Frankfurt: EURYANTHE, 05.04.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Euryanthe

Heroisch-romantische Oper in drei Aufzügen | Musik: Carl Maria von Weber | Text: Helmina von Chézy | Uraufführung: 25. Oktober 1823 in Wien | Aufführungen in Frankfurt: 5.4. | 10.4. | 12.4. | 16.4. | 19.4. | 25.4. | 30.4. | 3.5.2015

Kritik:

Ach wie steht sie doch quer in der heutigen, von Hektik und der Sehnsucht nach Action geprägten Zeit - Carl Maria von Webers seit langem von den Opernbühnen vernachlässigte EURYANTHE. Die Oper Frankfurt stellt das Werk aus der Zeit der Schwarzen Romantik nun verdienterweise wieder zur Diskussion. Oft wurde und wird über das Libretto der frühen Feministin Helmina von Chézy gelästert, welches die Oper unspielbar und nicht goutierbar mache. Stimmt nicht ganz: Sicher, „die Oper hat Längen, gefährliche Längen“ (Zitat Tanzmeister in ARIADNE AUF NAXOS). Doch wer bereit ist, sich auf die oft vorherrschende kontemplative Stimmung einzulassen, erlebt einen wunderbaren Opernabend. Regisseur Johannes Erath versucht erst gar nicht, diese Längen durch leeren Aktionismus zu überspielen, sondern gibt den beinahe exhibitionistisch anmutenden Offenbarungen der Befindlichkeiten und Seelenzustände den gebührenden (stillen) Raum. Er hat die Handlung von dieser unsäglichen Wette über die Untreue der Frauen (COSÍ FAN TUTTE lässt von ferne grüssen) näher an die Gegenwart geholt und trotzdem der Kernaussage keine Gewalt angetan. Heike Scheele hat ihm dazu einen Bühnenraum geschaffen, der uns eine schicke, reich mit Alkoholika ausstaffierte und sehr stylisch ausgeleuchtete Bar zeigt (Licht: Joachim Klein). Zeit: nach dem zweiten Weltkrieg. Die Gesellschaft räkelt sich nach den Grauen des Krieges wieder auf (passt wunderbar zum Text des Eröffnungschors). Die Männer kehren heim, die Frauen haben die Schrecken des Krieges schnell vergessen und präsentieren eitel ihre neuen, modischen Garderoben (wunderbar die eleganten Kostüme von Gesine Völlm). Es ist eine wankelmütige, selbstverliebte Gesellschaft welche sich hier um ein von Bomben beschädigtes Bühenportal schart. Immer wenn es um die Exposition von Gefühlen und um romantisch-unheimliche Stimmungen geht, treten die Protagonisten vor diesen goldfarben glitzernden Vorhang oder dieser öffnet sich gar und gibt den Blick auf das Grab Emmas frei. Der ruhelose Geist dieser Selbstmörderin (und Auslöserin des ganzen tragischen Plots) huscht beinahe pausenlos über die Bühne und gibt der ganzen, geschickt zwischen Realität und Fantasieträumen oszillierenden Inszenierung einen Rahmen – ebenso wie das Schachspiel zwischen Adolar und Lysiart. Auch der Boden und am Ende die Projektion auf die Rückwand zeigen ein Schachbrett, der weisse König fällt, das Spiel ist aus. Sicher geht es in der Oper um listige Züge, um verwerfliche Strategien, doch so ganz erschloss sich mir die Schach-Metapher nicht, obwohl sie auch nicht störte. Eraths Inszenierung zeichnet sich vor allem durch eine sehr stimmige, präzise und doch unaufdringliche Personenführung aus, welche die Protagonisten klar charakterisiert, ihr Befinden und ihr Temperament klug herausschält. Auch die Gestaltung der umfangreichen Chorpassagen gelingt dem Regisseur (und dem hervorragend intonierenden Chor und Extra-Chor der Oper Frankfurt, Einstudierung Tilman Michael) sehr differenziert.

Viel ist schon geschrieben worden über die Nähe der Oper EURYANTHE zu Wagners Werken. Und tatsächlich: Wenn man diese Oper nun auf der Bühne erlebt, zeichnen sich erstaunliche Erkenntnisse ab. Nicht nur LOHENGRIN mit dem weissen und dem schwarzen Paar scheint vorweggenommen, auch Anklänge an TANNHÄUSER finden sich, mit einem Sängerwettstreit zwischen Lysiart und Adolar im ersten Akt, den Einwürfen des Chores zu deren Lobpreisungen der Liebe und der Treue und dem verqueren Frauenbild zwischen heiliger Jungfrau und ewiger Sünderin. (Und dies alles zu einer Zeit, als Wagner erst 10 Jahre alt war und noch keine Oper geschrieben hatte ...) Roland Kluttig dirigierte die Oper herrlich fliessend, schaffte wunderbar ausgeklügelte, subtil abgestimmte Übergänge von lyrischen zu dramatischeren Passagen und Jubelschwängen. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielte Webers Partitur mit grandioser Delikatesse des feinen Klangs. Ein Höhepunkt war sicher die von den Holzbläsern mit feinfühliger Transparenz gestaltete Einleitung zum zweiten Teil.

Die Partien der Oper sind sehr schwer zu besetzen (neben dem gewöhnungsbedürftigen Libretto – das andere Opern ja auch haben – sicher ein Grund dafür, dass EURYANTHE nicht allzu oft gegeben wird). Es werden Sängerpersönlichkeiten verlangt, die erstens mit dem romantisch-überschwänglichen Text zu Rande kommen, zweitens über eine Stimme mit lyrisch-sauberer Grundstimmung verfügen, die aber auch sehr schnell zu dramatischen Ausbrüchen wechseln kann. Der Oper Frankfurt ist bei der Besetzung der fünf Partien ein ausgezeichnetes Händchen zu bescheinigen. Erika Sunnegårdh in der Titelpartie gelang zwar der Einstieg mit Glöcklein im Tale nicht nach Wunsch: Zu viel Vibrato, was die Intonation trübte, die Höhe gequetscht und auch hässlich jaulend. Doch bereits in der Erzählung Am letzten Mai, in banger Trennung Stunde berückte sie mit schönen, tragfähigen Piani, verschenkte dann allerdings den strahlend hohen Ton im Duett mit Eglantine wieder. Den zweiten Teil des Abends stand sie jedoch in ausgezeichneter stimmlicher Verfassung durch und fand zu echt berührenden Momenten. Ihre Gegenspielerin war Heidi Melton als Eglantine: Welch eine WUCHT!!! Selten hört man solche Stimmen, die sauber geführt und doch von unglaublicher Durchschlagskraft, biegsam und geschmeidig sind für die Koloraturen, kraftvoll für die Racheschwüre. Fulminant und sicher die Spitzentöne, bruchlos die Registerwechsel. Dazu gesellte sich eine unnachahmliche Bühnenpräsenz. Selbst wenn sie nichts zu singen hatte und sich bloss einen starken Drink an der Bar gönnte, war ihr Spiel von einer unglaublichen Kraft. Da stimmte jedes stumme Lachen, jeder Augenaufschlag, jede Geste. In ihrer Wahnsinnsszene im Schlussakt erinnerte sie an Lady Macbeth – eine Rolle, die ihr bestimmt liegen würde. Die Männer hatten da natürlich einen schwierigen Stand, doch auch sie meisterten die schwierigen Rollen hervorragend. James Rutherford gab einen eindringlich böse verschlagenen Lysiart. Sein markanter Bariton strömt mit nuancierter Raffinesse aus seiner Kehle. Grossartig (auch szenisch) die Gestaltung seiner Höllenarie: Wo berg ich mich?Eric Cutler machte als tiefgründig sinnierender Adolar eine ausgezeichnete Figur, liess mit seinem lyrischen Tenor wunderbar rein und strahlend die liedhaften Melismen strömen (und die unsäglichen Reime vergessen ...). Kihwan Sim schliesslich überzeugte mit seinem kernigen Bass als König Ludwig VI..

Katharina Ruckgaber mit Dauerpräsenz als Emmas Geist und Michael Porter als ihr im Krieg gefallener Verlobter Udo ergänzten das hochklassige Ensemble.

Das Premierenpublikum in Frankfurt folgte der (mit einer Pause) dreieinhalbstündigen, weitgehend strichlosen Aufführung gebannt und spendete am Ende allen Beteiligten verdienten und herzlichen Beifall.

Fazit: Wer die Musse und die Geduld hat, sich auf die zelebrierte Langsamkeit der Ausbreitung von schwarz-romantischen Gefühlswelten einzulassen (die uns bei genauerer Betrachtung doch auch heute noch etwas zu sagen haben), erlebt einen intensiven und durchaus spannenden Opernabend.

Inhalt:

Adolar, der Graf von Nevers, geht eine Wette mit Lysiart, dem Grafen von Forest ein: Wenn Lysiart Adolars Braut Euryanthe der Untreue überführen könne, muss Adolar ihm seinen gesamten Besitz übereignen.

Euryanthe erzählt Eglantine, einer Tochter eines Aufständischen, die Geschichte von Adolars Schwester Emma: Diese hatte sich einst aus Liebeskummer selbst vergiftet und kann nun in ihrem Grab keine Ruhe finden. Eglantine, die selbst einst in Adolar verliebt war, von ihm jedoch verschmäht wurde, beschliesst, sich mit Hilfe dieses düsteren Familiengeheimnisses an Adolar zu rächen.

Lysiart ist es nicht gelungen, Euryanthe zu verführen. Er verbündet sich mit Eglantine. Diese hat den vergifteten Ring aus Emmas Grab gestohlen und will ihn als Beweis für Euryanthes Untreue gegen Adolar einsetzen. Lysiart präsentiert der Gesellschaft den Ring und Adolar verstösst Euryanthe, die zugibt, das Familiengeheimnis verraten zu haben. Lysiart triumphiert.

Adolar beabsichtigt nun, Euryanthe in einem verwunschenen Waldabschnitt zu töten.  Doch da fällt eine Schlange über ihn her. Euryanthe wirft sich schützend zwischen ihn und das aggressive Tier. Adolar verzichtet auf den Mord an seiner Retterin. Lässt sie jedoch trotzdem in der verlassenen Gegend zurück. Zufällig kommt jedoch der König vorbei mit seinem Jagdgefolge. Nachdem ihm Euryanthe von Eglantinses Intrige berichtet hat, verspricht der König, der Sache auf den Grund zu gehen.

Unterdessen wird die Hochzeit von Lysiart und Eglantine vorbereitet. Eglantine zeigt jedoch Anfälle von Wahn. Sie wird von Lysiart getötet, als sie ihre betrügerischen Taten gesteht. Euryanthe und Adolar finden ihr gemeinsames Glück doch noch, da nun auch der ruhelose Geist von Adolars Schwester Emma endlich seine Ruhe gefunden hat ...

Werk:

Musikalisch ist Carl Maria von Webers EURYANTHE ein grandioses Meisterwerk, weist gar viele Parallelen zu Wagners 25 Jahre später entstandenem LOHENGRIN auf (Euryanthe-Lohengrin, Lysiart/Eglantine- Telramund/Ortrud). Leider birgt das umständliche und oft unfreiwillig komische Libretto von Helmina von Chézy derart viele Stolpersteine, dass eine Inszenierung von Webers ausgereiftester Komposition zu einer fast unlösbaren Aufgabe wird. Deshalb sind Inszenierungen dieser Oper relativ selten anzutreffen. Die Ouvertüre mit ihren typisch Weberschen Jubelaufwallungen gehört hingegen zum beliebten Konzertrepertoire. Auch die Szenen der Gegenspielerinnen Euryanthe und Eglantine sind packendes Musikdrama auf höchstem kompositorischen Niveau.

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