Luzern: ORLANDO, 25.05.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Orlando

Oper in drei Akten | Musik: Georg Friedrich Händel | Libretto: unbekannt, basiert auf Orlando furioso von Ludovico Ariosto | Uraufführung: 27. Januar 1733 in London | Aufführungen in Luzern: 25.5. | 28.5. | 30.5. 31.5. 3.6. 8.6. 10.6. | 15.6. 17.6.2012

Kritik:

„Das Karussell der Liebe dreht sich, dreht sich immer rund herum und du im Kreise drehst dich, drehst dich, steigst nicht aus, steigst höchstens um. Mal sitzt im Riesenrad du oben, fährst dann Achterbahn zu Tal - das Karussell der Liebe hält nicht, es dreht sich immer noch einmal.“ So sang Aviva Semadar (hier klicken ;-)  in ihrem Schlagerhit von 1975. Ob die Regisseurin von Händels Liebesverwirrungs-/ Liebeswahnsinnsoper ORLANDO, Eva-Maria Höckmayr, diesen Song kennt, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls hat sie zusammen mit der Bühnenbildnerin Nina von Essen die Metapher des Liebeskarussells geradezu kongenial benutzt, um die von Händel in so wunderschöne Musik gepackten „Aspects of love“ zu erzählen. Birgit Künzler hat die jungen, vortrefflich singenden und erfrischend unprätentiös agierenden Sängerinnen, Statistinnen und den Magier Zoroastro sowie einen männlichen Statisten in phantasievolle, entfernt an Zirkuswelt gemahnende, weich fliessende Kostüme gekleidet. Und so verwirren sich die Liebesgefühle der vier Personen auf diesem sich ständig drehenden, skelettierten Metallkarussell, angetrieben und schliesslich – wohl nur vermeintlich - entwirrt vom Magier Zoroastro (wunderbar unpathetisch und doch mit profunder Bassbaritonstimme gesungen von Szymon Chojancki). Einige dieser Personen können mit den Gefühlen, die ach so stark von Schmetterlingen im Bauch geleitet sind, besser umgehen als andere. Zu ihnen gehört die mit glockenreinem, jugendlich frischem Sopran singende Dorinda von Simone Stock, die ihre Empfindungen mit Vergleichen zum Fliessen des Bächleins und der Sprache der Blümlein zu absorbieren versucht. Ihre „Nachtigallen“-Arie ist ein Höhepunkt des Abends. Auch Medoro ist eigentlich ein Realist, der schliesslich merkt, dass das Versteckspielen keinen Sinn macht, ehrlich ist und gerade dadurch Verständnis von Dorinda erhält. Caroline Vitale besticht durch die rundum geglückte Darstellung des stürmischen Womanizers (gewisse Interaktionen mit dem Statisten lassen allerdings einige Zweifel aufkommen, ob dieser Medoro seine sexuelle Orientierung schon gefunden hat ... und damit wird hinter das lieto fine doch ein kleines Fragezeichen gesetzt). Frau Vitales herrlich prägnant und mit prächtiger Flexibilität strömende, leicht kernig klingende Mezzosopranstimme verleiht der Figur ein einnehmendes Profil. Besonders hervorzuheben ist bei ihr neben den virtuos gesungenen Arien auch die spannende Gestaltung der Rezitative. Madelaine Wibom ist die Frau, um die sich das ganze Karussell dreht. Nur schon die flammend roten Haare, der aufreizende Schlitz in der Brokat-Robe, sowie ihre unnachahmliche, ausdrucksstarke Mimik machen sie zu einem Anziehungspunkt fürs Auge – und auch fürs Ohr. Denn Frau Wibom versteht es auf überzeugende Art, ihre eigentlich grosse, leicht metallisch timbrierte Stimme mit subtil kontrollierter Expressivität einzusetzen, begeistert sowohl mit wunderschön sauber gesetzten Piani als auch mit ausgesprochen dramatischem Furor. Dass Orlando ihr quasi blind folgt, ihn ihre Hinwendung zu einem anderen Mann in den Wahnsinn treibt, ist deshalb nachgerade verständlich. Marie-Luise Dressen gelingt es ungemein eindringlich, diesen psychischen Verfall darzustellen. Ihre ausgeglichene, warme Stimme zeichnet sich durch eine einnehmende Agilität aus, sei es in der mit jugendlichem Elan angegangenen Arie Fammi combattere oder dem dramatischen Rezitativ Ah stigie, larve, welches die aufwühlende Wahnsinnsszene einleitet. Es geht dann wirklich unter die Haut, wie Frau Dressen da nach der Pause mit leerem Blick vor sich hinstarrend auf dem Plastikstuhl wie irre hin- und herwippend sitzt. Ergreifend gestaltet Frau Dressen auf dem dramatischen Höhepunkt das Hinübergleiten in den erlösenden Schlaf mit der so sanft und zart intonierten Arie Già l'ebro mi ciglio. Aufhorchen lässt nicht nur an dieser Stelle die zurückhaltende und doch so einfühlsam und mit beinahe ätherischer Fragilität gespielte Begleitung der SängerInnen durch das Luzerner Sinfonieorchester mit Michael Wendeberg am Pult und am Cembalo.

Inhalt:

DER GANZ NORMALE WAHNSINN DES LIEBESVERLANGENS ;-)

Der Zauberer Zoroastro sieht neue Heldentaten Orlandos voraus. Orlando, süchtig nach Liebe und Ruhm, soll nach dem Willen Zoroastros die Liebe vergessen und sich ganz dem Kriegsgott Mars hingeben.

Die Schäferin Dorinda fühlt Liebesgefühle in sich. Eine kurze Begegnung mit Orlando bestätigt ihr diese Gefühle.

Angelica, die Königin von Carthay, pflegt die Wunden des Prinzen Medoro und verliebt sich in ihn – diese Liebe ist gegenseitig, wobei sich Medoro ihrer nicht würdig fühlt. Dorinda stellt unterdessen fest, dass es Medoro ist, für den ihr Herz entflammt ist. Medoro will Dorinda nicht enttäuschen und verheimlicht ihr seine Liebe zu Angelica. Zoroastro warnt Angelica vor Orlandos Rache, da sie Orlando versprochen sei. Orlando beteuert Angelica seine Liebe, die gibt sich aber eifersüchtig auf eine Prinzessin, welche Orlando gerettet habe. Damit will sie ihre geplante Flucht mit Medoro verheimlichen. Dorinda beobachtet eine Umarmung von Angelica und Medoro und ist entsprechend enttäuscht. Sie wird von Angelica und Medoro getröstet.

Die untröstliche Dorinda trifft auf Orlando und zeigt ihm ein Geschenk Medoros. Doch dies ist ein Armband, welches Orlando einst Angelica als Liebesgeschenk überreicht hat. Orlando ist wütend und will Angelica nachreisen, wenn nötig bis in die Unterwelt. Zoroastro will Medoro und Angelica bei ihrer gemeinsamen Flucht beistehen, um sie vor Orlandos Rache zu schützen. Angelica befallen Zweifel, sie fühlt sich Orlando gegenüber als undankbare Person, da er einst ihr Leben gerettet hat. Doch gegen Amors Pfeil fühlt sie sich ohnmächtig. Orlando entdeckt sie und folgt ihr, Medoro eilt den beiden hinterher. Angelica wird von einer Wolke eingeschlossen und von vier Genien in die Lüfte getragen. Orlando wird wahnsinnig. Schon hört er den Höllenhund kläffen und wähnt auch Medoro in den Armen der Göttin der Unterwelt, Proserpina. Zoroastro reisst Orlando in seinen Wagen und fährt mit ihm in die Lüfte.

Medoro gesteht Dorinda seine Liebe zu Angelica. Orlando kommt zu Dorindas Haus und gesteht zu ihrer Irritation, dass er sie liebe. Schnell wird klar, dass Orlando noch immer wahnsinnig ist und Dorinda gar nicht erkennt, sondern in ihr den Bruder seiner Geliebten sieht. Auch Angelica kommt zu Dorinda und empfindet Mitleid mit dem wahnsinnigen Orlando, hofft jedoch, dass er von alleine wieder zu sich komme. Zoroastro beschreibt die Liebe als Ort, wo man leicht den Verstand verliere. Dorinda muss Angelica eine traurige Nachricht überbringen: Orlando habe ihr Haus zerstört und Medoro sei unter den Trümmern begraben. Orlando wirft die weinende Angelica in einen Abgrund. Nach seiner Raserei fällt er in einen Schlaf. Zoroastro schüttet einen Zaubertrank über Orlando. Dieser erwacht und schämt sich seiner (vermeintlichen) Morde an Medoro und Angelica. Er will Suizid begehen, wird jedoch von Angelica zurückgehalten. Der von Zoroastro gerettete Medoro simmt in das versöhnliche Schlussquintett ein, Orlando ist stolz, über sich selbst und die Liebe gesiegt zu haben ...

Werk:

Georg Friedrich Händel (1685-1759) war der bedeutendste Komponist von opere serie im 18.Jahrhundert. Seine besten Werke komponierte er in London (er liess sich 1727 in England einbürgern) und gründete dort auch eigene „Opernakademien“, mietete Theater für die Aufführungen seiner Werke und lieferte sich mit Konkurrenten ruinöse Kämpfe ums Publikum. Ermattet von den Anstrengungen dieses Wettbewerbs und der Schaffung von circa 42 Opern, komponierte Händel nach 1742 nur noch Oratorien, da auf diesem Gebiet die Konkurrenz weniger gross war.

Händel hat Ariosts Vorlage gleich dreifach vertont: Neben ORLANDO entstanden auch ALCINA und ARIODANTE (zur Zeit in Basel zu sehen) nach dem Epos des „Rasenden Rolands“. Höhepunkt von ORLANDO ist zweifelsohne die furiose Wahnsinnsszene des Titelhelden im zweiten Akt, mit ihren „modernen“ Taktwechseln (Ah! Stigie larve). Doch auch sonst greift Händel zu für die damalige Zeit schon fast revolutionären Mitteln: Die zwar noch vorhandenen Da capo Arien weichen oft von ihrer strengen Form ab und es gibt auch Duette und Terzette. Neben viel Bühnenspektakel in dieser typischen "Zauberoper" findet man in dem Werk aber auch Spuren eines aufklärerischen Gedankenguts.

Die Titelpartie hatte Händel für den berühmten Kastraten Senesino geschrieben. ORLANDO war Händels letzte Premiere am King's Theatre. Sein Mietvertrag lief aus und das Konkurrenzunternehmen, Opera of the Nobilities, zog dort ein. Händel musste ins weniger prestigeträchtige Haus am Covent Garden umziehen. Den ORLANDO nahm er nie wieder auf, obwohl er unter Kennern bei der Uraufführungsserie (10 Aufführungen) grosse Bewunderung hervorgerufen hatte. Erst vor etwa 20 Jahren hielt das Werk erneut Einzug ins Repertoire, u.a. mit der fantastischen Aufführung im Jahr 2006 am Opernhaus Zürich (William Christie/Jens Daniel Herzog und der fulminanten Marijana Mijanovic in der Titelrolle) oder an der Bayerischen Staatsoper (Ivor Bolton/David Alden mit David Daniels in der Titelrolle).

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