Madrid: ROBERTO DEVEREUX, 07.& 08.10.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Roberto Devereux

Tragedia lirica in drei Akten | Musik: Gaetano Donizetti | Libretto: Salvatore Cammarano | Uraufführung: 29. Oktober 1837 in Neapel | Aufführungen in Madrid: 22.9. | 24.9. | 25.9. | 27.9. | 28.9. | 30.9. | 1.10. | 3.10. | 4.10. | 7.10. | 8.10.2015

Kritik

BESETZUNG A, 8.10.2015

Um es gleich vorwegzunehmen, Mariella Devia als Elisabetta hat den Spitzenton am Ende gesungen, im Gegensatz zu ihrer um Jahrzehnte jüngeren Kollegin am Vorabend – und wie. Mit einer Selbstverständlichkeit und Klarheit, welche das Publikum in einen Begeisterungssturm ausbrechen liess. Doch diese Begeisterung galt natürlich nicht nur diesem einen Ton, sondern der überaus reifen, die Rolle interpretatorisch tief durchdringenden Präsenz, die einen den Atem stocken liess. Da war eine Sängerin am Werk, welche ihre grosse Rollenerfahrung in eine zutiefst menschliche Interpretation einbringen konnte und doch in keinem Moment bloss routiniert wirkte, sondern klug disponierte, Donizettis herrliche Kantilenen mit Seele füllte und der Virtuosität dennoch nichts schuldig blieb. Sie machte das wahre Drama der damals mächtigsten Frau der Erde mit jeder Faser ihres Körpers,  jedem Ton und ihrer Mimik erlebbar. Wunderschön das amor ti guida der unbedingten Liebe, mit rabiater Emphase der Enttäuschung über Robertos Untreue Ausdruck verschaffend im Terzett, mit sanft auf dem Atem gesungener, traumhafter Phrasierungskunst das Vivi ingrato und mit von Trauer umflorter Resignation auf Leben, Liebe und Thron das finale Quel sangue versato! Welch ein Triumph für eine Sängerin, die ihre Stimme dank einer hervorragenden Technik und klugen Rollenauswahl über mehr als vier Jahrzehnte (ihr Alter ist keine Geheimnis, sie kam am 12. April 1948 zur Welt) auf solch erstaunlichem Niveau gehalten hat und immer noch hält. Stupenda!!!

Als Sara durfte man Silvia Tro Santafé erleben. Eine dramatischere Mezzosopranistin als Veronica Simeoni am Vorabend, die über weitaus grössere Kraftreserven verfügt und diese auch einsetzt. Ob diese vokale Kraftentfaltung wirklich der Rolle dienlich ist, wage ich zu bezweifeln. Für mich ist die Sara keine Amneris und auch keine Eboli. Frau Tro Santafé spielte die Rolle jedoch überzeugend, herrlich ihr schuldbewusster Blick, wenn sie beim Lesen von Robertos Brief vom Gemahl ertappt wird. Immerhin muss man ihr zugute halten, dass sie trotz der hochdramatischen dynamischen Steigerungen stets auf der Linie blieb und die Intonation nie gefährdet war. Ganz im Gegensatz zum Roberto von Gregory Kunde. Er verharrte in heldentonoralem fortissimo Gesang (wie überall, je lauter gesungen wird, umso heftiger der Applaus des Publikums!), sobald er seine (mit Lautstärke beeindruckende!) Stimme an wenigen Stellen zurücknahm, war die Intonation leicht schwankend und weinerlich. Wenn Roberto eher nach Verdis Otello klingt, dann stimmt etwas einfach nicht. Welch ein Gegensatz zum kultivierten, stilistisch hervorragend auf Donizetti abgestimmten Gesang von Ismael Jordi am Vorabend, der natürlich auch optisch eine weitaus bessere Figur machte. Ähnlich (aber nicht ganz so schlimm, da er sehr sauber sang) verhielt es sich mit Marco Caria als Nottingham: Viel zu laut, zu polternd, kein Vergleich zum feinfühligen Rollenporträt von Ángel Ódenaam Abend zuvor.  Juan Antonio Sanabria (Cecil) und vor allem Andrea Mastroni als Raleigh überzeugten erneut in ihren viel zu kleinen und von Donizetti leider zu wenig ausgearbeiteten Rollen.

Am Pult des hervorragend spielenden Orquesta Titular del Teatro Real stand diesmal  mit Maestro Bruno Campanella ein weltberühmter Experte des Belcanto Repertoires. Das wurde einem von den ersten Takten der Ouvertüre an bewusst. Welch  kluge Differenzierung des Klangs, Präzision gepaart mit Emotion, geschickt eingesetzte rallentandi erzeugten Spannung, da war nichts einfach pauschal heruntergenudelt und abgespult, sondern Campanella spürte mit dem ihm aufmerksam folgenden Orchester den Feinheiten der Partitur (ja, die sind bei Donizetti zu finden!) nach, setzte wunderbare Akzente, hob mal die Pauke, mal die Holzbläser wunderbar hervor. Und trotz dieses subtileren Dirigats waren diesmal keine verschwommenen Einsätze hörbar.

BESETZUNG B, 7.10.2015:

Maria Pia Piscitelli besitzt eine sehr warme, biegsame und sicher geführte Stimme mit überaus einnehmendem Timbre. Sie intoniert ungemein genau, gestaltet blitzsaubere Läufe, fein ziselierte Koloraturen, ohne Drücker, ohne Schmieren. Und doch fehlt etwas: Nämlich der Mut zum Risiko, die Leidenschaft, die Expressivität. Sicher, alles ist wunderschön gesungen, nichts entgleist, nie muss man befürchten, dass sie eine Klippe nicht schaffen wird. Leider wirkt das auch szenisch manchmal so brav, wie wenn sich eine biedere Hausfrau in das Kostüm einer Gothic-Tante gestürzt hätte – aber eben doch Hausfrau bleibt. Doch dann kommt das letzte Bild, wo sie in den Fängen der Spinne hängt. Nun ungeschminkt und ohne Perücke ist plötzlich all das da, was man vorher vermisst hatte: Eine vokale und körperliche Expressivität, die unter die Haut geht, tief berührt. Das Vivi, ingrato von ausserordentlicher Klasse gesungen, das Finale Quel sangue versato mitreissend – bis sie dann doch wieder der Mut verlässt und sie sich nicht zum Spitzenton am Ende durchringen kann, sondern brav nach unten singt. Schade, denn diesen Ton hätte sie bestimmt drauf gehabt!

Als Sara machte die aus Zürich bekannte Veronica Simeoni erneut eine ausgezeichnete Figur, stimmlich sowieso mit ihrem ausdrucksstarken, und doch stets warm strömenden Mezzosopran, der bruchlosen und unforciert erreichten Tiefe, doch auch darstellerisch blieb sie der Rolle nichts schuldig.

Schlicht grandios die beiden Männer: Ismael Jordi war stimmlich und auch optisch geradezu eine Idealbesetzung für die Titelrolle. Der grossgewachsene, blendend aussehende Tenor aus Jerez de la Frontera bestach mit seiner klaren, hellen, wunderbar durchschlagskräftigen und doch subtil die Dynamik einsetzenden Stimme. Höhenprobleme kannte er nicht, in allen Lagen sang er ausgeglichen. Packender Höhepunkt natürlich seine Arie im Kerker, aber auch die Duette mit Sara, Nottingham und Elisabetta gestaltete er umwerfend gut. Er verstand es ausgezeichnet, Virilität mit Verletzlichkeit zu paaren.

Als Nottingham begeisterte Ángel Ódena mit seinem noblen Bariton. Eindringlich schilderte er seine Besorgnis um den Geisteszustand seiner Gemahlin Sara, mutig trat er für seinen Freund Roberto gegenüber Lord Cecil und dem Kronrat auf. Umso verbitterter verlieh er dann seiner Enttäuschung über den Verrat Robertos und seinem Bedürfnis nach Vergeltung Ausdruck. Zuverlässig sang Juan Antonio Sanabria den Lord Cecil, aufhorchen hingegen liess Andrea Mastroni mit seinem profunden Bass in der leider viel zu kleinen Rolle des Raleigh. Andriy Yurkevych am Pult des sehr schön und vor allem in den Streichern ausgesprochen weich intonierenden Orquesta Titular del Teatro Real kennt die Partitur natürlich in- und auswendig, er führte routiniert durch den Abend, konnte aber ab und an einen verpatzten Einsatz nicht verhindern. Sympathisch, dass er sich im Stretta-Finale der Ouvertüre vom vor lauter Emphase ins Parkett geschmissenen Taktstock nicht aus dem Tritt fallen liess!

Fazit der beiden Abende: Eine Mischung der Besetzungen würde wohl ein nahezu perfektes Erlebnis dieser herrlichen Oper ermöglichen. Mariella Devia als Elisabetta wäre natürlich gesetzt, ob Tro Santafé oder Simeoni als Sara ist letztendlich Geschmackssache, sie sind beide sehr gut, bei den Herren ist die Sache hingegen klar, da müssten es Ismael Jordi und Ángel Ódena sein! Und am Pult natürlich Maestro Campanella.

 

7.10. & 8.10.2015

INSZENIERUNG:

Allgegenwärtig ist sie, die Spinne, das zentrale Element der Inszenierung von Alessandro Talevi: Sie ziert das Programmheft, sie wartet geduldig auf die Beute in ihrem (Bildschirm-) Terrarium in der Eröffnungsszene, sie mutiert zum riesigen stählernen Thronungetüm für Elisabetta. Im stärksten Bild des Abends hängt die Königin selbst in den bewegungslos gewordenen Fängen der Spinne, erschlafft, ausgelaugt, gefangen im Netz von eigenen und fremden Intrigen, den Männerverzehr und die Opfer bedauernd. Das sind optisch ganz starke Momente in dieser Inszenierung, welche pure Schwarze Romantik evoziert, mit ein bisschen Gothic oder Frankenstein-Einschlag. Den Hintergrund bildet eine Wand aus vermoosten und zugeschlammten Butzenscheiben, dahinter spielen sich farblich stimmig ausgeleuchtete Schattenspiele ab. Diese Wand lässt sich auch hochfahren und gibt den Blick frei auf angesengte Pfähle und am Ende als Coup de Théatre auf aufgepiesste Köpfe und Gehenkte. Stark! Madeleine Boyd hat dieses Bühnenbild entworfen (Koproduktion mit der Welsh National Opera Cardiff), ebenso wie die fantastisch gruseligen Kostüme. Schade nur, dass die Personenführung mit dem Gothic-Ambiente nicht ganz mithalten konnte und die Protagonisten doch mehrheitlich in konventioneller Operngestik verharrten. Sehr gut hingegen die Führung des Chors (der wunderschon sang!), auch hinter den Butzenscheiben, wenn sich Arme wie Köpfe der Medusa oder des Ungeheuers Nessie hochreckten.

Inhalt:

London, 1601

Vorgeschichte: Roberto Devereux, Günstling Königin Elisabeths I. wartet in London auf seinen Prozess wegen Hochverrats, da er auf eigene Faust einen Waffenstillstand mit irischen Aufständischen geschlossen hatte und Adlige in London zum Aufstand angestiftet hatte.

Sara, die Herzogin von Nottingham, liebt den engsten Freund ihres Gatten, Roberto Devereux. Königin Elisabeth tritt ein und gesteht Sara, dass sie Roberto in einer Privataudienz empfangen wolle, wenn sie nicht an seiner Treue zu zweifeln habe. Dass sie ihre intimen Gefühle einer Rivalin offenbart, weiss sie natürlich nicht. Jedenfalls weigert sie sich, Robertos Todesurteil zu unterzeichnen. Doch bei der Begegnung mit Roberto verplappert sich dieser und spricht von seiner Liebe zu Sara. Elisabeth ist ausser sich vor Wut. Robertos Todesurteil scheint besiegelt. Der Herzog von Nottingham seinerseits weiss nicht um die Gefühle seiner Frau und erzählt Roberto, dass seine Frau an einem geheimen Kummer dahinwelke. Roberto trifft auf Sara. Er ist enttäuscht, dass sie sich mit Nottingham vermählt hatte. Sara ihrerseits wirft ihm Untreue vor, da er den Günstlingsring der Königin trage. Roberto wirft den Ring auf den Tisch, dafür bekommt er von Sara einen blauen Schal als Liebespfand.

Der Secretary of State, Lord Cecil, verkündet Robertos Todesurteil. Bei der Verhaftung Robertos findet man einen blauen Schal. Die Königin konfrontiert Roberto mit dem blauen Schal. Nottingham ist ebenfalls zugegen, erkennt den Schal seiner Gemahlin und stürzt sich auf Roberto. Die Königin unterzeichnet das Todesurteil. Roberto Devereux schweigt.

In einem letzten Brief an Sara bittet Roberto sie, der Königin den Günstlingsring zu bringen und damit sein Leben zu retten. Nottingham entreisst Sara den Brief und sperrt sie ein, bis das Urteil gegen Roberto vollstreckt sei. Roberto hofft im Gefängnis auf Saras Mission. Er wird jedoch von den Wächtern zum Richtblock geführt. Sara gelingt es doch noch, zur Königin vorzudringen, gibt ihr den Ring und gesteht, die Rivalin der Königin zu sein. Elisabeth ordnet einen Aufschub der Hinrichtung an – zu spät. Nottingham triumphiert darüber, dass der Liebhaber seiner Gemahlin tot sei. Elisabeth lässt beide abführen. Sie ist allein. In einer Schreckensvision erscheint ihr der enthauptete Roberto. Sie erklärt ihren Verzicht auf den Thron, übergibt die Insignien der Macht ihrem Neffen James, König von Schottland, und bricht, Robertos Ring an die Lippen gepresst, ohnmächtig zusammen.

Werk:

Unter allerschwersten persönlichen Umständen komponierte Donizetti seine (je nach Zählweise) ungefähr 57. Oper: Seine Eltern waren ein Jahr zuvor gestorben, seine Frau brachte ein totes Kind zur Welt, ein weiteres starb bei der Geburt und schliesslich starb auch seine junge Gemahlin drei Monate vor der Uraufführung der Oper. Der Librettist Cammarano sah sich zudem Plagiatsvorwürfen ausgesetzt, da Felice Romani ein Libretto über den CONTE D'ESSEX für Mercadante geschrieben hatte und Cammarano diesem anscheinend sehr genau folgte. ROBERTO DEVEREUX gilt als Musterbeispiel einer italienischen historischen Oper. Donizetti hatte zuvor schon zwei vom Inhalt und Ablauf her ähnliche Königinnen—Tragödien komponiert, nämlich ANNA BOLENA und MARIA STUARDA. Er konzentrierte sich dabei ganz auf das Aufeinanderprallen der Charaktere und die Ausrichtung der Konflikte der vier Protagonisten untereinander (äusserst anspruchsvolle Partien für Elisabeth, Sara, Nottingham und Roberto) und verzichtete auf „romantische“ Stimmungsschilderungen. Der Chor ist ganz auf passive Kommentierung reduziert, die Nebenfiguren dürfen Stichworte zur Erklärung der Handlung liefern. Die beiden Szenen am Ende des dritten Aktes gehören zu Donizettis eindringlichsten Kompositionen: Robertos flehende Kerkerszene und Elisabeths virtuose Schlussarie mit der halsbrecherischen Cabaletta, welche von einem hoch spannenden und expressiven Lamento eingeleitet wird.

Mit dieser quasi historisierenden Kammeroper war es Donizetti gelungen, ein Werk zu schreiben, welches den später von Verdi erhobenen Anspruch, nämlich die „musikalische ausgedrückte Wahrheit des Gefühls“, auf geradezu überwältigende Art vorwegnahm.

Musikalische Höhepunkte:

All'afflitto è doce il pianto, Romanze der Sara, Akt I

L'amor suo m fe'beata – Ah!ritorna, Cavatine und Arie der Elisabetta, Akt I

Donna reale, Duett Roberto-Elisabetta, Akt I

Da che tornasti, Duett Roberto-Sara, Akt I

Ecco l'indegno, Terzett und Finale Elisabetta-Roberto-Nottingham, Akt II

A te dirò...Bagnato il sen di lagrime, Arie des Roberto, Akt III

Vivi, ingrato ... Quel sangue versato, Aria finale, Akt III

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