St.Gallen: DON GIOVANNI, 06.09.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Don Giovanni

Dramma giocoso in zwei Akten | Musik: Wolfgang Amadeus Mozart | Libretto: Lorenzo da Ponte | Uraufführung: 29. Oktober 1787 in Prag, Zweitfassung 7. Mai 1788 im Burgtheater Wien | Aufführungen in St.Gallen: 6.9.| 14.9. | 29.9. | 6.10. | 22.10. | 27.10. | 30.10. | 3.11. | 5.11. | 15.11. | 26.11. | 14.12. | 30.12.2013

Kritik:

Welcher Gattung Oper gehört Mozarts DON GIOVANNI an? Ist es eine opera buffa (Mozart hat sie als solche in sein Werkverzeichnis eingetragen), ein dramma giocoso, also eine lustige Handlung (die damals übliche Libretto-Bezeichnung für eine Komödie) oder eben doch ein musikalisches Drama, in welchem die libertäre Titelfigur die Lebensentwürfe der restlichen Protagonisten ganz ordentlich aus dem Lot bringt? Diesen Fragen muss sich ein Regieteam stellen, wenn es Mozarts Meisterwerk auf die Bühne bringt. Für den Regisseur Guy Joosten ist die Figur des Don Giovanni ein Mythos, wie er nur auf der Theaterbühne Realität werden kann. Also lässt er die Oper vor dem Künstlereingang und auf der Bühne eines Theaters spielen. Die Vorstellung ist zu Ende, die Besucher verlassen im Regen das Haus, einige Theatergroupies sammeln am Künstlereingang Autogramme des Hauptdarstellers, welcher noch im Kostüm der Aufführung vor die Tür tritt. Er scheint direkt Max Slevogts bekanntem Gemälde des Don Giovanni entsprungen zu sein, mit weissem Wams, Puffhose und weisser Strumpfhose. Daneben muss er sich auch noch mit seiner Kollegin Donna Anna und ihrem gestrengen Vater herumschlagen, diesen ermorden und sich mit seinem ihn anhimmelnden Kumpel Leporello mal kurz aus dem Staub machen. Joosten gelingt es durch eine lebendige Personenführung sehr gut aufzuzeigen, dass das restliche Personal der Oper eigentlich nur durch die Begegnung und die Anziehungskraft der mysteriösen Titelfigur ein wenig Licht in diesem Nachtstück erhält. Sobald Don Giovanni am Ende von der an ein El Greco Gemälde gemahnenden Leinwand mit der übergrossen Hand begraben wird, werden die andern (in der Lesart Joostens) wieder zu uninteressanten, auch biederen, Alltagskünstlern, welche sich brav an ihre Partituren halten, während sie das moralisierende Schlusssextett vor einem schwarzen Vorhang singen. Über den Ansatz des Regisseurs, dass eine Figur wie Don Giovanni nur auf der Theaterbühne möglich sei, liesse sich trefflich streiten. Sein Ansatz ist bestimmt nicht uninteressant, auch die buffonesken Elemente kommen wahrlich nicht zu kurz und doch schafft er mit dem changierenden Spiel zwischen der Irrealität der Bühne und dem Realismus einiger Figuren eine Distanz zum Zuschauer, welche der ein wenig ausgelutschte Kniff des „Theaters auf dem Theater“ stets in sich birgt. So plätschert der erste Akt denn auch etwas gar harm- und belanglos vor sich hin, trotz einiger witziger Einfälle wie dem prollhaften Auftreten des Polterabend-Paares Zerlina und Masetto, oder dem Kampf um den einflussreichsten Platz auf dem kleinen Sofa. Es lohnt sich jedoch, bis zum Schluss zu bleiben, nicht nur wegen den musikalischen Qualitäten der Aufführung, sondern auch weil die Inszenierung im zweiten Teil wesentlich an Fahrt und damit auch an Relevanz gewinnt. Köstlich z.B. die Umdeutung Leporellos zu einem seine Identität suchenden Schwulen, der sich mit Lust in Tutus und Lederklamotten stürzt, um seinem machohaften Herrn zu gefallen und doch von diesem in geradezu sadistischer Manier der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Augenzwinkernd und schlüssig gelungen ist die Dramaturgie der Kostüme (Eva Krämer), funktional das trist graue Ambiente des Theaters auf der Bühne (Johannes Leiacker) inklusive barocken Theaterzaubers mit viel Nebel, rotem Licht und einem mephistophelischen Ritt auf Pferden aus Pappe am Ende des ersten Aktes.

Palle Knudsen gibt den alle mit seinem Charme und Sexappeal einwickelnden Giovanni mit weichem, angenehm timbriertem Bariton, spielt und singt den Verführer mit abgehobener (manchmal auch stimmlich etwas allzu zurückhaltender) Nonchalance, lockt bei seinem wunderschön vorgetragenen Ständchen im zweiten Akt Putzfrauen und Bühnenarbeiter an. Als sein homosexueller Diener Leporello liefert Gabriel Suovanen ein darstellerisches Kabinettsstück ab. Er ist die kreischende, affektierte Tunte und der blasierte Lederkerl zugleich, seinem Herrn durch alle Schandtaten hindurch hörig. Herrlich sein Widerwillen, an Stelle Giovannis mit Elvira ins Bett steigen zu müssen. Sein interessant gefärbter Bariton verleiht der spannend gezeichneten Figur markantes Profil. Da die Prager Fassung gespielt wurde, fiel leider Don Ottavios erste Arie weg. Eigentlich schade, denn Anicio Zorzi Giustiniani demonstriert in der Arie Il mio tesoro exemplarische Legatokultur, Eleganz der Phrasierung und Schöngesang. Er, der ewig abwägende, immer anständige Zauderer, bildet einen trefflichen Gegenpol zur furiosen, ihre Sexualität entdeckenden Donna Anna von Tatiana Lisnic. Sie verfügt über eine Stimme, die in der Mittellage wunderschön dunkel funkeln kann, in der Höhe jedoch manchmal etwas fahler wirkt. Stephanie Houtzeel ist geradezu ein Glücksfall als Donna Elvira: Eine wunderbar fraulich aufblühende, fesselnde Stimme paart sich mit grossartige Bühnenpräsenz. Auch hier ist der Verzicht auf die Mischfassung (Prag/Wien, auch wenn sie zu Mozarts Zeiten nie so aufgeführt wurde) wieder zu bedauern, da die grosse Szene der Elvira In quali eccessi ... Mit tradi quell'alma ingrata leider wegfällt. Das „niedere“ Paar, das aus der commedia dell'arte in den DON GIOVANNI Einzug gehalten hat, wird ganz im Sinne dieser Theatergattung herrlich quirlig besetzt: Simone Riksman verleiht der Zerlina mit einer gekonnten Prise Vibrato einen leicht ordinären, eben prolligen, Klang. David Maze als sich amüsant und mit grossem Können auf seine „gehörnte“ Partie einlassender Masetto muss vielerlei Qualen erdulden (von Zerlina in einem kleinen Sadomaso-Spielchen gefesselt auf dem Fest, von Don Giovanni in einen Sarg gesperrt) bevor er seiner Geliebten wirklich sicher (?) sein kann. Wade Kernot ist ein gewichtiger Komtur und überzeugt mit wuchtigem Bass als Sensemann beim abschliessenden Dinner.

Chefdirigent Otto Tausk und sein wunderbar präzise aufspielendes Sinfonieorchester St.Gallen bieten einen herrlich entschlackten Mozartklang von ausserordentlicher Luzidität und Transparenz, unterstützt von forschen, akkuraten Tempi, ohne jeglichen romantisch verfremdenden Ballast.

Werk:

Da LE NOZZE DI FIGARO, die erste Zusammenarbeit zwischen Lorenzo da Ponte und Mozart, in Prag grossen Enthusiasmus ausgelöst hatte, kam Mozart zu seinem Auftrag, eine Oper für das Prager Nationaltheater zu schreiben. Mozart und da Ponte beschlossen, sich dem damals äusserst populären Don-Juan-Stoff zuzuwenden. So entstand die zweiaktige Oper DON GIOVANNI (welche eigentlich den Titel IL DISSOLUTO PUNITO OSSIA IL DON GIOVANNI trägt). Seit der Uraufführung geniesst das Werk grösste Wertschätzung bei Publikum, Musikern und Kritikern und den Ruf als „Oper aller Opern“ (E.T.A.Hoffmann). Diese Oper regte Denker vom Rang eines Adorno, eines Kierkegaard oder eines Nietzsche zu philosophischen Ergüssen an. Aber all dessen ungeachtet, sind es die direkt ins Herz der Zuhörer und der Charaktere treffende Meisterschaft von Mozarts Musik, seine geniale Einfühlungskraft und die musikdramatisch feinnervig erfasste Vielschichtigkeit der Protagonisten, welche das Werk selbst aus Mozarts Schaffen herausragen und alle anderen Vertonungen des Stoffes neben sich verblassen lassen.

Inhalt:

Um seinen unbändigen Trieb nach sexuellen Abenteuern zu befriedigen, hat sich Don Giovanni die Tochter des Komturs, Donna Anna, als nächstes „Opfer“ ausgesucht. Doch ihr Vater kommt dazwischen. Don Giovanni ersticht ihn. Donna Annas Verlobter, Don Ottavio, schwört seiner Geliebten, die Tat zu rächen. Giovannis Diener Leporello hat es zwar satt, dem zügellosen Herrn zu dienen, doch lässt auch er sich immer wieder von Don Giovannis Charme (und seiner Geldbörse) einlullen. Eine von Don Giovannis Verflossenen, Donna Elvira, warnt Donna Anna und die junge Zerlina vor dem Verführer Giovanni, denn Don Giovanni versucht sich an Zerlina heranzumachen, kurz vor ihrer Hochzeit mit Masetto. Als ihre Hilferufe Leute herbeilocken, lenkt er den Verdacht auf seinen Diener Leporello. Durch einen Kleidertausch mit Leporello entkommt er auch den Prügeln der Bauern und kann sich erneut an Donna Elvira heranmachen. Auf dem Friedhof trifft er sich wieder mit Leporello, ausgerechnet am Grab des von ihm ermordeten Komtur. Die Statue beginnt zu sprechen, empört sich über die Störung der Totenruhe. In seiner Übermut lädt Don Giovanni die Statue zum Abendbrot auf sein Schloss ein. Vor dem Mahle, zu dem auch Donna Elvira, Donna Anna und Ottavio geladen sind, versucht Donna Elvira nochmals, Don Giovanni zur Abkehr von seiner Lasterhaftigkeit zu bewegen. Vergeblich. Der steinerne Gast erscheint. Don Giovanni bereut keine seiner Schandtaten. Die Flammen der Hölle verschlingen ihn. Im Schlusssextett ziehen die übrig gebliebenen Protagonisten die Moral aus der Geschichte des bestraften Wüstlings.

Musikalische Höhepunkte:

Madamina, il catalogo è questo, Leporello, Akt I (Registerarie)

Ah! Chi mi dice mai, Donna Elvira, Akt I

Là ci darem la mano, Duett Don Giovanni-Zerlina, Akt I

Ah! Fuggi il traditor, Donna Elvira, Akt I

Or sai chi' l'onore, Donna Anna, Akt I

Dalla sua pace, Don Ottavio, Akt I (nachkomponiert für Wien, in St.Gallen nicht zu hören)

Fin ch'han dal vino, Don Giovanni, Akt I (Champagnerarie)

Deh, vieni alla finestra, Don Giovanni, Akt II

Il mio tesoro, Don Ottavio, Akt II

In quali eccessi, Donna Elvira, Akt II (nachkomponiert für Wien, in St.Gallen nicht zu hören)

Non mi dir, Donna Anna, Akt II

Don Giovanni, a cenar teco, Commendatore-Don Giovanni, Höllenfahrt, Akt II

Karten