bariton strömt mit stupender Selbstverständlichkeit und er glänzt mit intelligenter Rollengestaltung. Mit subtiler Durchdringung des Textes singt Gavanelli seine elegische Romanze im zweiten Akt und enthüllt im Terzett des dritten Aktes (O tanto amor) berührend seine Verletzlichkeit. Sein Gegenspieler ist das Sprachrohr des Papstes, der Prior Baldassare. Matt Boehler stattet ihn mit seinem profunden und sonoren Bass aus, der grossgewachsene Sänger wird zusätzlich mit Kothurnen beschuht um seine angebliche Überlegenheit zu unterstreichen. Matt Boehler schafft es sowohl als autoritäre Respektsperson als auch als wohlmeinender „Vater“ Fernandos zu agieren. Die grosse Auseinandersetzung zwischen dem König und dem Prior im zweiten Akt muss Giuseppe Verdi bekannt gewesen sein. (Sie erreicht in ihrer musikalischen Dichte die Szene Philipp II. – Grossinquisitor in DON CARLO.) Gavanelli und Boehler gestalten diese zentrale Szene überaus packend. Zwischen den Männern steht die Mätresse des Königs, Leonor de Guzman. Elena Maximova überzeugt mit ihrem satten Mezzosopran, der über ein leicht erotisches Vamp-Timbre verfügt, das sie jedoch geschmackvoll und dezent einsetzt und so stimmlich der Rolle mit feinen Abstufungen der Dynamik wunderbar gerecht wird. Ihre grosse Arie im dritten Akt (O mio Fernando) mit der aparten Begleitung durch Horn und Harfe ist geprägt von feinfühlig eingesetzter dramatischer Ausdruckskraft. Die tragische Gestalt der Ines wird von Lavinia Bini mit schön leuchtendem Sopran gesungen. Riccardo Botta ist sehr präsent als fieser Intrigant Don Gasparo. Wiederum hervorragend gelungen ist die tontechnische Balance zwischen Orchester und Sängern (Ton: Stephan Linde und Christian Scholl). Die Sänger werden dynamisch zu Recht leicht bevorzugt, die Aussteuerung und die Textverständlichkeit sind ausgesprochen gut.

Fazit: Ein musikalisches Fest – festspielwürdig!

Inhalt:

Der Mönch Fernando verliebt sich im Klostergarten in die zufällig anwesende Leonor de Guzman. Da seine Liebe erwidert wird, beschliesst er, das Kloster zu verlassen, obwohl er für die Nachfolge des Prius vorgesehen gewesen war. Fernando begibt sich in die Dienste der Armee von König Alfons XI., erringt im Kampf gegen die Mauren Verdienste und wird zum Offizier befördert. Papst Johannes XXII. droht dem König mit Exkommunikation, wenn dieser nicht von seiner Mätresse Leonor de Guzman ablässt. Der König gibt Fernando auf dessen Wunsch Leonor zur Gemahlin, allerdings unter der Bedingung, dass die Trauung innerhalb einer Stunde zu erfolgen hat. Fernando ist nicht bewusst, dass er die Geliebte des Königs heiratet. Leonor beauftragt ihre Vertraute Ines damit, Fernando über ihre Vergangenheit aufzuklären. Ines wird jedoch aufgehalten. Als Fernando die Wahrheit über seine Gattin erfährt, ist er am Boden zerstört. Es folgt eine Auseinandersetzung zwischen dem König und Fernando. Fernando quittiert seinen Dienst. Leonor kommt dazu und findet ihren Mann mit Schande bedeckt. Leonor beklagt ihr Schicksal.

Fernando kehrt zurück ins Kloster und will erneut sein Gelübde ablegen. Leonor erreicht ebenfalls das Kloster, doch spät. Fernando hat erneut sein Gelübde geleistet. Zwar lässt er sich nach anfänglichem Zögern nochmal auf Leonor ein, will mit ihr ein neues Leben beginnen. Doch Leonor stirbt in seinen Armen.

Werk:

Donizetti hat die Oper während seines Aufenthalts in Paris auf ein französisches Libretto aus der geschäftstüchtigen Entourage von Eugene Scribe komponiert. Da der Direktor der Académie Royale de Musique Donizettis LE DUC D’ALBE zurückwies und eine Oper mit einer bedeutenden Partie für seine Mätresse, die Mezzosopranistin Rosine Stoltz, forderte, musste Donizetti in aller Eile ein neues Werk liefern. Grosse Teile für LA FAVORITA entnahm er einer unvollendet gebliebenen Oper (L’ANGE DE NISIDA). LA FAVORITE wurde ein grosser Erfolg und erfreute sich bis nach dem ersten Weltkrieg in Frankreich grosser Popularität. Unter dem Titel LEONORA DE GUZMAN wurde die Oper auch in Italien aufgeführt. Heutzutage wird LA FAVORITE oft als LA FAVORITA auf italienisch gegeben. Vor allem seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlangte das Werk bei bedeutenden Mezzosopranistinnen (Simionato, Barbieri, Verrett, Kasarova) und Tenören (Pavarotti, Vargas, Poggi) wieder grosse Beliebtheit. Szenisch ist es wegen seiner doch etwas kruden Handlung nicht allzu häufig auf den Bühnen anzutreffen. Allerdings bietet der durch politische und religiöse Motivationen und Intrigen beeinflusste Dreieckskonflikt durchaus inszenatorisches Sprengpotential.

Arturo Toscanini meinte zur Partitur der FAVORITA: "... durchwegs schön. Der letzte Akt aber: Jede Note ein Meisterwerk."

Dies erkannten auch nachfolgende Komponisten und liessen sich von Donizettis Oper inspirieren. So etwa Gounod (Kirchenszene mit Orgel und Orchester im FAUST), Massenet und Verdi (Klosterszenen in MANON und LA FORZA DEL DESTINO). Zudem etablierte sich mit der Leonor de Guzman erstmals eine Mätresse oder femme fatale in einer Hauptpartie auf der Opernbühne. Ihr folgten dann Violetta in der TRAVIATA, die beiden Manons von Puccini und Massenet und auch dessen THAÏS.

Musikalische Höhepunkte:

Una vergine, un angel di Dio, Romanze des Fernando, Akt I

Bei raggi lucenti, Ines mit Frauenchor, Akt I

Vien Leonora, Arie des Königs Alfonso, Akt II

Ballettmusik, Akt II

Ah!paventa il fuor, Quartett Prior, König, Leonor, Don Gasparo, Akt II

Oh ciel, Terzett König, Fernando, Leonor, Akt III

O mio Fernando, Arie der Leonor, Akt III

Spirto gentil, Romanze des Fernando, Akt IV

Ah va, t' invola, Finalduett Akt IV

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