Freiburg: ARIADNE AUF NAXOS, 02.03.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Ariadne auf Naxos

Oper in einem Aufzug nebst Vorspiel (2.Fassung) | Musik: Richard Strauss | Libretto : Hugo von Hofmannsthal | Uraufführung: 04. Oktober 1916 in Wien | Aufführungen in Freiburg: 2.3. | 22.3.2013

Kritik:

Die grassierende Grippewelle macht auch vor dem Ensemble eines Theaters nicht Halt: Das Theater Freiburg musste für die Vorstellung von ARIADNE AUF NAXOS gleich drei Hauptpartien umbesetzen, die Titelpartie, den Komponisten und die Zerbinetta. Dass mit den Verpflichtungen von Kirsten Blanck, Gundula Schneider und Nili Riemer ganz wunderbare Sängerinnen gefunden werden konnten, spricht für das Besetzungsbüro oder das Glück des Tüchtigen. Deshalb kann man von einer wirklich gelungenen, stimmigen Vorstellung berichten – einer Vorstellung, die allerdings sehr schlecht besucht war. Das Werk, welches unter eingefleischten Strauss-Fans hohes Ansehen geniesst, im Vorspiel mit herrlichem, amüsantem Konversationston und leidenschaftlichen Kantilenen aus dem Mund des Komponisten und in der Oper mit melancholisch eingefärbten und soghaft aufblühenden Arien der Ariadne und einer wunderschönen Schlussapotheose aufwartet, scheint leider noch immer „Kassengift“ zu sein. Schade! Denn die Produktion des Theaters Freiburg kann sich durchaus sehen und vor allem hören lassen. Regisseur Jörg Behr entwickelt auf der kalten Marmorbühne von Tilo Steffens und in den Kostümen von Marc Weeger geschickt den im Werk angelegten Konflikt und die Reibungen zwischen Hochkultur und Populärkultur. Die Primadonna ist eine ganz von sich eingenommene Starsopranistin, der Tenor ein sich in seiner Siegfried Positur gefallender Heldentenor, nicht minder eingebildet. Der Komponist fanatisch nur seinem Werk dienend ist nicht bereit zu Kompromissen, der Musiklehrer auf Ausgleich bedacht, die aus der Rocky Horror Picture Show entflohene Rockerband um Zerbinetta selbstgefällig agierend und von ihrer Art des Musikmachens überzeugt. Ullo von Peinen gibt mit blasiertem Ton den Haushofmeister, der wahrscheinlich in Personalunion der (neu-) „reichste Mann von Wien“ ist, sich mit seinen erworbenen Kunstschätzen (Gemälde von Klimt) umgibt und glaubt, auch die Musik und die Oper, von der er eh nichts versteht, kaufen zu können. Er ist sich nicht zu schade, sich mit leicht bekleideten Revuegirls zu umgeben, als Phantom der Oper durch die Aufführung zu geistern, mit dem vergifteten Komponisten Walzer zu tanzen. Denn der Musiklehrer (ganz hervorragend gesungen von Heiko Trinsinger) hat die Genialität seines Schüler erkannt, vergiftet ihn und klaut ihm ein Notenblatt (die Mär von Salieri/Mozart lässt grüssen). Gundula Schneider singt diesen Komponisten mit leuchtendem, leidenschaftlich aufblühendem Mezzosopran. Wunderbar! Man bedauert, dass Strauss diese Kantilenen so minimalistisch gehalten hat, Frau Schneider könnte man den ganzen Abend zuhören! Das gilt auch für den bezaubernden Koloratursopran von Nili Riemer: Sie erreicht in ihrer grossen Szene Allmächtige Prinzessin – Als ein Gott kam er gegangen nicht nur mühelos die allerhöchsten Töne, nein, sie verschafft uns in dieser ausgedehnten Koloraturarie auch einen tiefen Einblick in die weibliche Psyche und eine Verbundenheit im Schicksal mit der trauernden Ariadne. Kirsten Blanck spielt diese Frau sehr einfühlsam, nur schon ihr Erwachen zu Beginn der Oper unter den Notenblättern und im Frack des im Vorspiel noch von den Rockern abgewatschten Komponisten (er hat schliesslich deren Instrumente zerstört) ist ein gelungener Regieeinfall. Während sie für ihre erste Arie Ein Schönes war's vielleicht nicht ganz den geforderten grossen Atem hatte, gelang ihr die zweite Es gibt ein Reich bedeutend besser. Die wunderschöne, unforcierte Tiefe, die Aufschwünge und dynamischen Steigerungen gelangen vortrefflich, auch wenn ab und an eine gewisse stimmliche Unausgeglichenheit nicht zu überhören war. Roberto Gionfriddo meisterte mit seinen Circe-Rufen die hohe Tessitura mühelos und klangschön. Erst im Verlauf des Schlussduetts trübten leichte Ermüdungserscheinungen die Töne in den höheren Regionen etwas ein. Nichtsdestotrotz eine imposante Leistung des jungen Sängers in dieser gefürchteten Partie. Unterstützt wird Ariadne auf dieser wüsten Insel, welch an der Mittelachse gespiegelt das Bühnenbild des Vorspiels zeigt, von Najade (Bénédicte Tauran), Dryade (Qin Du) und von Susana Schnell, welche als Echo aufhorchen liess. Alejandro Lárraga Schleske war ein warmstimmiger Harlekin und Christoph Waltle wusste in der Doppelrolle Tanzlehrer/Brighella mit ausgefeilter Darstellungskunst und einnehmendem Tenor zu gefallen. Das Philharmonische Orchester Freiburg spielte die kammermusikalisch angelegte Partitur unter der Leitung von Gerhard Markson mit Empfindsamkeit und Transparenz, allerdings an einigen Stellen in der Oper nicht ganz frei von Wacklern. Alles in allem eine sehr schöne Aufführung, der man mehr Publikum wünscht und dankbar ist, dass Strauss nicht dem Komponisten in dieser Aufführung nacheiferte. Der hat nämlich am Ende seine Partitur verbrannt ... .

Inhalt:

Vorspiel: Im Hause des „reichsten Mannes von Wien“ sind die Vorbereitungen zur Uraufführung der Oper Ariadne auf Naxos im Gange. Doch auf Anordnung des unsichtbar bleibenden Mäzens soll die tragische Handlung mit einer Tanzmaskerade von Zerbinettas Truppe verschmolzen werden. Der Komponist ist entsetzt und bricht – trotz eines Liebesintermezzos mit Zerbinetta – zusammen. Doch die Truppe macht sich für die Aufführung bereit.

Oper: Ariadne befindet sich alleine und verlassen auf einer wüsten Insel und trauert ihrer grossen Liebe Theseus nach. Sie sehnt den Tod herbei.

Zerbinetta feuert ein Bekenntnis zur freien Liebe ab – umsonst. Da erscheint der junge Gott Bacchus. Ariadne hält ihn für den Todesboten, er sie für die Zaubererin Circe. Gegenseitiges Verkennen – gegenseitige Verwandlung – Verschmelzung der Seelen.

Zerbinetta kommentiert: „…hingegeben sind wir stumm.“

Werk:

ARIADNE AUF NAXOS ist nach ELEKTRA und DER ROSENKAVALIER die dritte gemeinsame Arbeit des Gespanns Strauss/Hofmannsthal. Ursprünglich war das Werk als Einlage für Hofmannsthals Bearbeitung von Molières Komödie DER BÜRGER ALS EDELMANN gedacht. In dieser Form wurde es auch am 25. Oktober 1912 in Stuttgart uraufgeführt. Die Oper von Strauss wurde also in das Schauspiel eingebettet und ohne das später komponierte Vorspiel gegeben. Doch diese Kombination von Schauspiel und Oper setzte sich nicht durch. Also machten sich Strauss und Hofmannsthal an eine Überarbeitung: Nun wurde dem Einakter ein Vorspiel vorangestellt, der Komponist erhielt eine herrliche Gesangspartie. Die Urfassung mit ihrer langen (und z.T. unendlich geschwätzigen) Spieldauer erscheint nur noch selten auf den Spielplänen, zuletzt 2012 in Salzburg. Die Zweitfassung mit ihrer kammermusikalischen Transparenz hingegen erfreut sich – vor allem unter Strauss-Liebhabern – grosser Popularität. In den Phrasen des Komponisten, dem Leiden der Ariadne, dem Schlussduett und natürlich den mit Schwierigkeiten gespickten, ausgedehnten Koloraturen der Zerbinetta darf man quasi Strauss at his best erleben!

Musikalische Höhepunkte: Ariosi des Komponisten im Vorspiel, Ariadnes grosse Arie „Es gibt ein Reich“, Zerbinettas Koloraturarie „Grossmächtige Prinzessin“, Schlussduett Ariadne-Bacchus

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