Las Palmas: EL HOLANDÉS ERRANTE, 23.07.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Der fliegende Holländer

Romantische Oper in drei Aufzügen | Musik: Richard Wagner | Text: vom Komponisten | Uraufführung: 2. Januar 1843 in Dresden | Aufführungen in Las Palmas de Gran Canaria: 17. , 20. und 23. Juli 2010

Kritik:

Auf über 50 Seiten breitet Regisseur Miguel Ángel Coque im ansonsten äusserst informativen Programmheft seine Konzeption für seine erste Regiearbeit aus. Da wird jede Szene detailliert analysiert, jede Farbgebung erklärt: Blau steht für Träume, Rot für Leidenschaft, Violett für Schmerz und Rosa für die Liebe - soweit so gut, doch die Bedeutung der ständigen Lichtwechsel hätten wir auch ohne ausschweifende Erklärungen mitbekommen. Viel erfreulicher wäre es gewesen, wenn die genauen Analysen auch szenisch umgesetzt worden wären. Doch von Personenregie war leider überhaupt nichts zu sehen. Wie angewurzelt standen die SängerInnen an der Rampe, ihre Beziehungen und Verflechtungen wurden kaum sichtbar gemacht, von einer Interpretation, einer persönlichen Sicht auf das Werk oder einer psychologisch fundierten Durchdringung der Figuren ganz zu schweigen. Ein riesiger Ikosaeder beherrschte den Bühnenhintergrund, im ersten und dritten Akt als Sextant und Projektionsobjekt des Holländerschiffs dienend, im zweiten Akt wohl eine Art Spindel für die häuslichen Arbeiten der Frauen. Zum Schluss dient er dann als Erlösungsarche, welche den Holländer und Senta in einer unübertrefflich kitschigen Apotheose zum Erlösungsmotiv zum Himmel steigen lässt ... Begleitet wurde die gesamte Inszenierung von Trockeneisschwaden in Hülle und Fülle! Diese Produktion soll angeblich 400´000 Euro gekostet haben, viel Geld für drei Vorstellungen, wobei die von mir besuchte kaum zur Hälfte von zahlenden Besuchern gefüllt war.

Zur musikalischen Seite:

Der Chef des Orquesta Filarmónica de Gran Canaria, Pedro Halffter (aus der bekannten spanisch-mexikanischen Musikerdynastie der Hallffters: Cristobal, Ernesto,Rodolfo), bevorzugte zügige Tempi, vermochte die Motive wunderbar herauszuarbeiten und präsentierte eine hochkonzentrierte, differenzierte und stringente Lesart der Partitur. Sein Orchester folgte seinen Intentionen aufmerksam, zeigte allerdings gegen Ende der pausenlosen Aufführung doch einige Ermüdungserscheinungen.

Gesungen wurde vor allem laut. Besonders Alfons Eberz als Erik kannte nur das fortissimo, das war weniger der verzweifelt Liebende, eher ein Samson, der die Mauern des altehrwürdigen Teatros Perez Galdos zum Einsturz bringen wollte. Sicher, die Töne waren alle da, doch ob er mit seinem Dauerforte seiner Stimme, der Rolle und den Zuhörern Gutes tut, sei mit einem kleinen Fragezeichen versehen. Johann Tilli gab einen gutmütigen Daland, ein liebenswerter Papabär, Abgründe seines doch zweifelhaften Verhaltens wurden nicht deutlich, dazu fehlte seiner Stimme auch die Profundität. Eine Luxusbesetzung leistete man sich mit dem Belcanto-Tenor Vicente Ombuena als Steuermann. Er sang sein Lied wunderbar phrasiert, seine konspirative kumpelhafte Männerfreundschaft mit Daland hätte von der Regie durchaus noch ausgebaut werden können. Barbara Bornemann gab eine vorzügliche Mary, hatte aber vor allem gegen ihr unmögliches Kostüm zu kämpfen - eine Art norwegische Nonnentracht.

Bleiben die beiden Protagonisten - der Holländer und Senta. John Lundgren war in der Rolle des ruhelosen Weltumseglers schon beinahe zu sympathisch, das Dunkle, Abgründige der Figur kam nicht über die Rampe. Nach einem intonatorisch nicht ganz lupenreinen Monolog steigerte er sich aber im Duett und im Schlussakt ganz gewaltig und vermochte (wie alle) durch beispielhafte Diktion zu überzeugen. Und dann kam Senta mit einer Stimme, die herrlicher, strahlender, reiner, das Herz erfüllender kaum vorstellbar ist: Ricarda Merbeths Sopran zog alle in ihren Bann, trotz der hässlichen Aufmachung durch den Kostümbildner Pedro Moreno, welcher das junge Mädchen wie eine altjüngferliche Tante aussehen liess. Doch die Leuchtkraft und die grenzenlose Sicherheit ihres Gesangs liessen sogar diese hässliche Aufmachung und die vom Regisseur verordnete Statik des Spiels vergessen.

Der Chor der Oper Las Palmas wurde verstärkt durch Mitglieder des Chors der Staatsoper Prag: Auch hier dominierte die Lautstärke zu Lasten der Differenzierung, doch immerhin wurde weitest gehend präzise intoniert und rhythmisch präzise gesungen. Von Bewegungsregie war allerdings nicht viel zu sehen, banaler geht es kaum.

Fazit:

Zu laut, zu statisch, zu banal - doch mit einer Senta, die vom Himmel kam: Ricarda Merbeth!

Inhalt:
Während eines Sturms geht Dalands Schiff in einer Bucht vor Anker. Die Mannschaft und der wachhabende Matrose schlafen ein, gespenstisch naht sich ein zweites Schiff. Es ist das Schiff des Holländers, der wegen einer Gotteslästerung zu einem ewigen Leben auf See verdammt ist. Nur ein treu ergebenes Weib kann ihm Erlösung bringen. Alle sieben Jahre darf er an Land gehen und sich dieses Weib zu erringen suchen.


Daland ist beeindruckt von den Schätzen auf des Holländers Schiff und bietet dem Mann seine Tochter Senta zur Gemahlin an.


Diese ist ganz närrisch nach dem Holländer, welchen sie nur von einem Bild und der Sage kennt. Immer wieder ergeht sie sich in Tagträumen über das Schicksal dieses Mannes.


Senta wird aber vorerst vom jungen Jäger Erik umworben, der besorgt die Träumereien seiner Liebsten wahrnimmt. Doch Senta fühlt sich berufen, den „armen Mann“ zu erlösen. Unmutig verlässt Erik das Mädchen, als Sentas Vater mit dem Holländer das Zimmer betritt. Senta weiß nun, dass es ihr bestimmt ist, das Erlösungswerk zu vollbringen. Zwischen ihr und dem Holländer entsteht eine innige Verbundenheit. (Wunderbares Duett!)


Die norwegischen Matrosen bereiten das Fest vor und versuchen auch die Mannschaft des Holländer-Schiffes einzuladen, doch aus dem Schiff schallt ihnen nur beängstigendes, geisterhaftes Dröhnen entgegen, so dass sie entsetzt und verängstigt fliehen. Erik erinnert Senta noch an seine Liebe zu ihr, vergeblich.
Der eintretende Holländer hat das Gespräch belauscht und ist sich sicher, dass auch Senta ihm nicht die erhoffte Treue gewähren können wird. Um sie vor der Verdammnis zu bewahren, erzählt er ihr von seinem Fluch (Erfahre das Geschick, vor dem ich Dich bewahr). Er eilt zu seinem Schiff, um auf ewig unerlöst zu bleiben. Doch Senta setzt ihm nach, verkündet nochmals laut, ihm treu […] bis zum Tod zu sein, und stürzt sich von der Klippe ins Meer. Augenblicklich versinkt das Schiff des Holländers in den Fluten. Der Fliegende Holländer ist erlöst.

Werk:
Zum ersten Mal taucht im FLIEGENDEN HOLLÄNDER Wagners Frauenbild auf: Durch bedingungslose Hingabe und Selbstaufopferung dient das Weib der Erlösung fremder Schuld und dem Heil des Mannes. Sentas Ausbruch aus dem Mief des Kleinbürgertums wirkt zwar revolutionär, doch ihre Entscheidung führt nicht zur Freiheit der Liebe, sondern zur Selbstpreisgabe. Der Rolle des Holländers hingegen enthält die Weltschmerzthematik sowie den Keim des deutschen Irrwegs, der auf Erlösung und Untergang im globalen Vernichtungsrausch und auf Kadavergehorsam abzielt.


Seit Siegfried Wagner 1901 den Holländer in Bayreuth pausenlos spielen liess, hat sich diese Version auf den Bühnen durchgesetzt, sie wird dem balladesken Charakter des Werks gerecht. Sentas Ballade steht denn auch im Zentrum, die Erzählung vom fliegenden Holländer wandelt sich nach den ersten beiden Strophen zur Ich-Form, die junge Frau kommt zur vermeintlichen Selbstfindung.
Zwar hört man in Wagners Werk noch Anklänge an Weber und Marschner, an die deutsche Schauerromantik, auch die Nummernoper ist noch nicht komplett aufgebrochen. Doch dominieren neben volkstonhaften Einsprengseln (Lied des Steuermanns, Chöre der Spinnerinnen und der Matrosen) grossartige, durchkomponierte Szenen. So der Auftritt des Holländers und vor allem das mit 422 Takten jeglichen konventionellen Rahmen sprengende Duett Senta-Holländer.


Bereits in der Ouvertüre wird der Charakter des Stückes offenbar: Das Motiv des Holländers mit seinem Quart-Quint Aufstieg, die Sturmakkorde und die bedrohlichen Wellen des Meeres, das Erlösungsmotiv und die Melodien der Matrosen bewirken eine packende, gefährliche Sogwirkung.

Musikalische Höhepunkte:
Ouvertüre
Die Frist ist um, Monolog des Holländers, Aufzug I
Johohoe! Traft ihr das Schiff…, Ballade der Senta, Aufzug II
Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten, Duett Senta-Holländer, Aufzug II
Steuermann, lass die Wacht!, Matrosenchor, Aufzug III
Erfahre das Geschick, Finale Aufzug III