Luzern: WOZZECK, 06.09.2009

Erstellt von Kasapr Sannemann | |   Wozzeck

Mit packend intensivem Musiktheater eröffnet das Luzerner Theater die Saison mit der Musikalischen Tragödie Wozzeck von Manfred Gurlitt nach dem Stück von Georg Büchner.

Musikalische Tragödie in 18 Szenen von Manfred Gurlitt 


Uraufführung: 21. April 1926 in BremenMusikalische Leitung: Mark Forster

Inszenierung: Vera Nemirova, Bühne: Werner Hutterli 


KOPRODUKTION MIT LUCERNE FESTIVAL
PREMIERE: 6. SEPTEMBER 2009, 19.30 UHR IM LUZERNER THEATER
WEITERE VORSTELLUNGEN: 8.9., 13.9. (13.30 Uhr), 16.9. (20.00 Uhr), 24.9., 26.9., 2.10. (Theatertag),
10.10., 16.10., 5.11.09 jeweils 19.30 Uhr

Kritik:


Klug durchdacht und jenseits ausgetretener Pfade präsentiert sich der Spielplan für die Spielzeit 2009/10 des Luzerner Theaters.

Mit Manfred Gurlitts WOZZECK stellt man ein Werk zur Diskussion, das unter anderem wegen Alban Bergs berühmterer Adaption des gleichen Stoffes beinahe der Vergessenheit anheim zu fallen drohte. Das Luzerner Ensemble hat mit diesem Stück viel gewagt – und gewonnen! Gurlitt kann neben Berg durchaus bestehen, ja seine Version der unverwüstlichen Tragödie Büchners ist diesem in ihrer raueren, konsequenter das Fragmentarische der Vorlage betonenden Struktur sogar verwandter – und mit der frei schwebenden Tonalität auch dem Ohr des Zuschauers näher.


Vera Nemirova setzt in ihrer intensiven Inszenierung ganz auf die Interaktionen zwischen den Figuren und schafft es so, das tragische Geschehen ungemein spannend, packend, geradlinig und ohne störenden Firlefanz zu erzählen. Sie stellt den Epilog dem Werk voran und lässt es mit Wozzecks Suche nach dem Messer und dem von den Kameraden abgeholten Kind offen enden. Das wirkt zuerst etwas verstörend, aber gerade dieses befremdende Ende ist unglaublich stark, hart und unsentimental – und entspricht auch dadurch dem fragmentarischen und allgemein gültigen Charakter der Vorlage.
Die leere, von drei flachen Quadern begrenzte Bühne von Werner Hutterli und die ganz in Weiss gehaltenen Kostüme von Ulrike Kunz (nur Marie erscheint nach ihrem „Sündenfall“ in Rot) verstärken die Konzentration auf die Kernaussagen noch.

Die Sängerinnen und Sänger haben sich ihren schwierigen Rollen voll und ganz verschrieben. Marc-Olivier Oetterli ist als Wozzeck von einer Intensität ohnegleichen. Immer wieder lässt er die Fragilität der Figur mit seinem warmen Bassbariton durchschimmern. Seine Marie wird von Simone Stock mit leuchtendem, äusserst differenziert eingesetztem Sopran gesungen, ihr Spiel ist ebenso intelligent gestaltet. Die namenlosen Figuren Tambourmajor, Arzt (Jude) und Hauptmann erhalten durch Manuel Wiencke, Patrick Jones und Thomas Ghazeli die richtige Mischung aus karikierter Überzeichnung und phänomenaler musikalischer Gestaltung. Caroline Vitale ist ganz toll als moralinsaure, eifersüchtige Nachbarin und als ruhig erzählende alte Frau.

Eine grossartige Leistung vollbringen auch das Luzerner Sinfonieorchester, die Mitglieder der Luzerner Kantorei und der Chor des Theaters Luzern unter dem Dirigenten Mark Foster. Das Orchester ist von Gurlitt zwar relativ gross besetzt, wird in den einzelnen Szenen aber immer kammermusikalisch und auch oft lautmalerisch eingesetzt. Die musikalische Struktur bleibt dank den Musikerinnen und Musikern immer gut durchhörbar und trotz der kurzen Szenen, welche durch Auf- und Abblendungen geteilt sind, fesselnd.
Das Premierenpublikum bedankte sich bei allen Beteiligten zu Recht mit lang anhaltendem, begeistertem Applaus.

Fazit:


Ein spannender Abend – der mit Tom Waits Musicaladaption WOYZECK ab dem 18 September im Luzerner Theater eine hochinteressante Ergänzung und Fortsetzung finden wird.

Inhalt:


Der Mensch ist nichts als ein Haufen Dreck und Staub.
Der schlecht bezahlte Soldat Wozzeck wird von allen ausgenutzt. Sein Hauptmann hält ihm Moralpredigten, der Doktor missbraucht ihn für medizinische Versuche, seine Frau Marie betrügt ihn mit dem Tambourmajor. Wozzeck leidet zunehmend unter Visionen und schrecklichen Ängsten. Er kauft sich ein Messer und bringt damit seine geliebte Marie um. Auf der Suche nach dem ins Wasser geworfenen Messer ertrinkt er.

Werk:


Nur vier Monate nach der Uraufführung von Alban Bergs weitaus berühmterer Vertonung des Büchner Stoffes gelangte Manfred Gurlitts WOZZECK zur Uraufführung. Man geht davon aus, dass Gurlitt Bergs Oper NICHT gekannt hatte. Gurlitt war ein Kompositionsschüler von Engelbert Humperdinck (Hänsel und Gretel, Königskinder). 1933 trat er in die NSDAP ein, seine Mitgliedsaft wurde jedoch später aufgrund angeblich jüdischer Verwandtschaft für nichtig erklärt. 1939 konnte er nach Japan emigrieren, wo er als Dirigent und Professor an der Musikhochschule sehr erfolgreich war.
Sein in frei schwebender Tonalität gehaltener WOZZECK klingt schlichter und rauer als Bergs Meisterwerk, die einzelnen Szenen werden nicht wie bei Berg durch facettenreiche Zwischenspiele verbunden, die 18 Szenen sind kammermusikalisch instrumentiert, stehen isoliert voneinander da und bekräftigen damit das episodenhafte von Büchners Vorlage. Die Partie der Marie hingegen ist sehr virtuos angelegt.

Für oper-aktuell.blogspot.com und art-tv.ch: © Kaspar Sannemann, 6. September 2009