Pfäffikon: AMICI DELL'ARTE, Romantische Musik, 06.04.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Amici dell'Arte, Romantische Musik

Mendelssohn: DIE HEBRIDEN | Uraufführung: 10. Januar 1833 in Berlin| Schumann: CELLOKONZERT | Uraufführung: 9. Juni 1860 in Leipzig | Schubert: Sinfonie Nr.3 | Uraufführung: 19. Februar 1881 in London | Aufführung in Pfäffikon: 6.4.2013

Kritik:

„Romantische Musik“ präsentierte das Kammerorchester AMICI DELL' ARTE anlässlich seines Frühlingskonzerts in der reformierten Kirche Pfäffikon – und zeigte auf eindrückliche Art, dass sich die Musik dieser Epoche entgegen der gesellschaftlichen Strömungen zwischen Wiener Kongress (1815) und Märzrevolution (1848/49) nicht in biedermeierlicher, hausbackener Behäbigkeit erschöpfte. Mit den drei präsentierten Werken durchschritt man quasi diese 35 Jahre währende Epoche der Frühromantik, von Schuberts dritter Sinfonie (1815 entstanden) über Mendelssohns geniale Naturschilderung (DIE HEBRIDEN, 1833) zu Schumanns Cellokonzert von 1850.

Das Konzert begann mit Mendelssohns Konzertouvertüre. Sanft wogende Streicher stimmten auf die vom Meer geprägte Landschaft ein, bedrohliche crescendi betonten das Mysteriöse, liebliche Flötenklänge vermochten vorübergehend zu beruhigen, doch schon bald wurde man dem träumerischen Schwelgen wieder entrissen durch triumphale tutti und flüsternde Violinen. Dirigent Marcel Blanchard und dem seiner präzisen Zeichengebung aufmerksam folgenden Orchester gelang die Präsentation von Mendelssohns facettenreicher Instrumentationskunst eindringlich. Trotz aller Detailgenauigkeit gingen die grossen Bögen nicht verloren. Effektvolle, brachiale Ausbrüche und fantastisch sublimes Versinken im zarten Nebel von flüsternden piani nahmen die zahlreichen Konzertbesucher mit auf eine spannende Reise in diese sagenumwobene schottische Grotte (Fingals's Cave). Gleichzeitig spürte man, dass Mendelssohn sich mit dieser Naturschilderung (ähnlich wie Weber in der Wolfsschluchtszene des FREISCHÜTZ) eben weit über das hinauswagte, was frühromantische musikalische Gepflogenheiten eigentlich zuliessen.

Ähnliches lässt sich auch über Robert Schumanns Cellokonzert sagen. Dirigent und Solist versuchten erst gar nicht, die Risse und Abgründe des überdimensionierten ersten Satzes zu kitten. Orlando Theuler entlockte seinem Violoncello warme, doch schmerzerfüllte Klänge. Das dunkel umflorte Aufsteigen aus der Tiefe führte zu sehr schönen, mit bewundernswerter Virtuosität gespielten Passagen, um gleich darauf wieder in dumpfe Schwermut zurückzufallen. Eine wunderschön intonierte Reminiszenz des Horns führte zum Hauptthema zurück, der beschwerliche Aufstieg kam zu seinem Ende und führte ohne Zäsur auf eine lichte Wiese. Ruhig fliessend gelang der zweite, ariose und äusserst kunstvoll gearbeitete Satz: Traumverloren und wunderbar zart gespielt von Orlando Theuler, mit der gebotenen Sensibilität vom Orchester begleitet. Zwar berichtet das ebenfalls bruchlos angefügte und das Werk beschliessende Rondo von freudig erwachenden Lebensgeistern (Schumann feierte seine Anstellung in Düsseldorf), doch wird man das Gefühl nicht los, dass es sich um einen Tanz am drohenden Abgrund handelt. Ohne plakative Selbstdarstellung und doch mit subtiler Kunstfertigkeit spielte der Solist die für die Zeit ungewöhnliche, begleitete Kadenz. Auch wenn Schumanns Werk etwas sperrig daherkommen mag, ein hoch spannendes Psychogramm des sich allmählich verdunkelnden Geistes eines genialen Musikers ist es allemal.

Ganz anders geartet die das Konzert beschliessende Sinfonie in D-Dur von Franz Schubert. Pure, spritzige Lebensfreude, vom majestätischen Eröffnungsakkord bis zum diabolisch-bissigen Finalgalopp, der Tarantella. Hier konnte das Orchester mit eindrücklichen solistischen Leistungen brillieren und der Dirigent imponierende Akzente setzen. Insbesondere der Klarinettist machte sich einen Riesenspass daraus, die effektsicher eingebauten, von Rossini abgekupferten Passagen mit Können, Charme (und einer gehörigen Portion Showtalent – man wähnte sich beinahe in einem Klarinettenkonzert) darzubieten. Herrlich!!! Ohne Hast und mit luzider Leichtigkeit spielte das Orchester das Allegretto, beschwingt fügte sich das Menuett an (mit einer beinahe unmerklichen, gekonnten Anziehung des Tempos durch den Dirigenten bei der ersten Wiederholung des Hauptthemas). Verschmitzt und federnd dirigierte Marcel Blanchard den Finalsatz, liess das Zwinkern von Papa Haydn aufblitzen und zeigte mit aller Deutlichkeit, dass Johannes Brahms einmal mehr irrte, als dieser den frühen Sinfonien Schuberts jegliche künstlerische Bedeutung absprach. Auch deshalb gebühren Dirigent und Orchester grosse Anerkennung, dass sie die Klassikliebhaber durch ihre leidenschaftlichen Interpretationen auf solche Schätze aufmerksam machen. Der begeisterte Applaus führte dazu, dass das Allegro con brio des ersten Satzes (natürlich mit der Klarinettenpassage ... ) wiederholt wurde, diesmal con fuoco! Bravi!

Werke:

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) entstammte zwar einer wohlhabenden jüdischen Bankiers- und Kaufmannsfamilie, wurde jedoch von seinen Eltern christlich getauft. Auch die Eltern konvertierten später zum christlichen Glauben und nahmen deshalb noch zusätzlich den Namen Bartholdy an. Der talentierte Knabe begann früh zu konzertieren und zu komponieren, machte bereits im jugendlichen Alter die Bekanntschaft mit Goethe, Carl Maria von Weber, Rossini, Meyerbeer usw. welche allesamt von seinen Fähigkeiten begeistert waren. Mit 16 schrieb er seine einzige Oper, unternahm Konzertreisen als Pianist und Dirigent quer durch Deutschland, nach Paris und Grossbritannien. Neben seinen Auftritten schuf er als Komponist ein reiches Konzertrepertoire (Sinfonien, Oratorien wie ELIAS und PAULUS, Schauspielmusiken, z.B. DER SOMMERNACHTSTRAUM, Konzerte für Klavier und Violine, Kammermusik) und gründete die erste deutsche Musikhochschule in Leipzig. Im Alter von nur 38 Jahren erlitt er kurz hintereinander drei Schlaganfälle und starb am 4. November 1847 an seinem letzten Wirkungsort, in Leipzig. Richard Wagner veröffentlichte drei Jahre nach Mendelssohns Tod sein unsägliches Pamphlet über DAS JUDENTHUM IN DER MUSIK und legte damit leider den Grundstein zu einer antisemitsichen Hetze gegen den grossartigen Romantiker Mendelssohn. Dessen Werke wurden nun seltener gespielt und unter der Nazi-Herrschaft im Dritten Reich gänzlich unterbunden.

Die Inspiration zur Konzertouvertüre DIE HEBRIDEN erhielt Mendelssohn anlässlich einer seiner zahlreichen Reisen nach England und Schottland im Jahre 1829, als er mit einem befreundeten Dichter die Fingalshöhle auf der schottischen Insel Staffa besuchte. Nach der Uraufführung der dritten Überarbeitung in Berlin wurde das Werk ein grosser Erfolg, vor allem auch in England. Und ausgerechnet Richard Wagner lobte den Komponisten als „erstklassigen Landschaftsmaler“.

Auch Robert Schumann (1810-1856) starb jung (vermutlich an den Wirkungen einer frühen Syphilis auf sein Nervensystem und damit einhergehender manischer Depression), begann ebenfalls mit dem Komponieren im Kindesalter und machte sich als Musiktheoretiker einen grossen Namen. Leider verhinderte eine Fingerzerrung (Sehnenscheidenentzündung nach einem Selbstversuch, um die Abhängigkeit der Finger voneinander zu lösen) eine Laufbahn als Virtuose. Von Mendelssohn wurde er 1843 an dessen Konservatorium in Leipzig geholt und 1850 erfolgte seine Berufung als städtischer Musikdirektor in Düsseldorf. Dieses zuerst freudige Ereignis (später folgten Missstimmungen und Intrigen) nahm er zum Anlass für die Komposition seines Cellokozerts op. 129, welches er innerhalb von nur 14 Tagen skizzierte und instrumentierte. Der erste, ausgedehntere Satz gibt nach einer sehr kurzen Einleitung durch die Holzbläser gleich dem Solisten Raum für betörend warme, aber auch ganz der zerklüfteten Psyche des Komponisten entsprechende sperrigere Themen und Passagen. Der zweite Satz in seiner schlichten, romantisch schwelgerischen Liedhaftigkeit und mit den fallenden Quinten erscheint als Liebeserklärung an seine ebenfalls komponierende Frau Clara. Sie hatte als dreizehnjährige Virtuosin Robert einst mit einem solchen Thema aus fallenden Quinten beeindruckt. Nahtlos schliesst sich der dritte Satz an, ein spritziges, lebhaftes Rondo. Das Konzert wurde erst vier Jahre nach Schumanns Tod uraufgeführt.

Der dritte grosse Romantiker war Franz Schubert (1797-1828). Trotz seines noch kürzeren Lebens (auch er litt an einer Syphilis, starb jedoch nicht daran, sondern wahrscheinlich an einer Typhus Infektion) hinterliess er ein äusserst umfangreiches Werk: ca. 600 Lieder, 12 (allerdings nur zum Teil vollendete Sinfonien), mehrere Bühnenwerke, Messen, Klaviermusik, Kammermusik (Forellenquintett!). Zu seiner Lebenszeit wurde ihm leider nicht die gebührende Aufmerksamkeit zu Teil, er konnte von seiner Tätigkeit als Komponist nicht leben. Die Sinfonie Nr. 3 schrieb er z.B. innerhalb von wenigen Tagen für das Schulorchester während seiner Zeit als Schulgehilfe in der Schule seines Vaters. Die erste öffentliche Aufführung dieser Sinfonie fand erst 53 Jahre nach Schuberts Tod in London statt. Im ersten Satz spiegelt sich die Begeisterung des jungen Mannes für Rossini (Klarinetten- und Oboenmelodien). Der zweite Satz klingt wie eine mit wunderbarer Leichtigkeit hingetupfte Arie (könnte von Mozart sein), das Menuett und das Trio sind von geschmeidiger, rhythmisch prägnanter Eleganz und die die kurze, jugendlich frische Sinfonie abschliessende Tarantella versprüht pure, sich schon beinahe ekstatisch steigernde Lebenslust und Heiterkeit.

Videoclip (Zugabe und Applaus)

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