Hamburg: LESSONS IN LOVE AND VIOLENCE, 18.04.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Lessons in Love and Violence

Oper in zwei Teilen | Musik: George Benjamin | Libretto: Martin Crimp, nach Christopher Marlowes EDWARD II | Uraufführung: 10. Mai 2018 in London | Aufführungen in Hamburg: 7.4. (Deutsche Erstaufführung) | 10.4. | 13.4. | 18.4. 2019 (Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden, De Nederlandse Opera Amsterdam, Opéra de Lyon, Lyric Opera of Chicago, Gran Teatre del Liceu Barcelona und dem Teatro Real Madrid)

Kritik:

Musikalisch sind es vor allem die orchestralen Interludes zwischen den sieben Szenen der Oper LESSONS IN LOVE AN VIOLENCE, welche in Erinnerung bleiben werden. In diesen Zwischenspielen erreicht der Komponist George Benjamin ein gewaltige atmosphärische Dichte, einen regelrechten Sog, mal mit aufrüttelnden Klangballungen, dann wieder mit subtil austarierter, kammermusikalischer Transparenz. Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg machen diese Passagen zu einem eindringlichen Erlebnis, davon würde man gerne eine Orchestersuite hören – für einmal zeitgenössische Musik, die schon beim ersten Zuhören fesselt. Leider setzt sich dies in der Behandlung der Stimmen nicht fort. Benjamin komponiert in einem gepflegten, aber leider etwas leidenschaftslosen Deklamationsstil, irgendwo zwischen Debussy und Britten angelegt, ohne deren dramatische oder poetische Kraft und Eindringlichkeit zu erreichen. Und so schleppt sich der Abend an manchen Stellen etwas dahin (was zum Teil bestimmt auch am etwas kopflastigen Libretto von Martin Crimp liegt), obwohl das Stück lediglich 90 Minuten dauert. Das ist beileibe nicht die Schuld der Sänger*innen, denn die Stimmen dieser Besetzung in Hamburg sind ausgesprochen schön, ebenmäßig, blitzsauber. Nur für den Part der Isabel hat Benjamin Phrasen und Kantilenen von aufhorchen lassender Intensität gefunden – und mit Georgia Jarman steht in Hamburg eine Interpretin zur Verfügung von stupender vokaler (und darstellerischer) Gestaltungskraft. Mein Gott, ist das eine traumhaft schöne Stimme, die trotz allen Glühens wunderbar klar und kontrolliert leuchtet, virtuos strahlt und damit auch berührt. Exzellent auch das eigentliche Liebespaar der Oper, der King und sein Geliebter Gaveston, der in der 6. Szene als Fremder wiederkehrt und dem gefangenen König aus der Hand liest. Benjamin hat dieses gleichgeschlechtliche Paar mit zwei Baritonen besetzt. Evan Hughes als King und Gyula Orendt als Gaveston singen beide mit wunderbar weichen, warmen Stimmen – und setzen sich doch im klanglichen Ausdruck voneinander ab. Der kunstbesessene, die Notlage des Volkes völlig ignorierende König von Evan Hughes klingt sanfter, entrückter, der Gaveston von Gyula Orendt selbstbewusster, fordernder. Schade, dass die Musik hier nicht mehr Leidenschaft ins Spiel bringt. Selbst die Bettszene klingt unterkühlt. Da drängt sich zugegebenermaßen der Vergleich mit Andrea Lorenzo Scartazzinis vor zwei Jahren in Berlin uraufgeführter Oper EDWARD II auf. Und was  Leidenschaft und Erotik in Szene und Musik anbelangt, hat mich persönlich Scartazzinis Oper weit mehr bewegt. Vielleicht liegt es auch an der allzu behutsam distanzierten Inszenierung von Katie Mitchell, welche verantwortlich zeichnet für diese Koproduktion von sieben großen Opernhäusern. Es dominieren einmal mehr schwarze Anzüge und Kostüme im Business-Look (entworfen von Vicki Mortimer), welche eine unnahbare Kälte und Distanz verbreiten. Faszinierend jedoch ist der Bühnenraum, der ebenfalls von Vicki Mortimer stammt: Von Szene zu Szene ändert sich der Blickwinkel auf dieses Apartment, mit seiner blau-kalten Holztäfelung, die Wände scheinen zu wandern. Das ist überwältigend gut gemacht. Am Ende ist dann auch das Aquarium ausgetrocknet, sind die Kunstschätze aus der Vitrine verschwunden. Die Kinder Edwards, welche die ganze Zeit über Zeugen des Spiels um Liebe und Macht waren (selbst die Bettszene King-Gaveston haben sie mitangesehen) haben die Lessons of Love and Violence gelernt und richten Mortimer (mit klarem hellen Tenor: Peter Hoare) vor den Augen Isabels hin. Von den beiden Kindern hat nur der Junge und spätere König zu singen. Samuel Boden macht das mit lichtem hohem Tenor, eine engelsgleiche Stimme, die eine Unschuld verströmt und mit Eiseskälte von der brutalen Folter und der Erschießung Mortimers durch das Mädchen (mit stummer Präsenz: Ocean Barrington-Cook) berichtet. Hervorragend besetzt sind auch die kleinen Partien der Zeugen: Hannah Sawle und Emilie Renard als Witness 1 und 2 und Andri Björn Róbertsson als Witness 3 und Madman.

Die Darstellerinnen und Darsteller wurden am Ende vom Publikum stürmisch gefeiert, ebenso Kent Nagano und das Orchester. Es war dies bereits die vierte und letzte Vorstellung dieser Deutschen Erstaufführung.

Inhalt:

Die Handlung dreht sich um den König Edward den II. (in der Oper nicht namentlich genannt), der seinen Günstling Gaveston liebt, sich treiben lässt und dabei die Staatsgeschäft vernachlässigt, was seinem Konkurrenten (und Liebhaber von Ewards Gemahlin Isabel), dem Armeeführer Mortimer, in die Hände spielt. Dieser lässt nämlich Gaveston hinrichten und zwingt König Edward zur Abdankung, damit er dessen Sohn, Edward III. als seine Marionette auf den Thron setzen kann. Der König stirbt. Seine Kinder wurden Zeugen dieser Intrigen und haben die „Lektionen“ um Macht, Liebe und Gewalt gelernt. Der Knabe Edward III. lässt Mortimer vor den Augen seiner Mutter ermorden.

Werk:

GEORGE BENJAMIN wurde 1960 in Grossbritannien geboren. Er war ein Schüler von Olivier Messiaen. Grossen Erfolg feierte er mit seiner Oper WRITTEN ON SKIN, (2012) ebenfalls mit dem Text von Martin Crimp, ist eine Parabel über die Grenzen der Macht und kreist so um eine ähnliche Thematik wie sein neustes Werk für das Musiktheater, LESSONS IN LOVE AND VIOLENCE. Benjamins musikalische Sprache erinnert in ihrem lyrischen Grundton und dem Konversationsstil manchmal leicht an Debussys PÉLLEAS ET MÉLISANDE oder an die Musikdramen Brittens.

Historischer Hintergrund:

Edward II. lebte von 1284 bis 1327. Vielleicht wäre er eine unbedeutende Fussnote der Geschichte geblieben, hätte er nicht durch die besondere Art seiner Günstlingswirtschaft je nach Standpunkt Interesse, Anteilnahme oder Abscheu erregt. Erziehung durch seine Eltern hat er wenig genossen, seine Mutter starb, als Edward sechs Jahre alt war, sein Vater, König Edward I., weilte oft auf Kriegszügen im Ausland und kümmerte sich nicht um seinen Sohn. Schon früh wurde Edward allerdings zum ersten Prinzen von Wales ernannt, sein Vater übertrug ihm die Regentschaft während seiner Abwesenheiten. Als Edward I. 1307 starb, stieg der Prinz of Wales als Edward II. auf den englischen Thron. Aus politischen Gründen war bereits 1299 eine Heirat mit Isabelle de France, der Tochter Philipps IV. vereinbart worden, welche dann 1308 vollzogen wurde. Eine der ersten Amtshandlungen Edwards II. war, seinen Vertrauten Piers de Gaveston aus dem Exil zurückzuholen, in welches ihn Edward I. (dem die enge Verbindung Gavestons und seines Sohnes nicht behagt hatte) geschickt hatte. Edward II. überhäufte seinen Schützling Gaveston mit Ämtern und Einfluss. Das war den Magnaten im Reich ein Dorn im Auge, zumal Gaveston sehr selbstherrlich, überheblich und machtgierig agierte. Der Zwist zwischen Adel (welcher dem König eigentlich zu Gehorsam verpflichtet war) und den Kreisen um Edward II. und Gaveston brach offen aus. Schliesslich geriet Edward dermassen unter Druck, dass er der erneuten Verbannung Gavestons zustimmen musste. Doch Edward hielt sich nicht an die Vereinbarung, holte Gaveston zurück. Dies brachte den Bischof von Coventry auf die Palme, welcher nun den Adel dazu überredete, Gaveston gefangen zu nehmen. (Gerüchte um eine sexuelle Beziehung zwischen dem König und Gaveston machten nun offen die Runde.) Gaveston wurde schliesslich gestellt und auf Betreiben des Erzbischofs und des Earls of Lancaster hingerichtet. Zudem wurde der Earl of Lancaster Vorsitzender des königlichen Rats. In der Folge arrangierte sich Edward mit dem Adel, vergab ihnen gar die Ermordung seines Geliebten Gaveston– scheinbar. Denn Edward holte sich schon bald weitere Günstlinge und Einflüsterer an seinen Hof, vor allem die Despensers, Vater und Sohn. Hugh le Despenser (Spencer) der Jüngere, übte eine ganz besondere Anziehungskraft auf den König aus und schaffte sich durch Anhäufung von Ländereien Einfluss und Macht. Es kam zu den „Despenser Wars“, einem Angriff des alten Adels auf die Despensers. Schliesslich musste der König erneut der Abschiebung ins Exil eines Günstlings und vermutlichen Liebhabers zustimmen. Doch auch diesmal hielt er sich nicht an die Vereinbarung und holte Hugh le Despenser schon bald wieder zurück. Dies führte zum Bürgerkrieg, den Edwards Truppen gewannen, Lancaster gefangen nahmen und hinrichteten. Edward und die Despensers herrschten nun beinahe absolutistisch und tyrannisch, die Adelsopposition fiel in sich zusammen. Doch nach einem Konflikt mit Frankreich schickte Edward seine Gattin Isabelle dahin, um einen Frieden auszuhandeln. Gleichzeitig entkam Roger Mortimer (einer der aufständischen Adligen) aus dem Tower und gesellte sich zu Isabelle (mit der er ein Verhältnis hatte). Der Sohn Edwards, der spätere König Edward III., befand sich ebenfalls in Frankreich und weigerte sich, zu seinem Vater zurückzukehren. Mortimer und Isabelle scharten Truppen um sich und beauftragten Henry von Lancaster, den Bruder des hingerichteten Thomas von Lancaster, Edward II. und seinen Günstling Hugh le Despenser zu verhaften. Despenser wurde hingerichtet, Edward auf Berkeley Castle inhaftiert und zur Abdankung gezwungen, u.a. wegen Unfähigkeit, Habgier, Grausamkeit und „unwürdigen Tätigkeiten“, was eine klare Anspielung auf seine Sexualität darstellte. Am 21. September 1327 wurde berichtet, Edward II. sei gestorben. Es wird kolportiert, man habe ihm eine glühende Eisenstange durch ein abgesägtes Kuhhorn in den After gestossen, um so erstens auf grausame Weise seine Homosexualität zu verspotten und um zweitens äusserliche Gewaltanwendung zu vertuschen.

Der Sohn Edwards II., Edward III., regierte übrigens 50 Jahre lang (beinahe so lange wie Victoria oder Elisabeth II.) und machte aus England eine bestens organisierte militärische und politische Macht. Nach Edward III. kam dessen Enkel Richard II. auf den Thron, doch nach der Ermordung Richards II. brachen die Rosenkriege aus, welche erst 100 Jahre später mit dem ersten Tudor auf dem Thron zu Ende gingen. Der Dominikanerorden und Richard II. hatten beim Papst gar noch eine Heiligsprechung von Edward II. angeregt, die jedoch nie vollzogen wurde.

1592 schrieb der Dichter Christopher Marlowe das Drama EDWARD II., in welchem er für die damalige Zeit ungewöhnlich deutlich die homosexuelle Komponente des Verhältnisses Edwards zu Gaveston und Despenser herausstrich. Bertolt Brecht bearbeitete das Stück 1923 und der Filmemacher Derek Jarman verfilmte es in einer eigenwilligen, schwül-morbiden Adaption 1991 und förderte damit den Status Edwards II. als Ikone der Schwulenbewegung.

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