Leipzig: DIE FEEN, 21.05.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die Feen

Grosse romantische Oper in drei Akten | Musik: Richard Wagner | Libretto: vom Komponisten | Uraufführung: 29. Juni 1888 in München | Aufführung in Leipzig: 14.5. | 21.5.16

Kritik: 

Nach dem von den Ausführenden der Oper Leipzig so mitreissend dargebotenen 2. Akt von Wagners DIE FEEN fragte man sich ernsthaft, weshalb diese Oper nicht öfter auf den Spielplänen anzutreffen ist. Die posthume Uraufführung 1888 in München scheint zwar sehr erfolgreich gewesen zu sein, doch danach gab es nur noch vereinzelte Versuche, das Werk zu präsentieren. Sicher, der dritte Akt offenbart eklatante dramaturgische Schwächen des sich oft selbst überschätzenden Dichter-Komponisten Wagner, der sich eben nie (wie Verdi, Puccini oder Richard Strauss) bereichernden Auseinandersetzungen mit Librettisten ausgesetzt sah. Auch der erste - etwas sperrige - Akt und die in epischer Breite angelegte Potpourri-Ouvertüre  leiden etwas unter der schon damals bei Wagner aufscheinenden Geschwätzigkeit. Doch dieser zweite Akt ist eine regelrechte Offenbarung des Genies "Wagner". Was hat er da nicht alles reingepackt: Hochdramatische Kampfes- und Verzweiflungsszenen, Matriarchat das gegen männliche Lethargie kämpft, enttäuschte Liebe, Hoffnung, Verrat. Dazwischen noch spritzige Buffo Würze in den Figuren von  Drolla und Gernot, welche ganz im Stile Mozarts und Rossinis ihr Eifersuchtsduett vortragen. (Jennifer Porto und Milcho Borovinov machen das ganz hervorragend, lassen Pedrillo/Blondchen, Papageno/Papagena gekonnt witzig aufleben.) Und da ist in diesem Mittelakt vor allem die grosse Szene der einen Hauptfigur der Oper, der Fee Ada: In ihr verschmelzen die Oberon-Rezia, die Freischütz-Agathe, die Euryanthe und die Fidelio-Leonore, da klingen schon Tannhäuser-Elisabeth und Brünnhilde an. Ein wahres Feuerwerk an schwierig zu meisternden Schattierungen und Facetten. Christiane Libor als Ada wird den Ansprüchen auf fulminante Art gerecht, klingt hochdramatisch aufwallend und dann wieder zerbrechlich und zart, überstrahlt die grossen Ensemble- und Chorszenen auf wunderbar lichte Art. Auch eine zweite starke Frau steht in diesem Akt den zögerlichen, manchmal feigen Männern gegenüber, Arindals Schwester Lora, welche von Dara Hobbs mit klar und sauber geführtem Sopran gesungen wird, eine ganz starke Leistung! Und wenn wir schon bei den starken Frauen sind: Magdalena Hinterdobler und Jean Brockhuizen als schon beinahe bösartig-hinterhältige und intrigante Feen Zemina und Farzana komplementieren auf umwerfende Art das ausgezeichnet singende und agierende Quintett der Damen. Wagner hat ja aus Gozzis Märchenvorlage nicht sehr viele Elemente des Buffonesken übernommen, sondern sich mehr um die romantische Lethargie des ritterlichen "Künstlers" und deren Überwindung durch die Macht der Kunst (Musik) gekümmert. Doch an der Seite des hervorragend gestaltenden Gernot von Milcho Borovinov (neben dem Duett mit Drolla begeistert er auch mit der "Hexenerzählung" im ersten Akt) begeistern auch der samtene Bariton von Nikolay Borchev als Morald (wunderschön intoniert er auch die Szene als Geist von Arindals Vater) und der Tenor von Guy Mannheim als Gunther in den eher komisch angelegten Rollen. Kammeresänger Roland Schubert lässt mit seiner sonoren Bassfülle und exemplarischer Diktion in der kurzen Szene des Verräters Harald aufhorchen. Von dieser Art der genauen Textgestaltung hätte man sich auch bei der zweiten Hauptfigur der Oper, dem König Arindal, etwas mehr gewünscht. Endrik Wottrich machte zwar seinen störenden s/Zischlaut-Fehler durch manch schön gesetzten, heldisch metallenen Spitzenton immer wieder wett, doch irgendwie fehlte da die letzte Rundung in der - zugegebenermassen - schwierig zu singenden Partie. Seine Stimmfarbe und die zeitweise nonchalante Art der Darstellung wussten allerdings zu gefallen. Doch wie inszeniert man einen solchen vierstündigen "Schinken", dessen Schauplätze zwischen Feenreich, mittelalterlicher Ritterburg und "Orpheus in der Unterwelt" wechseln? Nun, da hat sich das franko/kanadische Inszenierungsteam Renaud Doucet und André Barbe ein überaus wirkungsvolles Konzept ausgedacht: Noch bevor die Ouvertüre einsetzt, hört man aus dem Radio in der bürgerlichen Wohnung eines Leipziger Stadthauses die Ansage, dass gleich die Direktübertragung von Wagners Oper DIE FEEN aus der Oper Leipzig beginnen werde (und tatsächlich hatte der MDR 2013 diese Premiere live übertragen). Der opernbegeisterte Papa setzt sich nun während der Ouvertüre mit CD Booklet aufs Sofa im Wohnzimmer um der Oper zu lauschen, seine (nicht so opernaffine) Familie (zwei Söhne mit ihren - schwangeren - Frauen, die Ehefrau, die ledigen Schwägerinnen in ihren giftgrünen Gummistiefeln, welche später dann zu den tratschenden Feen Zemina und Farzana mutieren) macht sich vom Acker. Der Papa träumt sich durch den Zauber der Musik immer mehr in die Rolle des romantischen Helden Arindal, die klassizistische Fassade hebt sich und die Schauplätze der Oper nehmen die Bühne ein. Dabei werden drei Ebenen deutlich gemacht: die Gegenwart, das Feenreich in der Entstehungszeit der Oper (Biedermeier) und ein comicartiges Mittelalter, wie aus einem Disneyfilm für die Szene auf der Burg Tramond. Endrik Wottrich als Arindal nun geistert als Jetztzeit-Vater und Opernliebhaber im biederen Pullunder und Jeans durch die Fantasy-Traumszenerie. Das alles ist mit augenzwinkerndem Schalk gemacht, irgendwie immer textgetreu und doch mit leicht überzeichnender, ironischer Distanzierung - herrlich, witzig und mit kitschig-bunter Opulenz. Ach wie schön ist es doch, zur Abwechslung mal in einer aktuellen Inszenierung einen Opernabend lang NICHT auf eine klinisch gestylte Sitzlandschaft starren zu müssen! Selbst Richard Wagner trat zur Schlussapotheose noch als Feenkönig (Sejong Chang sang ihn sehr einnehmend!) auf und überreichte dem Musikliebhaber einen Klavierauszug seiner FEEN. Auch die Ehefrau des Musikliebhabers kehrte nun vom Fitnesstraining zurück, setzte sich zum Ehemann aufs Sofa und gemeinsam lauschten sie den letzten Tönen des jubelnden Schlussgesanges der Oper, zu deren Erfolg beim Publikum an diesem Abend der ausgezeichnet singende Chor der Oper Leipzig (Einstudierung: Alessandro Zuppardo) einen gewichtigen Beitrag leistete - ebenso wie Friedemann Layer am Pult des hervorragend spielenden Gewandhausorchesters, das für den erstaunlich reifen, sinfonischen Sog der Partitur des 20jährigen Komponisten sorgte. 

Inhalt:

Die Fee Ada hat sich in einen Sterblichen verliebt, Prinz Arindal. Dies bereitet grosse Sorge im Feenreich, da Ada damit ihre Unsterblichkeit zu verlieren droht, wenn der Prinz die ihm auferlegten Prüfungen nicht besteht. Morald, der Geliebte von Arindals Schwester Lora, und sein Begleiter Gunther stossen bei der Jagd auf Gernot, den Getreuen Arindals. Der berichtet ihnen von der einstigen Begegnung Arindals mit der Fee Ada. In der Gestalt einer weissen Hirschkuh hatte sie Arindal zu einem Wasserschloss gelockt. Ihrer Liebe entsprangen zwei Kinder. Doch Arindal konnte das Versprechen, das er seiner rätselhaften Geliebten gegen hatte, nicht einhalten: Er fragte sie nach ihrem Namen. Arindal wurde aus dem Feenreich vertrieben. Arindal stösst zu der Gruppe und wird von Morald und Gunther verspottet. Sie überreden Arindal in sein Reich zurückzukehren, da sich dieses seit seiner Abwesenheit in einem deplorablen Zustand befände. Arindal trifft Ada noch einmal. Sie bittet ihn, sie nie zu verfluchen, was auch geschehen möge. Falls Arindal dies nicht schafft, droht Ada die Versteinerung.

Arindals Heer hat eine bittere Niederlage zu verdauen, ein einstiger Verehrer Loras ist ins Land eingedrungen. Doch Lora führt die Kämpfer in die nächste Schlacht. Ada erscheint in Begleitung der beiden Feen Farzana und Zemina. Zum Entsetzen aller wirft Ada die beiden Kinder, welche sie mit Arindal gezeugt hatte, in einen feurigen Schlund. Er vergisst seinen Schwur und verflucht Ada. Die Prüfung ist nicht bestanden und Ada muss zurück ins Feenreich. Dort wird sie einer hundert Jahre dauernden Versteinerung anheim fallen. Arindal verliert den Verstand. Selbst als er realisiert, dass seine beiden Kinder gar nicht tot sind und sich die Niederlage in der Schlacht in einen Sieg verwandelt hat.

Der Sieg wird mit einer Hymne gefeiert. Morald und Lora werden als neues Herrscherpaar bejubelt. Farzana und Zemina erscheinen und bitten Arindal, ihnen zu folgen, um Ada von ihrem Schicksal zu erlösen. In einem unterirdischen Reich kämpft Arindal gegen Erdgeister. Vom Zauberer Groma erhält er ein Schild und eine Leier. Mit Hilfe dieser „Zauberwaffen“ besiegt er die Geister und die eisernen Männer. Sein Gesang und das Spiel der Leier wecken die schon beinahe versteinerte Ada.

Der Feenkönig verkündet, dass Ada ihre Unsterblichkeit zurückerhalten werde. Arindal wird in die Feenwelt aufgenommen. Die weltliche Macht und seine Kinder übergibt er Morald und Lora.

Werk:

DIE FEEN war Wagners zweite Oper, aber die erste, welche er vervollständigt hatte. Den Text schrieb er selbst. Als Vorlage diente ihm Gozzis Märchen LA DONNA SERPENTE. All seine Bemühungen, die Oper zur Aufführung zu bringen, scheiterten. So gelangte sie erst fünf Jahre nach seinem Tod zur Uraufführung. Auch heute ist diese frühe Oper Richard Wagners nur noch selten auf den Bühnen anzutreffen. Musikalisch steht sie noch ganz im Geist und unter dem Einfluss der Frühromantiker Carl Maria von Weber und Heinrich Marschner. Allerdings neigte der junge Wagner in seinem Libretto auch hier schon zur ausschweifenden Geschwätzigkeit (Aufführungsdauer: knapp vier Stunden). Er lädt die Handlung symbolhaft und mit eigenen (verschrobenen) Vorstellungen vom Wesen der Frau auf. Inhaltlich erscheint diese Oper als ein Konglomerat aus ORPHEUS UND EURYDIKE, SOMMERNACHTSTRAUM, etwas Schauerromantik, angereichert mit Versatzstücken aus der ZAUBERFLÖTE und einem Vorgeschmack auf LOHENGRIN. Wagner schenkte die Originalpartitur 1865 seinem Gönner König Ludwig II. 1939 gelangte sie an Adolf Hitler, anlässlich des 50. Geburtstags des Diktators. Seither ist diese Originalpartitur verschollen.

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