Luzern: LA CLEMENZA DI TITO, 09.09.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   La Clemenza di Tito

Oper in zwei Akten | Musik: Wolfgang Amadeus Mozart | Libretto: Catarino Mazzolà, nach Metastasio | Uraufführung: 6. September 1791 in Prag | Aufführungen in Luzern: 9.9. | 13.9. | 15.9. | 19.9. | 21.9. | 23.9. | 27.9. | 7.10. | 12.10. | 27.10. (geschlossene Vorstellung) | 4.11.| 25.11. | 9.12. (zum letzten Mal)

Kritik:

Mozarts zweitletzte Oper erfreut sich bei weitem nicht der Wertschätzung seiner anderen Spätwerke (NOZZE DI FIGARO, DON GIOVANNI, COSÌ FAN TUTTE, ZAUBERFLÖTE). LA CLEMENZA DI TITO muss gegen das Vorurteil ankämpfen, trocken, steif und zu erhaben daherzukommen, kurz gesagt etwas dröge zu wirken. Dass dem nicht so ist, beweist die rundum geglückte Neuinszenierung des Werks am Luzerner Theater. Regisseurin Vera Nemirova ist es durch eine ungemein spannungsgeladene Personenführung und eine natürliche Charakterzeichnung gelungen, Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne zu stellen, die Leidenschaften, Irrungen und Wirrungen der Herzen fassbar und nachvollziehbar zu machen. Dazu steht ihr ein junges, spielfreudiges und musikalisch eindrucksvoll gestaltendes Ensemble an hochtalentierten Sängerinnen und Sängern zur Verfügung, ein Ensemble, das zur Hälfte aus neuverpflichteten Künstlerinnen besteht und doch bereits in dieser ersten Produktion der neuen Spielzeit einen äusserst homogenen und eingespielten Eindruck vermittelt.

Als Schwachpunkt der Oper werden oft die Rezitative von Mozarts Schüler Süssmayr genannt. Für die Luzerner Produktion hat man diese sorgsam überarbeitet - und diese Arbeit hat sich mehr als gelohnt. Bereits mit dem ersten, ungemein lebendig und plastisch vorgetragenen Rezitativ zwischen Sesto und Vitellia wird man (auch wenn man mit dem Werk nicht besonders vertraut ist) hineingezogen in das Labyrinth von Abhängigkeiten, Sehnsüchten und Intrigen. Hoch spannend auch das Verhör Tito/Sesto im zweiten Akt, welches die Tragik ihrer Beziehung, welche wohl für Tito weit über eine normale Männerfreundschaft hinausgeht, aufzeigt. Und einmal mehr bestätigt sich, dass eine genau analysierende Regisseurin keinen Firlefanz und Bühnenzauber benötigt, um eine Geschichte klug, nachvollziehbar und intelligent zu erzählen. Werner Hutterli hat ein funktionales Einheitsbühnenbild geschaffen: Einen Labyrinth artigen Boden, sieben semitransparente, metallisch schimmernde Türen im Halbrund, von denen im zweiten Akt (nach dem Brand des Kapitols) nur noch die Gerüste stehen bleiben. Wenige Requisiten unterstreichen die Beziehungsgeflechte und Befindlichkeiten der Personen. Da ist zum Beispiel das Brautkleid zu erwähnen, das einfach niemandem passen will. Titus trägt es bei seinem ersten Auftritt, als er aus Staatsräson seine Verlobte Berenice zurück nach Judäa geschickt hat. Servilia, die nächste Auserwählte des Kaisers, will es nicht tragen, weil sie Annio liebt. Vitellia sehnt sich zwar nach nichts anderem, als endlich Kaiserin sein zu dürfen, lädt dabei aber so viel Schuld auf sich, dass sie sich des Brautkleides auch nicht mehr würdig scheint, so dass die Robe am Ende doch am Körper des unreifen, naiven und in seiner sexuellen Orientierung noch immer ungefestigten Kaisers haften bleibt. Dies alles erzählt Frau Nemirova mit packender, unaufdringlicher Intensität und die beiden Sänger, die beiden Mezzosopranistinnen in den Hosenrollen sowie die beiden Soprane lassen sich mit starken, überzeugenden Rollengestaltungen auf das Spiel ein.

Musikalisch gerät die Aufführung geradezu zu einer Sternstunde des Mozartgesangs. Beginnen wir in der umgekehrten Reihenfolge der Applausordnung. Utku Kuzuluk bringt alles mit, was es braucht, um die anspruchsvolle Titelpartie musikalisch zu durchdringen: Hell und leuchtkräftig strahlt sein geschmeidiger, bruchlos geführter und einschmeichelnd timbrierter Tenor. Mühelos und mit ungefährdeter Höhe und bestechender Sicherheit attackiert er die Koloraturen, verleiht den Zweifeln und Unsicherheiten dieses „Kindes im Manne“ mit subtilen Schattierungen Ausdruck. Die einzige mit Lebens- und sexueller Erfahrung, gepaart mit Durchtriebenheit und Entschlusskraft zur Durchsetzung eigener Ziele, ist Vitellia. Svetlana Doneva meistert die schwierigen Intervallsprünge mit beeindruckender Reife, phrasiert wunderbar plastisch und wird mit zunehmender Erfahrung auch in der Tiefe an Substanz gewinnen können. Raffiniert nutzt sie die Hörigkeit des ihr ergebenen Sesto aus und berührt im zweiten Akt mit ihrer Wandlung zur empfindsamen, an den von ihr begangenen Ungerechtigkeiten leidenden Frau. Fulminant gerät Marie-Luise Dressen die Darstellung des Sesto: Welch eine Kraft, welch überschäumende Jugendlichkeit, welch eine Leidenschaft bei aller Schönheit der Melodieführung lässt die Mezzosopranistin in die Gesangslinie einfliessen. Zum Niederknien! Auch die zweite Hosenrolle, diejenige des Annio, ist mit Carolyn Dobbin herausragend besetzt: Eine warme, unendlich schön timbrierte Stimme mit festem, unerschütterlichem Fundament. Aus der eher simplen, eingängigen Melodie ihrer Arie Torna di Tito a lato  entwickelt sie ein eindringliches Versöhnungsplädoyer. Annios Geliebten Servilia verleiht Dana Marbach mit ihrer aparten, zauberhaft leichten und doch so wunderschön fokussierten, glockenreinen Sopranstimme aufrichtigen Ausdruck. Publio wird in dieser Aufführung nicht als rachsüchtiger, gestrenger Hauptmann der Prätorianer gezeigt. Mit seinem leichten, beweglichen Bass ist Szymon Chojnacki eher ein grosser Bruder für Tito, ein smarter, aber auch karrieregeiler Einflüsterer. Klangschön singt auch der Chor des Luzerner Theaters, uniform daherkommende, mit dem Hofzeremoniell nicht ganz vertraute Damen und Herren in schwarzem, elegantem Outfit, welche dann nach dem Brand des Kapitols auch als Putzmannschaft agieren müssen. Frauke Schernau hat die Personen in schicke Abendkleidung gesteckt, einzig Tito fällt auf mit dem seine weibliche Seite betonenden, orientalisch inspirierten Hosenrock.

Viel zum grossartigen Gelingen des Abends trägt auch das Luzerner Sinfonieorchester bei. Unter der klaren, präzise Akzente setzenden Leitung von Howard Arman wird ein wunderbar transparent und federnd klingender Gesamtklang erzeugt, aus welchem Soloinstrumente (u.a. Klarinette, Bassetthorn) brillant gespielt hervortreten.

Mit dieser Produktion ist es dem Luzerner Theater auf überzeugende Art und Weise gelungen, Vorurteile, welche man gegenüber dem Werk haben könnte, Lügen zu strafen.

Werk:

Neben seiner Arbeit an der ZAUBERFLÖTE blieb Mozart nur wenig Zeit, dieses Auftragswerk zur Krönung Leopolds II. als König von Böhmen zu komponieren. Innerhalb von 50 Tagen schrieb Mozart die Arien und Ensembles, die Rezitative stammen vermutlich von seinem Schüler Süßmayr. Der vermeintliche Rückgriff auf die Form der opera seria hat dazu geführt, dass das Werk nie die Beliebtheit der spritzigeren da Ponte Opern Mozarts (NOZZE DI FIGARO, DON GIOVANNI, COSI FAN TUTTE) erreicht hat, obwohl Mozart die sture Abfolge von Arien durch Ensembles aufgelockert hatte und das schon oft vertonte Libretto Metastasios auf zwei Akte durch Mazzolà kürzen liess. Ganz der Tradition der seria entsprechend, wurden die Partien des Sesto und des Annio für Kastraten geschrieben, diese standen jedoch bei der Uraufführung nicht zur Verfügung, so dass sie (wie heute auch ;-)) mit Frauenstimmen besetzt wurden und werden. Das Werk beinhaltet eine ganze Reihe wunderbar ausgestalteter Bravourarien. Die Tenorrolle des Titus ist nicht ganz einfach zu besetzen, fordert sie vom Sänger doch eine beinahe heldentenorale Strahlkraft, jedoch gepaart mit Agilität und Geschmeidigkeit. Der historische Kaiser Titus (39 bis 81 n.Chr.) war wohl nicht so humanistisch, gütig und weise wie er in Mozarts Oper gezeichnet wird. Insbesondere sein Anteil an der Zerstörung Jerusalems und des dortigen Tempels ist nicht unumstritten.

Inhalt:

Vitellia (Tochter des ehemaligen Kaisers Vitellius) fühlt sich um die Kaiserwürde betrogen und unternimmt alles, um dem neuen Machthaber Tito zu schaden. Sie stiftet den ihr verfallenen Sesto dazu an, eine Verschwörung gegen den Kaiser anzuzetteln. Sestos Freund Annio bittet um die Hand von Sestos Schwester Servilia. Sesto stimmt zu. Tito jedoch teilt Sesto zu dessen Entsetzen mit, dass er selbst eine Heirat mit Servilia in Betracht ziehe. Servilia begibt sich zum Kaiser und gesteht ihm dass sie Annio liebe. Grossmütig verzichtet Tito auf seine Auserwählte. Der Vertraute des Kaisers, Publio, teilt Vitellia mit, dass der Kaiser nun beschlossen habe, sie, Vitellia, zu ehelichen. Vitellia schöpft neue Hoffnung auf den ihr zustehenden Thron und will Sesto von seinen Anschlagsplänen zurückpfeifen. Zu spät: Das Kapitol steht bereits in Flammen. Die Nachricht vom Tod des Kaisers verbreitet sich.

Von Gewissensbissen gequält, will sich Sesto selber töten. Annio berichtet ihm dass der Kaiser am Leben sei. Vitellia rät zur Flucht, doch Sesto wird von Publio verhaftet und vom Senat zum Tod verurteilt. Tito ist tief erschüttert vom Verrat seines Freundes Sesto. Kurz bevor der Verurteilte Sesto hingerichtet werden solle, fällt Vitellia dem Kaiser zu Füssen und bekennt, den Freund zum Anschlag angestiftet zu haben. Der Kaiser ist bewegt und begnadigt die Verschwörer. Das Volk bejubelt den gütigen Herrscher.

Musikalische Höhepunkte:

Deh se piacer mi vuoi, Arie der Vitellia, Akt I

Del più sublime sogno, Arie des Tito, Akt I

Ah, se fosse intorno al trono, Arie des Tito, Akt I

Parto, ma tu ben mio, Arie des Sesto mit obligater Klarinette, Akt I

Vengo, aspettate, Terzett Vittellia, Publio, Annio, Akt I

Torna di Tito a lato, Arie des Annio, Akt II

Deh per questo istante solo, Rondo des Sesto, Akt II

Se all' impero, Arie des Tito, Akt II

S'altro che lacrime, Arie der Servilia, Akt II

Non più di fiori, Rondo der Vitellia, Akt II (wiederum mit obligatem Bassetthorn)

Videoclip auf art-tv.ch

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