Milano: DIE FRAU OHNE SCHATTEN, 24.03.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die Frau ohne Schatten

Oper in drei Akten | Musik: Richard Strauss | Text: Hugo von Hofmannsthal | Uraufführung: 10. Oktober 1919 in Wien | Aufführungen in Mailand: 11.3. | 14.3. | 17.3. | 20.3. | 24.3. | 27.3.2012

Kritik SENSATIONELL!!!! Eine bessere, packendere Aufführung (szenisch UND musikalisch) von Strauss' DIE FRAU OHNE SCHATTEN ist zur Zeit nur schwer vorstellbar. 

Mit dieser Aufführung von Strauss'/Hofmannsthals verrätseltem Meisterwerk landete das Teatro alla Scala einen veritablen Coup de théâtre, und dies ausgerechnet in einem Stück, welches wahrlich nicht zum Kernrepertoire italienischer Bühnen gezählt werden darf. Selbst die Wiederaufnahme an der Wiener Staatsoper nimmt sich dagegen blass aus.

Dem Regieteam um Claus Guth (Ausstattung: Christian Schmidt, Lichtdesign: Olaf Winter, Video: Andi A. Müller) gelingt eine wunderbar einleuchtende, schlüssige und hoch spannende Konzeption und Umsetzung des symbolbeladenen Märchenstoffs – und die herausragenden Interpretinnen und Interpreten lassen sowohl darstellerisch wie musikalisch keine Wünsche offen.

Im direkten Vergleich der Aufführungen in Wien und Mailand ist festzustellen, dass die Ansätze der beiden Regisseure Carsen (Wien) und Guth (Mailand) theoretisch gar nicht so weit auseinanderliegen. Beide zeigen sie eine kranke Frau in einem Bett, welche sich durch Träume und deren Verarbeitung quasi heilt. Doch während in Wien das Ganze zu verkopft und ziemlich langfädig-verquast daherkommt, greift Guth in Mailand zu hochgradig theatralischen Mitteln, lässt die Personen wirklich agieren, forciert sowohl das Albtraumhafte als auch das Fabelartige des Geschehens, setzt grandiose Videoeffekte ein, welche genau auf den musikalischen Ausdruck abgestimmt sind (Verwandlungsszenen), gibt von Anfang an dem Zuschauer nicht noch zusätzliche Rätsel auf (dafür ist die eigentliche Handlung nämlich schon komplex genug), bebildert ungemein plastisch, geschmackvoll und setzt auf darstellerische Intensität. Dazu stehen ihm in Mailand Sänger-Persönlichkeiten von vortrefflichem Format zur Verfügung. Emily Magee ist diese unter ihrer Unfruchtbarkeit leidende Frau, welche in ihren Albträumen die sie umgebenden Figuren als blutsaugende, fledermausartige Wesen sieht (Amme und das Personal aus dem Reich Keikobads). Genau wie in Hofmannsthals Text ist sie die weisse Gazelle, welche ihren sturen Bock von Vater (Keikobad) stets in ihrem Nacken spürt, nie seinen Ansprüchen genügen kann. Dieser Vater tritt tatsächlich auch in einer stummen, omnipräsenten Rolle als Gazellenbock auf, mutiert aber auch zum Richter über diese Frau. Frau Magee singt diese lange schwierige Partie mit zu Herzen rührender Eindringlichkeit. Die schwierige Koloratur ihrer Auftrittsszene meistert sie mit vorzüglicher Klarheit und zart empfundener Reinheit der Intonation. Ihre warme, wunderbar tragfähige Stimme vermittelt sowohl die zunehmende Verschmelzung mit ihrem Alter Ego, der Färbersfrau, als auch die mutige Wandlung zur selbstbewussten jungen Frau als die sie mit herrlicher Strahlkraft ihren Vater konfrontiert (Zeige dich, Vater, mein Richter hervor!) Gerade dieses Schlussbild ist dem Regisseur besonders eindrücklich gelungen: Bevor das Ganze in Lobpreisungskitsch der Mutterschaft abgleitet (die Zicklein erinnern dann doch etwas stark an das Märchen von den sieben Geisslein ...), erwacht die Kaiserin, erhebt sich aus ihrem Bett, blickt an der dämonischen guckenden Amme vorbei und geht zum Fenster. Man spürt, dass diese Genesung wahrscheinlich auf wackligen Füssen stehen wird. Die zwiespältige Pflegerin der Kaiserin, die Amme, wird von Michaela Schuster mit schauerlicher Dämonie, Sarkasmus (Komm bald wieder nach Haus mein Gebieter … ), Menschenverachtung und purem Egoismus ausgestattet. Die Mimik von Frau Schuster spiegelt punktgenau die Worte und die Töne, ohne dass sie dabei chargieren müsste. Fantastisch. Ein geradezu sensationelles Erlebnis ist auch die Färberin von Elena Pankratova: Sie beweist, dass die Partie überhaupt nicht keifend geschrien werden muss, sondern durchaus kantabel ist. Frau Pankratova zeigt die Färberin als verletzliche, zutiefst verunsicherte junge Frau, die aus dieser Verunsicherung heraus durchaus auch hysterisch reagieren kann, dies aber nie oberflächlich schreiend tut. Ihre füllige, wunderbar kontrollierte Stimme fügt sich hervorragend in die Ensembles ein, und die orgiastischen, Gänsehaut erregenden Spitzentöne breiten sich mit überwältigender Kraft im Saal aus. Hervorzuheben ist zudem ihre exemplarische Textverständlichkeit. Barak, ihr verzweifelt liebender, bis an die Grenze seiner Geduld getriebener Mann, wird von Falk Struckmann wunderbar kernig gesungen. Und dann ist da noch der Kaiser von Johan Botha: Ein besserer, strahlender und müheloser die hohe Tessitura bewältigender Tenor dürfte derzeit nicht zu finden sein. Die Freude über den wiedergefundenen Falken, seine Bitternis über den vermeintlichen Treuebruch seiner Frau, das Glück über das gebrochene „Herz aus Kristall“ und das Herbeieilen der Ungeborenen, dies alles bringt Johan Botha mit seiner heldisch glanzvollen und doch so biegsamen Stimme zum Ausdruck. Samuel Youn ist ein wunderbar präsenter Geisterbote mit schwarzem, eindringlichem Bass. Peter Sonn gibt den strahlend singenden, verführerischen Jüngling, Talia Or ist der traurig singende Falke, welcher auch wirklich als Falke auftreten darf, Maria Radner eine eindringliche Stimme von oben und Mandy Fredrich bezaubert als Hüter der Schwelle. Die ekligen Brüder Baraks sind mit Christian Miedl, Alexander Vassiliev und Roman Sadnik eindrücklich besetzt.

Marc Albrecht am Pult des Orchestra del Teatro alla Scala ist ein herausragender Anwalt der Partitur. Er sorgt für eine hervorragende Balance zwischen Bühne und Graben, verleiht der langen Oper eine nie erlahmende Spannkraft und schaut, dass kein Sänger forcieren muss. Selbstverständlich schöpft er mit dem Riesenorchester auch an gewissen Stellen aus dem Vollen, lässt den aufwühlenden und aufgewühlten Orchesterfluten ihren stets kontrollierten Lauf. Daneben gibt es aber immer wieder geradezu zu Tränen rührende, kammermusikalische Finessen zu hören, so das Solocello (vor dem zweiten Auftritt des Kaisers) oder die Solovioline (Vater bist du's).

So beglückt, berührt und begeistert aus der Oper gehen zu dürfen, ist ein grosses Geschenk!

Inhalt :

Die Kaiserin, Tochter des Geisterkönigs Keikobad, einst mit der Fähigkeit sich in Tierwesen zu verwandeln ausgestattet, ist in ihrer Ehe mit dem Kaiser kinderlos geblieben, sie wirft keinen Schatten. Ihre Amme, die dem Geisterkönig treu ergeben ist und alles Menschliche hasst, erhält vom Geisterboten die Nachricht, dass der Kaiser versteinern muss, wenn die Kaiserin innert kurzer Frist keinen Schatten wirft. Die Kaiserin erfährt vom drohenden Schicksal ihres Mannes durch dessen Jagdfalken. Sie befiehlt der Amme, ihr einen Schatten zu verschaffen. Gemeinsam begeben sie sich hinunter zu den Menschen, in die ärmliche Behausung des Färbers Barak und dessen Gemahlin. Diese Ehe ist ebenfalls kinderlos, weil die Färberin sich ihrem Mann zusehends verweigert. Die Amme blendet die einfache Färbersfrau mit Zaubertricks, einem schönen Jüngling und Reichtum. Die Färberin schliesst den Pakt mit der Amme und ist bereit, ihren Schatten zu verkaufen. Die Kaiserin versteht den schlimmen Handel, hat Erbarmen mit Barak, aber nicht die Kraft einzuschreiten. Die Situation im Färberhaus eskaliert. Die Färberin kündigt ihrem Mann die eheliche Treue, der eigentlich sanftmütige Barak reagiert vehement. Doch bevor er seiner Frau körperlich zu nahe kommen kann, entgleiten der Amme die Fäden, die Erde öffnet sich und verschlingt das Färberpaar. Kaiserin und Amme können sich gerade noch retten. Nun beginnt die Zeit der Prüfungen: Das Färberpaar gelangt durch die Trennung zur Einsicht gegenseitiger Liebe, die Kaiserin ficht einen inneren Kampf mit sich aus: Einerseits will sie ihren Mann vor dem Versteinern bewahren, andererseits hat sie enormes Mitleid mit den Menschen. Dieses Gefühl ist stärker. Sie stellt sich gegen ihren Vater Keikobad: ICH WILL NICHT, der erste menschliche Schrei, den sie ausstösst, gleich einer gebärenden Mutter. Damit befreit sie Färberin und Färber und rettet ihren Mann. Die Zeit der Prüfungen ist vorbei, die Stimmen der Ungeborenen kündigen an, dass sie nicht mehr lange ungeboren bleiben werden.

Werk:

Mozart (ZAUBERFLÖTE, mit ihren Prüfungen für die beiden Paare), Goethe (das Mephistophelische der Amme) und fernöstliche Symbolik standen Pate für dieses komplexe, in den immensen Anforderungen an Protagonisten, Orchester und Bühne einzigartige Werk. Von Kennern und eingeschworenen Fans wird diese farbenreiche, in ihrer verführerischen Sogwirkung einmalige Partitur salopp „FroSch“ genannt. Strauss setzte ein riesiges Orchester ein, reicherte es mit Glasharfe, Celesta und chinesichen Gongs an. Die Tonalität wird immer wieder aufgebrochen, grelle, Gänsehaut erzeugende Tutti-Effekte wechseln mit beinahe kammermusikalisch zarten Sequenzen.

Obwohl das Werk bereits 1915 beendet war, konnte die Uraufführung wegen der Wirren des ersten Weltkriegs erst 1919 stattfinden.

Musikalische Höhepunkte:

Ist mein Liebster dahin, Kaiserin, Akt I, mit gefürchteter Koloratur
Was wollt ihr hier?,
Szene Färberin, Amme, Kaiserin mit dem herrlichen Aufschwung „O Welt in der Welt“ der Färberin
Falke, Falke, du wiedergefundener,
Kaiser, Akt II
Es gibt derer, die haben immer Zeit,
Färberin, Barak, Amme, Jüngling, Akt II
Sieh, Amme, sieh,
Kaiserin, Amme, Akt II
Das Weib ist irre,
Finale Akt II
Schweigt doch, ihr Stimmen – Mir anvertraut,
Färberin, Barak, Akt III
Vater bist du's?,
Kaiserin, Akt III
Wenn das Herz aus Kristall - Nun will ich jubeln,
Finale, Akt III. Kaiser, Kaiserin, Färber, Färberin, Stimmen der Ungeborenen

Karten

Applaus (Video)

Dirigent: Marc Albrecht

Inszenierung: Claus Guth

Emily Magee (Kaiserin), Elena Pankratova (Färberin), Michaela Schuster (Amme), Johan Botha (Kaiser), Falk Struckmann (Barak)