Luzern: BARBARA STROZZI, 08.05.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Barbara Strozzi

Musik: Georg Graewe

Text: vom Komponisten

Uraufführung: 8. Mai 2010 in Luzern (Südpol)

weitere Aufführungen in Luzern: 12.5. | 20.5. | 24.5. | 1.6. 2010

Kritik:

Ein Satz von Claudio Monteverdis Bruder Giulio („ ... l'oratione sia padrona dell'armonia e non serva.“ - Der Textvortrag sei Herrin des musikalischen Satzes und nicht Dienerin) stand wohl Pate für Georg Graewes neuestes Werk BARBARA STROZZI ODER DIE AVANTGARDE DER LIEBE, welches am 8. Mai seine Uraufführung im Luzerner Südpol erlebte. Eindeutig stand das Wort im Vordergrund, die Musik klang so, wie man es von zeitgenössischen Kompositionen erwartet (dissonant und schräg) und der (wenige) Gesang wirkte beinahe monodisch. Dabei hätte das Thema doch auch musikalisch einiges hergegeben: Eine moderne, junge Frau betritt ein Museum, betrachtet Gegenstände und Bilder berühmter Kurtisanen, z.B von Barbara Strozzi (1619 - 1677), welche sich in einer von Männern beherrschten Domäne einige Anerkennung als Komponistin und virtuose Sängerin errang, oder von Tullia d'Aragon und Veronica Franco, welche in ihren Salons geistreiche und kunstsinnige Abende veranstalteten. Die junge Frau identifiziert sich immer stärker mit diesen Figuren aus der Zeit der Renaissance, schlüpft in ihre Rollen. Parallelen zur heutigen Zeit sollten gezogen werden - aber reicht es, wenn man Blondinenwitze (wenigstens die hätte man doch süffisant vertonen können ...) dem ausführlich geschilderten Kult der venezianischen Frauen, ihr Haar zu blondieren gegenüberstellt oder sämtliche Kreditkarten aufzählt, mit denen die Dienste der Kurtisanen bezahlt werden können? Das ist dann doch zu billig ... Sicher, die Spurensuche nach den Biographien dieser Frauen war bestimmt aufwändig und wurde mit gewissenhafter Akribie vollzogen. Herausgekommen ist jedoch eher ein Hörspiel mit stellenweiser interessanter Musik als ein Musiktheater. Dramatische Zuspitzungen, Emotionen und deren Ausdruck in Melodien fehlten vollständig. Es gab nichts zu hören, was haften geblieben wäre, oder zumindest das Ohr provoziert oder herausgefordert hätte. Nach einem kurzen orchestralen Vorspiel (das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Rick Stengårds spielte in einer kleinen Besetzung: Flöte, Englischhorn, Bassklarinette, Trompete, 3 Violinen, 3 Violas 3 Celli, Kontrabass, Harfe und Schlagwerk) dauerte es geschlagene 15 Minuten, bis die Sängerin erstmals zu summen begann. Bald fand sie zu Tönen, spielte diese auf dem Spinett und setzte zum Gesang an. Da wurde einem besonders schmerzlich bewusst, welche Chance der Komponist vertan hatte. Denn mit Sumi Kittelberger stand eine der herausragendsten und viel versprechendsten Gesangskünstlerinnen der gegenwärtigen Schweizer Musiktheaterszene auf der Bühne. Ihr hätte man wunderbare Ariosi (auch „schräge“) auf den Leib schreiben können, denn ihre wunderbar sauber geführte Stimme, gepaart mit fantastischer Technik,  vermochte es auch, zeitgenössischen Kompositionen begeisterndes Leben einzuhauchen. Zur Seite gestellt wurden Sumi Kittelberger drei Männer: Der Bassbariton Flurin Caduff, der Tenor Robert Maszl und der Bariton Soon-Kee Woo. Sie meisterten ihre verschiedenen Rollen mit grosser Agilität und Spielfreude. Gesungen wurde in englisch, deutsch, italienisch und Latein. Ein netter Gag, jedoch nicht ganz einsichtig.

Dass einem die 75 Minuten Spieldauer doch nicht lange vorkamen, lag, neben den exzellenten Ausführenden, auch an der abwechslungs- und temporeichen Inszenierung durch Jörg Behr (Regie) und Karin Leuenberger (Bühne, Kostüme, Video). Fünf rote Stellwände stellten das Museum dar, in die Wände eingelassen waren Flachbildschirme, auf welchen Fotografien und Videos projiziert wurden. Rot und Grün waren die vorherrschenden Farben, Grün stand für das Alltägliche, Rot für die Kurtisane und die Liebe.

In ihrer Verzweiflung über die mangelnde Anerkennung ihrer intellektuellen und schöpferischen Gaben in der Männerwelt, zerstört die Frau am Schluss einen Teil der Bühne, die Männer bauen alles schnell wieder auf, das Tonband wird zurückgespult – die Geschichte der Unterdrückung des Weiblichen in Kunst und Gesellschaft kann von vorne beginnen. Licht aus.

Einmal mehr zeigte sich am Schluss dieses Abends, dass der Komponist Salieri doch Recht hatte: PRIMA LA MUSICA E POI LE PAROLE. Auch der Zeitgenosse Barabara Strozzis, der grosse Claudio Monteverdi, betrachtete die Vorherrschaft des Textes nicht als Rechtfertigung für einen monodischen Gesangsstil.

Fazit:

Als Hörspiel geeignet, doch für den Titel MUSIKTHEATER fehlen dramatische Elemente und vor allem die Musik! 

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