Leipzig: RIENZI, 22.05.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Rienzi

Grosse tragische Oper in fünf Aufzügen | Musik: Richard Wagner | Libretto: vom Komponisten, nach Bulwer-Lyttons Roman COLA RIENZI | Uraufführung: 20. Oktober 1843 in Dresden | Aufführungen in Leipzig: 15.5. | 22.5.2016

Kritik:

Der geradezu magischen Kraft der Faszination von Wagners Ouvertüre zu seiner Monumentaloper RIENZI kann man sich kaum entziehen, selbst wenn man sich derer "Gefährlichkeit" wegen des Missbrauchs durch despotische Demagogen in der Vergangenheit wohl bewusst ist - doch dafür kann der Komponist natürlich nichts. Wenn diese Musik (mit Suchtpotential!) dann auch noch so aufpeitschend und vorwärtsdrängend interpretiert wird, wie gestern Abend - genau am 213. Geburtstag des Komponisten - vom Gewandhausorchester unter der leidenschaftlichen Leitung von Matthias Foremny, dann stellen sich Gänsehaut und Gefühle von Erhabenheit von selbst ein. Der mystische Trompetenton der Einleitung, das erste Aufschimmern des unglaublich schönen Gebetsmotivs in den Streichern, die dunkel und bedrohlich dräuenden Wogen, welche schon bald wieder dem Gebetsmotiv im Fortissimo-Blech weichen sorgen für diese Emotionen. Zm Ende hin steigern sich die  in martialischen Rhythmen erklingenden Schlachtrufe zu einem begeisternden Sog. Ja, der RIENZI ist eine laute Oper, ein Drama, ein Politthriller, der praktisch ohne wirkliche Ruhepole daherkommt, vor allem natürlich in einer Strichfassung (ohne Striche ist das Werk auch kaum zu stemmen). Die Aufführung dauert auch so noch gute vier Stunden (inklusive zweier Pausen) - wirkt aber in keinem Moment zu lang oder ermüdend, und dies trotz des permanent hohen Lautstärkepegels. Maestro Foremny setzte immer wieder scharfe Akzente, da war nichts geglättet oder weich gespült, die zukunftsweisende Chromatik (man hörte schon Anklänge an das Bacchanale, welches Wagner 20 Jahre später für seinen Pariser TANNHÄUSER komponiert hatte) nahm gewichtigen Raum ein, gleissende, prominent herausgearbeitete Passagen des Blechs sorgten immer wieder für brachiale, effektvolle Momente. Besonders den Bläsern des Gewandhausorchestes muss man für die fulminante Leistung ein Riesenkompliment machen.  Die riesige und äusserst anspruchsvolle Titelpartie erfordert einen heldischen Tenor der Sonderklasse, und die Oper Leipzig hat diesen zur Verfügung: Stefan Vinke. Dieser Sänger, ein Spezialist für schwierig zu bewältigende Tenorpartien, scheint über geradezu unermessliche Kraftreserven zu verfügen. Bei ihm muss man in keinem Moment bangen, dass er die fünf Akte nicht mit Bravour durchstehen werde. Doch es ist nicht nur seine absolute, bewundernswerte Sicherheit, die überzeugt, sondern auch seine Gestaltungskraft, die hervorragende Behandlung des Textes, die klare Diktion. Selbst als er zu Beginn des Gebets im letzten Akt anfänglich leicht verquollen klang (es ist auch verdammt schwierig, nach so vielen heldischen Ansprachen über vier Akte hinweg, im fünften dann plötzlich zu einem flehenden Pianoton zu finden), sang er sich schnell wieder frei und liess die Stimme ein letztes Mal zu einer gewaltigen Steigerung aufblühen, bevor er in den Trümmern des brennenden Miniaturkapitols kapitulierte und seinen Tod fand. Dieses putzige Rom "en miniature" und ein paar Stühle waren auch schon die einzigen Requisiten, welche Andreas Reinhardt für den Regisseur Nicolas Joel auf die von grauen Wänden begrenzte Bühne stellen liess. Dem Regisseur schien es ein Anliegen gewesen zu sein, das Drama des letzten Tribunen und Populisten als Parabel für eine Geschichte zu zeigen, welche sich zu allen Zeiten zu wiederholen scheint. Das ist ihm leider nur teilweise gelungen. Einigen starken, eindrücklichen Tableaus stand eine doch sehr statische Personenführung gegenüber, welche die konfliktreichen Beziehungen zwischen den Handlungsträgern nur bedingt mit Leben und Plausibilität zu füllen vermochte. Einzig zu Beginn des zweiten Aktes, wenn Rienzi die pennenden Senatoren zurechtweist und Kleidungskontrolle macht, kamen Ansätze einer Regiehandschrift zur Geltung. Die allesamt in Grau- und Schwarztönen gehaltenen Kostüme deuteten auf verschiedene Epochen hin, von den Julirevolutionen des 19. Jahrhunderts bis zum beginnenden Faschismus. Rienzi selbst trug bei seinem ersten Auftritt ein langes, weisses Gewand, sah aus wie ein Sektenführer, später dann eine rote Toga und Rüstung. Die Entourage Rienzis wies auf mafiöse Strukturen hin: Sonnenbrillen, Borsalinos, Regenmäntel, Schnellfeuerwaffen. Nach Rienzis Sturz stellten sie ihre dubiosen Dienste dann schnell den neuen Machthabern zur Verfügung, das wankelmütige Volk wurde kurzerhand von Gewehrsalven niedegemäht. Weshalb dann aber der Regisseur zu Beginn und am Ende noch die historischen Jahreszahlen von Cola di Rienzos Wirken (1347, 1354) vom Bühnenhimmel herabschweben liess, erschien nicht gerade zwingend; wir hätten seine Intention der Zeitlosigkeit auch so verstanden. 

Freuen durfte man sich hingegen an den prächtigen, ja geradezu gewaltigen Chören, den herrlich sauberen a capella Gesängen (Chor und Zusatzchor der Oper Leipzig, Damen des Jugendchores, Einstudierung: Alessandro Zuppardo). Diese Chöre machten insbesondere die meisterhaft aufgebauten Aktfinali zu eindringlichen und bewegenden Momenten, vor allem der wunderbar reine Glockenton der Soprane erfüllte die Chorszenen mit unter die Haut gehender Emphase, und der ambitionierte Komponist Wagner, der Meyerbeer und Spontini durch ständiges Hochschrauben des musikalischen Ausdrucks und der Kraft noch übertreffen wollte, beherrschte diese Technik äusserst effektvoll. Vida Mikneviciute machte mit ihrer voluminösen, leuchtenden Sopranstimme als Rienzis Schwester Irene auf sich aufmerksam. Bereits ihre ersten gellenden Schreie, als sie entführt werden sollte, liessen einem das Blut in den Adern gefrieren. Welch ein Prachtsorgan, das da aus einem erstaunlich zierlichen Körper strömt. Hier kündigt sich eine Wagnersängerin der oberen Liga an. Kathrin Göring als ihr Geliebter Adriano verströmte mit ihrem warmen Mezzosopran leidenschaftliches Glühen und peinigende Seelenqual, des zwischen Liebe zur Schwester des Feindes und Loyalität gegenüber dem (intriganten) Vater aufgeriebenen Jünglings. Diese fiesen, intriganten adeligen Väter wurden von Milcho Borovinov (Steffano Colonna) und Jürgen Kurth überzeugend verkörpert. Sejong Chang verströmte autoritäre, bassgewaltige Kraft als päpstlicher Legat und Martin Petzold (Baroncelli) und Ricardo Llamas Márquez (Cecco Del Vecchio) zeigten eindrücklich den Wankelmut der römischen Bürger. Sandra Maxheimer bereicherte mit ihrer Stimme die sehr schöne Szene des Friedensboten. Grosser, lang anhaltender und begeisterter Applaus (auffallend viele Wagner affine Besucher aus Frankreich, England und der Schweiz im Publikum) beendete diese Wagner Festtage der Oper Leipzig, welche innerhalb von drei Tagen die Begegnung mit Wagners ersten drei Opern in szenischen Aufführungen ermöglichten!

Inhalt:

Rom, Mitte 14. Jahrhundert

Das Volk leidet unter den Machtkämpfen, Korruption und Intrigen der herrschenden Patrizierfamilien Colonna und Orsini. Paolo Orsini versucht, Irene, die Schwester des päpstlichen Notars Rienzi, zu entführen. Ihr eilt Adriano Colonna zur Hilfe. Es kommt zu Strassenschlachten. Rienzi gelingt es mit seinem autoritätsgebietenden Auftritt den Aufruhr zu beenden. Das Volk bittet Rienzi, die Macht der Nobili endlich zu brechen. Er erhält auch die Unterstützung der Kirche. Die Krone lehnt er ab, doch will Rienzi Rom Frieden und neue Gesetze geben.

Rienzi ist nun zum Tribun erkoren worden. Doch die Nobili geben nicht so schnell auf und zetteln Komplotte gegen den neuen Volkstribun Rienzi an. Orsini versucht während des Freudenfestes Rienzi zu erdolchen. Doch das Attentat misslingt und die Verschwörer werden gefasst und zum Tode verurteilt. Rienzi lässt zum Unbehagen des Volkes jedoch Mitleid walten und begnadigt die Attentäter.

Der Adel rüstet sich zum Aufstand gegen die Herrschaft Rienzis. Rienzi gelingt es dank seiner demagogischen Fähigkeiten, das wankelmütige Volk noch einmal auf seine Seite zu ziehen. Beim Kampf fällt allerdings Adrianos Vater. Trotz seiner Liebesbeziehung zu Rienzis Schwester Irene schwört Adriano Rache.

Wieder zweifelt das Volk an Rienzis hehren Absichten. Selbst die Kirche wendet sich von der Herrschaft des Volkstribuns ab, der deutsche Kaiser grollt ihm wegen seiner Überheblichkeit. Der päpstliche Legat, Raimondo, belegt Rienzi mit dem Kirchenbann. Adriano wiegelt unterdessen das Volk auf. Nur Irene hält treu zu ihrem Bruder.

Rienzi versucht vergeblich, die Menge von seinen ehrenvollen Absichten zu überzeugen. Er hat sich ins Kapitol zurückgezogen. Irene hält weiter zu ihm, obwohl Adriano immer wieder versucht hat, sie auf seine Seite zu ziehen. Das Volk zieht mit Fackeln bewaffnet gegen das Kapitol. Ein letzter Versuch Rienzis, die Meute zur Vernunft zu bringen, scheitert. Unter den einstürzenden Trümmern des brennenden Kapitols sterben Rienzi und Irene. Die Nobili dreschen auf das Volk ein, das wiederum seiner Freiheit beraubt wurde. Die Spirale dreht sich weiter ... .

Werk:

Hans von Bülow wurde oft mit der Aussage zitiert, RIENZI sei Meyerbeers beste Oper. Das ist nicht ganz falsch, denn Richard Wagner hatte sein ganz im Stile der pompösen Grand opéra gehaltenes Drama eigentlich für eine Aufführung in Paris konzipiert, die Partitur auch Meyerbeer angedient. Doch anstelle einer lukrativen Aufführung in der Pariser Oper landete Wagner im Schuldgefängnis. So wurde der RIENZI schliesslich in Dresden uraufgeführt, mit grossem Erfolg. Schon bald spielten andere Bühnen das Werk nach. Wegen seiner Überlänge (über sechs Stunden) machten sich bald schon diverse Kürzungen breit, die teils selbst von Wagner autorisiert wurden, da das Publikum auf zwei Abende verteilte Aufführungen nicht goutierte. Nach Wagners Tod erstellte seine zweite Frau Cosima eine Aufführungspartitur, welche Wiederholungen und Kadenzen strich und sich stärker von der Nummernoper absetzte, das Werk in Richtung Musikdrama führte. Diese Bearbeitung hielt sich lange in der Aufführungstradition, zumal die handschriftliche Originalpartitur verschollen ist. Wagner schenkte diese selbst an Weihnachten 1868 seinem Mäzen, König Ludwig II. 1939 jedoch sah sich der Wittelsbacher Ausgleichsfond gezwungen, diese dem Führer Adolf Hitler zu seinem 50. Geburtstag zu schenken. Seit Hitler das Werk als junger Mann in Linz gesehen hatte, vergötterte er diese Musik so sehr, dass er die Ouvertüre regelmässig bei den Nürnberger Parteitagen der NSDAP spielen liess. Hitler nahm die Partitur anscheinend am Ende mit in den Bunker der Reichskanzlei. Jedenfalls ist sie seither verschollen.

Die musikalische Sprache des RIENZI ist überaus süffig. Bombastische Märsche, Fanfaren, grosse Volksszenen in historisierendem Ambiente (der aus einfachen Verhältnissen zum Volkstribun aufsteigende Cola di Rienzo lebte von 1313 bis 1354) und natürlich die bekannte Potpourri Ouvertüre lassen deutlich die Vorbilder Meyerbeer und Spontini aufleuchten. Pathetische Arien (mit relativ schlichten belkantistischen Verzierungen) stehen innigeren Szenen gegenüber (Rienzis berühmtes Gebet im letzten Akt). Wagner selbst tat den RIENZI später als Jugendsünde ab, griff aber dennoch darauf zurück, wenn er in Geldnöten steckte. Allerdings wurde RIENZI nicht in den Kanon der Bayreuth „würdigen“ Werke aufgenommen.

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