St. Gallen: CARMEN, 19.01.2008

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Carmen

Mit Georges Bizets "Carmen" bringt die Operndirektorin Franziska Severin eine der meist gespielten Opern auf die Bühne - ein packendes Spiel zwischen Illusion, Wunschtraum und fataler Wirklichkeit.

Carmen, Oper in 4 Akten

Musik: Georges Bizet.

Text: Henri Meilhac und Ludovic Halévy

Uraufführung: 3. März 1975, Salle Favart, Paris

Premiere in St. Gallen: 22. Dezember 2007

weitere Aufführungen Theater St.Gallen bis 24. Mai 2008

Kritik: (besuchte Aufführung: 19. Januar 2008)
Don José sitzt am linken Bühnenrand und starrt gebannt auf die Projektion des CARMEN-Stummfilms mit Pola Negri, der auf einer Leinwand in der Bühnenmitte zur Ouvertüre gezeigt wird. Mit dem Ende des Vorspiels verbreitert sich die Leinwand zum Cinemascope Format, Don José wird fast magisch in den Film hineingezogen und das faszinierende Spiel von Illusion und Desillusion um diese femme fatale, um erlebte und projizierte Gefühle, um erwiderte und unerwiderte Liebe kann beginnen.


Die Sankt Galler Operndirektorin Franziska Severin und ihr Bühnenbildner Stephan Mannteuffel zeigen uns eine ungemein stimmungsvolle, geradlinig erzählte CARMEN. Die raffiniert gebaute Bühne, die sich durch verschiebbare Elemente und Gazevorhänge vom Kinosaal zum Vorplatz der fabrica de tobacos und dann zur Kneipe von Lilas Pastia wandelt, versetzt uns durch dezente Farbgebung und warme Beleuchtung ins Andalusien der Handlung. Dazu trägt dann der riesige OSBORNE-Stier, um den herum der dritte Akt in den Bergen spielt, noch bei. Von ihm aus geniesst man einen wunderschönen Blick hinunter auf die Lichter der Grossstadt. Für den Schlussakt wird der Stier gedreht und bildet so den Eingang zur Stierkampfarena, vor der sich das tragische Finale abspielt.


Die Regisseurin führt das gesamte Ensemble sehr sensibel durch das packende Drama. Carmen ist hier nicht einfach nur der Männer verzehrende, ordinäre Vamp, sondern eine selbstbewusste Frau, die zwar genau weiss, was sie will, aber auch zu zärtlichen Regungen fähig ist. Dies zeigt sich besonders im Schlussbild in der grossen Auseinandersetzung mit dem in seiner naiven Liebe enttäuschten Don José. Obwohl Carmen sich endgültig von ihm trennen will, streichelt ihre Hand immer wieder zögernd seinen Kopf in beinahe mütterlichen Gesten. Mary Ann McCormick spielt und singt eine wunderbare Carmen. Sie ist keine vulgäre Verführerin, dies würde ihre warme, reine und sehr sauber geführte Mezzostimme nicht zulassen. Und doch strahlt sie eben gerade durch die Zartheit ihres Tonansatzes und die dezent eingesetzten Beckenbewegungen eine sehr differenzierte Erotik aus. Der Don José von Javier Palacios ist auch von seiner Körpergestalt her ganz der naive Junge vom Lande. Oft blickt er zu Boden, ungeschickt wirft er sich auf Carmen, man merkt ihm an, dass er keine Erfahrung im Umgang mit Frauen hat. Palacios manchmal etwas larmoyant klingende Stimme, die jedoch über kräftige und saubere Höhen verfügt, passt zu diesem Charakter. Im Duett mit Micaëla (Angela Fout) im ersten Akt finden beide zu innigen Piani. Dass sich Carmen bald mit diesem unerfahrenen Jungen langweilt, ist so nicht weiter erstaunlich, sie wendet sich dem souverän auftretenden Escamillo von Angelo Veccia zu.


Von den kleineren Rollen muss man besonders den Zuniga von Tijl Faveyts erwähnen, der nicht nur durch sein hervorragendes Französisch, sondern auch durch seinen warmen, sauberen Bass einmal mehr (nach dem Gremin in ONEGIN) positiv auf sich aufmerksam macht. Er wird sicher bald den Sprung an die ganz grossen Bühnen schaffen!


Das Theater St. Gallen scheut sich nicht, immer wieder die beliebten Reisser des internationalen Opernrepertoires ins Programm zu nehmen und sich damit auch dem Vergleich mit den führenden Bühnen zu stellen. In dieser Saison z.B. eben CARMEN, LUCIA DI LAMMERMOOR und FREISCHÜTZ. Diese Programmpolitik ist nicht zuletzt deshalb erfolgreich, weil gefragte Dirigenten gerne hier arbeiten. Im Fall von Carmen ist es Fréderic Chaslin, der ehemalige Mannheimer GMD, der nun oft an den Staatsopern von Wien und München, an der Deutschen Oper Berlin und der Met dirigiert. Er balanciert Sängerstimmen und Orchester grossartig aus, wählt angemessene Tempi und webt einen atmosphärisch intensiven Orchesterklang. Das zauberhafte Vorspiel zum dritten Akt wurde leider durch unanständiges Gemurmel im Publikum gestört.

Fazit:
Eine stimmungsvolle, kluge Inszenierung mit einer wunderbaren Interpretin der Titelpartie.

Werk und Synopsis:
L’amour est un oiseau rebelle
Carmen ist der Traum aller Männerphantasien, voll impulsiver Sinnlichkeit und erotischer Anziehungskraft. Tagsüber arbeitet die Zigeunerin in einer Tabakfabrik, nachts verdreht sie den Männern in Lillas Pastias Kneipe am Rande der Stadt den Kopf. Geschickt wickelt sie die Männer um den Finger und lässt sie daraufhin eiskalt wieder abblitzen. Doch ihr alle Konventionen sprengender Freiheitsdrang wird ihr eines Tages zum Verhängnis. Als Carmen wegen einer Messerstecherei in der Tabakfabrik von Don José ins Gefängnis abgeführt werden soll, überredet sie diesen, sie laufen zu lassen, und verspricht ihm, für ihn allein in Lillas Pastias Kneipe zu tanzen. Von Carmen komplett in den Bann gezogen, wirft Don José alle seine moralischen Grundsätze über Bord, lässt das Andenken an seine Mutter und seine alte Jugendliebe Micaela hinter sich und stürzt sich in das Abenteuer mit Carmen. Auch Carmen scheint für einen kurzen Moment ihre wahre Liebe gefunden zu haben und will ihre Karriere als Schmugglerin an den Nagel hängen. Doch das Schicksal der beiden scheint bereits von Anfang an vorprogrammiert. Zu unvereinbar sind die beiden Lebensentwürfe. Don José, hin und her gerissen zwischen Pflicht und Leidenschaft, kann sich nicht zu einem Leben mit Carmen in Freiheit entschliessen. Statt dessen steigert ein feuriger Torero namens Escamillo seine Eifersucht ins Unermessliche, so dass der pflichtbewusste Sergeant schliesslich zum Mörder wird.

Carmen ist Georges Bizets letzte Oper und zugleich sein grösster Publikumserfolg. Die Titelheldin steht als verführerische Femme fatale in der Tradition von Verdis Violetta und weist voraus auf Schönbergs Lulu. Schauplatz und Musik der Oper lassen das typisch spanische Kolorit erkennen. Doch Carmen ist mehr als eine folkloristische Ausstattungsoper. Es ist ein Stück über komplett unterschiedliche Lebensentwürfe und die fatale Verbindung von Liebe und Freiheit, Pflicht und Leidenschaft.

Musikalische Höhepunkte:
Duett Micaëla – José: Parle-moi de ma mère, Akt I
Habanera der Carmen: L’amour est un oiseau rebelle, Akt I
Segeduille der Carmen: Près des remparts de Seville, Akt I
Couplets des Escamillo: Votre toast, je peux vous le rendre, Akt II
Blumenarie des Don José: La fleur que tu m’avais jetée, Akt II
Schmugglerquintett, Akt II
Kartenterzett Carmen, Frasquita, Mercedes, Akt III
Arie der Micaëla: Je dis que rien ne m’épouvante, Akt III
Schlussszene Carmen-José, Akt IV