Bern: FIDELIO (1805), 08.09.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Fidelio

Oper drei Akten | Musik: Ludwig van Beethoven | Libretto : Joseph Sonnleithner | Uraufführung: 20. November 1805 in Wien | Aufführungen in Bern: 8.9. | 12.9. | 15.9. | 22.9. | 25.10. | 27.10. | 4.11. | 10.11. | 24.11. | 19.12. | 22.12. | 28.12.2012 | 12.1. | 17.1.2013

Kritik: 

KONZERT THEATER BERN läutet die Musiktheatersaison nicht bloss mit einer längst überfälligen Schweizer Erstaufführung ein, sondern beginnt die Opernsaison mit einem veritablen Paukenschlag: Beethovens FIDELIO erklingt (beinahe, einzig der „Gefangenenchor“ wurde aus der späteren Überarbeitung eingefügt) so, wie die Oper 1805 uraufgeführt wurde. Mit Mario Venzago steht ein beredter Anwalt dieser Partitur am Pult des hervorragend disponierten Berner Symphonieorchesters, welcher keinen Zweifel daran lässt, dass hier ein bedeutender Sinfoniker eine Oper geschrieben hat, welche durch die späteren Kürzungen nur verlieren konnte. Der Beginn mit der Leonoren-Ouvertüre II lässt nicht nur durch die brachialen fortissimo Paukenschläge aufhorchen. Venzago durchschreitet mit dem Orchester eine spannungsgeladene Düsternis, lässt Einsprengsel von Hoffnung aufblitzen, lichtere Momente wechseln mit trübsinnigen Schatten, die Musikerinnen und Musiker begeben sich auf einen zerklüfteten Weg zum rasanten Jubel des Finales, halten bei den erlösenden Trompetenklängen, welche aus den Foyers erklingen, nochmals kurz inne und steuern in perfekt ausbalanciertem Gesamtklang das mitreissende Ende der Ouvertüre an. Diese Balance und eine beinahe nervenzerreissende Spannung hält Venzago auch während der gesamten Oper aufrecht, und obwohl diese „Berner Fassung“ beinahe eine Stunde länger dauert als die heutzutage üblicherweise gespielten Versionen des Werks, folgt man der Musik mit gespannter Aufmerksamkeit. Sicher sind da dramaturgische Brüche auszumachen (die Bearbeitung von 1814 ist insgesamt fokussierter und runder) und sie werden hier zu Recht weder von der Regie noch musikalisch übertüncht – doch dieses beinahe Episodenhafte, Zerklüftete des Werks verleiht ihm in gewisser Weise auch eine reizvoll-mysteriöse Modernität. Unbestreitbar wies Beethoven mit seiner genialen Partitur weit in die Zukunft hinein Richtung Weber und Wagner.

Auch Regisseur Joachim Schlömer betont das Bruchstückhafte des Werkcharakters, indem er das Licht immer wieder ausblendet, so dass nur ein schwarzes, von grellem Neonlicht umrandetes Viereck zu sehen bleibt, bevor die nächste Szene wieder ausgeleuchtet wird. Die Lichtgestaltung von Karl Morawec verschmilzt mit der ausgeklügelten Architektur der Bühne von Olga Ventosa Quintana zu einer bezwingenden, das Auge auf das Wesentliche fokussierenden Einheit. Schlömer lässt die Figuren in dieser kalten, stilisierten Platten- und Scheibenwelt, aus der alles Organische (ausser einem schwarzen Schmetterling in Florestans Kerker) verbannt scheint, manchmal einfach relativ steif und unbeholfen herumstehen. Die Musik und der Gesang rücken so auf der manchmal gefährlich schrägen Bühne in den Vordergrund. Er kann die Personen aber auch wieder sehr konkret agieren lassen, vor allem wenn es um Sadismus (Hinrichtung Pizarros) und Vergewaltigung geht.

Im Mittelpunkt steht selbstverständlich Leonore: Miriam Clark ist ein Glücksfall für diese Rolle. Denn in der Urfassung erfordert die Partie nicht „bloss“ einen dramatischen Sopran, sondern einen dramatischen Koloratursopran. Und den bringt Frau Clark mit: Ein warmes, raumfüllendes Timbre (mit Vergleichen sollte man vorsichtig sein, doch der Name Jessye Norman kommt einem beim Anhören dieser Stimme unweigerlich in den Sinn), in der Höhe herrlich aufblühend und geschmeidig in den vielen Verzierungen. Immer wenn sie alleine ist und „Frau“ sein darf, wird die Gesangslinie höher, ausgeschmückter. So in ihrer grossen Arie oder dem zauberhaft-ätherischen Duett mit Marzelline, das man nur in dieser Fassung zu hören bekommt. Camille Butcher singt eine bezaubernde Marzelline und so gerät das Duett der beiden Frauen (mit obligater Violine und Cello) zu einem berührenden Höhepunkt der Aufführung. Überhaupt ist die Figur der Marzelline stark aufgewertet, gewinnt auch durch die szenische Darstellung an Gewicht. Angebunden wie ein Maultier verrichtet sie ihre Arbeit im Gefängnis, gehemmt in ihrer Entwicklung zur selbstbestimmten Weiblichkeit durch die Machos, die sie umgeben. Da ist auf der einen Seite der notgeile Jaquino (Andries Cloete macht das mit – oder trotz? - seiner einnehmenden Tenorstimme ganz fantastisch!), auf der anderen Seite der russische Gefängnisaufseher (und Vater Marzellines) Rocco (Pavel Shmulevich), welcher anscheinend ungern Deutsch spricht (es aber akzentfrei und mit beeindruckender Sonorität singt...) und deshalb immer einen Dolmetscher und zwielichtigen Schergen mit sich führt. Diese Idee mag beim ersten Auftritt noch lustig wirken, doch je länger der Abend dauert, umso ärgerlicher bleibt dieser zusätzliche Bruch innerhalb des Stücks. Unnötig. Tomasz Zagórski beginnt seine grosse Arie als Florestan nicht mit einem gepressten Urschrei nach „Gott“, wie es manche Heldentenöre in der Rolle tun. Sein Florestan klingt ebenmässig, eine Stimme mit der notwendigen Durchschlagskraft, doch stets kontrolliert und sicher geführt. Wunderbar vereint sich sein wohlklingender Tenor mit der jubelnden Stimme von Miriam Clark im Duett der „namenlosen Freude“. Daniel Henriks ist der edel phrasierende, gütige Minister Don Fernando, welcher mit seiner Ankunft die Eskalation im Kerker verhindert. Denn der proletenhafte Aufsteiger Pizarro droht angesichts seiner Überforderung ausser Rand und Band zu geraten. Robin Adams spielt und singt diesen unsympathischen Widerling grossartig: Auftrumpfend, ja an der Grenze zum Ordinären dahinschrammend seine Stimme, doch unter der mafiösen Oberfläche scheint sich ein zutiefst verunsicherter und verstörter Mensch zu verbergen. In einer Holzkiste führt er an der Leine seinen „Ludwig“ mit, streichelt die Kiste immer wieder und spricht zu ihr wie zu einem Tamagotchi - und nimmt am Ende ihr Geheimnis mit ins Grab. Vielleicht verbergen sich darin die Gefühle der alles umfassenden Liebe und der Menschlichkeit, welche Ludwig van Beethoven seiner Partitur so erhebend eingehaucht hatte.

Werk und Inhalt:
Wie schwer sich Beethoven mit seiner einzigen Oper tat, zeigen die beiden Umarbeitungen (1806 und 1814), die er dem Stück angedeihen liess. Was schliesslich entstand, ist eine Utopie über Freiheit und Liebe, ein humanistisches Meisterwerk, ganz im Geiste der damals üblichen Rettungs- und Befreiungsopern und doch in ihrer Qualität weit über diese hinauswachsend und in Richtung Romantik weisend. Daran vermag auch (wie in Webers FREISCHÜTZ) der manchmal etwas holprig und gestelzt daher kommende gesprochene Text nicht zu rütteln.

Obwohl die Oper ganz im Singspielcharakter komponiert und ähnlich wie Mozarts ZAUBERFLÖTE mit gesprochenen Dialogen durchsetzt ist, ging Beethoven weit über den Charakter des Genres hinaus und erhob es mit seinen archetypisch agierenden Figuren und der erhabenen Schönheit seiner Musik zu einem Markstein der deutschen Oper. Im Gegensatz zu Mozarts Oper erlangten die Melodien des FIDELIO jedoch nie quasi "Volksgutstatus".

Vorlage für Beethoven bildete die Oper LEONORE von Pierre Gaveaux mit dem Textbuch von J.N. Bouilly, welche 1798 in Paris uraufgeführt wurde. Sonnleithner übersetzte das Libretto ins Deutsche. Die Uraufführung war aus verschiedenen Gründen (Wien war unter französicher Besatzung!) wenig erfolgreich, so dass schon 1806 Stephan von Breuning die Mängel des Textbuches zu beheben suchte und die Handlung auf zwei Akte kürzte. Doch erst die dritte Fassung von Friedrich Treitschke setzte sich ab 1814 auf den Bühnen durch.

In Bern wird nun als Schweizer Erstaufführung die Urfassung von 1805 auf die Bühne gebracht, welche gegenüber der heute üblichen Fassung von 1814 drei Akte aufweist und ungefähr 45 Minuten mehr an musikalischem Material enthält.

Inhalt:

Leonore hat sich als Mann (Fidelio) verkleidet in einem Gefängnis anstellen lassen, in welchem sie ihren Gatten als politischen Gefangenen des Gouverneurs Pizarro vermutet. Marzelline, die Tochter des Kerkermeisters, verliebt sich in Fidelio.
Pizarro will sich seines Gefangenen durch Mord entledigen. Leonore (Fidelio) gibt sich zu erkennen und bedroht Pizarro (Töte erst sein Weib!). Die Ankunft des Ministers verhindert eine Eskalation. Der Minister erkennt in dem Gefangenen seinen Freund Florestan. Die Kerker werden geöffnet, die politischen Gefangenen sind dank Leonores Mut und Tapferkeit befreit.

Musikalische Höhepunkte:
Ouvertüre
Mir ist so wunderbar, Quartett Aufzug I
Ha, welch ein Augenblick, Rachearie des Pizarro

Um in der Ehe froh zu leben, Duett LeonoreMarzelline, Aufzug I
Ach, brich noch nicht...Komm Hoffnung …, grosse Szene der Leonore, Aufzug I
O, welche Lust, Gefangenenchor, Aufzug I
Gott, welch Dunkel hier – In des Lebens Frühlingstagen, Arie des Florestan, Aufzug II
O namenlose Freude, Duett Leonore – Florestan, Aufzug II
Heil sei dem Tag – Wer ein solches Weib errungen, Finale Aufzug II

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