Freiburg: MEFISTOFELE, 16.01.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Mefistofele

Oper in vier Akten, mit Prolog und Epilog | Musik: Arrigo Boito | Libretto: vom Komponisten, nach Goethes Faust I und II | Uraufführung: 5. März 1868 (1. Fassung) in Mailand, 4. Oktober 1875 (revidierte Fassung) in Bologna | Aufführungen in Freiburg: 16.1. | 23.1. | 29.1. | 12.2. | 21.2. | 17.3. | 24.3. | 24.4. | 13.5. | 27.5. | 2.6. | 11.6.2016

Kritik: Zu Recht begeisterter Applaus des Premierenpublikums für diesen szenisch und musikalisch fantastischen, leicht augenzwinkernden Trip zurück in die verlorene Jugend.  Großartige Sängerdarsteller, ein fulminant singender Chor und das farbenreich und packend spielende Philharmonische Orchester Freiburg unter Fabrice Bollon werden Boitos MEFISTOFELE teuflisch gut gerecht.

Ach, wie ekelt ihn doch der holde Sang der in biederen Alltagskleidern den Herrn lobpreisenden "himmlischen Heerscharen", wie ödet ihn das peinliche Schülertheater der Cherubine an. Gelangweilt fläzt sich der smarte Rocker Mefistofele auf der abgewetzten braunen Ledercouch, schlägt einige perfekt zur Musik Boitos abgestimmte Akkorde auf seinem E-Bass an, beisst in den Apfel der Versuchung, lässt sich von seiner platinblonden, mit Hotpants bekleideten Muse - die sich später in eine Art KISS-Groupie verwandelt und auch als Marta und Pantalis auftritt - dazu inspirieren, Gott mit einer Wette herauszufordern. Dazu bedient er sich des Nerds und Wissenschaftlers Faust, der eh schon "à la recherche du temps perdu" ist und sich bereitwillig von Mefistofele auf einen psychedelischen Trip zurück in die wilden Disco-Nächte der frühen 70er mitnehmen lässt, so à la "Lucy in the Sky with Diamonds" (obwohl John Lennon ja immer bestritten hatte, dass sein Song etwas mit LSD Trips zu tun habe). Und wer weiss schon genau, welche bewusstseinserweiternden Substanzen in dem Rauch im Plexiglaskasten versteckt waren, der bestimmt nicht nur harmlose Wölkchen am Himmel symbolisieren wollte. Ludger Engels (verantwortlich für die eindringliche, kurzweilige und genaue Personenführung) und Ric Schachtebeck (Gestaltung der funktionalen Bühne und der ungemein stimmigen und nostalgische Gefühle weckenden Kostüme – ach, wie unwiderstehlich sexy fühlten wir uns doch in den Netzshirts!) haben Boitos komprimierte Fassung des gigantischen Faust Stoffes (der Tragödie erster UND zweiter Teil) mit leicht augenzwinkernder Ironie auf die Bühne des Theaters Freiburg gehievt, sehr genau auf die Musik und den Text (und den Subtext) gehört. Hier nur einige Beispiele: Am Ostermorgen vergnügt sich das Volk in einer witzigen Choreografie mit blassrosa Luftballonen (warum bloss habe ich diese ständig mit aufgeblasenen Kondomen assoziiert? ... ), der biedere, mit einem zwanghaften Ordnungsfimmel behaftete Teetrinker Wagner wandelt sich in der klassischen Walpurgisnacht zum liebestollen Nereus, steht endlich zu seinen Gefühlen und setzt sich auf Fausts Schoss, die Geschlechtertrennung im die ideale Liebe preisenden Arkadien ist vollständig aufgehoben, alle tragen die selbe platinblonde Bubikopf-Perücke von Mefistofeles Muse (ausser den beiden Rockgören Elena und Pantalis), das Häuschen der Margherita ist wahrlich klein und bieder (Kaffee und Schwarzwälder Torte, wir sind ja in Freiburg!), selbst das berühmte Zitat von "des Pudels Kern" ist humorvoll umgesetzt - Mefistofele trägt im ersten Akt einen Hoodie mit Pudel auf dem Rücken. Klasse! Der Hexensabbat auf dem Brocken gerät zur "Glitter and be gay"- Disconight, das dunkle, nüchterne Tribünenelement wird zur Showtreppe, die Discokugel verströmt, wie schon zu Beginn der Aufführung, wandernde Leuchtpunkte gleich den Sternen des Universums in den Saal. Dass ein Trip auch gefährliche Abstürze zur Folge haben kann, ist allgemein bekannt. Auch Faust muss das erkennen: Im dritten Akt ist das Häuschen Margheritas zu einem Drecksloch verkommen, die blumigen Klebekacheln sind nun unverputzten Wänden gewichen, der Kühlschrank strotzt vor Schmutz, die Pizza ist vergammelt, die Torte schimmlig geworden. Im Epilog dann sitzt Faust wieder an seinem mit Büchern überladenen Tisch, den Laptop klappt er entnervt zu, die Bibel wirft er zu Boden, greift zur Gin-Flasche, lässt verträumt einen Spielzeug-Kreisel drehen. Vielleicht wird er nach all den bewusstseinserweiternden Erfahrungen mit oder ohne Mefistofeles Hilfe nun doch endlich zu leben beginnen.

Das Theater Freiburg konnte eine starke Besetzung für dieses leider nicht allzu häufig gespielte Werk des jungen Komponisten Boito aufbieten: Mit dem stimmgewaltigen, resonanzreich und ausdrucksstark singenden und mit herrlicher Nonchalence agierenden Bassisten Jin Seok Lee stand ein beeindruckender Interpret des Mefistofele auf der Bühne, von dem man sich gerne verführen liess. Martin Muehle sang den Faust mit klangvollem, hell und durchschlagkräftig klingendem Tenor, meisterte bruchlos die nicht unproblematische Tessitura und agierte mit leicht distanzierter, zum Schmunzeln anregender, Ironie. Wunderschön emphatisch sein Duett mit Elena im vierten, gefühlvoll und berührend intoniert das Duett (Lontano, lontano) mit Margherita im dritten Akt. Diese beiden Frauengestalten wurden von Sandra Janušaité mit grosser, schon fast hochdramatischer Stimme gesungen, mit deutlichem Registerbruch zwischen der mittleren und der tiefen Lage, dabei aber von einer Gänsehaut erregenden, packenden Intensität. Kein sanftes, verschüchtertes Gretchen also, sondern zuerst eine etwas prollig-ordinäre junge Frau, dann eine um Hilfe schreiende, gefangene Raubkatze und eine selbstbestimmt agierende, von herber Erotik geprägte Elena. Silvia Regazzo sang mit ihrem wunderschön satt timbrierten Alt eine ausgezeichnete Marta und verschmolz diese schöne Stimme herrlich als Pantalis mit derjenigen von Elena in der hellenischen Walpurgisnacht. Ihre Bühnenpräsenz den ganzen Abend hindurch war ganz grosses Theater. Christoph Waltle ergänzte als Wagner und Nereo das Solistenquintett hervorragend. Begeisternd auch die akrobatischen Einlagen der Artisten Julien Bazerque-Voogden, Dagny Borsdorf, Jan Dages, Max Föhrenbach, Mifiam Kustermann und Edith Oppold.

Die Sängerinnen und Sänger des Opern- & Extrachors des Theaters Freiburg, die Studierenden der Hochschule für Musik (Einstudierung: Bernhard Moncado) und vor allem auch der Kinder- und Jugendchor (Einstudierung: Thomas Schmieger) bewältigten ihre anspruchsvollen Aufgaben mit beachtlicher Klangqualität und (wenn gefordert) ätherischer Schönheit des Gesangs. Fabrice Bollon am Pult des farbenreich und mit grosser Prägnanz die rhythmischen Klippen der Partitur meisternden Philharmonischen Orchesters Freiburg sorgte für atmosphärisch dichte Sogwirkungen aus dem Graben - mehr als einmal war man versucht auszurufen „Arrestati, sei bello!“ - und schenkte dem Publikum eine Musik mit Suchtpotential (womit wir wieder bei bewusstseinserweiternden Substanzen wären ...).

Inhalt:

Prolog im Himmel: Mefistofele grüsst Gott mit Spott (Ave, Signor) und beklagt die Entwicklungen der Schöpfung, die Verdorbenheit der Menschen, die seiner Verführungskünste nicht mehr bedarf. Ein Geisterchor fragt: Kennst du den Faust? Natürlich kennt Mefistofele ihn, den Toren, der stets nach Erkenntnis sucht. Er geht mit Gott die Wette ein, dass es ihm gelingen werde, Faust zu verführen. Das wäre dann sein Sieg über den König des Himmels. Als Cherubine und Büsser auf der Erde Lobpreisungen Gottes und Marias anstimmen, wendet sich Mefistofele angewidert ab.

  1. Akt: Ostersonntag in Frankfurt. Faust und sein Schüler Wagner treten auf. Faust nimmt einen unheimlichen grauen Mönch wahr, der sich in der Nähe herumtreibt. Zurück in seiner Studierstube muss Faust feststellen, dass sich der Mönch auch bei ihm befindet. Er stellt sich als der Geist vor, der stets verneint (Arie Mefistofele: Son lo spirito que nega), die Kraft, die ewig Böses will und Gutes schafft. Er bietet Faust einen diabolischen Pakt an: Auf der Erde wird Faust ihm dienen, im Jenseits soll es umgekehrt sein. Faust willigt unter der Prämisse ein, dass ihm ein Augenblick des Glückes vergönnt sei, von dem er sagen werde: Augenblick verweile doch, du bist so schön!

  2. Akt: Faust unter dem Namen Heinrich macht Margarete den Hof, Mefistofele schäkert mit der Nachbarin Marthe. Margarete fragt Faust nach der Religion. Faust erwidert, es gäbe Grösseres als Religion, das Geheimnis der Liebe. Er will Margarete in dieses Geheimnis einführen, doch sie teilt die Kammer mit ihrer Mutter. Faust gibt ihr einen von Mefistofele gelieferten Schlaftrunk für die Mutter mit. Es folgt nun die Walpurgisnacht auf dem Brocken: Faust erlebt mit, wie Hexen und Zauberer ihrem König Mefistofele huldigen. (Ecco il mondo, Arie des Mefistofele.) In einer Vision sieht Faust Margarete in Ketten.

  3. Akt: Margarete landete tatsächlich im Gefängnis, sie wird des Mutter- und Kindsmordes angeklagt. Fausts Schlaftropfen erwiesen sich als fatal, das uneheliche Kind, welches sie von Faust empfangen hatte, ertränkte sie im Fluss. (Arie Margarete: L' altra notte in fondo al mare) Faust betritt die Zelle und versucht Margarete zur gemeinsamen Flucht zu überreden. Mefistofele drängt zur Eile, da der Henker naht. Margarete wendet sich angeekelt von Faust ab und bittet Gott um Vergebung. Während Faust und Mefistofele davon eilen, verkündet ein Himmelschor, dass Margaretes Seele gerettet sei.

  4. Akt: Die klassische Walpurgisnacht, das antike Griechenland: Helena und Peneus besingen den Vollmond, Faust schmachtet am Ufer nach Helena. Sie erlebt in einer Vision nochmals die Zerstörung Trojas. Faust gesteht Helena seine Liebe. Beide besingen ihr Glück im friedlichen Arkadien.

Epilog: Faust ist wieder der alte Mann im Studierzimmer. Mefistofele ist enttäuscht darüber, dass Faust die entscheidenden Worte nicht gesagt hat. Faust sucht Trost in der Bibel, beachtet die verführerischen Sirenen, die Mefistofele erscheinen lässt, nicht. Im Gegenteil, Faust betet, vom Bösen befreit zu werden. In einer Vision lauscht er den Gesängen der himmlischen Heerscharen. Und dann spricht er sie, die Worte: Verweile doch, du bist so schön! und stirbt. Mefistofele versinkt im Boden unter den anschwellenden Hymnen zur Ehre Gottes.


Werk: Arrigo Boito (1845 – 1918) war ein vielfältig gebildeter Mann, studierter Musiker und Schriftsteller. Grosse Bekanntheit erreichte er als Librettist von Verdis letzten Opern OTELLO und FALSTAFF und von Ponchiellis LA GIOCONDA, als Übersetzer von Wagner Opern, Verfasser von Gedichten und scharfzüngigen Schriften. Seine einzig vollendete eigene Oper blieb MEFISTOFELE, welche in der Urfassung noch über fünf Stunden gedauert hatte, beim Publikum durchfiel und erst sieben Jahre später in der Neufassung einen grossen Erfolg erzielte. Zeitlebens war er ein Anhänger des Dualismus, der Auseinandersetzung von Licht und Schatten, Gut und Böse, Romantizismus und harscher, realistischer Selbstkritik. Seine zweite Oper, NERONE, blieb unvollendet. Mit MEFISTOFELE ist ihm jedoch eine grandiose Oper gelungen, nur schon der Prolog ist ein gigantisches Klangerlebnis, dessen Faszination man sich nicht entziehen kann. Die Titelrolle gehört zu den dankbarsten grossen Partien für einen dramatischen Bass, die Arie der Margarete und ihr Duett mit Faust im Kerkerbild stellen weitere Höhepunkte der Partitur dar, auch die beiden Arien des Faust (Dai campi al prati und Giunto sul passo estremo) sind immer mal wieder auf Rezitals bedeutender Tenöre zu finden.

Karten