Bern: TOSCA, 03.10.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Tosca

Oper in drei Akten | Musik: Giacomo Puccini | Libretto : Giuseppe Giacosa und Luigi Illica | Uraufführung: 14. Januar 1900 in Rom | Aufführungen in Bern: 3.10. | 9.10 | 23.10 | 5.11. | Di, 14.4.09 | 21.11. | 27.11. | 1.12. | 7.12. | 15.12. | 15.12.| 19.12. | 23.12. | 29.12. 2010 | 8.1. | 11.1. | 22.1. | 19.2. | 23.2.2011

Kritik:

Es gibt nur wenige Opern, die historisch so genau fixiert sind wie Puccinis TOSCA, nämlich auf die 24 Stunden vom 17. auf den 18. Juni 1800, als die napoleonischen Truppen den Kirchenstaat eroberten. Da stellt sich natürlich die Frage, ob man die Handlung auch in eine andere Zeit verlegen darf - und wenn ja, aus welchen Gründen man es als sinnvoll erachtet. Langer Rede kurzer Sinn: Man darf - vor allem wenn man es so stringent und durchdacht tut, wie Regisseur Anthony Pilavachi (Szenische Einstudierung: Matthias Lutz) in den Bühnenbildern von Markus Meyer und den Kostümen von Pierre Albert. Von Puccini ist bekannt, dass er zwar konservativ dachte und von seiner politischen Einstellung her wahrlich kein Revolutionär war, doch waren ihm die restaurativen Tendenzen unter Umberto I. (mit Unterstützung des Vatikans) zuwider. So kann man seine TOSCA durchaus auch als Kritik an der Gegenwart auffassen - und die entente fatale zwischen Kirche und Tyrannen zieht sich ja beinahe wie ein roter Faden durch die abendländische Geschichte. Pilavachi situierte die Oper nun in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Faschisten auf die Nichteinmischung der Kirche zählen durften. (So erscheint auch der Bischof zur Hinrichtung Cavaradossis mit Sonnenbrille - die Kirchenoberen wollen das Unrecht nicht sehen.)

Die Berner Inszenierung (eine Übernahme aus Bordeaux) besticht vor allem durch die vielschichtige und subtile Zeichnung der Charaktere, bis hin zu den kleinen Nebenrollen. Noch nie hat man Cavaradossis Auftrittsworte (an den Sacristano gerichtet) „Che fai?“ (Was machst du da?) so bezwingend interpretiert gesehen: Dieser ist nämlich gerade dabei, seine minderjährigen Ministranten zu begrapschen ... Der so ertappte Carlos Esquivel überzeugt mit jeder Geste und sonorem Bass in der Rolle des schäbigen Kirchenmanns. Weitere Beispiele: Der Konsul Angelotti (mit ergreifendem Spiel und Gesang Milcho Borovinov), am Ende seiner Kräfte, schlürft nach seiner Flucht in die Kirche erst mal Weihwasser, in Ermangelung von Alternativen, der Hirt (mit wunderbar reinem Knabensopran Fabian Meinen) ist der Sohn des Schliessers der Engelsburg und muss seinem Vater, bevor er sich am frühen Morgen auf den Weg zur Schule macht, noch ein Gedicht rezitieren - woher sollte auch sonst in diesem klaustrophoben Keller der Hirtengesang herkommen? Am Unheimlichsten jedoch wirkt der Spoletta von Andries Cloete: Diese schleimige Figur mit dem schütteren, strähnigen Haar und dem ständigen süffisant-fiesen Lächeln im Gesicht ist geradezu eine Inkarnation des Bösen - und folgerichtig ist er es, der am Ende der Oper in die Fussstapfen von Scarpia tritt, als dessen Nachfolger auserwählt wird. Cloete spielt diese Rolle mit Grauen erregendem Realismus, sein dezent und differenziert eingesetzter Tenor wirkt gerade durch diese stimmliche Zurückhaltung umso bedrohlicher. Ein Kompliment gebührt auch der Maskenbildnerei, welche aus diesem gut aussehenden Sänger eine dermassen schmierige Figur schaffen konnte.

Die stimmliche Zurückhaltung trifft nicht auf die drei Protagonisten zu, da wurde aus dem Vollen geschöpft, beinahe unendlich scheinende vokale Ressourcen frei gelegt. Gabriela Georgieva war zu Beginn ganz die grosse Diva, verfolgt von Paparazzi, schnell rasend vor Eifersucht und unendlich selbst bezogen. Doch die harten Prüfungen machten aus ihr eine reife Frau, ein Frau, welche ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht einfordert, am Ende in Marlene-Hosen auftritt (die Dietrich drehte „Marokko“ 1930) und so auch mit ihrer Kleidung ihre Emanzipation deutlich macht. Die Arie Vissi d’arte im zweiten Akt geriet zum ergreifenden Gebet, erstaunlich nach den durch Mark und Bein gehenden Ausbrüchen davor. Sie verfügt über eine echte Tosca-Stimme, zart schmeichelnde, verträumte Töne wechseln bruchlos mit hochdramatischen, fulminant vorgetragenen Passagen.

Carlos Almaguer ist der sado-masochistisch veranlagte Polizeichef Scarpia, äusserlich ganz der Sadist, seine geheimen masochistischen Neigungen aber im Finale des ersten Aktes und gegenüber Tosca offenbarend. So ist es auch zu erklären, dass er es Tosca gegenüber in der Kirchenszene an Sarkasmus fehlen lässt, da er die Frau aufrichtig begehrt, das ganze faschistische Ambiente eigentlich auch für ihn das Fegefeuer bedeutet. Als Metapher zu dieser persönlichen Hölle öffnet sich das Kreuz des Bühnenhintergrunds und gibt den Blick auf das auf den Kopf gestellte Fresko „Die Verdammten“ von Luco Signorelli aus dem Dom von Orvieto frei. Dieses wuchtige Fresko bildet auch den Rahmen des zweiten Aktes, in welchem alle Protagonisten ein grausames Inferno durchleben. Scarpia spielt gerne mit der drahtlosen Fernbedienung für seine Geheimtür (gab es das damals schon?), Tosca versucht sich nach dem Mord an Scarpia ebenfalls daran, scheitert aber an den vielen Tasten und muss (wenn sie in anderen Inszenierungen das Kruzifix auf den Toten legt) im wahrsten Sinne des Wortes auf einen Deus ex Machina bauen, um aus den Gemächern des Palazzo Farnese zu entkommen. Aus Almaguers untersetztem Körper strömt eine Baritonstimme von ungeheurer Wucht und sattem Glanz. Die feine Ironie ist nicht so ganz seine Sache.

Der Maler Cavaradossi ist  eindimensionaler angelegt als der Polizeichef- Luis Chapa stellt ihn als kämpferischen, etwas naiven Optimisten dar, ganz der dem revolutionären Gedankgut anhängende Künstler, den nichts so schnell aus der Ruhe bringen kann. Selbstsicher tritt er dem Polizeichef gegenüber, fast stoisch erträgt er die Elektrofolter und ist bei der vermeintlichen Scheinhinrichtung noch zu Spässen aufgelegt. Kraftvoll schreit er das Vittoria im zweiten Akt aus seiner Brust (wenn auch nicht ganz ungetrübt in der Intonation), vergleicht launig seine angehimmelten Frauen in der ersten Arie (Recondita armonia) und findet zu süsslich-weich intonierten, mit berückendem Legato gestalteten Phrasen in E lucevan le stelle. Für alle drei Sänger der Hauptpartien gilt, dass sie trotz eher robusterer äusserer Erscheinung, ihre Rollen nicht nur vortrefflich singen (und dabei den intimen Rahmen des Berner Stadttheaters manchmal auch zu sprengen drohen), sondern ihre Charaktere auch glaubwürdig darstellen.

Srboljub Dinić und das Berner Sinfonieorchester bevorzugen eine zupackende, die Modernität von Puccinis Partitur betonende Interpretation, jenseits aller süsslichen Quinten-und Quartenseligkeit. Einige unterschiedliche Tempovorstellungen (z.B. im Vissi d’arte ) werden sich im Verlauf der Aufführungen bestimmt noch legen.

Fazit:

Differenziert gezeichnete Menschen, psychischen Extremsituationen ausgesetzt, in Puccinis Sex and Crime Schocker- brodelnde Leidenschaften und stimmgewaltige SängerInnen, hart an der Schmerzgrenze und doch bewegend!


Inhalt:
Die Oper spielt am 17./18. Juni 1800 in Rom.
Der Maler Cavaradossi bietet dem flüchtigen Staatsgefangenen Angelotti ein Versteck an. Der brutale Polizeichef Scarpia hat es auf Cavaradossis eifersüchtige Geliebte, die Sängerin Floria Tosca, abgesehen. Er nutzt ihre Eifersucht und ihren Hang zur Theatralik für seine Interessen aus. Damit will er den Rivalen Cavaradossi und den politischen Gegner Angelotti aus dem Weg räumen. Ein teuflisches Spiel beginnt, in dem Tosca zu spät erkennt, dass nicht sie Scarpia, sondern er sie täuschte. Scarpia verspricht ihr eine Scheinhinrichtung des Fluchthelfers Cavaradossi. Als sie sich Scarpia dafür sexuell hingeben soll, tötet sie ihn. Die scheinbare Hinrichtung Cavaradossis auf der Engelsburg erweist sich als Betrug, Cavaradossi wird erschossen. Tosca stürzt sich vor den Augen der Verfolger von der Brüstung in die Tiefe.

Werk:
Puccinis TOSCA zählt zu den bekanntesten und meistgespielten Opern des gesamten Repertoires. Das kommt nicht von ungefähr. Mit seinem untrüglichen Theaterinstinkt erkannte der italienische Komponist auf Anhieb die Bühnenwirksamkeit des Stoffes (sex, power and crime), kaum hatte er das Schauspiel von Sardou mit Sarah Bernhardt in der Titelrolle gesehen.
Die für die Bühne geforderte Einheit von Ort und Zeit ist in geradezu idealer Weise gewahrt, läuft die Handlung doch innerhalb von nicht einmal 24 Stunden in Rom ab. (Kirche, Palazzo Farnese, Engelsburg). Obwohl der Zeitpunkt des Geschehens klar fixiert ist (17. Juni 1800, Rom), darf nicht übersehen werden, dass Puccini durchaus auch einen Kommentar zu seiner eigenen Gegenwart (restaurative Tendenzen unter Umberto I.) und somit auch einen allgemeingültigen abgab und die oft verhängnisvolle Entente zwischen Kirche und Staatsmacht anprangerte und das Streben nach der Freiheit des Individuums betonte.
Die Musik ist von dramatischer Durchschlagskraft, peitscht die Handlung atemlos vorwärts, die ruhenden Pole, die Arien und Duette, sind relativ kurz gehalten, dafür von unermesslicher Schönheit.
Die Kritik stand dem Werk lange abwertend gegenüber, es wurde als „schäbiger Schocker“ bezeichnet, als „Folterkammermusik“ und „Affenschande“. Doch wird Puccini unterschätzt: Seine TOSCA ist eine dramatisch äusserst stringente Oper, die keine Stilbrüche enthält, wie z. B. die im selben Jahrzehnt entstandenen Werke von Richard Strauss (SALOME / ELEKTRA) mit ihren Walzereinschüben.

Musikalische Höhepunkte:
Recondita armonia, Arie des Cavaradossi, Akt I
Non la sospiri la nostra casetta, Arioso der Tosca, Akt I
Va, Tosca! (Te deum), Scarpia, Finale Akt I
Vittoria, vittoria, Szene Cavaradossi, Scarpia, Tosca, Akt II
Vissi d’arte, Arie der Tosca, Akt II
E lucevan le stelle, Arie des Cavaradossi, Akt III
O dolci mani, Duett Tosca-Cavaradossi, Akt III

Premierenapplaus

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