Berlin, Tipi: CABARET, 11.08.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Cabaret

Musical in 2 Akten

Musik: John Kander

Text: Joe Masteroff und Fred Ebb

Uraufführung: 20 November 1966 in New York

Aufführungen in Berlin: 20.07. - 14.09.2011

Kurzkritik:

Dieses starke Musical gehört einfach nach Berlin. Wie kaum ein anderes spiegelt es die Lebensfreude, Toleranz und Ausgelassenheit der späten 20er Jahre in dieser Stadt und den abrupten Wechsel zu den Schrecken des Naziregimes. Die fulminante Aufführung im TIPI AM KANZLERAMT lässt keine Wünsche offen. Sie ist mitreissend, bewegend und berührend zugleich. Allen voran reisst Sophie Berner als Sally Bowles mit ihrer dunkel schillernden Stimme voller Erotik und ihrer bezwingenden Darstellung die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hin. Michael Kargus führt mit frechem Mundwerk, Laszivität und androgyner Ausstrahlung als Conférencier gekonnt durch den Abend. Er fasziniert auch mit einer gesanglich und tänzerisch herausragenden Leistung. Die Tänzerinnen im Kit Kat Klub stehen ihm darin in nichts nach: Jeanette Claßen, Magdalena Ganter, Juliane Maria Wolff und Mogens Eggemann. Herrlich skurril auch die Fräulein Kost von Anja Karmanski. Guido Kleineidam ist der hübsche junge Cliff Bradshaw, welcher mit jungenhaftem Charme in den Strudel des sündigen Grosstadtlebens gezogen wird und gerade noch rechtzeitig die braune Gefahr erkennt. Diese wird vom smarten Torsten Stoll geradezu unheimlich einnehmend verkörpert. Kein Wunder, dass ihm der schwule Bobby (Michael Chadim) verfällt. Michael Chadim singt das Lied „Der morgige Tag“ mit ungemein zarter, wunderbar weich geführter Stimme. Bei der Reprise dieses wunderschönen Liedes durch das gesamte Ensemble im Finale des ersten Aktes muss man dann allerdings angesichts der sich abzeichnenden Tragik gegen die Tränen kämpfen. Maren Kroymann zeichnet Fräulein Schneider mit natürlicher Resolutheit, gepaart mit zutiefst menschlichen Regungen und ergreifender Fragilität. Bei den schwierigen Intervallsprüngen ihrer Songs im ersten Akt berührt sie mit zarten Tönen, auch wenn die Intonation nicht immer lupenrein gelingt. Peter Kock ist ein durch und durch sympathischer Jude Schultz, unerschütterlich in seinem Glauben an das Gute in der Seele der Deutschen.

Begleitet werden die DarstellerInnen von fünf überaus versierten Musikern unter der Leitung von Adam Benzwi, welchen es gelingt, die schmissigen und gefühlvollen Momente zu einem stimmigen Ganzen zu fügen. Vincent Paterson hat eine gekonnte Regiearbeit und grossartige choreographische Momente zur überaus empfehlenswerten Aufführung beigesteuert. Das funktionale Bühnenbild von Momme Röhrbein erhielt gar Szenenapplaus.

Fazit:

Nicht verpassen! Ein zutiefst bewegender, auch nachdenklich stimmender Abend, gefüllt mit bezaubernder, mitreissender Musik und einer überaus intelligenten Handlung. Dargeboten von exzellenten DarstellerInnen.